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Insolvenzen runter, Schäden rauf

Im Windschatten der guten Konjunktur sind 2016 erneut weniger Unternehmen in die Insolvenz geraten als im Jahr zuvor. Einige größere Firmenpleiten sorgten jedoch dafür, dass die Gläubiger sehr viel Geld verloren. Und auch der Arbeitsmarkt profitierte von der Entwicklung nur wenig. Text: Stefan Weber

Die Ausreden werden knapp. Unternehmer, die Gründe für die Insolvenz ihres Betriebs nennen sollen, können immer weniger auf externe Ursachen verweisen: Die Konjunktur brummt, die Finanzierungsbedingungen sind bestens und die Zahlungsmoral hat sich in vielen Branchen zuletzt deutlich verbessert. „Damit gewinnen betriebsinterne Insolvenzursachen wie etwa Managementfehler an Bedeutung“, analysiert der Verband der Vereine Creditreform in seiner Untersuchung zur Insolvenzentwicklung in Deutschland 2016. Danach ist die Zahl der Insolvenzen im vergangenen Jahr erneut deutlich zurückgegangen. Betroffen waren 21.700 Unternehmen (2015: 23.180) – so wenige wie nie zuvor seit Einführung der Insolvenzordnung im Jahr 1999.

Wie unterscheiden sich Unternehmen, die in wirtschaftlich guten Zeiten in Existenznot geraten von denen, die in konjunkturellen Krisenzeiten Insolvenz anmelden? Die Creditreform Wirtschaftsforschung hat die Insolvenzkandidaten zu Beginn des Jahrtausends, als die deutsche Wirtschaft stagnierte (und entsprechend viele Firmen in Schwierigkeiten gerieten) mit den zuletzt gestrauchelten Unternehmen verglichen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich die beiden „Insolvenz-Generationen“ in ihrer Struktur deutlich unterscheiden: Bei guter Konjunkturlage sind überwiegend kleine Firmen insolvenzgefährdet, während in wirtschaftlich schwierigen Zeiten verstärkt auch im Mittelstand Unternehmen in Schieflagen geraten. Zudem sinken gerade im mittleren Unternehmenssegment die Insolvenzzahlen infolge guter Konjunktur deutlich stärker als in anderen Größenklassen. Große Pleiten gab es anteilsmäßig in beiden Konjunkturphasen ähnlich viele.

Unterschiede zeigen sich auch beim Blick auf die Betroffenheit der Branchen: In Zeiten schlechter Wirtschaftslage spielt sich das Insolvenzgeschehen stärker im Verarbeitenden Gewerbe und im Baugewerbe ab. Eine anhaltend gute Konjunktur verringert dagegen die Insolvenzanfälligkeit insbesondere dieser beiden Wirtschaftsbereiche – und das Insolvenzgeschehen verlagert sich stärker in den Dienstleistungsbereich. Kaum Veränderungen zeigen sich jedoch im Handel. Dessen Anteil am Insolvenzgeschehen scheint nahezu konjunkturunabhängig zu sein. Hier einige weitere interessante Ergebnisse aus der Creditreform Wirtschaftsforschung:

Großinsolvenzen und Anleiheausfälle
Die Modehändler Steilmann, SinnLeffers, Wöhrl und Zero Clothing, die Großbäckerei Kronenbrot sowie der Sicherheitsdienstleister DNZ – im vergangenen Jahr gerieten erstmals seit längerem auch wieder große Unternehmen mit jeweils deutlich mehr als 1.000 Mitarbeitern in Existenznot. Das ist einer der Gründe dafür, dass Insolvenzgläubiger 2016 deutlich höhere Verluste erlitten als im Jahr zuvor. Das Schadenvolumen betrug geschätzt 27,5 Milliarden Euro; ein Plus von gut 40 Prozent gegenüber 2015. Ausschlaggebend war auch, dass mit mancher Großinsolvenz auch Anleihezeichner ihren Einsatz verloren. Allein im Fall des Landwirtschaftskonzerns KTG Agrar waren das etwa 350 Millionen Euro.

Weniger Schieflagen in der Provinz
Auf diesen Spitzenplatz würde Dortmund sicher gerne verzichten: Die Ruhrgebietsstadt weist für 2016 die bundesweit höchste Insolvenzquote auf. Von 10.000 Unternehmen, die ihren Sitz in Dortmund haben, meldeten 159 Insolvenz an. Auf den Plätzen folgen Halle an der Saale (149) und Gelsenkirchen (146). Besonders stabil sind dagegen die Unternehmen in Freiburg. Dort gerieten zuletzt von 10.000 Betrieben lediglich 55 in die Insolvenz. Grundsätzlich sind Unternehmen in deutschen Großstädten stärker gefährdet als Firmen in der Provinz: Jedes dritte Unternehmen (31,2 Prozent), das 2016 in Insolvenz ging, hatte seinen Sitz in einer Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern. Dagegen sind nur 29,4 Prozent der Unternehmen in einer solchen Stadt zu Hause.

Hohes Risiko bei Umzugstransporteuren
Ob Dienstleistungsgewerbe, Handel, Baugewerbe oder Verarbeitendes Gewerbe – in allen vier Hauptwirtschaftsbereichen gingen die Insolvenzzahlen 2016 zurück. Nach wie vor ist das Risiko, im Baugewerbe insolvent zu werden, am höchsten (94 Fälle je 10.000 Unternehmen). Ganz anders die Situation im Verarbeitenden Gewerbe: Dort verzeichnete die Statistik zuletzt nur 42 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Die Top-3 der risikobehafteten Branchen waren 2016: Umzugstransporte (524 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen), Bars (508) sowie Post-, Kurier und Expressdienste (495).

Alter schützt nicht vor Insolvenz
Jüngere Unternehmen sind stärker insolvenzgefährdet als ältere? Diese Aussage gilt nach wie vor. Gleichwohl schützt Tradition nicht vor Insolvenz. So war 2016 etwa ein Sechstel der in Existenznot geratenen Unternehmen älter 20 Jahre. In den meisten Fällen betrafen Insolvenzen jedoch eher junge Firmen, die höchstens zehn Jahre am Markt waren. Nach wie vor ist das Insolvenzgeschehen sehr kleinteilig. Knapp 82 Prozent der Insolvenzkandidaten des vergangenen Jahres beschäftigten höchstens fünf Personen. Oftmals handelte es sich sogar nur um Ein-Personen-Unternehmen. Firmen mit mehr als 100 Mitarbeitern machten lediglich 0,7 Prozent des Insolvenzgeschehens aus.

Sanierung unter Insolvenzschutz gefragt
Schutzschirmverfahren und Eigenverwaltung, bei dem die Sanierung des kriselnden Unternehmens zunächst ohne Zugriff der Gläubiger angegangen wird, gewinnen an Bedeutung. Nach einer Umfrage von Creditreform, des Deutschen Instituts für angewandtes Insolvenzrecht (DIAI) und des Bundesverbands ESUG und Sanierung (BV-ESUG) betrachteten Ende 2016 zwei Drittel der mittelständischen Unternehmen ein Eigenverwaltungs- und Schutzschirmverfahren als eine wichtige Hilfe bei der Krisenbewältigung und Restrukturierung. Knapp die Hälfte der Befragten will im Fall einer wirtschaftlichen Schieflage eines der beiden Verfahren im Rahmen einer Sanierung unter Insolvenzschutz auch wirklich nutzen. Allerdings wünschen sich die Unternehmer ebenso ein Restrukturierungsverfahren außerhalb der Insolvenz.

Arbeitsplätze bedroht
Jede Insolvenz ist mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verbunden. Manchmal gelingt es, im Zuge von Restrukturierungs- und Sanierungsmaßnahmen zumindest einen Teil der Stellen zu erhalten. Im vergangenen Jahr sind insolvenzbedingt etwa 210.000 Arbeitsplätze entweder bereits weggefallen oder nach wie vor bedroht. Pro Insolvenzfall waren im Durchschnitt mehr Beschäftigte betroffen als 2015 (10,2 statt 9,7). Tatsächlich sind die Folgen für den Arbeitsmarkt jedoch sehr viel größer. Denn neben den Jobs bei den insolventen Unternehmen sind oftmals auch Stellen bei Zulieferern und Dienstleistern bedroht.

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