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Hochstimmung im Handwerk

Gut gefüllte Auftragsbücher und solide Erträge – die jüngste Creditreform-Umfrage belegt: Vielen Handwerksbetrieben es so gut geht wie lange nicht. Trotzdem stocken viele Firmen ihr Eigenkapital nicht auf.

Der Dachdecker der Generation 4.0 arbeitet wie folgt: Mithilfe eines 3D-Scanners vermisst er das Haus des Kunden, bestellt per Datenanalyse exakt so viele Dachziegel wie benötigt und lässt sie zum richtigen Zeitpunkt an die Baustelle liefern. Das Ergebnis sind geringere Kosten, weil die Ziegel kürzer gelagert werden, weniger Reste anfallen und der Arbeitsaufwand sinkt. Zudem hilft eine intelligente Software dem digital versierten Dachdecker, den Einsatz seiner Mitarbeiter zu planen und einen schnellen Überblick über seine Ein- und Ausgaben zu erhalten. So spart er Arbeitszeit. Wunschdenken? Nein, das ist längst Realität. Zumindest in einigen Dachdeckerbetrieben. Denn die Digitalisierung der Wirtschaft erreicht immer stärker auch das Handwerk.

Schon etwa 95 Prozent der Handwerksbetriebe verfügen über eine eigene Website, 58 Prozent setzen Software-Lösungen für die Steuerung ihrer betrieblichen Abläufe ein und bereits jeder Vierte nutzt moderne digitale Technologien wie zum Beispiel 3D-Drucker zur Herstellung von Ersatzteilen oder Tracking-Systeme für Maschinen und Werkstoffe. Das hat vor kurzem eine repräsentative Untersuchung im Auftrag des Digitalverbandes Bitkom in Zusammenarbeit mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) ergeben. „Handwerksbetriebe, die konsequent digitale Technologien einsetzen, gewinnen Zeit für ihre eigentliche Aufgabe: das Handwerk“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

» Selten waren die Ertragserwartungen im Handwerk so rosig wie derzeit.«
Creditreform-Studie „Wirtschaftslage im Handwerk“

Zeit ist für viele Handwerksbetriebe insbesondere aus dem baunahen Bereich ein knappes Gut. Ihre Auftragsbücher sind gut gefüllt, sie kommen mit der Erledigung der Kundenwünsche kaum nach. Mitunter müssen sie ihre Auftraggeber um ein, zwei Monate vertrösten. Mehr als drei Viertel der Betriebe im Ausbaugewerbe, welche die Creditreform Wirtschaftsforschung in den ersten Wochen des Jahres 2017 zu ihrer Situation befragte, bezeichneten ihre Geschäftslage als „sehr gut“ oder „gut“. Ähnlich positive Rückmeldungen kamen auch aus dem Bauhauptgewerbe, dem Metallhandwerk und anderen Handwerksbereichen. Kurzum: Es herrscht Hochstimmung im Handwerk. Die meisten Betriebe stehen erneut vor einem sehr erfolgreichen Jahr. Ein Drittel der 1.300 befragten Betriebe meldete höhere Umsätze als zu Jahresbeginn 2016. Nur jeder Zehnte hatte weniger in der Kasse als zwölf Monate zuvor.

Rosige Aussichten

Die gute Auftrags- und Umsatzsituation erlaubt es vielen Handwerkern, Preiserhöhungen durchzusetzen. Etwa 43 Prozent der Betriebe verteuerten zuletzt ihre Leistungen. So kompensierten sie gestiegene Lohnkosten, die auch aus der Einführung des Mindestlohns resultierten, oder andere zusätzliche Belastungen wie höhere Stromkosten. „Selten waren die Ertragserwartungen im Handwerk so rosig wie derzeit“, bilanziert die Analyse von Creditreform. Jeder dritte Handwerksbetrieb rechnet damit, 2017 noch einmal besser zu verdienen als im Jahr zuvor. Dazu trägt auch bei, dass sowohl private Kunden als auch die öffentliche Hand als Auftraggeber zunehmend zuverlässig und pünktlich ihre Rechnung bezahlen. Längere Zahlungsfristen von bis zu 90 Tagen sind kaum noch üblich – und auch Forderungsausfälle sind selten geworden.

Nur wenige Betriebe nutzen die gute Ertragsentwicklung, um ihr Eigenkapitalpolster aufzustocken. Nach wie vor weist nahezu jeder dritte Betrieb eine Eigenkapitalquote von weniger als zehn Prozent auf – zu wenig, um eine ernsthafte Krisensituation abfedern zu können. Auch die Zahl der Betriebe, die über eine solide Ausstattung mit eigenen Mitteln verfügen (das ist der Fall, wenn das Eigenkapital mehr als 30 Prozent der Bilanz­summe erreicht), hat sich zuletzt leicht verringert. Creditreform führt das auch darauf zurück, dass mancher Handwerker stärker auf die derzeit zinsgünstigen Kredite zurückgegriffen hat, um Investitionen zu finanzieren. Denn die Bereitschaft, den Betrieb zu erweitern und zusätzliche Kapazitäten aufzubauen, ist gegenüber 2016 noch einmal gestiegen.

Völlig sorgenfrei ist das Handwerk jedoch nicht. Viele Betriebe würden gerne Fachkräfte und Auszubildende einstellen, finden aber keine Bewerber. Auch der Bedarf an flexiblen 450-­­Euro-Jobs ist zuletzt gestiegen. Qualifizierte Kräfte sind rar und ein großer Teil der Jugendlichen entscheidet sich nach dem Schulabschluss für ein Studium oder strebt einen Bürojob in Wirtschaft oder Verwaltung an, anstatt einen Handwerksberuf zu ergreifen. Der Branchenverband ZDH steuert dagegen und versucht Jugendliche seit neuestem auch via Youtube und Facebook von den Vorzügen einer Ausbildung zu überzeugen. Erste Erfolge sind zu erkennen. Die Handwerksbetriebe haben zuletzt mehr Ausbildungsplätze besetzen können als im Jahr zuvor. So mancher Schulabgänger stellt offensichtlich fest, dass Handwerk heute weit mehr ist, als mit den Händen zu werken: Technisches Verständnis und vor allem digitale Kompetenz sind als Zusatzqualifikationen immer stärker gefragt. Nur dann wird auch ein Dachdecker seinen Betrieb in Zukunft wirtschaftlich führen können.

(c) Creditreform-Magazin

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Kommentare

  1. Eine sehr gute Beschreibung der aktuellen Wirtschaftslage im Handwerk.

    Meines Erachtens wurde eine wesentliche Negativentwicklung nicht thematisiert: Denn neben dem beschriebenen Fachkräftemangel ist das Handwerk von einem akuten Unternehmermangel bedroht. Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) warnte bereits 2015, dass jeder fünfte Betrieb vor einer ungelösten Unternehmensnachfolge steht. Mittlerweile dürfte sich diese Quote nochmals deutlich verschlechtert haben.

    Allein im Bezirk der Handwerkskammer Osnabrück stehen rund 3.000 Handwerksunternehmer vor der Nachfolgefrage. Dies sind 60% mehr als noch vor fünf Jahren. Die nachfolgende Studie zeigt, was für eine Welle der Nachfolge auf unsere mittelständische Wirtschaft zurollt: http://creditreform-magazin.de/2016/03/24/erfolgreich/nilskoerber/die-demografie-der-unternehmensnachfolge/. Die demografische Entwicklung in Schleswig-Holstein kann 1:1 auf andere Bundesländer übertragen werden, die aufgrund ihrer Bevölkerungsstruktur noch weit mehr Familienunternehmen beheimaten.

    Der bevorstehende Generationswechsel wird massive Auswirkungen auf die Struktur unserer regionalen Wirtschaft haben und ist eine riesige Herausforderungen für regionale Wirtschaftsförderer, Banken, Politiker sowie Verbände und Kammern. Dieser Kommentar beleuchtet die wesentlichen Auswirkungen Entwicklung: https://unternehmensnachfolge-news.de/kommentar-ungeloeste-unternehmensnachfolgen-gefaehrden-unseren-wohlstand/

    Antworten

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