Christoph Leichtweiß ist geschäftsführender Gesellschafter von zwei Unternehmen der YPOS-Gruppe. 
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Allgemein, solvent

Elendsindex, Inflation und Fehlentscheidungen

In der Eurozone scheint wirtschaftlich das Schlimmste vorerst hinter uns zu liegen. Strukturell wurde leider nichts gelöst und große Herausforderungen bleiben weiter bestehen. Der sogenannte Elendsindex könnte ein Indikator für Wahlüberraschungen sein. Obwohl die Inflation steigt, wird die Notenbank nicht wesentlich an der Zinsschraube drehen. Das systemische Risiko im Finanzsystem scheint aktuell niedrig. Eine gesunde Skepsis ist dennoch angebracht. Der Euro-Anleihemarkt ist ein Desaster und bietet großes Potential für Fehlentscheidungen.

Der Elendsindex und die Wahlen

Addiert man die Inflationsrate und die Arbeitslosigkeit, erhält man als Ergebnis den „Elendsindex“ (Misery Index). Die Grafik zeigt die Entwicklung für die USA (blau) und die Eurozone (grün). Obwohl sich das so gemessene „Elend“ in den USA in den Jahren vor der Wahl deutlich verbessert hat, gab es mit dem Sieg Donald Trumps eine sehr große Überraschung: Für die gesamte Eurozone sind die aktuellen Werte wesentlich schlechter. Darüberhinaus ist zu berücksichtigen, dass der Euroraum deutlich weniger gemeinsames Identifikationspotential für den einzelnen Menschen bietet, als die Vereinigten Staaten von Amerika.


Die sehr großen Unterschiede innerhalb der Eurozone bieten also ausreichend Raum für Überraschungen. Möglicherweise zeigt die zunehmende Differenz der Renditen von Staatsanleihen bereits erste zaghafte Versuche der Marktteilnehmer, nicht mehr alle Länder über einen Kamm scheren zu wollen. Ein Index der Europäischen Zentralbank (EZB), der den systemischen Stress im Finanzsystem misst beginnt, von einem sehr niedrigen Niveau an zu steigen.

Im Superwahljahr 2017 könnte es also Überraschungen geben, die sich mal wieder nicht aus den gängigen Umfragen ergeben. Anleger sollten auf der Hut sein.

Warum die Inflation steigt, aber die Zinsen nicht

Gegenüber dem Vorjahresmonat sind die Konsumentenpreise in Deutschland im Januar 2017 um 1,9 Prozent angestiegen. Für die gesamte Eurozone beträgt der Wert 1,8 Prozent. Damit wäre das Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von rund zwei Prozent erreicht. Schließt man allerdings die schwankungsreichen Komponenten (Energie und Lebensmittel) aus, dann ergibt sich die deutlich niedrigere Kerninflationsrate von 0,9 Prozent.

Im Zeitverlauf zeigt sich die Kerninflation auch bedeutend stabiler. Es gab weder Ausreißer in die Disinflation, noch den aktuellen Sprung nach oben in Richtung Ziel der Notenbank. Da dieser offensichtliche Umstand auch den Währungshütern bekannt ist und zudem einige Unsicherheiten durch die Wahlen bevorstehen, ist eine nachhaltige Umkehr der Geldpolitik vorerst nicht zu erwarten. Derweil sind die Renditen für den ultimativen sicheren Hafen, kurzlaufende Bundesanleihen, weiter negativ.

Wahnsinn bei Hochzinsanleihen

Vor einigen Jahres hieß es: „Wenn die Dividendenrendite höher ist als der Zins von sicheren Staatsanleihen, dann muss man Aktien kaufen.“ Daraus wurde: „Wenn die Dividendenrendite höher ist als die Rendite guter Unternehmensanleihen, dann muss man Aktien kaufen.“ Diese Begründung erscheint auch logisch: Schließlich ist die Rendite bei Anleihen begrenzt und bei Aktien kommt zur jährlichen Dividende noch langfristig die Chance auf Kursgewinne hinzu.

In einer sehr vereinfachten Betrachtung, die die grundsätzlichen Unterschiede zwischen diesen beiden Vermögensklassen ignoriert und unter Ausschluss persönlicher Zielvorstellungen des individuellen Anlegers kann man das so sehen.

Die heutige Situation ist allerdings extrem! Die Rendite für Unternehmen mit schwächerer Bonität (blau) liegt nur leicht über der Dividendenrendite des breiten europäischen Aktienmarktes (orange). Während sich die Dividendenrendite über die Jahre relativ konstant zeigt, sind die Renditen für Hochzinsanleihen implodiert. Der untere Chart zeigt die Differenz in der grünen Linie. (Stand 16.2.2017)

Dies ist nur ein weiteres Zeichen für den unglaublichen Anlagenotstand in der Eurozone. Das ist keine Empfehlung Aktien zu kaufen! Es soll „lediglich“ zeigen wie dramatisch sich Rendite-Risiko Relationen verschoben haben. Das Potential für finanzielle Fehlentscheidungen bleibt auf einem sehr hohen Niveau.

So handeln sie richtig

Eine umfassende Herleitung der Anlagestrategie war und ist der beste Schutz vor finanziellen Fehlentscheidungen. Unser erprobter Prozess beinhaltet diese Bestandteile:

Die dargestellten Einflussfaktoren unterliegen natürlich Änderungen. Aber die konstante Berücksichtigung der gezeigten Einflussfaktoren stellt sicher, dass der Inhalt und die Begründung von Entscheidungen auf, im Nachhinein jederzeit, nachvollziehbarer Basis erfolgen.

Ausführlicher Videokommentar zu den Kapitalmärkten

In der Aufzeichnung des YPOS Kapitalmarkt-Dialog finden Sie eine Vielzahl von aktuellen Themen. Die Agenda und das Video finden Sie hier:

http://www.ypos-fp.de/alle_publikationen/12180-12180/


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