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erfolgreich, Nachhaltigkeit

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Unternehmen wollen nicht dem Gemeinwohl dienen, sondern Geld verdienen – so zumindest werden sie vielfach wahrgenommen. Dabei wirtschaften viele Unternehmen nachhaltiger, als die Öffentlichkeit denkt. Nur berichten sie darüber zu wenig. Ein Fehler.

Anfang 2017 klopfte Caroline Kogel bei Missio in Aachen an. Das Internationale Katholische Missionswerk macht sich dafür stark, dass Elektronikhersteller kein Tantal, Wolfram, Zinn oder Gold aus Krisenregionen mehr einsetzen. Der Grund: Mit dem illegalen Handel dieser Rohstoffe finanzieren Rebellen und Milizen ihre Waffen. Kogels Arbeitgeber, die Lancom Systems GmbH in Würselen, entwickelt und vertreibt Router, Gateways und Geräte für den WLAN-Zugang – und ist bei deren Produktion auf die Metalle angewiesen. Die Mission der CSR-Managerin und Mitarbeiterin der Lancom-Systems-Kommunikationsabteilung: Gemeinsam mit dem Hilfswerk und anderen Elektronikherstellern nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Lieferketten transparenter zu gestalten. „Wir wollen sicherstellen, dass die von uns produzierten elektronischen Geräte künftig keine Rohstoffe mehr enthalten, an denen im übertragenen Sinne Blut klebt“, so Kogel.

Lancom Systems ist eines von vielen deutschen Unternehmen, die aus freien Stücken für die Folgen ihres wirtschaftlichen Handelns eintreten und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollen. „Die Diskussion um Nachhaltigkeit in der Wirtschaft ist mehr als 30 Jahre alt und in dieser Zeit sind viele Unternehmen weit vorangekommen“, urteilt René Schmidpeter, Professor für Corporate Social Responsibility (CSR) an der Cologne Business School.

So achtet der Kölner Anbieter von Berufskleidung Bierbaum-Proenen darauf, dass seine asiatischen Lieferanten ihre Mitarbeiter fair behandeln. Das Familienunternehmen Gira Giersiepen aus Radevormwald nutzt für die Produktion seiner Elektroinstallationstechnik auch recyceltes Kunststoffgranulat. Quer durch alle Branchen praktizieren vor allem Familienunternehmen heute entlang der Wertschöpfungskette – vom Einkauf über die Produktion bis hin zur Logistik – Prinzi­pien der Nachhaltigkeit.

„Doch nur die allerwenigsten machen sich die Mühe, über ihr vielfältiges Umwelt- und Sozialengagement auch angemessen zu berichten“, sagt Udo Westermann. Der Geschäftsführer der Unternehmervereinigung Future e.V. bewertet seit 1994 zusammen mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) die Qualität der Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen und erstellt Rankings. Die Zahl der Mittelständler, die bereits ins Reporting eingestiegen sind, schätzt Westermann auf etwa 165. Die übertriebene Diskretion, mit der deutsche Unternehmen ans Werk gehen, hält der Experte für einen Fehler: „Ein gut gemachter Nachhaltigkeitsreport stärkt die Marke und interessiert längst nicht nur die Kunden, sondern auch potenzielle Mitarbeiter und Geldgeber“, so Westermann.

Die Pflicht zum Bericht

Große kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sind seit März dieses Jahres sogar gesetzlich dazu verpflichtet, über ihr soziales und ökologisches Handeln zu berichten und Rechenschaft abzulegen. „Wir reden hier von bundesweit 536 Großunternehmen. Hinzu kommt: Das, was jetzt Pflicht wird, haben etwa 80 dieser Unternehmen schon bisher freiwillig getan“, sagt Westermann. Gemessen an der Gesamtzahl der rund 3,6 Millionen Unternehmen in Deutschland sei der Kreis der direkt Betroffenen also überschaubar. Indirekt betroffen hingegen sind weitaus mehr. Als Zulieferer sind eben auch viele Mittelständler Teil der Lieferketten – und stehen damit ihrerseits unter Zugzwang, Nachhaltigkeit zu dokumentieren.

Einen sehr umfangreichen Bericht, der die eigenen globalen Lieferketten transparent macht, veröffentlicht beispielsweise der Outdoor-Ausrüster Vaude in Tettnang am Bodensee. Die Familienunternehmerin Antje von Dewitz hatte den Kindheitstraum, „ein Unternehmen zu führen, das durch und durch ökologisch, fair und transparent ist“. Um ihn zu verwirklichen, musste sie zunächst einmal intern Überzeugungsarbeit bei den eigenen Mitarbeitern leisten. VAUDE wurde 1974 gegründet und war von jeher in verschiedensten ökologischen und sozialen Projekten engagiert. Als die heute 44-jährige Tochter des Firmengründers 2008 das Ruder übernahm, war sie fest entschlossen, es nicht nur bei einzelnen Projekten zu belassen, sondern erklärte das Nachhaltigkeitsprinzip zum Kern ihrer Unternehmensstrategie. Dazu gehörte auch, für völlige Transparenz über alle Aktivitäten zu sorgen. „Wenn man Nachhaltigkeit nur bei einzelnen Projekten macht, sind die Mitarbeiter irgendwann frustriert, weil es weder nach außen wirkt noch die Mitarbeiter überzeugt“, sagt von Dewitz. „Es bringt nichts für die Marke, sondern verschlingt nur Ressourcen.“

Um nach innen wie nach außen Nachhaltigkeit zu leben und diesen Wert auszustrahlen, mussten die 500 Mitarbeiter erst einmal einen Riesenberg an Bürokratie bewältigen. „Man muss Daten erheben – und erzeugt damit wesentlich mehr Aufwand, Kosten und Konflikte, als man vorher hatte“, erinnert sich von Dewitz. „Das hat nicht gerade für Begeisterung gesorgt und war für viele sehr schwer nachzuvollziehen.“ Heute hat Vaude nicht nur eine klimaneutrale Firmenzentrale am Bodensee vorzuweisen. In seinem mehrfach preisgekrönten Nachhaltigkeitsbericht beschreibt der Textilhersteller auch, wie er gemeinsam mit externen Experten für Umwelt-, Chemikalien- und Arbeitssicherheit seine weltweit verstreuten Geschäftspartner schult – über die gesamte Lieferkette hinweg von den Materiallieferanten bis hin zu den Produktionsstätten in Fernost. Wurde von Dewitz 2010 von ihren Wettbewerbern im Outdoor-Segment noch belächelt, beneidet die Konkurrenz sie heute um die gute Geschäftsentwicklung.

„Einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen und seine Organisation Tag für Tag nachhaltiger zu machen, ist ein und derselbe Kraftakt“, sagt Kommunikationsexpertin Sabine Braun von der Beratungsagentur Akzente in München (siehe Kasten auf Seite 16). Mehr noch: Offizielle Leitlinien für die Berichtserstellung wie die Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI) oder das Rahmenwerk „Deutscher Nachhaltigkeitskodex“ dienen immer häufiger als Regiebücher für den Wandel hin zum innovativen nachhaltig aufgestellten Geschäftsmodell.

Start in kleinen Schritten

Auch der Elektronikhersteller Lancom Systems plant langfristig einen Nachhaltigkeitsbericht herauszugeben. „2014 sind wir damit gestartet, die bereits vorhandenen Informationen und Daten aus allen relevanten Abteilungen zusammenzutragen und Geschäftspartner zu befragen, um eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie und einen Katalog mit ersten Maßnahmen zu entwickeln“, berichtet CSR-Managerin Kogel. „Um in ein paar Jahren über unsere Fortschritte berichten zu können, arbeiten wir diesen Katalog jetzt erst einmal ab.“ In diesem Frühjahr hat das 270-Mitarbeiter-Unternehmen beispielsweise umfangreiche Fragenkataloge zu Themen wie Umweltschutz, Arbeitssicherheit, faire Entlohnung oder auch Korruptionsbekämpfung an seine Lieferanten verschickt. Kogel: „Wir selbst erhalten von unseren großen Auftraggebern regelmäßig solche Fragenkataloge und müssen Belege für unsere Angaben beibringen. Das ist zwar viel Arbeit, aber führt auch zu professionelleren Prozessen.“
Die knapper werdende Ressource Sand, der Atomunfall in Fukushima, der zum Atomausstieg in Deutschland führte, sowie der Wunsch, als Unternehmer Produkte anbieten zu können, die der Gesellschaft helfen, den Klimawandel zu bekämpfen und mit dessen Folgen besser umzugehen – das alles bewog das Familienunternehmen Rinn Beton- und Naturstein aus Heuchelheim bei Gießen 2011 zum grünen Neustart. Heute, nur sechs Jahre später, führt Firmenchef Christian Rinn das erste Betonwerk, dessen Klimabilanz ausgeglichen ist. Jüngst brachte Rinn einen neuen Pflasterstein heraus, der zu 40 Prozent aus Recycling-Beton besteht und als Öko-Belag so konzipiert ist, dass Regenwasser zu ­ 100 Prozent direkt in den Grund versickern kann. Eine Innovation, die hilft, Überschwemmungen in Städten vorzubeugen.
Der Neustart macht sich mittlerweile auch ökonomisch bezahlt. Bei öffentlichen Ausschreibungen wird der Einsatz von klimaneutral erzeugten Produkten zunehmend gefordert. Rinn: „Nachhaltigkeit ist zwar kein Thema, mit dem sich offensives Marketing betreiben lässt. Doch unser Nachhaltigkeitsbericht hilft uns, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir eben nicht nur an die Rendite denken. Wir wollen auch das Gemeinwohl fördern.“

INTERVIEW

(c) Future eV

(c) Future eV

Udo Westermann, Geschäftsführer der Unternehmerinitiative „Future e.V. –
Verantwortung Unternehmen“, über die neuen Berichtspflichten von Unternehmen.

Herr Westermann, das neue Gesetz zwingt Großunternehmen nun, darüber zu berichten, wie sie ihrer Umwelt- und Sozialverantwortung gerecht werden. Fördert das tatsächlich die Nachhaltigkeit in der Wirtschaft oder nur die Beschäftigung von ­Beratern?

Die neue Berichtspflicht beschert Beratern mit Sicherheit Neugeschäft. Aber sie bewirkt auch, dass sich viele kapitalmarkt­orientierte Großunternehmen erstmals mit dem Thema Nachhaltigkeit intensiver auseinandersetzen müssen. Dabei stellen sie hoffentlich fest, dass es nicht nur eine lästige Pflicht, sondern eine Riesenchance ist. Konzerne, die es beispielsweise in den Dow Jones Sustainability Index schaffen, werden für ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten auch finanziell belohnt, weil sie dadurch Zugang zu Investoren erhalten.

Und von wie vielen betroffenen Unternehmen sprechen wir?

Angesichts der Tatsache, dass es hierzulande 3,6 Millionen Unternehmen gibt, ist der Kreis der direkt Betroffenen überschaubar. Wir sprechen von 536 kapitalmarkt­orientierten Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Hinzu kommt: Das, was jetzt Pflicht wird, haben etwa 80 dieser Unternehmen bisher auch schon freiwillig getan.

Das heißt, der Mittelstand kann sich vorerst beruhigt zurücklehnen?

Nein, auf keinen Fall. Denn der Druck, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, nimmt stetig zu und kommt gleich von mehreren Seiten. Jede Branche hat ihren eigenen Handlungs- und Rechtfertigungsdruck. Das reicht von menschenunwürdigen Produktionsbedingungen in textilen Lieferketten über die knapper werdende Ressource Sand in der Bauindustrie bis hin zum Einsatz von Seltenen Erden in der Handyproduktion. Als Zulieferer sind viele Mittelständler Teil der Lieferketten und damit auch Teil dieser Diskussionen.

Was genau sollten sie also tun?

Auch Familienunternehmen sollten ihren Status in puncto Nachhaltigkeit bewerten und darüber nachdenken, wie sie sich strategisch positionieren. Was die Kommunikation angeht, muss es ja zu Beginn kein umfänglicher Nachhaltigkeitsbericht sein. Eine Kurzbroschüre zu einem Fokusthema, das für das eigene Kerngeschäft besonders wesentlich ist, ist ein guter Einstieg. Auf keinen Fall sollten Mittelständler warten, bis sie von der Beschaffungsabteilung eines ihrer Auftraggeber aufgefordert werden, bitteschön Konzeptbeschreibungen, Kennzahlen und Belege für ihr Umweltmanagement, ihr Engagement für ihre Arbeitnehmer oder ein Monitoring ihrer Lieferanten aus Risikoländern einzureichen. Denn dann stehen Unternehmen schnell vor der unangenehmen Aufgabe, einen Verhaltenskodex unterschreiben zu müssen, von dem sie gar nicht sicher sind, ob sie ihn auch wirklich einhalten.

Ist denn damit zu rechnen, dass der Gesetzgeber die Berichtspflicht in den nächsten Jahren weiter verschärft und auf Familienunternehmen ausweitet?

Mit dem neuen Gesetz hat die deutsche Regierung eine EU-Direktive umgesetzt. Erst Ende 2021 will die EU evaluieren, wie sich die Berichtspflicht ausgewirkt hat. Bis dahin ist erst einmal Ruhe. Sollte es danach zu gesetzlichen Verschärfungen kommen, würde die Berichtspflicht vermutlich als Erstes auf alle ­Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ausgeweitet.

(c) Creditreform-Magazin

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