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Flüchtlingskrise als Chance oder Belastung? Wie Banken den Konjunktur-Sonderfaktor “Zuwanderung” einschätzen

Die hohe Anzahl an Flüchtlingen, die Deutschland in den vergangenen Monaten aufgenommen hat, beeinflusst auch die Konjunktur. Sind die Zuwanderer eher Belastung für die öffentlichen Kassen, oder überwiegen die Chancen für den Arbeitsmarkt? Das Creditrefom-Magazin hat die Experten der deutschen Geldinstitute um eine Einschätzung gebeten.  

Der Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Andreas Bley, sieht kurzfristig nur überschaubare Auswirkungen der Zuwanderung von Flüchtlingen auf die deutsche Konjunktur. Die Schätzungen des Sachverständigenrats, die von einer Kostenbelastung von knapp 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung ausgehen, seien realistisch. “Kosten in dieser Größenordnung können bewältigt werden, ohne das finanzpolitische Ziel der ‘schwarzen Null’ in Frage zu stellen”, sagt Bley. “Mittelfristig sollte sich die Zuwanderung jedoch positiv auf die Erwerbstätigkeit auswirken.”

Andreas Bley  (c) BVR

Andreas Bley, Chefvolkswirt des BVR
(c) BVR

Angesichts geringer Sprachkenntnisse und des hohen Anteils von Zuwanderern ohne abgeschlossene Berufsausbildung sei nur mit einer schrittweisen Integration in den Arbeitsmarkt zu rechnen. Bley: “Aus humanitären Gründen ist die Zuwanderung zu befürworten, die wirtschaftspolitischen Herausforderungen sollten aber nicht unterschätzt werden.”

Für Michael Wolgast, Chefvolkswirt des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), stehen aktuell noch die logistischen und verwaltungstechnischen Lasten des Flüchtlingsstroms im Vordergrund, die vor allem die öffentlichen Kassen belasten. “Auch im kommenden Jahr dürften die Sach- und Sozialleistungen und damit die zusätzlichen Ausgaben des Staates im Zusammenhang mit der Flüchtlingsmigration weiter steigen”, sagt Wolgast.

Michael Wolgast  (c) DSGV

Michael Wolgast, Chefvolkswirt des DSGV
(c) DSGV

Langfristig überwiegen für den DSGV-Volkswirt bei erfolgreicher Integration der Flüchtlinge jedoch die Chancen, der demographischen Entwicklung einer schrumpfenden Gesellschaft entgegenzuwirken. Wolgast: “Über ein gestiegenes Erwerbspersonenpotential können sich langfristig Chancen für Wachstum und Beschäftigung ergeben. Unmittelbar steigt bereits der Staatskonsum und der private Konsum, Wohnungsbau und weitere Investitionen dürften sich anschließen.”

So zeige das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Rahmen von Simulationsrechnungen, dass die Flüchtlinge langfristig einen positiven wirtschaftlichen Beitrag für Deutschland leisten werden und insgesamt ein höheres Pro-Kopf-Einkommen erzielt werden kann.

Carolin Vogt, Prokuristin bei der IKB Deutsche Industriebank AG, geht von konjunkturellen Anstößen “der nicht gegenfinanzierten staatlichen Transfers für Flüchtlinge” aus. Vogt: “Die Ausweitung der Sozialleistungen dürfte infolge der hohen Zuwanderung an Flüchtlingen nahezu vollständig in den privaten Verbrauch fließen.”

Carolin Vogt  (c) IKB

Carolin Vogt, Prokuristin bei der IKB Deutsche Industriebank AG
(c) IKB

Die Belastungen der Staatsfinanzen seien aber zurzeit schwer zu erfassen, Schätzungen angesichts der ungewissen weiteren Entwicklung bei den Zuwanderungszahlen schwierig. “Derzeit erscheinen zusätzliche staatliche Ausgaben in Größenordnungen von einem viertel Prozent des BIP im laufenden Jahr und von einem halben Prozent im kommenden Jahr plausibel”, prognostiziert Vogt.

Mehreinnahmen aus Steuer- und Sozialbeitragszahlungen der Zuwandernden seien dabei erst in geringem Umfang zu erwarten. Vogt: “Die Belastungen für den Staatshaushalt werden langfristig umso niedriger ausfallen, je besser und schneller die Integration nicht zuletzt in das Erwerbsleben gelingt. Aus der Einwanderung von Flüchtlingen können sich in Deutschland sicherlich mittelfristig auch Wachstumschancen ergeben.”

Finanzieller Spielraum laut KfW weiter vorhanden

Einen “kurzfristigen positiven Konjunkturimpuls” durch den Flüchtlingszustrom in Form zusätzlicher Ausgaben, insbesondere für Konsum und Wohnbau, erwartet Jörg Zeuner, KfW-Chefvolkwswirt und Creditreform-Magazin Mittelstandsbotschafter. Das möge die Staatsfinanzen etwas unter Druck bringen, “der finanzielle Spielraum zur Finanzierung dieser Zukunftsaufgabe ist aber ganz klar vorhanden”, sagt Zeuner.

Jörg Zeuner  (c) KfW Bildarchiv Gaby Gerster

Jörg Zeuner, KfW-Chefvolkwswirt
(c) KfW Bildarchiv Gaby Gerster

Trotz der Mehrbelastung dürfte der Staatshaushalt auch in den kommenden Jahren mit einem Überschuss abschließen oder zumindest ausgeglichen sein. Zeuner: “Langfristig wäre angesichts unserer demografischen Perspektive eine gelungene Integration der Zuwanderer sehr vorteilhaft für Deutschland.”

 

Auch Stefan Schneider, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, erwartet, dass die zusätzlichen Ausgaben kurzfristig wie ein kleines Konjunkturprogramm wirken, das gut ein viertel Prozentpunkt zum BIP-Wachstum im kommenden Jahr beitragen dürfte. Beim Arbeitsmarkt geht er aber von negativen Folgen durch den Flüchtlingszustrom aus. Schneider: “Durch den allmählichen Eintritt der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt dürfte die Arbeitslosenquote in 2016 um etwa ein viertel Prozentpunkt steigen.”

Stefan Schneider  (c) Deutsche Bank

Stefan Schneider, Chefvolkswirt der Deutschen Bank
(c) Deutsche Bank

Langfristig biete der Flüchtlingszustrom zwar die Möglichkeit, den demografisch bedingten Rückgang des Erwerbspersonenpotentials abzumildern – zumal die Flüchtlinge im Schnitt mit 24 Jahren nur halb so alt seien wie der deutsche Durchschnitt. Schneider bleibt aber skeptisch: “Dazu bedarf es neben deutlichen Investitionen auch eines Aufbrechens von wachstumsfeindlichen Strukturen. Die haben sich nicht zuletzt durch einige Maßnahmen der großen Koalition in den letzten Jahren jedoch eher wieder verfestigt.”

Liane Buchholz. (c) VÖB

Liane Buchholz, Hauptgeschäftsführerin des VÖB
(c) VÖB

Liane Buchholz, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB), sieht zwar ebenso kurzfristige Impulse für Konsum und Bauindustrie, gleichzeitig würden die öffentlichen Kassen insbesondere auf kommunaler Ebene belastet. Die Folge: Investitionen in anderen Bereichen werden gehemmt. “Die Integration in den Arbeitsmarkt wird die Sozialkassen mittelfristig entlasten, eine gelungene Integration vorausgesetzt. Dies ist aktuell noch nicht absehbar”, warnt Buchholz.

Eine positive Folge sei, so Buchholz, dass die Wohnungsbauinvestitionen die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt verzögert entlasten, was die realen Mieten senken könnte. Buchholz: “Mehr verfügbares Einkommen wäre die Folge, was entweder zusätzlich gespart oder direkt konsumiert werden sollte.”


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