Stefan Kön ging bereits in Daun zur Schule und ist Technisat seit Gründung treu. Heute ist er Geschäftsführer. © technisatStefan Kön ging bereits in Daun zur Schule und ist Technisat seit Gründung treu. Heute ist er Geschäftsführer. © technisat

erfolgreich, Strategie

“Antenne für Chancen”: Das Familienunternehmen Technisat im Firmenportrait

Deutschlands letzter eigenständiger TV-Hersteller schreibt seit 30 Jahren eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. Das Familienunternehmen Technisat verbindet Standorte in Ost und West und zeigt: Mit konsequenter Qualitätsstrategie, Spürsinn und Hartnäckigkeit lässt sich Geld verdienen, wo eigentlich Konkurrenz aus Fernost dominiert. Text: Stefan Merx

Stefan Kön hat wenig Zeit für Fernsehen. „Ich gucke vor allem Nachrichten“, sagt der Mann aus der Vulkaneifel. Doch seit einigen Wochen nimmt der 49-Jährige die Fernbedienung öfter in die Hand – rein dienstlich und geboten kritisch. Denn Kön ist nicht nur Geschäftsführer, sondern auch Testkunde bei Technisat – dem letzten Hersteller, der noch unabhängig in Deutschland TV-Geräte fertigt. Was Kön mit Kollegen gerade ausprobiert, soll bald für Furore sorgen: Ein Smart-Home-System, das aus einer kostenlos verbauten Zentraleinheit im Fernseher oder Multimedia-Receiver gesteuert wird. „Ich gucke Bonanza und regle nebenbei die Temperatur im Kinderzimmer, knipse die Kaffeemaschine an und schaue per Kamera, wer vor der Tür steht“, sagt Kön. „Alles per TV-Gerät, das kann noch kein anderer.“ Seit Dezember ist die Lösung im Feldversuch, im Frühling soll sie marktreif sein. Auch so eine Besonderheit von Technisat: „Bevor wir auf den Kunden losgehen, testen wir die Dinge bei uns privat.“

© Icon made by Freepik from www.flaticon.com

© Icon made by Freepik from www.flaticon.com

Eine Bedienphilosophie für alle Produkte

Selber entwickeln, fertigen, ausprobieren – und dann mit besonderer Qualität überraschen. „Wir haben alles in eigener Hand“, wirbt das Unternehmen. Mit diesem Prinzip hat es sich eine zahlungsbereite und treue Kundschaft erobert. „In allen Geräten verbauen wir dieselbe Bedienphilosophie“, sagt Kön. Wer sie einmal verinnerlicht, will nicht mehr umlernen, so das Kalkül. Das stärkt die Bindung beim nächsten Kauf. „Bei Fehlern können wir sofort reagieren und automatische Software-Updates aufspielen.“

Wer über die neblig-feuchten Eifelberge in den Norden von Rheinland-Pfalz fährt, um schließlich in der 8.000 Einwohner kleinen Kurstadt Daun zu landen, mag sich wundern über den achtstöckigen Glasturm, der plötzlich neben dem Flüsschen Lieser emporragt. Peter Lepper, ein gelernter Stahlhändler, hatte sich vor gut vier Jahrzehnten entschieden, genau hier auf billigem Land sein erstes Unternehmen anzusiedeln. In einer kargen Gegend, die früher spöttisch-mitleidig „Preußisch Sibirien“ genannt wurde, erbaute Lepper sein inhabergeführtes Imperium.

Der heute 70-Jährige handelte in den 70er-Jahren zunächst mit Rohren, stieg dann selbst in die Fertigung ein. Heute noch stapeln sie sich auf dem Technisat-Nachbargrundstück – ein Einsatzgebiet sind Ölbohrungen. Die TPS Technitube Röhrenwerke, ein profitabler Schwesterbetrieb, sitzt gleich nebenan. Lepper gilt als unruhiger Macher und Meister der Diversifikation: Er sieht Chancen und greift zu wie kaum ein Zweiter. „Er hat das Talent, immer in Geschäft zu denken“, sagt Marketingleiter Tyrone Winbush.

Seit 1998 läuft die Produktion in Staßfurt. © technisat

Seit 1998 läuft die Produktion in Staßfurt. © technisat

„Andere Leute gucken in die Sonne und sagen: Schön, wie sie scheint. Peter Lepper überlegt, wie sich das zu Geld machen lässt. Da ist er ein Genie.“ So nutzen heute Raffinerien, Kraftwerke und Kunstdüngerhersteller Leppers Produkte ebenso wie TV-Junkies und Liebhaber von edlem Gin. Auch den produziert Lepper seit Herbst 2014 unter dem Markennamen Windspiel aus eigens angebauten Eifeler Kartoffeln. Denn auch Land- und Forstwirtschaft zählt zu seinen Geschäftsfeldern.

Alles, was Peter Lepper macht, soll mindestens zehn Prozent Gewinn abwerfen. Diese Maßgabe gilt noch immer, bestätigt Geschäftsführer Kön, schon seit 1987 als Azubi an Bord und heute Leppers rechte Hand. Mehr als 20 Untergesellschaften bündelt der Selfmade-Unternehmer in der Techniropa Holding, deren Anteile Lepper alleine mit seiner Frau hält. Was nicht mehr passt, wird abgestoßen. Das Automotive-Geschäft etwa, von dem man sich 2016 trennte. Durch den Verkauf der Sparte, die vor allem für VW Radios und Navigationsgeräte baute, gab Technisat nach eigenen Angaben rund 450 Millionen Euro Umsatz und 1.200 Mitarbeiter ab. Das kam, was die Mitarbeiterzahl angeht, etwa einer Halbierung gleich. Dafür, so ist zu vermuten, wuchs der Grad an Unabhängigkeit – ein Befreiungsschlag. Ein Riese ist Technisat freilich auch im Kerngeschäft Konsumelektronik nicht. Von den knapp sieben Millionen Fernsehern, die in Deutschland pro Jahr verkauft werden, tragen nach Schätzungen nur knapp 100.000 das Technisat-Logo. Die Qualitätsstrategie funktioniert allerdings bestens in jener Nische, wo sich zahlungskräftige, meist männliche Genießer treffen. „Unsere Kunden wollen langlebige, intuitiv zu bedienende Geräte: tolles Bild, hervorragender Ton. So einfach ist es im Grunde“, sagt Kön. Und obendrauf fünf Jahre Garantie.

Schon seit 1992 besteht das Werk in Schöneck. © technisat

Schon seit 1992 besteht das Werk in Schöneck. © technisat

Als ob es so einfach wäre: Grundig, Saba, Telefunken, Nordmende – keiner der namhaften Hersteller der Wirtschaftswunderzeit hat eigenständig überlebt. Auch die Traditionsfirma Metz aus Zirndorf gehört seit 2015 zum chinesischen Konzern Skyworth; der ebenfalls hochpreisige Konkurrent Loewe hängt am Tropf des Finanzinvestors Stargate Capital. Beide mussten 2014 und 2013 Insolvenz anmelden, weil Fernseher – ihr Kernprodukt – zum Wegwerfprodukt verkommen waren. Die übermächtige Konkurrenz aus Asien hatte einen Preissturz ausgelöst, der die deutschen Qualitätshersteller in Existenznöte brachte. Wie aber überlebt Technisat in diesem Haifischbecken? Kön zählt eine Reihe von Gründen auf. „Ein Unternehmen in unserer Größe darf nicht auf jeden Trend aufspringen.“ 3D-Fernsehen, einst gefeiert als nächste große Sache? Auf dem absteigenden Ast. Technisat hat das Thema weitgehend gemieden – und so viel Geld gespart.

„Wir sehen uns neue Technologien erst genauer an. Maßgeblich ist, ob sie spürbaren Mehrwert für die Kunden bringen.“ Erkennt man Potenzial, dann prüfen die Entwickler, ob es auch für benachbarte Sparten taugt – etwa im Smart Home. Das Verteilen des Risikos auf mehrere Standbeine ist ein weiterer Faktor, um Anfälligkeit zu verringern. „Der Fernseher ist nicht überlebenswichtig“, sagt Kön.

© technisat

© technisat

Neben dem Smart-TV-Geschäft setzen die Eifeler auch auf Empfangsgeräte und Satellitenschüsseln, mit denen es im Jahr 1987 überhaupt losging. Damals hatte Peter Lepper die Gunst der Stunde erkannt – und den Markt für seine Satellitenschüsseln und Receiver quasi selbst geöffnet. Dass das Empfangsmonopol der Deutschen Post auf Satellitenfernsehen zu Fall kam, hat viel mit Leppers Lobbyarbeit zu tun. In der selbst gegründeten Zeitschrift „Infosat“ schrieb er gegen den damaligen Postminister Christian Schwarz-Schilling an. Der Mauerfall brachte die nächste Zündstufe: Lepper verkaufte Satellitenreceiver wie geschnitten Brot.

»Made in Germany zählt in England gar nichts. «
Stefan Kön, Technisat

Stefan Kön hält auch die dezentrale Organisation für einen Vorteil, trotz vieler Dienstreisen. Denn erdacht und produziert werden die Geräte nicht am Unternehmenshauptsitz Daun, sondern an drei ostdeutschen Standorten. Die Entwickler sitzen in Dresden, aus dem Werk Schöneck im Vogtland stammen alle Elektronikkomponenten. „Das Herzstück, die Intelligenz unserer Geräte“, sagt Kön über die hochwertigen Platinen. Die Endmontage erfolgt im sachsen-anhaltinischen Staßfurt, wo die zugekauften LCD-Panels aus Fernost mit der deutschen Empfangstechnik vereint werden. „Wenn wir in Dresden entwickeln und in Daun testen, blicken wir mit mehr kritischer Distanz drauf. Es wird betrachtet wie aus einer fremden Firma“, sagt Kön.

© technisat

© technisat

Fachhändler werden intensiv geschult

Auch bei den Absatzmärkten gibt es kein Verzetteln mehr. Heute weiß man: Die Produkte funktionieren vor allem im Heimatmarkt Deutschland, dazu in Österreich, Schweiz und Benelux. „Made in Germany zählt in England zum Beispiel gar nichts.“ Das hat Kön erlebt, als er Anfang der 90er-Jahre bei Birmingham eine Niederlassung aufbaute. „Schreckliche Zeit“, erinnert er sich. „Vor acht Jahren saßen wir in noch 16 Ländern. Doch die Hoffnung auf eine breite Internationalisierung haben wir aufgegeben.“ Auch die unterschiedlichen Standards und rundfunkrechtlichen Regulierungen verkomplizierten alles. „Man muss sich pro Land jede Spezifikation und Produktänderung freigeben lassen – ein Alptraum.“

Weil die smarten, vernetzten Produkte erklärungsbedürftig sind, investiert Technisat viel in die Schulung der rund 6.000 Fachhändler. Zweimal im Jahr bekommt jeder Vertragshändler die Reise zum Produktseminar nach Daun bezahlt, neuerdings wird auch eine Online-Akademie angeboten. Selbst ein Werbebudget für lokale Medien bekommen die Händler vom Hersteller eingeräumt. 80 Prozent verkauft Technisat über den Fachhandel und Fachmärkte, den Rest über Online-Shops. Mit den TV-Geräten lässt man sich gar nicht mehr in den Elektronikmärkten listen. Grund: Die dort befeuerte Preisschlacht geht selten zugunsten des teuersten Geräts aus. „Wenn da meterlang die Kisten stehen, greift der Kunde preislich in die Mitte“, so Köns Erfahrung. Die Präsenz könne man sich also sparen.

Auf ein anderes Ereignis freuen sich die Eifeler Experten: Am 29. März wird in vielen Ballungsgebieten ein Großteil des störanfälligen Antennenfernsehens DVB-T abgeschaltet, das in Deutschland rund fünf Prozent der TV-Haushalte nutzen. Ersetzt wird es durch das leistungsfähigere Sendesystem DVB-T2 HD, für das man neue Empfänger kaufen muss. „Für uns ein Segen“, freut sich Kön. Zumal die Stiftung Warentest jüngst die Empfänger getestet hat. Die beiden ersten Plätze holte Technisat.

© technisat

© technisat

VERBUNDEN MIT QUALITÄT
Von Röhren, Schüsseln und Digitalfernsehern.

Der Stahlhändler Peter Lepper gründet 1975 in Daun das Röhrenwerk TPS. 1987 erkennt er die Chancen, die die Liberalisierung des Fernsehmarktes birgt – und gründet Technisat mit dem Ziel, hochwertige Satellitenempfangsprodukte zu fertigen. 1989 beginnt der Luxemburger Satellitenbetreiber Astra mit der Ausstrahlung deutschsprachiger Programme – ein Boom setzt ein, verstärkt durch die Wiedervereinigung. Seit 1990 betreibt Technisat ein FuE-Zentrum in Dresden für alle eigenen Produkte, 1992 kommt der Produktionsstandort in Schöneck/ Vogtland hinzu, 1998 das Werk in Staßfurt, weil dort kompetente Arbeitskräfte zu finden waren: Dort wurden Fernseher bereits zu DDR-Zeiten im RFT-Kombinat gebaut. 2006 öffnet das polnische Werk bei Breslau, 2007 eine Niederlassung nahe Budapest, seit 2009 kümmert sich im chinesischen Shenzhen eine Einheit um Beschaffung und Qualitätssicherung. 2009 tritt Stefan Kön in die Geschäftsführung ein, der das Unternehmen heute gemeinsam mit Lepper und Beatrix Simon-Ludwig leitet. 2016 verkauft Technisat das Geschäft mit Autoradios und Navigationsgeräten an den chinesischen Zulieferer Ningbo Joyson Automotive. Im Jubiläumsjahr 2017 beschäftigt Technisat rund 1.150 Mitarbeiter. Zu aktuellen Geschäftszahlen macht das Unternehmen keine Angaben. Die bilanzierten Umsatzerlöse im Geschäftsjahr 2014 aus dem Bereich Consumer Electronics beliefen sich auf 183 Millionen Euro.

In Daun wurde 1987 der Grundstein des Unternehmens gelegt. Hier sitzt das Führungsteam der Technisat Digital GmbH. © technisat

In Daun wurde 1987 der Grundstein des Unternehmens gelegt. Hier sitzt das Führungsteam der Technisat Digital GmbH. © technisat


Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentare

  1. Der Artikel ist reine PR.
    „Bei Fehlern können wir sofort reagieren und automatische Software-Updates aufspielen.“
    -> schon mal den Technisat Digipal ISIO HD ausprobiert?
    Sie müssen sich nur die Technisat-Rezensionne bei Amazon durchlesen. Da bekommen Sie das richtige Bild, was das Unternehmen vor allem nicht kann, nämlich guten Service und schnelle Reaktion.

    Antworten
  2. Eine interessante Unternehmensstrategie, die sich wohltuend von dem Mainstream unterscheidet. Hier werden keine Produkte entwickelt, die nach Ablauf der Garantiefrist Verschleißteile haben, die schon konstruktiv am Ende ihre Nutzungszeit sind. Das Konzept ist ähnlich wie bei Trigema, wir sind nicht billig aber gut. Für mich interessant war, ich kannte Technisat als Satellitenschüsselhersteller aber nicht als Fernseherhersteller. Bei meinem nächsten Kauf eines Fernsehers werde ich dieses Unternehmen berücksichtigen.

    Antworten
  3. Dass sich Unternehmer über DVBT 2 freuen, ist klar, es ist ja ein warmer Geldregen, den sie praktisch geschenkt bekommen vom Staat. Worüber Unternehmer nicht nachdenken – ok es ist ja auch nicht ihr Geschäft – ist, dass viele Menschen ab EndeMärz aufs Fernsehen verzichten müssen bzw. sich mühsam neue Geräte vom Mund absparen müssen. Das betrifft besonders ältere Menschen mit kleiner Rente, für die selbst ein DVBT-Empfänger aus Asien sehr viel Geld kostet. Gerade diese Menschen sind aber oft mehr oder weniger an die Wohnung gebunden und der Fernseher ist manchmal tagelang für sie die einzige Ansprache. Schön, dass sich die Eifeler Experten freuen. Vielleicht denken aber auch mal Unternehmer darüber nach, auf wessen Kosten sie sich freuen.

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar zu Peter Klopsch Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

CAPTCHA-Bild

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie weiter