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Zeitarbeit: Diese Roboter übernehmen nicht nur unbeliebte Aufgaben

Fast 70 Jahre nach Erfindung der Zeitarbeit vermittelt ein Berliner Unternehmer erstmals Roboter als Leiharbeiter. Der künstliche Kollege übernimmt Aufgaben, die für Menschen zu anstrengend oder zu eintönig sind, die ihre Gesundheit gefährden würden oder einen besonders hohen Grad an Präzision verlangen. Und er dient am Ende sogar als Geldanlage. Text: Iris Quirin

Im Herbst 2016 brillierte Yolandi noch als Nachrichtensprecherin des Fernsehsenders rbb im Rahmen der ARD-Themenwoche „Die Zukunft der Arbeit“. Heute klebt sie mit stoischer Gelassenheit in einer Fabrik Plastikteile zusammen. Als freundlich lächelnde Roboterdame mit Knopfaugen kennt Yolandi eben keinen Dünkel. Sie verrichtet ohne viel Aufhebens alle Arbeiten, zu denen sie Matthias Krinke schickt.

Krinke ist Besitzer des Roboters und Gründer der Firma Robozän, der ersten Personalvermittlung und Zeitarbeitsfirma für Roboter. Mit den digitalen Helfern kennt sich der Unternehmer aus. Sein erster Betrieb, Pi4 Robotics, hat sich auf die Herstellung von Bildverarbeitungssystemen, Prüfautomaten und Robotern spezialisiert und stellte 2010 mit dem Workerbot 1 die ersten menschenähnlichen Maschinen-Fabrikarbeiter vor. Krinke entwickelte die damals 2,08 Meter großen und 500 Kilo schweren Service- und Industrieroboter weiter – zu kleineren und mit 120 Kilo wesentlich leichteren Workerbots. Eine Leistung, die ihm im Dezember 2016 den Innovationspreis Berlin-Brandenburg einbrachte. „Die Dankesrede hielt selbstverständlich Yolandi“, sagt der Berliner.

Mit den Leichtgewichten hat sich Krinke viel vorgenommen. Seine Geschäftsidee: die Roboter nicht nur zu verkaufen, sondern auch zu verleihen. „Kleinere Unternehmen erhalten so die Möglichkeit, Produktionsmittel zu nutzen, die in der Anschaffung bei einer nur temporären beziehungsweise auftragsbezogenen Nutzung zu teuer wären“, sagt er. Seine Beobachtung: Wie bei den Menschen werden die Maschinen auch gerne nach Ablauf des Zeitvertrags fest eingestellt – in dem Fall also gekauft. Ein Workerbot 3 etwa kostet zwischen 100.000 und 120.000 Euro. Selbstverständlich bekommen die Roboter auch so etwas wie Lohn: Sie verdienen 8,50 Euro die Stunde, arbeiten in der Regel zwei Schichten am Tag, sieben Tage in der Woche. Das ausleihende Unternehmen bezahlt Robozän 16 Euro pro Stunde inklusive Anlieferung und Anlernen für die entsprechenden Aufgaben. „Ich habe bewusst etwa so viel wie den Mindeststundenlohn gewählt, weil wir nicht in Konkurrenz zu den Menschen treten und auch nicht Maschine gegen Mensch ausspielen wollen“, betont Krinke. Klar könnte auch ein Mensch die Aufgabe von Yolandi in der Fabrik ausführen. „Die Tätigkeit ist aber meist recht monoton“, sagt der Unternehmer. Ein Beispiel: Wenn Teile fein säuberlich zusammengeklebt werden müssen, geht es gleichzeitig um höchste Präzision und einen gleichmäßig starken Druck. „Das kann kein Mensch auf Dauer leisten. Die Folge für den Hersteller wäre ein hoher Ausschuss“, erklärt Krinke.

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Yolandi & Co. im Einsatz beobachten? Viel Spaß dabei – auf creditreform-magazin.de/yolandi

Unternehmen, die einen Leih-Roboter anheuern wollen, schicken Robozän eine genaue Arbeitsplatzbeschreibung. Das Prozedere ist unkompliziert: Krinke – der einzige menschliche Mitarbeiter der Leiharbeitsfirma – prüft, ob die Arbeit für sein Maschinenteam geeignet und ob ein passender Workerbot verfügbar ist. Das Unternehmen schließt dann einen Arbeitsvertrag mit Robozän ab. Die Dauer für den Ersteinsatz beträgt mindestens sechs Monate und zwei Schichten täglich, gerne sieben Tage die Woche. Robozän befördert anschließend den Roboter zu seiner Arbeitsstelle und lernt ihn zwei Tage lang vor Ort an. Fällt er einmal aus, wird er von der Leiharbeitsfirma repariert. Oder bei einem größeren Defekt innerhalb von 24 Stunden durch einen anderen ersetzt, der dessen Aufgaben nahtlos übernehmen kann. Innerhalb der zweijährigen Gewährleistungsfrist übernimmt Krinke die Reparatur.

Roboter vermieten – als Geldanlage

Doch Robozän vermittelt nicht nur eigene Workerbots, sondern auch die Maschinen anderer Firmen. Beispielsweise wenn ein Unternehmen gerade keine Verwendung für den Kunst-Kollegen hat und er nicht nutzlos herumstehen soll. „Derzeit haben wir offene Stellen im Produzierenden Gewerbe zu besetzen“, wirbt Krinke um neues Vermittlungsmaterial. Dabei geht es darum, Baugruppen zu montieren, Elemente zu verkleben und Produkte zu verpacken. Das erledigen die Workerbots im Zwei-Schicht-Betrieb locker mit links.

Wer will, kann auch einen Roboter als Geldanlage kaufen und ihn über die Personalvermittlung an andere Unternehmen ausleihen. Krinke sieht darin eine „Demokratisierung von Produktionsmitteln: Jeder kann Besitzer von Produktionsmitteln werden und diese für sich arbeiten lassen“. In diesem Zusammenhang macht er folgende Rechnung auf: Kostet der Roboter 100.000 Euro, amortisiert sich dieser in fünf Jahren, da er pro Jahr 20.000 Euro verdient. Robozän garantiert ein Jahresgehalt von 21.000 Euro – was einer Mindestkapitalverzinsung von einem Prozent entspricht.

Ist der Workerbot einmal „arbeitslos“, wird er auf dem Gelände von Robozän gelagert. Dem Investor entstehen dabei keine Kosten. Zudem schließt Krinke für seine Leiharbeiter eine Haftpflichtversicherung ab, falls sie bei der Arbeit einen Schaden verursachen sollten – und zahlt obendrein so etwas wie eine Arbeitslosenversicherung: „Wenn ein Roboter einmal nicht eingesetzt werden, erhalten meine Kunden zumindest das eine Prozent Rendite“, so Anbieter Krinke.

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VOLL IM EINSATZ
In diesen Bereichen übernimmt der Kollege Roboter – zuverlässig und ohne zu murren – Aufgaben:

Fertigung. Kleine Unternehmen mit geringen Stückzahlen können den flexiblen Workerbot an den jeweils erforderlichen Arbeitsplatz rollen. Die Multifunktionsgreifer werden je nach Aufgabenbereich mit entsprechenden Funktionen ausgestattet, um zum Beispiel das Drücken von Bedientasten zu ermöglichen.

Qualitätsprüfung. Dank seiner integrierten Farb- und Bilderkennung kann der Roboter die Qualität der hergestellten oder eingesetzten Produkte erkennen.

Concierge-Service. Am Empfang von Unternehmen kann er dank Gesichtserkennung Mitarbeiter von Besuchern unterscheiden.

Sicherheitsbereich. Eine Personenerkennungs-Software unterstützt ihn bei der Fahndung nach Personen. Bei Massenveranstaltungen kann er dank einer Spezialsensorik radioaktives Material, Sprengstoffe oder andere Risiken erfassen und bei Bedarf selbstständig Kontakt mit einer Alarmzentrale aufnehmen.

Catering. Ein Greifer für den Flüssigkeitsbehälter und ein Füllstandssensor – fertig ist der Kellner, der in Bars, Restaurants oder Kantinen eingesetzt werden kann.

Pflegebereich. Der mit einem freundlichen Gesicht ausgestattete Workerbot bringt Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen beispielsweise die Getränke und Mahlzeiten vorbei und entlastet so das menschliche Personal.


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Kommentare

  1. Ob hier auch die Schriftformerfordernis, Equal Pay und Höchstüberlassunggsdauer des reformierten Arbeitnehmerüberlassungsgesetztes gilt

    Antworten
  2. Bitte um Zusendung der Kontaktdaten von der Fa.Robozän.
    Danke

    Antworten

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