Frank Wallau ist Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW). Er forscht in den Bereichen Mittelstandspolitik, Unternehmensgründung und -nachfolge. 
 © Julian RentzschFrank Wallau ist Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW). Er forscht in den Bereichen Mittelstandspolitik, Unternehmensgründung und -nachfolge.
© Julian Rentzsch

    Finanzierung, solvent

    Kommentar: „Wir brauchen eine neue Gründerkultur“

    Warum in Deutschland nicht genug neue Unternehmen entstehen – und warum das gefährlich ist. An zu wenigen Fördermitteln kann es jedenfalls nicht liegen.

    Haben wir zu wenige Gründer, weil zu wenig Fördermittel bereitstehen? Ausdrücklich nein: Da sind wir dank einer Vielzahl von Bundes- und Landesprogrammen sehr gut aufgestellt. Der Schuh drückt woanders: Wir bräuchten in unserem Land mehr Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen – die ein eigenes Unternehmen tatsächlich als Alternative zur abhängigen Beschäftigung verstehen. Hierzu brauchen wir eine neue Gründerkultur! Die fängt schon damit an, mehr Unternehmergeist in die Schulen zu bringen.

    Zur Person
    Prof. Frank Wallau forscht und lehrt an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in den Bereichen Mittelstandspolitik sowie Unternehmensgründung und -nachfolge.

    Denn: Dem Markteintritt neuer Unternehmen kommt eine sehr wichtige Funktion im Erneuerungs- und Wachstumsprozess einer Ökonomie zu. Gründungen beleben den Wettbewerb, sorgen auch für Anpassungsleistungen der Konkurrenten und für den Marktaustritt schwächerer Unternehmen und fördern damit den Strukturwandel. Zudem schaffen Unternehmensgründungen sehr häufig neue, zukunftsfähige Arbeitsplätze.

    Warum also gibt es hierzulande zu wenig davon? Zum einen ist die Förderung von Gründungen aus der Arbeitslosigkeit um fast 90 Prozent zurückgegangen. Gab es 2004 noch 350.000 mit Überbrückungsgeld und Existenzgründungszuschuss (Ich-AG) geförderte Existenzgründungen, waren es 2014 nur noch 35.000. Ein zweiter Grund ist die gute konjunkturelle Lage, zu der sich das Gründungsgeschehen antizyklisch verhält.

    In Krisenzeiten war die Selbstständigkeit für viele die einzige Erwerbsalternative. Der dritte Grund ist der Rückgang von Gründungen aus den EU-Beitrittsländern Osteuropas. So ist etwa die Zahl der Gründer von Kleinunternehmen mit bulgarischer oder rumänischer Staatsangehörigkeit 2014 deutlich eingebrochen. Grund: Seit 2014 gilt die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für diese EU-Bürger – sie können also ohne Beschränkungen eine abhängige Beschäftigung in Deutschland aufnehmen. Zwischen 2007 und 2014 hatten sie sich selbstständig machen müssen.

    Förderung zur Existenzgründung gefällig? Unser Mittelstandsbotschafter Kai Schimmelfeder kennt sich aus: creditreform-magazin.de/autor/kaischimmelfeder/

    Eine hohe Anzahl von Gründungen ist jedoch nicht alles – wir brauchen auch qualitativ hochwertige Startups. Detaillierte Analysen offenbaren aber auch in diesem Bereich Schwächen. So liegt der Anteil von Unternehmensgründungen in den Hightech- und Softwarebereichen seit Jahren bei sieben Prozent.

    Vor dem Hintergrund der absolut sinkenden Zahlen ist auch die absolute Zahl der volkswirtschaftlich besonders wertvollen technologieorientierten Gründungen rückläufig, ebenso die Zahl der jungen, schnell wachsenden Unternehmen. Mittelfristig kann das für unseren Unternehmensbestand und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts nicht ohne Folgen bleiben.


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