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Finanzierung, solvent

»Börsengänge sollen attraktiver werden«

Rechtsanwalt Jörg Baumgartner von CMS kommentiert das neue Börsensegment „Scale“ für kleine und mittlere Unternehmen an der Frankfurter Börse. Interview: Ingo Schenk

Seit diesem Monat hat die Deutsche Börse den „Entry Standard“ abgeschafft – zugunsten von „Scale“, einem neuen Börsensegment speziell für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Mit Blick auf die Finanzierungsbedürfnisse des Mittelstands eine gute Entscheidung? Ja, denn das neue Segment zeichnet sich durch erhöhte Qualitätsanforderungen aus, was das Interesse von in- und ausländischen Investoren an börsennotierten Unternehmen des Mittelstands erhöhen soll. Umgekehrt soll auch für kapitalsuchende Betriebe das Instrument „Börsengang“ an Attraktivität gewinnen.

Was müssen Kandidaten denn mitbringen, um die Kriterien zu erfüllen?

Bei Aktienemissionen sind zunächst drei der fünf folgenden Kriterien zu erfüllen: Das Unternehmen muss über positives bilanzielles Eigenkapital verfügen, sein Jahresumsatz muss mindestens zehn Millionen Euro betragen, das Jahresergebnis muss positiv sein, es muss bereits vor dem Börsengang fünf Millionen Euro Eigenkapital eingesammelt haben oder es muss mindestens 20 Mitarbeiter beschäftigen. Außerdem muss das Unternehmen seit mindestens zwei Jahren bestehen – und die voraussichtliche Marktkapitalisierung der neu gelisteten Aktien muss mindestens 30 Millionen Euro betragen. Schließlich muss der Streubesitzanteil, der sogenannte Free Float, mindestens 20 Prozent oder eine Million Aktien betragen.

Führt dies zu mehr bürokratischem Aufwand?

Nicht zwingend, denn anders als im Entry Standard ist im neuen KMU-Segment nicht immer die Erstellung eines umfangreichen und von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu billigenden Wertpapierprospekts erforderlich. Bei Privatplatzierungen an ausschließlich institutionelle Investoren oder wenn das Unternehmen im neuen Segment nur ein reines Listing anstrebt, ohne Aktien an Anleger zu verkaufen, reicht die Erstellung eines sogenannten Einbeziehungsdokuments aus. Darin müssen zwar auch das Geschäftsmodell und die Risiken des Unternehmens dargestellt werden – allerdings nicht so aufwendig wie bei einem Wertpapierprospekt. Zudem braucht es nicht von der BaFin genehmigt zu werden. Die Bilanzen können wie bisher auch nach HGB erstellt werden.

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Welche externen Partner muss das Unternehmen einbinden?

Während im Entry Standard die Mandatierung von „Listing Partnern“ erforderlich war, müssen im neuen Segment „Capital Market Partner“ wie Banken, Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Investor-RelationsBerater für die Betreuung der Emittenten während und nach dem Börsengang beauftragt werden. Diese sollen die Firmen in stärkerem Umfang als bislang beraten und unterstützen. Vor dem Börsengang überprüfen sie den Emittenten im Rahmen einer Due Diligence und bereiten mit ihm die erforderliche Dokumentation vor. Danach unterstützen sie ihn bei der Einhaltung der gesetzlichen Transparenzregelungen – besonders bei der Ad-hoc-Publizität sowie bei der Veröffentlichung von Eigengeschäften von Führungskräften. Neu ist zudem, dass Research-Reports von unabhängigen Analysten erstellt werden, die für zusätzliches Vertrauen bei den Investoren sorgen sollen. Diese Berichte werden von der Deutschen Börse beauftragt und zum Börsengang sowie fortlaufend erstellt.

Wie gehen im Entry Standard gelistete Firmen mit diesen Anforderungen um?

Wer momentan im Entry Standard gelistet ist, kann sich noch bis 24. März 2017 unter erleichterten Bedingungen in das neue Segment einbeziehen lassen. Wer aber die Kriterien nicht erfüllen oder nicht in das neue Wachstumssegment wechseln möchten, wird im „Basic Board“ gelistet, das ebenfalls im Freiverkehr angesiedelt ist. Wenn die bisherigen Entry-Standard-Emittenten unter den erleichterten Übergangsbestimmungen in das neue Segment wechseln wollen, müssen sie einen Antrag bei der Deutschen Börse stellen und nur drei der vier folgenden Voraussetzungen erfüllen: mindestens zehn Millionen Euro Umsatz, 20 Mitarbeiter, Profitabilität und positives bilanzielles Eigenkapital. Die Mindestmarktkapitalisierung muss zehn Millionen Euro betragen statt normalerweise 30 Millionen Euro. Für den Segmentwechsel berechnet die Börse außerdem kein Einbeziehungsentgelt und lässt ein initiales Research erstellen.


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