(c) Andreas Klammt(c) Andreas Klammt

    vernetzt

    Virtuelle Klassenzimmer

    Die Online-Lernwelt lockt mit vielen Angeboten und schnellen Erfolgen. Doch damit die vermittelten Inhalte auch hängenbleiben, sollten Firmen sich klarmachen, zu welchem Lerntyp ihre Mitarbeiter gehören und welche Themen sie vermitteln wollen.
    Lehrer und Dozenten haben Konkurrenz bekommen. Nicht nur, dass sie sich während des Unterrichts gegen Smartphones, Whatsapp, Twitter und Facebook behaupten müssen, die Schüler oder Kursteilnehmer vom Thema ablenken. Auch bei der Stoffvermittlung steht der klassische Frontal- und Gruppenunterricht nicht mehr unangefochten an der Spitze. Längst ergänzen Lern-Apps, Videotutorials und Webinare die Angebote. In virtuellen Klassenzimmern sitzen die Teilnehmer vor ihrem Bildschirm und lauschen – wenn sie interessiert sind – oder drehen den Lautsprecher leiser, wenn nur die Anwesenheit kontrolliert wird. Auch Communities in Xing oder Linkedin diskutieren Fachfragen auf teils hohem Niveau. Und auch aus Youtube-Videos kann man fast alles lernen: vom Fensterputzen bis zum Hausbau im Zeitraffer.

    In der betrieblichen Weiterbildung findet man viele der genannten medialen Möglichkeiten vor allem in Konzernen wieder, deutlich seltener in kleinen und mittleren Unternehmen. Dabei sind sich Bildungsfachleute einig: Interaktives Online-Lernen ist eine gute Alternative und kann Zeit und Geld sparen. Entsprechend kritisch sieht etwa die Bertelsmann Stiftung, die noch geringe Verbreitung im Mittelstand. In ihrem „Monitor Digitale Bildung“ kam sie 2016 zu dem Schluss, dass sich „jüngere, männliche Auszubildende mit einem niedrigen Schulabschluss durch digitales Lernen gut motivieren lassen“. Doch weder Berufsschulen noch Ausbildungsbetriebe würden besonders stark auf Internetrecherchen, Lernspiele und Apps setzen – nicht zuletzt, weil viele Ausbilder und Lehrer hinter ihren Schülern herhinken, was das Know-how in der modernen Mediennutzung angeht.

    Online-Nachhilfe für Azubis: Hilfe können Spezialisten wie die eCademy bieten. Dieses Medienunternehmen aus Köln hat sich auf E-Learning-Kurse für Auszubildende sowohl im gewerblich-technischen als auch im kaufmännischen Bereich spezialisiert. Die Prüfungsvorbereitung wird mit Online-Aufgaben unterstützt. Beispielprüfungsaufgaben wie die Instandsetzung eines Kegelradgetriebes oder der Aufbau einer Bohrvorrichtung werden simuliert, eine Ampel zeigt Erfolg und Note. Auch für die Wackler unter den Auszubildenden im ersten Lehrjahr hat eCademy Programme geschrieben: Mathematik und Deutsch, Englisch und Sozialkompetenz. Was in den Schulen liegengeblieben ist, wird über die Lernplattform nachgeholt. Unternehmen, die über Lücken im Schulwissen ihrer Azubis klagen, können für rund 400 Euro pro Nutzer und Jahr Nachhilfe ordern – vom Dreisatz bis zur Zeichensetzung.

    Je mehr Nutzer gemeldet werden, desto weniger kostet das Einzelprogramm. Und um kleinere Unternehmen nicht zu benachteiligen, können sie Kurse auch gesammelt als Mitglied ihrer Industrie- und Handelskammer buchen. Denn die DIHK-Gesellschaft für berufliche Bildung – Organisation zur Förderung der IHK-Weiterbildung in Bonn kooperiert als Dienstleister für die Kammern mit der eCademy. Zwar sind nicht alle der fast 80 selbstständigen örtlichen Kammern so aktiv auf diesem Feld der Weiterbildung wie Köln oder Chemnitz, Koblenz oder München, aber eine Nachfrage bei der regionalen IHK lohnt sich – und sei es, um das praktische E-Learning anzuschieben.

    Betreuung vom Teletutor

    Die technischen Hürden für E-Learning sind in der Regel niedrig. Die meisten Anbieter erfordern gängige Betriebssysteme. Oft reichen eine Internetverbindung und ein Browser.

    Auf der Website ihkadhoc.de zum Beispiel kann man schon beim ersten Aufruf die eigenen Systemvoraussetzungen testen. Unter dem Label IHK@hoc haben sich bisher 21 Industrie- und Handelskammern zusammengetan. Die E-Learning-Einheiten zu Themen von interkultureller Kompetenz über Marketing und Materialwirtschaft bis hin zu Mitarbeiterführung können je nach Firmenwunsch kombiniert werden und – interessant für Einsteiger – werden von einem Teletutor betreut, der per Chat oder E-Mail, in Online-Communities oder Präsenzveranstaltungen Fragen beantwortet und Unsicherheiten beseitigt.

    Mit Rabatten arbeitet auch das Bundestechnologiezentrum für Elektro- und Informationstechnik (BFE) in Oldenburg: für Mitglieder der Elektroinnung. Hervorgegangen aus der Meisterschule für das Elektrohandwerk bietet der Weiterbilder heute klassische Kurse, aber auch Lernsoftware zu einem breiten Spektrum von Datennetzwerk- bis Beleuchtungstechnik. Die Landesverbände Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen fördern die BFE-Online-Verbreitung in ihren Innungen.

    Eine Frage des Typs

    Die Auswahl an Angeboten und Programmen ist groß. Doch um zielgerichtet zu schulen und Erfolg zu haben, müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter richtig einschätzen. Welche Lerntypen sind sie? Spontan Interessierte etwa sind mit vielen kurzen App-Sequenzen gut bedient, Ausdauerläufer schaffen längere Lerneinheiten am Stück. Die Trendstudie „mmb Learning Delphi“ beschäftigt sich jedes Jahr mit digitalen Lernformen von Twitter über Webinare bis zum Blended Learning, einem Format, in dem Anwesenheits- und Online-Phasen wechseln. 2016 fragte das mmb Institut – Gesellschaft für Medien- und Kompetenzforschung die Weiterbildungsexperten erstmals nach Erklärfilmen à la Youtube als eigene Lernform. Sie landeten auf Anhieb auf Platz zwei, wozu sicher beiträgt, dass Minivideos auch privat gestreamt werden – also beinahe jeder Lernende weiß, wie er auf unterhaltsamem Weg an Informationen kommt. Angesagte Themen der Online-Medien sind Produktschulungen für Mitarbeiter, Kunden und andere Anwender. Zwischenmenschliche Themen dagegen, wie etwa Führungskräfteverhalten oder Konfliktgespräche, sind noch immer besser bei leibhaftigen Trainern aufgehoben. „Wir sind keine Missionare für digitales Lernen, die den Menschen verdrängen wollen“, kommentiert Lutz Goertz, Leiter Bildungsforschung am mmb Institut, und sieht vielmehr in der Kombination einen Lerngewinn. „Plattformen können auch zwischen Menschen vermitteln, in virtuellen Klassenräumen, in Foren und Communities.“

    Ganz auf E-Learning setzt die Hochschule für angewandtes Management, die berufsbegleitendes Studieren anbietet – ein Modell, das gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen das Abwandern aufstiegswilliger Mitarbeiter verhindert. Lediglich sechs Wochen im Jahr lernen die Studierenden auf dem Campus, der Rest findet online statt. Zur Auswahl stehen so unterschiedliche Studiengänge wie Immobilien- und Baumanagement neben Wirtschaftspsychologie, Wirtschaftsrecht oder Handelsmanagement & E-Commerce. Mehr als 200 Mittelstandspaten unterstützen die Hochschule. Professor Peter Steinhoff unterrichtet vom Campus Ismaning aus 80 bis 90 Prozent Selbstlerner, bremst aber die naive Begeisterung etwas ab: „E-Learning garantiert nicht per se den größeren Lernerfolg. Man muss die Kompetenz, mit kurzen App-Lernpassagen oder PC-Kapiteln zu arbeiten, erst erwerben.“ Das Lernen über elektronische Medien empfiehlt Steinhoff allerdings generell auch für Weiterbildungen mit anderen Zertifikaten als dem Bachelor oder Master. Zwar fällt für Unternehmen statt langer Abwesenheiten, Reisespesen und Seminargebühren ein Entwickler- oder Kaufpreis fürs E-Learning an. Aber: „Die Kosten verlagern sich vom Klassenzimmer in die Erstellung der Programme“, beschreibt Steinhoff und ist sicher, dass Letzteres langfristig günstiger für Firmen ist.

    Das Lernen gelernt

    Einer, der in Ismaning Sportmanagement studiert hat, arbeitet inzwischen als Marketingleiter beim Outdoor-Spezialisten Tatonka im bayerischen Dasing. Sebastian Glasner nennt drei Dinge, die ihm noch heute nutzen: „Ich habe gelernt, Problemstellungen zu überblicken, über Lernpensum und Lösungskonzepte selbst zu entscheiden und parallel in Firmen mit Teams zu arbeiten – ein entscheidender Faktor für den Erfolg im Marketing.“ Als Einzelhandelskaufmann hat Glasner neben dem Studium Geld verdient, bei Porsche und Audi, als freier Trainer und Event-Berater. Für Tatonka entschied er sich, weil er dort mit seinem Team gleich für drei Marken kreative Kampagnen entwerfen kann: für Trekkingrucksäcke und Zelte, Kleidung sowie Reiseaccessoires. Inspirationen holt er sich auf Messen, aber vor allem im Web. „Ich bin immer mit dem Handy unterwegs und gebe direkt alle Ideen per Whatsapp oder Mail an mein Team weiter“, sagt der Marketingmann, der die Arbeit zwischen Grafikern und Textern, Videofilmern und Webdesignern als ständige Weiterbildung für alle sieht.

    Tatonka-Chef Andreas Schechinger lässt die Marketingmitarbeiter mit ihren Online-Methoden gewähren. Doch bei grundlegenden Informationen, die zum Beispiel durch Arbeitsschutzgesetze vorgeschrieben sind, holt der Unternehmer externe Weiterbilder vom TÜV oder von der IHK. Bei der Ladungssicherung im Lager oder dem Einhalten von Lenkzeiten will sich Schechinger nicht auf Selbstlernprogramme verlassen. Auch Verkaufsgespräche trainiert bei Tatonka ein externer Spezialist. „Ich schaue mich um, welche Lernmethode effektiv gelingt“, sagt der Firmenchef. Und ist dabei auf ein Modell gekommen, das „das Wissen im Unternehmen nutzt“. Produktdesigner machen Workshops mit Kollegen des Vertriebs, EDV-Beschäftigte schulen die Anwender im Rechnungswesen. Dabei profitieren die Mitarbeiter von der Fachkompetenz der Kollegen und tauschen sich aus. Ganz ohne persönliche Kontakte wird es also auch in Zukunft nicht gehen.

    Spielend lernen

    Gerade für jüngere Mitarbeiter, die mit Computerspielen aufgewachsen sind, können Lernspiele durchaus reizvoll sein. Der Vorteil: Wer sich Inhalte spielend erarbeitet, ist dabei in der Regel konzentrierter, interessierter und identifiziert sich eher mit dem, was er tut, als im Präsenzunterricht.

    Aktuelle Trends im Bereich E-Learning und Gamification behandelt die Serious Games Conference, die seit zehn Jahren parallel zur Cebit stattfindet.

    seriousgamesconference.de

    Die niederländische Firma &ranj verbindet in ihren Wissens- und Strategiespielen Know-how und Spaß: Im Spiel Shark World beispielsweise muss der Spieler den Chef des Hai-Aquariums in China ablösen. Dabei zeigt sich schon nach wenigen Zügen, welcher Teilnehmer das Projekt bewältigt und sich auf ein kulturell anderes Geschäftsgebaren einlassen kann.

    sharkworldgame.com

    Auch Teamplayer kommen online zum Zuge, zum Beispiel beim Hamburger Spieleentwickler Daedalic Entertainment, der mit dem Handwerk NRW ein Online-Abenteuer für Auszubildende und Hauptschüler produziert hat, in dem sie Organisationstalent, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit unter Beweis stellen müssen.

    the-skillz.de


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