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Firmenübergabe: Wenn der Geschäftsführer plötzlich zum Kaufinteressenten wird

Im ostwestfälischen Minden wird demnächst die Schaltanlagenbau GmbH H.Westermann übergeben. Jedoch geht das traditionelle Industrieunternehmen mit 60 Mitarbeitern nicht an die Firmenerben, sondern an die bisherigen Geschäftsführer. Der Weg zu einer erfolgreichen Übergabe war kein leichter.

Ostwestfalen-Lippe kann man ohne irgendeine Art von Unterton als ländlich bezeichnen. Die Hügelkette des Weserberglandes durchzieht die Region im Osten und die Weser selbst fließt sanft durch die waldbedeckten Hänge und grünen Ebenen, lange bevor sie daran denkt, ins Meer zu münden. Schaut man ein wenig genauer hin, so entdeckt man, dass diese traditionsverwurzelte Region Heimat von einer ganzen Reihe großer Unternehmen ist, deren Namen wir alle kennen. Bertelsmann ist so einer oder Miele.

Auch „Hidden Champions“ im Mittelstand sind hier zu Hause: So wie das Unternehmen von Heinrich Westermann. Der Firmengründer, gelernter Elektroinstallateur, gründete sein Unternehmen 1983 in Minden. Nach den ersten Mühen der Anfangsjahre brachte er es auf einen steten Wachstumskurs: 7,5 Millionen Euro Umsatz macht das Unternehmen heute, 60 Mitarbeiter werden dort beschäftigt, Gewinn und Eigenkapitalquote stimmen. Westermann liefert seinen Kunden das „Rundum-Sorglos-Paket“ zu Schaltanlagen: Von der Beratung und der ersten Idee über die Projektierung, Programmierung, Fertigstellung und Inbetriebnahme weltweit.

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Heinz-Dieter Finke ist dort technischer Geschäftsführer. Seit 2002 arbeitet der Diplom-Ingenieur beim Schaltanlagenhersteller in Minden. Als Firmeninhaber Heinrich Westermann 2011 erkrankte, ruhte plötzlich ein nicht unbedeutender Teil der Geschäftsführung auf seinen Schultern. Nach der Rückkehr entstanden erste Pläne für einen Verkauf. Die Übernahme durch Mitglieder der Geschäftsführung war ein Gedanke, den Heinrich Westermann von Anfang an attraktiv fand. „Die Idee, den Betrieb zu übernehmen, fand ich damals schon reizvoll“, erinnert sich Heinz-Dieter Finke. „Aber ich wusste auch: Für mich alleine war der Schuh zu groß“.

Ist der Verkaufspreis hoch, bleiben die Interessenten aus

Dass der Schuh groß war, lag auch daran, dass schnell erste Zahlen im Umlauf waren, die eine Übernahme durch Einzelpersonen aus der Geschäftsführung kaum realisierbar erschienen ließen. Die Ermittlung des Verkaufspreises wurde im Auftrag von Firmeninhaber Westermann vorgenommen. „Es ist nicht selten der Fall, dass dabei Zahlen entstehen, die aus Sicht des Verkäufers gerechtfertigt erscheinen: Schließlich stecken Firmenchefs, die ein Unternehmen gegründet und über Jahrzehnte erfolgreich gemacht haben, nicht nur enorm viel Arbeit, sondern auch jede Menge Herzblut in ihren Betrieb“, erklärt Andreas Fischer, Professor für Rechnungswesen und Inhaber des Beratungsunternehmens Fischer Konrad GmbH.

Andreas Fischer

Professor Andreas Fischer ist Inhaber der Beratung Fischer Konrad GmbH.
(c) privat

So geriet auch der Übergabeprozess beim Schaltanlagenhersteller erst einmal ins Stocken. Bis Ende 2013 die Creditreform Andreas Fischer ins Spiel brachte, der bereits viele Übergaben von Familienunternehmen begleitet hatte. Seine Mission: Einen Weg zu suchen, auf dem der verkaufswillige Firmeninhaber und die kaufinteressierten Geschäftsführer zusammenfinden. Keine leichte Aufgabe. In mehreren Mediationsrunden holte er alle Beteiligten an den Tisch.

Dazu zählte auch das neue Mitglied in der Geschäftsführung, Uwe Friedrichs, der nun „im Doppel“ mit Finke für die Übernahme bereit stand. Das Besondere: Der Berater wurde nunmehr nicht mehr allein vom Verkäufer Westermann bezahlt, sondern von beiden Seiten. Psychologisch ein erster wichtiger Schritt der zeigt, dass sowohl der bisherige als auch die möglichen zukünftigen Firmenchefs gleichermaßen an einer Lösung interessiert sind.

Wichtigste Frage: „Wie sieht das Unternehmen zukünftig aus?“

Bei der Bewertung des Verkaufspreises standen zwar nach wie vor Liquidität und Bilanz-Gewinn des Schaltanlagenherstellers als wichtigste Kennziffern im Mittelpunkt. Aber: Der Fokus wurde nun vor allem auf die kommende Geschäftsentwicklung gelegt. ‘Wie sieht das Unternehmen zukünftig aus?‘ lautete die zentrale Frage. Im halbjährigen Mediationsprozess kam es nicht nur darauf an, alle Beteiligten am Tisch auf einen gemeinsamen Weg zu führen. Für die zukünftigen Gesellschafter ging es auch um die grundsätzliche Frage, ob beide erstmalig in ihrer beruflichen Laufbahn den Sprung auf die Unternehmer-Seite wagen wollten und ob die Familien dahinter stünden.

Nachdem sich Käufer und Verkäufer weitgehend einig waren, stand die nächste Hürde bevor: Die Finanzierung. Während viele Unternehmen an dieser Stelle automatisch ein Angebot ihrer Hausbank anfordern, gingen Westermann, Finke, Friedrichs und ihr Berater Fischer einen anderen Weg. Fünf Banken wurden zu einem „Beauty Contest“ geladen: Die Finanzierungsspezialisten der Kreditinstitute erhielten nicht nur eine ausführliche Präsentation, sondern wurden auch durch das Unternehmen geführt – an beiden Standorten.

Es folgte ein zweiter Termin, bei dem alle relevanten Zahlen rund um die Firma Westermann auf den Tisch gelegt wurden. Auf dieser Grundlage konnten die Banken ein Angebot abgeben. Die Flexibilität des Angebots, aber auch das „Bauchgefühl“ spielten zuguterletzt die entscheidende Rolle dabei, warum sich Finke und Friedrichs für die Sparkasse Minden-Lübbecke entschieden. Und für eine Finanzierungs-Kombination aus einem zinsvergünstigten KfW-Angebot plus dem klassischen Sparkassen-Darlehen.

Auch der zuständige Sparkassen-Berater Daniel Milbradt blickt nun mit Spannung auf die zukünftige Entwicklung des Unternehmens und sieht Potenziale vor allem bei Automatisierungsverfahren: „Alle reden von Industrie 4.0. Die Firma Westermann hat in ihrem Bereich alle Möglichkeiten, entsprechendes Know-how zu liefern.“


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