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Kreativfabriken – wie Forschung und Entwicklung von klaren Prozessen profitieren

Industriebetriebe leben von Erfindergeist. Das gilt im Zeitalter der digitalen Transformation mehr denn je. Drei von vier Firmen sagen, sie stünden heute stärker unter dem Druck, mit Innovationen an den Markt zu gehen. Zurecht, denn nie war die Gefahr größer, von neuen Konkurrenten aus dem Nichts heraus überholt zu werden. Disruption ist Realität: Unternehmen, die man gestern noch nicht einmal auf dem Schirm hatte, ziehen plötzlich an den Platzhirschen vorbei. Wer da auf die Eingebung der Innovationsmusen wartet, könnte morgen schon zum alten Eisen gehören.

Natürlich sitzen die Menschen in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen nicht in sehnlicher Erwartung untätig herum. Im Gegenteil, sie sind vermutlich zu geschäftig. Oder zumindest auf die falsche Art und Weise. Ideen werden aus einer Laune heraus verfolgt. Oder der Geschäftsführer hat ein Herzensprojekt, zwar ohne jede Chance am Markt – aber was will man machen, wenn der Chef es sich wünscht? So kommt schnell ein ganzes Ideen-Dickicht zusammen, in dem Mitarbeiter wie Führungskräfte die Übersicht verlieren: Nur vier von zehn Innovationsprojekten schaffen den Markterfolg. Die übrigen versanden in deutschen Unternehmen. Und bis man sich schließlich den Misserfolg eingestehen muss, haben diese Projekte unzählige Stunden und Euro verbrannt. Ganz zu schweigen von der Motivation der Mitarbeiter: Wer sich ständig in der Tretmühle scheiternder Ideen abmüht, wird irgendwann resigniert den Innovationsgeist ganz aufgeben – der Todesstoß für jedes Unternehmen.

Keine Korsetts, sondern Stützen

Viel zu häufig wird in den F&E-Abteilungen ohne klare Strukturen gearbeitet. Häufig folgt man Launen: Immerhin 41 Prozent der Betriebe starten Projekte ohne systematische Prüfung und unabhängig von konkreten Kundenanfragen. Und so wächst den Mitarbeiten bald die Arbeit über den Kopf, fast zwei Drittel klagen darüber, dass eine Vielzahl laufender Projekte sie an der Entwicklung echter Innovationen hindert. Es ist schon erstaunlich: Während die überwiegende Mehrheit deutscher Industriebetriebe in der Produktion auf schlanke, stabile Prozesse setzt, herrscht bei der Entwicklung häufig noch Wildwuchs. Das ist vermutlich auch im Selbstverständnis kreativer Köpfe angelegt. Freier Erfindergeist im Korsett vorgegebener Prozesse – das kann doch nicht funktionieren, oder? Doch, denn niemand hat vor, Kreativität zu „industrialisieren“, das wäre auch überhaupt nicht möglich. Es geht vielmehr darum, den Weg von der Idee bis hin zur Marktreife durch klare Strukturen und Evaluation effizienter zu gestalten. Gerade das schafft mehr Raum für die tatsächlich kreative Leistung. Zudem gilt das alte Edison-Wort: Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration. Ideen werden nicht von Geisterhand zum fertigen und erfolgreichen Innovationsprojekt. Ein großer Teil des innovativen Prozesses ist harte Arbeit und zähe Routine – und die lässt sich durch schlanke, klare Abläufe und Regeln erheblich entschlacken.

Ideen frühzeitig auf den Prüfstand stellen

Um Prozesse in der F&E zu professionalisieren, benötigt es in den ersten Schritten nicht einmal teure IT oder umfassendes Markt-Monitoring. Auch kleinere Unternehmen können ohne großen Ressourcenaufwand loslegen – wenn der Wille und die Überzeugung vorhanden sind. Eine grundlegende Maßnahme wäre, das beschriebene Innovationsdickicht einzudämmen und damit den Kreativarbeitern wieder Luft zum Atmen zu geben. Neue Ideen müssen also auf den Prüfstand, bevor sie verfolgt werden. Ganz gleich, ob sie nun vom Produktionsmitarbeiter kommen oder vom Geschäftsführer. Geeignet ist zum Beispiel eine Art Innovationsgremium, das möglichst breit aus verschiedenen Bereichen aufgestellt sein sollte, inklusive der Unternehmensführung. Innovationsideen werden hier in Form einer ausgearbeiteten Marktstory vorgelegt. Das Gremium bewertet: Ist die Gruppe überzeugt, startet das Projekt und wird weiter ausgearbeitet, erneut vorgelegt, wiederum bewertet, bis es schließlich Marktreife erreicht. Ideen, die dagegen keinen Zuspruch finden, werden auch nicht weiterverfolgt. Sicher ist das zunächst einmal schmerzlich und kann am Ego kratzen. Das Risiko, auf dem Weg zu scheitern und dabei eine Menge Geld und Zeit zu verschwenden, dürfte aber auch für den einzelnen Mitarbeiter weit schwerer wiegen. Entscheidend ist, dass es fair zugeht. Ob nun vom Top-Manager oder Sachbearbeiter: An alle Innovationsprojekte müssen dieselben Maßstäbe angelegt werden, ohne Wenn und Aber.

 

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