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    erfolgreich

    Diskrete Geldgeschäfte

    Fast jeder besitzt ein Produkt von Giesecke+Devrient – und die wenigsten wissen es. Sicherer Tipp: Der Griff in die Brieftasche sollte genügen. Ein Besuch beim Banknoten-Riesen, der sich wappnet für das digitale Zeitalter.

    Der Traum von der Gelddruckmaschine im Keller – für Ralf Wintergerst ist er praktisch Wirklichkeit. Der 54-Jährige verdient sein Geld mit der Herstellung von Banknoten. Doch naheliegende Witzeleien darüber würde sich der CEO von Giesecke+Devrient nie erlauben. Schon aus Respekt gegenüber seinen Auftrag­gebern: Mehr als 100 Notenbanken weltweit ordern beim Bargeldspezialisten aus München Nachschub. In einer eigenen, hochgeheimen Papierfabrik in Louisenthal am Tegernsee produziert Giesecke+Devrient die Sicherheitspapiere und Sicherheitsmerkmale für die Scheine. „Geld ist eine kritische Infrastruktur. Wir machen das Bezahlen sicher“, sagt Wintergerst. Mit dem ersten Händedruck wird klar: Bei ihm begleitet das Streben nach Seriosität und Verlässlichkeit jeden Schritt.

    Das Geschäft mit fälschungssicher bedruckter Baumwolle beherrscht Giesecke+Devrient (G+D) schon seit 1852, als man mit Wertpapierdruck in Leipzig anfing. Heute definiert sich das Unternehmen mit fast 2,1 Milliarden Euro Umsatz als globaler Technologiespezialist. Das Kernprodukt: Vertrauen. „Sicherheit ist eines der Schlüsselthemen der Zukunft. Das gilt für die sichtbare und die digitale Welt gleichermaßen“, sagt Wintergerst. Ob Flughafenkon­troll-Systeme, Passdokumente mit Biometrie-Chip, Mobilfunkkarten oder Verschlüsselungslösungen für die Diplomaten-Kommunikation oder auch Industriemaschinen: „Wo wir drin sind, wollen wir exzellent sein“, sagt Wintergerst.

    Wer sich der stabil vergitterten Zentrale in der Münchner Prinzregentenstraße nähert, bekommt einen leisen Eindruck vom Unternehmensgefühl. Hier trifft privatwirtschaftlicher Innovationsgeist auf Hoheitsaufgaben, die sonst staatlichen Stellen vorbehalten sind. Giesecke+Devrient genießt das Privileg, als einziges deutsches Privatunternehmen im Auftrag der Bundesbank den Euro herzustellen. Welchen Anteil der Euro-Noten G+D druckt? „Das ist vertraulich“, heißt es nur. Genauere Angaben dazu verbietet die Diskretion.

    Bares ist Wahres

    Der groß gewachsene Ralf Wintergerst trägt zum blauen Anzug ein weißes offenes Hemd. Er nimmt einen Nachmittagstee. Hinter ihm hängen gerahmt an der Wand die acht alten D-Mark-Scheine – vom grünen Fünfer bis zum braunen Tausender. Er bemerkt den interessierten Blick des Betrachters, die nächsten Fragen erahnt er schon. Welche Zukunft hat Bargeld überhaupt noch, wo Schweden bereits über dessen Abschaffung sinniert und Bitcoins für Schlagzeilen sorgen? „Ich kenne natürlich die Debatte“, sagt er und lächelt.

    Die Geschäftszahlen sprechen eine andere Sprache: Bargeld boomt. „Das Wachstum der umlaufenden Banknoten beträgt im Euroraum sieben Prozent im Jahr“, sagt Wintergerst. Weltweit steige die Nachfrage nach dem Produkt Bargeld um vier bis sechs Prozent. „Die Geldmenge wächst auf allen Kanälen: elektronisch, mobil und bar. Wir sind uns sicher: Das Bargeldzeitalter ist noch lange nicht vorbei.“

    » Geld ist eine kritische Infrastruktur. Wir machen das Bezahlen sicher. « Ralf Wintergerst, Giesecke+Devrient

    Vor allem das Motiv der Geldaufbewahrung werde von vielen unterschätzt. „Und dieses Problem ist in der digitalen Welt noch nicht gelöst. Was, wenn einer den Stecker zieht?“, sagt Wintergerst. Bares ist Wahres. Zwei Drittel der in Deutschland umlaufenden Banknoten werden als gehortete Barreserven genutzt, sagte jüngst Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele.  Ein stattlicher Anteil stammt aus den Druckmaschinen von Giesecke+Devrient.

    Zwei Druckstandorte betreibt das Unternehmen: Leipzig und Malaysia, wobei der Euro nur im Inland entstehen darf. Geld als Ware: Der Herstellungspreis für 1.000 Scheine betrage je nach Güte und Zahl der Sicherheitsmerkmale 30 bis 100 Euro, sagt Wintergerst. Der studierte Betriebswirt ist in der Bargeldsparte des Unternehmens großgeworden, bevor er im November 2016 den Vorsitz der Gesamtgeschäftsführung übernahm. „Currency Technology“ heißt der Bargeldbereich, der neben dem Druck auch etwa die Herstellung von Banknotenpapier, Sicherheitselementen sowie Zähl- und Sortiermaschinen umfasst und noch immer den größten Anteil am Geschäft ausmacht. „Aber auch unsere weiteren Geschäftsbereiche arbeiten profitabel“, sagt Wintergerst. Der Gesamtüberschuss betrug 2016 stabile 52 Millionen Euro.

    Neue Firmenstruktur

    Das war nicht immer so. Vor drei Jahren rutschte Giesecke+Devrient in die Verlustzone. 2014 standen 73 Millionen Euro Minus zu Buche – auch als Folge einer turbulenten Phase, in der sich das Unternehmen neu sortieren musste, eine Holdingstruktur etablierte und den teuren Druckstandort München zugunsten von Leipzig aufgab. 630 Mitarbeiter in München mussten gehen, das Unternehmen wurde wochenlang bestreikt. Das mittlerweile abgeschlossene Sparprogramm sei eine schmerzhafte, aber notwendige Veränderung gewesen, sagt Wintergerst: „Leipzig ist bei den Stückkosten wesentlich günstiger. In München fokussieren wir auf die Hochtechnologie-Anwendungen und haben hier unser FuE-Zentrum.“ 111 Millionen Euro investierte G+D im Jahr 2016 in die Erforschung neuer sicherheitstechnischer Anwendungen.

    Wintergerst hat eine knifflige Aufgabe: Er muss den Technologiekonzern nicht nur nach innen fit machen für die Digitalisierung, sondern unentwegt marktgängige Lösungen entwickeln, die Fälschern, Hackern und Erpressern immer einen Schritt voraus sind. Ein kräftiger Katalysator: Je vernetzter die Welt, desto höher auch das Potenzial für Missbrauch. So wächst der Ruf nach der G+D-Expertise, die mit 7.500 Patenten abgesichert ist.

    Das Geschäft beruht auf vier Säulen, die als Einheiten mittlerweile voneinander getrennt sind: Zuletzt 183 Millionen Euro Umsatz brachten Lösungen für Regierungen und Behörden, die G+D über das Joint Venture „Veridos“ mit der Berliner Bundesdruckerei anbietet. Ausweissysteme, Gesundheitskarten und Reisedokumente sind ein gefragtes Exportgut: 300 Millionen Pässe für 60 Länder hat G+D geliefert.

    Der Geschäftsbereich „secunet“ spielt im Feld der IT-Sicherheit und hat als Kernprodukt eine Verschlüsselungsbox für die Punkt-zu-Punkt-Kommunikation. Über diese können Behörden sichere Internetverbindungen aufbauen.

    Im Feld „Mobile Security“ stellt G+D unter anderem Chipkarten und mobile Bezahlsysteme her. Außerdem verwaltet das Unternehmen fast drei Milliarden SIM- Karten in 80 Ländern weltweit. Wintergerst setzt zugleich auf ein zweites, jüngeres Pferd, das an Bedeutung gewinnt: die Produktion von sogenannten eSIMs, also im Gerät fest verbauten Karten. „Hier kannibalisieren wir sehenden Auges das eigene Geschäftsfeld, was uns nicht leichtfällt“, erklärt er. „Wenn wir die eSIM vorantreiben, geht das zulasten der klassischen SIM. Aber: Tun wir es nicht, macht es ein anderer.“ Auch Autos, die mit dem Internet verbunden sind, rüstet G+D mit sicheren Chips aus. BMW etwa verlässt sich seit einem Jahr auf Giesecke+Devrient bei der Ausstattung seiner Fahrzeuge mit eSIMs. Sie sind fest in der Kommunikationselektronik der Autos verlötet.

    Im Wachstumsfeld Cybersecurity sieht Giesecke+Devrient enormes Potenzial. Der Erpressungs-Trojaner „Wannacry“, der im Mai für breites Entsetzen sorgte, bot eine Steilvorlage: Die IT-Sicherheitslösung „Secure ­Industrial Visibility“ (SIV) aus dem Hause G+D wäre in der Lage gewesen, die Ausbreitung von System zu System zu stoppen. „Den Schaden hätte man erheblich eindämmen können“, teilte das Münchner Unternehmen mit. Gerade die zunehmend vernetzte Maschinenwelt und das „Internet der Dinge“ sieht Wintergerst als Zukunftsmärkte, unter anderem für die SIV-Lösung, die sichere Tunnelverbindungen zwischen zwei Endpunkten herstellt. Ganz gleich, welche Maschinen oder Geräte da konkret kommunizieren.

    Mit einem internen G+D-Inkubator versucht Wintergerst das hohe Tempo der Digitalwelt aufzunehmen, flexibel Chancen zu erkennen und Kunden auch mal Prototyp-Lösungen anzubieten. „In einer unserer weiteren Digitalinitiativen, dem Think Tank, prüfen wir auch Anwendungen mit der Blockchain. Es bleiben aber einige Zweifel, weil die Kontrollinstanz fehlt“, sagt er. Sein vorläufiges Urteil: „Noch nicht ausgereift genug für den breiten Markt.“
    Welcher Trend ist robust, welcher bloß Hype? Ständig steht Wintergerst vor Investitionsentscheidungen, die mitunter zusammenschrumpfen auf die Frage: klassisch oder digital? Er ist ein hochgradig analytischer Typ. „Es geht immer darum, das dahinterstehende Muster zu erkennen“, sagt er. Auch wenn G+D kräftig von den Mega­trends Vernetzung, Mobilität und Digitalisierung profitiert, schlägt Wintergerst nachdenkliche Töne an: „Die oft unreflektierte Glorifizierung der Digitalisierung ist mir fremd. Will man wirklich in einer Welt leben, in der alles digital ist? Das Leben besteht nicht nur aus One-Click-Buys.“ Er nähert sich den großen Zukunftsfragen eben nicht nur als „Kaufmann mit großem Hang zur Technik“.

    Der Manager Ralf Wintergerst hat Betriebswirtschaftslehre studiert und stieg 1998 bei Giesecke+Devrient ein. Als Direktor der internationalen Tochtergesellschaften betreute er den damaligen Unternehmensbereich „Cards and Services“. Zwischen 1999 und 2005 übernahm er Führungspositionen in der Division Banknotenbearbeitungssysteme, bis er 2006 deren Leitung erhielt. Ab Ende 2013 leitete Wintergerst den Bereich „Banknote“, der den kompletten Bargeldkreislauf abbildet. Im November 2016 übernahm Ralf Wintergerst den Vorsitz der Geschäftsführung von Giesecke+Devrient. Er verantwortet unter anderem die Bereiche Strategie, Mergers & Acquisitions, Informationssysteme und Recht.

    Das Unternehmen Hermann Giesecke und Alphonse Devrient gründeten 1852 in der Druck- und Verlagsstadt Leipzig das „Officin für Geld- und Werthpapiere“. Nach der Enteignung durch die russischen Besatzer baute Siegfried Otto 1948 Giesecke+Devrient in München neu auf. 1958 beauftragte ihn die Bundesbank erstmals mit dem D-Mark-Druck, 1964 kaufte
    er die Papierfabrik Louisenthal am Tegernsee. 1968 entwickelte G+D das Eurocheque-System, 1981 produzierte man erste Chipkarten im Auftrag der Deutschen Bundespost und französischer Banken. Seit 1999 druckt G+D Euro-Banknoten. Weitere Unternehmensbereiche sind der Druck von Ausweisdokumenten sowie die Verwaltung von SIM-Karten. 2016 erzielte G+D 2,1 Milliarden Euro Umsatz. Das Unternehmen ist im Familienbesitz. Die Eigentümerin Verena von Mitschke-Collande, Tochter von Siegfried Otto, ist vertreten im Aufsichtsrat und Beirat.


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