(c) Andreas Klammt(c) Andreas Klammt

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    Chance für Spätzünder

    Eine Ausbildung macht fit für den Arbeitsmarkt. Deshalb gilt: Besser spät durchstarten als nie. Auch Arbeitgeber profitieren davon, lebenserfahrenen Azubis eine Chance zu geben.
    Ein Lebenslauf mit Höhen und Tiefen. Achim Völkner hat sich die beruflichen und privaten Daten ganz genau angeschaut, als das Duisburger Zeitarbeitsunternehmen Start NRW ihm die Mutter mit zwei Kindern für eine Teilzeitausbildung vorschlug. Nach dem Abitur brach die Frau ihr Studium ab, weil sie einen Amerikaner heiratete. Sie jobbte immer wieder – nach der zerbrochenen Ehe auch parallel zur Kindererziehung. Was der Prokurist des Marktforschungsinstituts Aura Europa in Leverkusen las, überzeugte ihn dennoch: „Sie hat nie auf der faulen Haut gelegen, außerdem ist ihr Englisch erstklassig“, sagt er.

    Jetzt lernt sie in 21 Wochenstunden plus Schule den Beruf der Fachangestellten für Marktforschung. Von den 730 Euro Ausbildungsvergütung im ersten Lehrjahr muss Aura Europa lediglich 60 Prozent zahlen, den Rest trägt die Arbeitsagentur. Gerade hat Völkner seiner ältesten Auszubildenden die Verkürzung der Lehrzeit um ein Jahr angeboten, weil die Noten prima sind und sie im Institut schon eigenständig Aufgaben ihres Berufsbildes übernimmt, wie etwa Daten zu bereinigen, Berichte zu erstellen und Präsentationen aufzubereiten. Bestärkt durch diese gute Erfahrung würde er weitere Versuche mit ähnlichen Spätzündern wagen.

    Überzeugungsarbeit gefragt

    „Betriebe für eine Ausbildung in Teilzeit zu gewinnen, ist nicht so einfach und braucht Überzeugungsarbeit“, sagt Andrea Stock, Projektentwicklerin bei Start NRW, deren Gesellschafter das Land, Kommunen und Verbände sind. Ob Teilzeit oder Vollzeit: Die un- oder angelernten Arbeitnehmer werden berufsbegleitend ausgebildet und machen ihre Prüfung vor der IHK. Stock: „Sie haben dann einen vollwertigen Berufsabschluss.“

    Wenn sie überhaupt die Extrameile gehen, setzen Firmen gerne auf etablierte Modelle, um die Chancen der Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Dazu gehört WeGebAU, ein Weiterbildungsprogramm der Bundesagentur für Arbeit für an- oder ungelernte Beschäftigte. Arbeitnehmer in Firmen mit weniger als 250 Mitarbeitern erhalten einen Zuschuss zu Lehrgängen. Machen die Beschäftigten eine Umschulung oder bereiten sie sich auf externe Berufsprüfungen vor, wird dem Betrieb ein Zuschuss zum Arbeitsentgelt und zu den Sozialversicherungsbeiträgen gezahlt, weil der Lernende während der Weiterbildung keine Arbeitsleistung erbringt. In einer dritten Säule, in der ein Berufsabschluss das Ziel ist, wird die Förderhöhe für die Betriebe gestaffelt – pro Modul auf bis zu 100 Prozent für die Ausfallzeiten. Entscheidend ist, dass die Qualifizierung nicht nur dem Betrieb nutzt, sondern die Menschen Fähigkeiten erwerben, die sie auch in anderen Unternehmen einsetzbar machen.

    Mit ihrer Förderung hat die Arbeitsagentur vor allem Menschen jenseits des klassischen Ausbildungsalters im Blick, die noch keinen Berufsabschluss erworben haben, aber einiges an Lebenserfahrung mitbringen. Immerhin gehören, so das Bundesinstitut für Berufsbildung, 1,5 Millionen 25- bis 34-Jährige dazu. Unter ihnen sind die, die keinen Schulabschluss haben und von denen rund 60 Prozent den Sprung in die Ausbildung nicht schaffen. Aber es sind auch Studierende darunter, die – so das Bildungsministerium Ende 2016 – ihr Bachelorstudium an Fachhochschulen zu über 25 Prozent, an Universitäten zu über 30 Prozent vor dem Abschluss abbrechen. In einzelnen Fächern wie Informatik werden sogar 40 Prozent gezählt. Die Verschulung schreckt diese jungen Leute meist ebenso ab wie die Theorielast. Umso ausgehungerter sind die Youngster auf betriebliche Praxis.

    Das nutzt zum Beispiel die IT.Schule Stuttgart: Wer sich einen Ausbildungsbetrieb sucht, erhält in der Schule einen Teil der erworbenen Punkte aus dem Studium anerkannt. Speed.it heißt das Programm. Die Berufsabschlüsse, die in kürzerer Zeit erreicht werden, sind Softwareentwickler und IT-Kaufmann – also äußerst gesuchte Qualifikationen. Bei diesen und vergleichbaren Berufsausbildungen ist die Industrie- und Handelskammer (IHK) mit an Bord, nicht nur in Stuttgart. Firmen mit Fachkräftebedarf, die bereit sind, auszubilden, können sich an die IHK-Ausbildungsberater wenden.

    Der Staat fördert Spätberufene

    Doch nicht nur Studienabbrecher erhalten eine Förderung. Unter dem Label „Zukunftsstarter“ unterstützen Arbeitsagenturen und Jobcenter Spätberufene, die in die Berufsqualifikation gehen – und deren Ausbildungsbetriebe. Unter anderem erhalten Azubis Prämien für erfolgreiche Zwischen- und Abschlussprüfungen. Das fördert den Durchhaltewillen. Schon in den vergangenen drei Jahren sind 100.000 Spätzünder in die Ausbildung gestartet. Bis Ende 2020 wollen das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Bundesagentur für Arbeit (BA) weitere 120.000 Menschen unterstützen. Vom Kaufmann für Büromanagement über die Orthopädieschuhtechnikerin und den Mechatroniker bis hin zur Chemikantin werden Ausbildungsberufe in allen Branchen und Betriebsgrößen gefördert.

    Arbeitgeber erkundigen sich am besten beim BA-Arbeitgeberservice – persönlich in ihrer Stadt oder telefonisch unter der gebührenfreien Zentralnummer 0800-4555520. Auch in diesem Programm führen viele Wege zur Abschlussprüfung. Etwa eine Umschulung oder die Externenprüfung in der IHK oder der Handwerkskammer. Wenn ungelernte Arbeiter nicht am Stück pauken möchten oder können, werden auch zertifizierte Teilqualifikationen finanziell unterstützt.

    Und weil es zum Lernen nie zu spät ist, machen sich auch Menschen über 35 beruflich fit. Wie Norbert Ambrosy, der viele Jahre als ungelernter Arbeiter in einem Sägewerk beschäftigt war – bis er 2013 nach einem Unfall arbeitslos wurde. Das Knie spielte nicht mehr mit. Der Integrationsfachdienst und Start NRW schlugen dem fast 50-Jährigen vor, eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer zu machen. Ambrosy ergriff die Gelegenheit, paukte für die Prüfung und übte für den praktischen Teil im Familienunternehmen Graewe. Der Spezialist für Dreh- und Gewindetechnik im sauerländischen Finnentrop übernahm den Mann mit dem Facharbeiterbrief, der die Gewindeteilemaschine vor den Augen der Prüfer in der festgelegten Zeit geschickt einrichtete. „Die Ausbildung im eigenen Betrieb ist für uns günstig, weil die Leute dann gleich wissen, wie es bei uns läuft“, sagt Geschäftsführer Kay Olaf Graewe. Er hat mit Norbert Ambrosy einen loyalen Mitarbeiter gewonnen, der seine Arbeit präzise ausführt – und mehr macht: Gerade hat sich Ambrosy zum Brandschutzhelfer ausbilden lassen. „Das macht nur einer, der sich bei uns wohlfühlt und der sich für den ganzen Betrieb interessiert“, sagt Graewe hochzufrieden.

    Wer fördert Wen?

    WeGebAU, für Geringqualifizierte und ältere Arbeitnehmer, die von ihren Firmen für die Weiterbildung freigestellt werden. Zuschüsse zum Entgelt und zu den Sozialversicherungsbeiträgen für Arbeitgeber. Zuschüsse zu Lehrgangs- und Fahrtkosten für Arbeitnehmer.
     arbeitsagentur.de/web/content/Programm-WeGebAU

    Zukunftsstarter, für Erwachsene von 25 bis 34 Jahren ohne Berufsausbildung. Zuschüsse zum Ausbildungsentgelt und zu den Sozialversicherungsbeiträgen für Arbeitgeber. Weiterbildungsprämien für bestandene Zwischen- und Abschluss­prüfungen für Arbeitnehmer.
     arbeitsagentur.de/unternehmen/zukunftsstarter

    Zertifizierte Teilqualifikation, für geringqualifizierte Beschäftigte. Zuschüsse der Bundesagentur für Arbeit zu Weiter­bildungskosten, wenn die Lehrinhalte über den betrieblichen Nutzen hinausgehen und für den Arbeitsmarkt qualifizieren.

    Speed.it, für Studien­abbrecher aus den Bereichen IT, Mathematik und Physik ab 20 Credit Points oder zwei Semestern. Auf 18 bis 24 Monate verkürzter Ausbildungsvertrag, Unterricht in der IT.Schule Stuttgart.
     its-stuttgart.de

     


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