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Mitarbeitermotivation: Feel Good Manager für die Belegschaft

Wem es gut geht am Arbeitsplatz, der ist motiviert und leistet mehr. So manches Start-up heuert daher Feel Good Manager an, die sich eigens um die Wünsche und Wehwehchen der übrigen Mitarbeiter kümmern. Ein Vorbild auch für den Mittelstand?

Wenn Sina Heidemann einen Blick auf die Berufsschulnoten der Azubis von Bittrich & Bittrich wirft, ist sie stolz. Denn dass der Nachwuchs der Lüneburger Steuerkanzlei heute deutlich bessere Leistungen erbringt als früher, ist durchaus auch ihr Verdienst: Als eigens für die Belange der Mitarbeiter eingestellte Feel Good Managerin setzt sie Projekte um, mit denen sich die Arbeitsbedingungen bei Bittrich & Bittrich immer weiter verbessern sollen. Und speziell für Azubis hat sie ein Bonusprogramm ersonnen, das gute Noten mit Gehaltsaufschlägen belohnt – und seither auch außerhalb der Berufsschule für deutlich mehr Motivation und Leistung sorgt.

Ihre Rolle beschreibt die 29-Jährige als „Bindeglied zwischen Belegschaft und Geschäftsführung“ und erklärt: „Ich bringe die Wünsche der Mitarbeiter und die Ansprüche des Managements unter einen Hut.“ Heidemann, die ursprünglich als klassische Kanzleimanagerin anfing und erst nach und nach in ihre neue Funktion schlüpfte, ist derzeit eine von rund 100 Wohlfühlbeauftragten in Deutschland, die selbstständig auf Rechnung arbeiten oder fest angestellt sind.

Feel Good Manager kochen nicht nur Kaffee

Doch während viele Feel Good Manager bei Start-ups eher die Rolle der „guten Seele“ übernehmen, Kaffee kochen und den Obstkorb auffüllen, sind die Anforderungen im Mittelstand höher: „Wir verstehen Feel Good Management als werteorientierte Organisationsentwicklung“, sagt Ingrid Kadisch vom Berufsverband Feel Good Management. Sie bedauert, dass bei manchem mittelständischen Betrieb wertschätzende Rituale immer mehr verloren gehen, denn: „Wohlfühlen geschieht durch Wertschätzung.“ Wenn allerdings der Obstkorb ebenfalls dem Betriebsklima hilft, kümmere sich der Feel Good Manager durchaus auch hierum, ist von Mitarbeitern aus Firmen zu hören, die sich einen solchen Kollegen leisten.

Mitarbeiter fühlen sich ernst genommen

Welche Maßnahmen für Zufriedenheit und Höchstleistung sorgen, ist sicherlich von Belegschaft zu Belegschaft unterschiedlich. Damit sich die Mitarbeiter der Kanzlei Bittrich & Bittrich umfassend äußern können, hat Feel Good Managerin Sina Heidemann daher eine „Ideenschmiede“ ins Leben gerufen – einen monatlich stattfindenden Austausch, bei dem sie Anregungen jeglicher Art entgegennimmt. Auch die Initialzündung für besagten Azubibonus entstand dank dieses Forums. „Jeder kann sich hier einbringen und merkt vor allem, dass sich jemand für ihn einsetzt“, so Heidemann: „Auch wenn nicht alles umgesetzt werden kann, gebe ich immer zeitnah ein Feedback.“ So fühlten sich die Mitarbeiter ernst genommen – eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Betriebsklima. Zuletzt erarbeitete die 29-Jährige ein Konzept für eine gesunde Pausenkultur. Ihr war aufgefallen, dass immer mehr Mitarbeiter ihre Mittagspause lediglich am Schreibtisch verbrachten. Um sie zu animieren, entwarf sie Spiele, mit denen sich die Pausen aktiver gestalten lassen.

Solche Formen der Beteiligung und Wertschätzung hält auch Ingrid Kadisch für zentral. Vor allem in hierarchisch gemanagten Betrieben sieht sie daher Bedarf für das noch recht neue Berufsbild – etwa zur Begleitung von Veränderungsprozessen hin zu mehr Agilität und Digitalisierung. „Einige Betriebe beschäftigt aktuell die Frage, wie sie auf den steigenden Arbeits- und Wettbewerbsdruck angemessen reagieren sollen, ohne die Mitarbeiter damit zu überfordern“, sagt sie. Wichtig sei es daher, sich auf die eigenen Stärken und Ressourcen zu besinnen, eigene innere Glaubenssätze zu reflektieren sowie eigene Grenzen wahrzunehmen und auch zu halten.

Gesundheitsmanagement effektiver als Feel Good Manager?

Für Michael Kastner sind die Ansatzpunkte von Wohlfühlbeauftragten allerdings wenig überzeugend: „Dass es einen Zusammenhang zwischen guter Stimmung und guter Arbeitsleistung gibt, ist ein alter Hut“, sagt der Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin Herdecke. Aus dieser Erkenntnis heraus aber jemanden einzustellen, der für gute Stimmung im Betrieb sorgt, sei zu oberflächlich. Wenn er sich die Inhalte der Feel Good Manager anschaue, dann könne er die vielen bodenständigen Chefs von mittelständischen Betrieben verstehen, denen „dieser ganze Psychokram eher unheimlich ist“.

Viel sinnvoller sei es, so Kastner, dass die Unternehmen in ein ganzheitliches Leistungs- und Gesundheitsmanagement investierten. „Das ist anfangs natürlich mehr Aufwand und deckt manchmal auch unangenehme Missstände auf, die die Qualitäten einiger Führungskräfte infrage stellen. Langfristig ist das aber aus wissenschaftlicher Sicht der richtige Weg.“

 

Zwei starke Strategien für mehr Motivation

Feel Good Manager oder doch besser betriebliches Gesundheitsmanagement? Firmenchefs haben die Qual der Wahl, wenn es um das Wohlbefinden der eigenen Belegschaft geht. Was für welchen dieser beiden Ansätze spricht:

© Creditreform-Magazin 05/2016

Feel Good Manager und Gesundheitsmanagement im Vergleich – klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern. © Creditreform-Magazin 05/2016

Feel Good Manager vollbringen keine Wunder

Auch Ingrid Kadisch, die den Berufsverband 2015 gründete und seit Jahren vor allem für Mittelständler tätig ist, räumt ein, dass ihre Berufsgruppe keine Wunder vollbringen kann: „Wir verstehen unseren Auftrag aber auch nicht so, dafür zu sorgen, dass sich jeder Mitarbeiter ständig gut fühlt“, betont sie: Die Selbstverantwortung sei nicht außer Kraft gesetzt. Vielmehr ginge es darum, ein angstfreies Klima zu schaffen und zu ermutigen, sich für die eigenen Belange aktiv einzusetzen.

Die pure Anwesenheit eines Feel Good Managers könne nicht dazu führen, dass ein Betrieb mit einem eher negativen Betriebsklima nach außen plötzlich ein positives Bild abgibt: „Aber wir können mit Führungskräften und Mitarbeitenden an ihrer Haltung arbeiten sowie an den Rahmenbedingungen.“

Kleinigkeiten machen den Unterschied

Bei Bittrich & Bittrich jedenfalls will Sina Heidemann mit immer neuen Ideen auch die nächsten Jahre noch für die positiven Rahmenbedingungen sorgen. Potenzielle Fachkräfte lernen sie in ihrer Rolle als Feel Good Managerin mitsamt ihren Aufgaben meist schon im Vorstellungsgespräch kennen. In Lüneburg und Umgebung hat es sich wohl inzwischen herumgesprochen, dass hier eine Feel Good Managerin am Werk ist. Seither nämlich ist die Zahl der Initiativbewerbungen laut Kanzleileitung spürbar gestiegen. Im Kampf gegen den Fachkräftemangel sind es eben oft nur kleine Puzzleteile, die den Unterschied machen.


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Kommentare

  1. Interessanter Artikel, der die Vorteile des Feelgood Managements neutral beschreibt und ohne Vorurteile angeht. Bzgl. des Minus “schwer zu messen”, in der Auflistung der Vor- und Nachteile, möchte ich jedoch ergänzend erwähnen: es gibt mittlerweile leicht zu bedienende Tools, mit denen man die Mitarbeiterzufriedenheit messen kann. Dieser Nachteil ist also fast zu vernachlässigen.

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