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Märkte & Branchen, Mittelstandsbotschafter, Personal, Strategie

Lob der multiplen Unternehmerpersönlichkeit

Was braucht es, im 21. Jahrhundert ein echter Unternehmer zu sein? Nicht in Bezug auf Titel und Visitenkartenaufdrucke; sondern in Bezug auf den Charakter des Denkens.

Dieser Artikel denkt laut über nachhaltige Unternehmercharaktere vor den Herausforderungen digitaler Märkte nach.

Eine neue Epoche
Die digitale Gesellschaft ist Kennzeichen einer neuen Epoche. Sie löst die Postmoderne ab und stellt die Welt sehr viel mehr auf den Kopf, als irgendeine andere Epoche in der Geschichte dies jemals zuvor getan hat.

David Ronfeldt, Mitarbeiter der RAND Corporation, hat dazu spannende Gedanken formuliert, die in einer einfachen Graphik die “Evolution von Gesellschaft” beschreiben:

TIMN


David Ronfeldt, RAND Corporation

Nach seiner Idee stecken wir gerade in dem Wandel von der dritten zur vierten Stufe. Zur Ebene der Wettbewerbsmärkte kommt hier die alles umfassende Vernetzung hinzu und wird dominierendes Kulturmerkmal.

Für die, denen der konkrete Bezug oder der Glaube an die Dimension fehlt, einführend eine Reihe von Autoritäten:

Das Problem mit der Disruption
Ist vor Allem eins: Das Wort ist schon so häufig für Kleinkram verwendet worden, dass man für echte Disruptionen  eigentlich ein neues Wort finden müsste. Kurz: Disruption sollte eigentlich einen Moment beschreiben, der eine Kompatibilität zwischen heute und gestern nicht zulässt – ein Moment, der keine Anschlußfähigkeit in die Vergangenheit kennt.

Nun ist aber die Funktion des Managements, mit all seinen Ritualen, mit seiner Ethik und Logik besonders darauf aus, Anschlußfähigkeit herzustellen. Das Spiel weiter zu spielen. Doch was, wenn eine neue Taktik im Spiel nicht mehr reicht? Was ist, wenn es eine völlig neue Form von Spiel geben wird? Wenn also die Gewinnerstrategie nicht in der Aufrechterhaltung der Anschlussfähigkeit besteht. Die provokante Prognose für 2050 ist: Es gibt keine Branche, der dies nicht bevorsteht.

Klingt unwahrscheinlich? Klingt zu groß? Möglich. Aber trauen Sie sich an den nächsten Absatz.

Das Problem mit der langfristigen Unterschätzung
Subjektiv beobachtet scheint es so zu sein, dass viele Technologien kurzfristig überschätzt – und langfristig unterschätzt werden. Doch nehmen wir nun für einen Moment an, Autos (und Busse und Taxis und LKW) würden in Zukunft selbst fahren. Roboter von würden Arbeiten und Services im Alltag erledigen, Vorstands-Jobs könnten von einer Software übernommen werden und der beste Arzt wäre ein Algorithmus.

… ja, was wäre dann?

Das Problem mit der unvorhergesehenen Wechselwirkung
Der Wunsch nach gesundem Lebenswandel am einen Ende der Welt, kann an deren anderen Ende zur extremen Verteuerung von Rohstoffen, Verknappung von Produkten und somit zu Hunger und Leid führen. Es gibt unzählige solcher Beispiele. Auf globaler Ebene und auch im kleinen, lokalen Kontext. Sie können ärgerlich, bedrohlich oder gar existentiell risikoreich sein. Ihr Problem ist aber vor Allem eins, sie sind unvorhergesehen.

Technologien bringen diese Herausforderungen quasi automatisch mit. Es ist häufig schon eine anspruchsvolle Aufgabe, die Wirkungen einer einzelnen Technologie einzuschätzen. Doch die Wechselwirkungen zwischen vielen Technologien für Absatzmärkte und Unternehmen im Detail vorherzusehen, ist umso schwerer. Noch vor wenigen Jahren bin ich von gut informierten Managern mit meiner Prognose zu selbstfahrenden Autos und Drohnen sehr schief angesehen worden. Prognosen, die sich nur wenige Jahre später als zu klein herausgestellt haben.

Das Problem mit der Exponentialität und deren Grenzen
Exponentialität verschließt sich dem gesunden Menschenverstand. Ein Beispiel für exponentielle technologische Effekte finden Sie in meinem Big-Data Artikel. Aber wussten Sie, dass wenn Sie 40 Schritte gehen, von denen jeder doppelt so groß ist wie der vorhergehende, Sie gut 3.000 Mal zum Mond gelaufen sind? Und die Hälfte dieser Strecke legen Sie logischerweise mit dem letzten dieser Schritte zurück.

Wir sind umgeben von exponentiellen Effekten. Das berühmte Moore’s Law, dass die Verdopplung der Transistoren auf einem Chip (zum gleichen Preis, auf der gleichen Chip-Größe) vorhersagt. Oder die Vertausendfachung der Speicherdichte pro Jahrzehnt (war vor gut 10 Jahren nicht ein 128 MB Stick etwa daumengroß – und heute passt auf den selben Daumen ein 128 GB Stick. Vor 20 Jahren trugen wir noch 1,44 MB Disketten herum). Und in den Laboratorien von heute, wird an den Technologien geforscht, die diese Trends im besten Fall nur beibehalten.

Das Problem mit der Zukunft
… ist vor Allem: Dass es sie nicht gibt. Wer eindimensional an “eine Zukunft” denkt, hat schon verloren. Technologiebegeisterung, wie -ablehnung; Euphorie oder Angst. Sind immer nur Enden einer eindimensionalen Skala. Trainieren Sie, von Zukünften zu sprechen. Es wird sowieso erstens anders kommen und zweitens als man denkt. Doch besser vorbereitet – seriöser – ist am Ende der, der in zahlreichen Varianten zu denken und sprechen geübt hat. (sehen Sie dazu auch meinen Artikel 5 Aspekte eines professionelleren Umgangs mit der Zukunft)

Der Unternehmer, der sich nicht durch seine Anschlußfähigkeit an das Bekannte definiert; sondern den Spagat zwischen heutigem ROI und – echter – Disruption elegant meistert, das ist ein wahrer Unternehmern im 21. Jahrhundert:

Unternehmerische Persönlichkeit
Digitale Technologien bringen exponentielle Effekte in den Alltag. Sie wechselwirken auf unvorhersehbare Weise miteinander und verkürzen unsere Planungszeiträume von Jahrzehnten auf Jahre auf Monate…

Um diese Welle zu surfen, müssen Unternehmer ihr Ego aus der Gleichung nehmen. Ob es eine Lieblingsidee von heute noch bis ins nächste Jahrzehnt schafft, ist eine große Frage. Welche Branchen werden denn genau von autonomen Robotern und kognitiven Systemen verändert? Und wie wirkt sich dies auf Arbeitsplätze, Märkte, Angebote, Nachfragen, Preise und Produkte aus?

Natürlich gibt es jede Menge wichtige und spannende Szenarien zu diesen Fragen – doch die gemeinsame Antwort kondensiert sich in einer Ideenwelt, die der Philosoph Nassim Nicholas Taleb ganz treffend mit Antifragilität beschrieben hat. Kurz: Überlebensfähig werden, jenseits von systemischen Grenzen.


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