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    Aus vollen Töpfen schöpfen

    Die EU, der Bund und die Länder unterstützen Unternehmen, wenn sie in innovative IT-Projekte investieren. Es gibt günstige Darlehen und hohe Zuschüsse. Doch der Antrag braucht eine professionelle Vorbereitung. So kommen Firmenchefs ans Geld.

    Was als Projekt im Studium begann, ist heute ein großer Erfolg. Als Student an der Humboldt-Uni drehte Stephan Bayer einen kurzen Film mit mathematischen Lerninhalten als Vorbereitung auf eine Klausur. Das Video kam bei seinen Kommilitonen so gut an, dass er sich entschied, Gleiches für Schüler zu produzieren – und im April 2009 in Berlin die Sofatutor GmbH zu gründen. Inzwischen beschäftigt der Unternehmer 100 Mitarbeiter. „Wir haben uns längst am Markt etabliert und entwickeln uns äußerst erfolgreich“, sagt Bayer.

    Unterstützt wurde sein Start-up von der Investitionsbank Berlin-Brandenburg. Bayer erhielt eine Förderung aus dem sogenannten Pro-FIT-Programm. Mit dem Geld entwickelte die Firma unter anderem eine Art künstliche Intelligenz zur Individualisierung der Lerninhalte. Das Förderprogramm ist speziell für Firmen konzipiert, die technologische Entwicklungen realisieren wollen. Betriebe bekommen bis zu 80 Prozent ihrer Ausgaben durch Zuschüsse und zinsverbilligte Darlehen finanziert.

    Nur das Antragsverfahren hat Bayer als extrem aufwendig und schwierig in Erinnerung. „Das war bei uns mehr oder weniger ein Vollzeitjob. Für ein junges Unternehmen ist es nicht leicht, die Vorbereitung zu stemmen.“ Deshalb engagierte er einen Profi und reichte seinen Antrag in Kooperation mit den Experten der Beratungsgesellschaft Förderbar in Berlin ein. „Mit deren Expertise war es dann kein Problem mehr. Wir haben unsere Förderung reibungslos erhalten“, sagt Bayer. So wie er zeigen viele mittelständische Unternehmen derzeit eine hohe Bereitschaft, in innovative digitale Konzepte zu investieren. Seit 2016 beobachteten die Experten der Unternehmensberatung Percy Miller zum Beispiel einen Anstieg der Aufwendungen für Cloud-Computing um 42 Prozent. Investitionen in künstliche Intelligenz sollen 2017 sogar um 300 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigen.

    Digitalisierung noch ausbaufähig

    Dennoch schätzt eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Infas Instituts für angewandte Sozialwissenschaft die Digitalisierung in deutschen Firmen noch als stark ausbaufähig ein. Als Vorreiter gelten nur knapp ein Fünftel der Unternehmen, etwa jedes zweite befindet sich im Mittelfeld und rund ein Drittel zählt zu den Nachzüglern.

    Eins der größten Hemmnisse ist wie so oft das liebe Geld. So sehen die Befragten einer aktuellen Untersuchung der Creditreform Wirtschaftsforschung zur Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand zwar große Chancen in der Digitalisierung. Gleichzeitig fürchten knapp 57 Prozent die hohen Kosten. Doch die Politik hat erkannt, woran es hakt. In allen Bundesländern laufen Projekte und Initiativen, um die Digitalisierung und Investitionen in innovative Technik voranzutreiben. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, die EU oder auch lokale Institutionen bieten diverse Förderprogramme an – sei es in Form von günstigen Darlehen oder als Zuschuss.

    Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) beispielsweise finanziert einzelbetriebliche Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Die Kosten dürfen 380.000 Euro insgesamt nicht übersteigen. Unternehmer erhalten zwischen 25 und 45 Prozent ihrer Aufwendungen als Zuschuss. Ein weiteres Instrument, mit dem das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Innovationspotenzial kleiner und mittlerer Unternehmen im Bereich der Spitzenforschung stärken will, heißt KMU-innovativ. Es unterstützt unter anderem die Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien wie Elektronik-, Mikro- oder Softwaresystemen mit einem Zuschuss von bis zu 50 Prozent der Kosten. „Das ist geschenktes Geld vom Staat und muss nicht zurückgezahlt werden. Der finanzielle Vorteil ist direkt in der Liquiditätsplanung des Unternehmens wirksam“, erklärt Kai Schimmelfeder, Fördermittelberater in Hamburg.

    Die genannten sind nur zwei Programme aus einer ganzen Palette, die im Zusammenhang mit der IT-Förderung regelmäßig auf den Tisch kommen. Und genau hier liegt auch die Crux: Es ist alles andere als einfach, sich einen guten Überblick über die Chancen und Möglichkeiten zu verschaffen. „Wir empfehlen, zu Beginn der Konzeptionsphase mit einem erfahrenen Experten Kontakt aufzunehmen“, sagt Sven Riedel, Senior Consultant der Beratungsgesellschaft Förderbar. Das macht Sinn, weil der Antrag immer vorab zu stellen ist. Es dürfen noch keine Projektaufträge vergeben worden sein. Außerdem sollten bei der Planung des Vorhabens die Voraussetzungen für eine Förderung berücksichtigt sein. Es kann mehrere Monate dauern, bis der Antrag bewilligt ist. Wer nacharbeiten muss, verliert unnötig Zeit.

    Aufwendiger Antrag

    „Innovative IT-Projekte sind in ihrer Aufgabenstellung äußerst komplex. Die öffentlichen Geldgeber prüfen die Erfolgschancen daher kritisch“, sagt Riedel. Eine schlüssige und klare Beschreibung im Businessplan ist hier das A und O. Gemeint sind keine Erläuterungen in epischer Breite, wohl aber präzise Formulierungen. Im Idealfall sollte das Projekt mit einer Forschungstätigkeit und einem hohen Grad an Innovation verbunden sein. In der Regel prüft ein erfahrener Gutachter die Güte und die Zukunftsaussichten des Vorhabens. Er will die Idee schnell und ohne Nachfragen verstehen – und nur wenn er die Daumen hebt, fließt später Geld.

    Eine konservativ geschätzte mittelfristige Ertrags- und Liquiditätsvorschau sowie eine Amortisationsrechnung bilden in der Regel die Grundlage des Businessplans. Doch bei innovativen Projekten ist es nicht leicht, diese zu erstellen. Oft wissen Unternehmer zu Beginn des Projekts nicht, mit welchem Erfolg sie abschließen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Ziele, sondern auch mögliche Probleme zu erläutern. Die Förderinstitute führen ohnehin später ein ausführliches Gespräch mit dem Antragsteller, bei dem die Schwachstellen auf den Tisch kommen. „Diese Termine ähneln mitunter einer Prüfungssituation“, weiß Riedel. Den Geldgebern ist technische Kompetenz genauso wichtig wie das betriebswirtschaftliche Know-how der Geschäftsführung – die überdies bereit sein muss, finanziell selbst mit ins Risiko zu gehen. „Ohne Eigenmittel läuft nichts“, sagt der Förderberater. Faustregel: Am besten kommen mindestens 30 Prozent des Finanzierungsbedarfs aus eigenen Quellen.

    Wer über kein oder wenig Eigenkapital verfügt, besorgt sich im Vorhinein Beteiligungskapital. Die NRW Bank beispielsweise ist hier im Rahmen der neuen Initiative Digitale Wirtschaft aktiv. „Als Bank wollen wir unseren Beitrag zum Strukturwandel leisten, indem wir junge Unternehmen finanzieren und fördern“, erklärt Peter Güllmann, Leiter des Bereichs Unternehmensfinanzierung. Die Beteiligungsbank des Landes hat neben Eigenkapitalprogrammen auch Förderungen via Kredit im Angebot. Aus dem Topf NRW SeedCap Digitale Wirtschaft erhalten Firmen wahlweise eine Beteiligung oder ein Wandeldarlehen. Auch das ERP-Innovationsprogramm der KfW stärkt die Eigenkapitalposition eines Unternehmens, indem Firmen ein Darlehen mit Nachrangcharakter erhalten, das die Bilanzstruktur der Firma und damit das Rating verbessert. Die Zinssätze liegen im Schnitt etwa einen Prozentpunkt unter dem Marktniveau, bei einer Laufzeit von zumeist zehn Jahren. Firmen erhalten hier also vergleichsweise attraktive Konditionen.

    Stefan Bayer ist mit den Konditionen seiner Förderung sehr zufrieden. Das Programm Pro FIT setzt auf einen Mix aus zinsgünstigen Darlehen und Zuschüssen. „Das passte für uns schon ganz gut. Mit einer alternativen Finanzierung wären wir nicht so gut ausgekommen“, zieht Bayer Bilanz.

    Profitieren vom richtigen Programm

    Die Kombination aus zinsgünstigem Darlehen und Zuschüssen gilt bei Unternehmern und Förderbanken als ideal. Tipps für die Auswahl des Programms und die Vorbereitung der Finanzierung:
    Recherche. Einen Überblick zu möglichen Programmen und Ansprech­partnern bietet die Internetseite foerderdatenbank.de. Darüber hinaus sollten Unternehmer mit den Experten ihrer Kammer, der Bank oder einem professionellen Förderberater Kontakt aufnehmen.

    Antrag. In der Regel wird ein Kreditantrag mit Businessplan bei der Hausbank eingereicht. Zuschüsse laufen oft direkt über die Förderinstitute. Der Antrag muss vor Projektbeginn vorliegen. In den Erläuterungen zu den jeweiligen Programmen finden Unternehmer Informationen zum Ablauf des Antrags sowie zu den erforderlichen Unterlagen.

    Nachgang. Während der Projektlaufzeit sind Nachweise zu erbringen, wohin das Geld geflossen ist. Der Ablauf des Projekts ist vollständig zu dokumentieren und wird in sogenannten Meilensteinprüfungen nachvollzogen. Der bürokratische Aufwand ist jedoch mitunter recht hoch. Doch es lohnt sich, denn die Förderquote kann schnell mehr als
    50 Prozent betragen.

    Ausgewählte Programme

    EU-Rahmenprogramm Horizont 2020. Unterstützt KMU bei Projekten von Machbarkeitsstudien bis zur Markteinführung. Bei Verbundvorhaben und Partnerprojekten ist eine Förderung wahrscheinlicher. Bis es zu einer Bewilligung kommt, vergehen oft neun Monate.

    KMU-innovativ. Gefördert werden vom BMBF Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in zahlreichen Branchen. Es muss sich um ein industrielles Vorhaben mit einem hohen wissenschaftlich-technischen

    Risiko handeln. Unternehmen erhalten einen Zuschuss von meist 50 Prozent der Projektkosten für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren.

    ERP-Innovationsprogramm. Fördert die Entwicklung neuer Produkte und Verfahren von Unternehmen, die seit mindestens zwei Jahren am Markt sind. Sie erhalten nach Wahl Fremd- und Nachrangkapital. Die Laufzeit liegt zumeist bei zehn Jahren, mindestens bei vier Jahren. Die Kredithöhe kann bis zu fünf Millionen Euro pro Vorhaben betragen, bei 100-prozentiger Auszahlung des Kreditbetrags.

    ZIM. Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand fördert Projekte von mittelständischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Sie erhalten Zuschüsse für anspruchsvolle Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, die zu neuen Produkten, technischen Dienstleistungen oder besseren Produktionsverfahren führen: bis zu 380.000 Euro pro Unternehmen und 190.000 Euro pro Forschungseinrichtung.

    Pro FIT. Die Investitionsbank Berlin und die Investitions- und Landesbank Brandenburg vergeben Fördergelder für Forschung und Entwicklung bis zur Markteinführung. KMU erhalten Zuschüsse von bis zu 400.000 Euro sowie zinsgünstige Darlehen von bis zu drei Millionen Euro pro Projekt.

    Digitalbonus Bayern. Förderung für bayerische KMU, die sich digitalen Herausforderungen stellen. Das Programm läuft bis Ende 2020.
    Zuschüsse können erst wieder 2018 beantragt werden, das Budget für 2017 ist verbraucht. Kreditanträge werden aber noch angenommen.


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