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Mehr Grün im Grau

Blühwiesen statt versiegelter Flächen, begrünte Fassaden statt grauer Hallen sowie Bienenhotels auf dem Dach: Mit unseren Tipps können Unternehmen ihr Firmengelände naturnah gestalten, um Flora und Fauna zu schützen, Mitarbeiter zu motivieren und Kunden zu begeistern. Text: Julia Leendertse

Einmal im Jahr helfen die Trochtelfingener nicht Senioren, sondern Kröten über die Straße. Sobald im Frühjahr das milde Klima die Amphibien aus ihren Winterquartieren lockt, retten die Mitarbeiter des Nudelherstellers Alb-Gold gemeinsam mit Naturschützern und Schülern Hunderte von Kröten, Fröschen und Molchen. Sie bringen die Tiere in die Feuchtbiotope ihres Firmengeländes. Mit dem Bau eines Kundenzentrums im Jahr 2002 begann der Lebensmittelhersteller auf der Schwäbischen Alb, sein Firmenareal naturnah umzugestalten. Heute lockt ein zwei Hektar großer Kräutergarten mit 1.000 unterschiedlichen Pflanzenarten samt Lehrpfad, Feuchtbiotopen, Nisthilfen für Bienen und Magerwiesen jährlich rund 300.000 Besucher zum Nudelhersteller nahe Reutlingen.

Das Familienunternehmen Alb-Gold ist nicht der einzige Betrieb in Deutschland, der in den letzten Jahren auf seinem Firmengelände von Grau auf Grün geschaltet hat. „Naturnah gestaltete Flächen sind eine exzellente Visitenkarte für Unternehmen, begeistern regelmäßig Kunden oder Geschäftspartner und dienen als Rückzugsgebiet für die Mitarbeiter“, sagt Carolin Boßmeyer, Geschäftsführerin der Berliner Initiative Biodiversity in Good Company – einem Unternehmensnetzwerk, das sich für die biologische Vielfalt stark macht.

Prominente Beispiele aus dem Mittelstand

„Vor allem aber leisten Unternehmen, die ihre Flächen ökologisch aufwerten – beispielsweise durch blütenreiche Wiesen, naturnahe Hecken oder Kleingewässer, Nisthilfen oder Insektenhotels –, einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt“, so Boßmeyer. Tatsächlich ist die Liste der engagierten Unternehmen lang und prominent besetzt. Der Gütersloher Elektrogerätehersteller Miele investierte in freiwachsende, artenreiche Wildhecken und Magerwiesen mit Blumen, der Wuppertaler Zangenhersteller Knipex legte eine Streuobstwiese mit heimischen Obstsorten an und auch der Produzent von Hochdruckreinigern Alfred Kärcher aus Winnenden leistet sich einen Firmengarten mit Wildblumenwiesen und jeder Menge heimischer Staudenpflanzen.

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Das Firmengelände von Alb-Gold lockt jährlich 300.000 Besucher an. © ALB-Gold/ Icon made by Freepik from www.flaticon.com

Das Artensterben hat weltweit rasant zugenommen. Laut Naturschutzbund Deutschland ist bereits mehr als jede vierte Tier- und Pflanzenart hierzulande gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Ob Dachbegrünung, ein simpler Baum oder nur der Blumenkübel am Eingang – es gibt zahlreiche Möglichkeiten, dagegen etwas zu tun (siehe Kasten). Was möglich ist, hängt zum einen vom Kostenrahmen, zum anderen von den Gegebenheiten vor Ort ab. „Durch unsere spezielle Lage – mitten im Grünen – sind wir natürlich etwas bevorzugt“, sagt Alb-Gold-Inhaberin und Geschäftsführerin Irmgard Freidler.

Bienenkorb auf dem Firmendach

Vier Voll- und drei Teilzeitkräfte sowie mehrere Aushilfen sind bei dem Nudelhersteller allein mit der Pflege des Kräutergartens beschäftigt. Pro Jahr lässt sich das Alb-Gold 200.000 Euro kosten. Schnell lernte die Belegschaft das Biotop vor der eigenen Firmentür schätzen. Die Mitarbeiter nutzen den Garten in der Pause zur Erholung und genießen ihren Lunch in freier Natur.

Doch auch immer mehr Unternehmen in den dicht besiedelten Großstädten finden Mittel und Wege, die Natur in ihre Firma zu holen. Im Innenhof der Kölner Patisserie Törtchen-Törtchen kurvt seit 2013 von Frühjahr bis Herbst ein ganzes Bienenvolk in drei Meter Höhe über den Köpfen der Cafébesucher, wenn sie draußen sitzen. „Bienen mögen keinen Bienenstich, sie sind Vegetarier.

Bienen stechen nur zur Verteidigung. Sie sind nicht aggressiv“, gibt Konditormeister Matthias Ludwigs Entwarnung: „Die Bienen nutzen lediglich unseren Innenhof als Einflugschneise zu ihrem Bienenkorb, der auf dem Dach unseres Lagers steht.“ Ludwigs vertraut auf das Know-how von Stadtimker Frank Methien, der das Bienenvolk betreut. Was Törtchen-Törtchen-Chef Ludwigs am meisten freut: Die Bienen bescheren ihm jedes Jahr zwischen 30 und 40 Kilogramm Honig, die er als hauseigenes Naturprodukt zum Verkauf anbietet.

SO KOMMT DIE NATUR IN DIE FIRMA
Laut Global Nature Fund reicht die Bandbreite an Maßnahmen, die Firmengelände in Schutzräume für Pflanzen und Tiere verwandeln, von insektenfreundlicher Beleuchtung bis zur naturnahen Hecke:

Bauminseln. Einmal gepflanzt, sind einheimische Bäume pflegeleicht. Kosten entstehen nur für Anpflanzung, Baumschnitt und Laubentsorgung. Dafür gibt es im Sommer Schatten, Tiere finden Nahrung – und CO2 verwandelt sich in Sauerstoff.

Insektenfreundliche Beleuchtung. Statt Insekten oder nachtaktive Tiere ins Licht zu locken, schützen Außenleuchten mit geringerer Lichtemission die Fauna. Wer energieeffiziente Leuchten in Kombination mit Bewegungsmeldern einsetzt, verbraucht weniger Strom. Dafür sind solche Leuchten anfänglich recht teuer.

Blühflächen. Blumenwiesen sind bunter als Rasen und bieten Schutz und Nahrung für Insekten. Statt 20 Mal im Jahr mähen zu müssen, reichen ein bis zwei Mal. Das Saatgut sollte aus der Region kommen.

Dachbegrünung. Dachgrün gilt als Teilversiegelung – und spart daher Abwassergebühren. Die Kosten rechnen sich durch Langlebigkeit, Tiere und Pflanzen bekommen eine ökologische Nische, die vor Unwettern schützt und das Gebäudeklima verbessert.

Entsiegelung. Grün ist schö­ner als Beton oder Asphalt. Die Investition spart Abwassergebühren (Fläche gilt nur als teilversiegelt) und verschönert das Erscheinungsbild, kann aber je nach Art einen entsprechend höheren Pflegeaufwand mit sich bringen.

Fassadenbegrünung. Pflanzen an der Fassade wirken wie eine natürliche Klimaanlage, die dämmt, Schall dämpft, die Luft verbessert und ein Kleinbiotop schafft. Das rechnet sich durch längere Lebensdauer.

Hecken. Hecken sind grüne Zäune, die wenig Pflege brauchen und Platz für Amphibien, Igel und Vögel bieten. Die optischen Blickfänge sind günstiger als Zäune, brauchen aber als Biotop mehr Platz.

Nisthilfen. Platz für einen Nistkasten ist überall – und er kostet wenig Geld. Dafür finden im Frühjahr Vögel Platz für sich und den Nachwuchs.

Steinhaufen. Bauern sammelten einst Steine von ihren Feldern und schafften so einen Steinhaufen speziell für Insekten, aber auch Amphibien. Sie sind kostengünstig, optisch ansprechend und brauchen wenig Pflege.

Streuobstwiesen. Die selten gewordenen Biotope bieten Tieren Raum und Mitarbeitern Schatten sowie Erholung. Sie brauchen Platz, Pflege (Mahd, Baumschnitt) und sind nicht günstig. Dafür gibt es (ungespritzt) Bioobst aus eigener Produktion.


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