(c) SmartPower(c) SmartPower

    erfolgreich

    Silicon Deutschland

    Im Silicon Valley erfinden sie die Welt neu, heißt es. Und was ist mit Deutschland, das doch einst selbst als Land der Erfinder und Tüftler galt? Die Bundesrepublik ist immerhin Europameister bei Patentanmeldungen – unsere Beispiele zeigen: Auch hierzulande glänzen Unternehmen mit beeindruckenden Innovationen. 

    Schlaue Speicher

    Strom sparen wollen alle – das Unternehmen Smart Power aus Garching bei München weiß, wie es geht. Zuerst werden alle Daten erfasst und dann per Simulationssoftware Stromsparmöglichkeiten ermittelt. Im Detail funktioniert das so: Smart Power berechnet energetische und wirtschaftliche Erwartungen für ein Peak-Shaving-System, das die Lastspitzen – plötzlich auftretende, unerwartet hohe Stromverbräuche – um bis zu 50 Prozent senkt. Basierend auf den Daten der Vergangenheit, gekoppelt mit einer Prognose wird kundenspezifisch eine Strategie ermittelt. „Die Entwicklung der Software hat etwa ein halbes Jahr gedauert, also etwa eine halbe Million Euro gekostet“ sagt Uli Bürger, einer der beiden Gründer des Unternehmens. Die größte Hürde stellte es dar, alle gesetzlichen Bestimmungen und Vorgaben technisch und in der Programmierung abzubilden. Wenn es sich lohnt, empfiehlt Smart Power auch entsprechende Energiespeicher, die vom Unternehmen schlüsselfertig abgeliefert werden können. „Für einen 100 kW/100 kWh Speicher müssen 90.000 Euro investiert werden“, sagt Bürger. Aber dafür könnten auch jedes Jahr über 11.000 Euro durch Peak Shaving eingespart werden. „Nach sechs Jahren ist so der Return on Investment wieder erreicht.“

    Schicke Boxen

    Eigentlich sind ja nur Texte wie in Stein gemeißelt, doch für Frank Nebel sollte es auch der Klang sein. Um den perfekten Sound zu produzieren, baut sein Unternehmen Concrete Audio Lautsprecher in Beton-Gehäuse. „Ein Lautsprecher muss eben nicht eine Kiste aus Plastik oder Holz sein“, meint Nebel. Statt das vorhandene Konzept der Lautsprecher­boxen zu verfeinern, beschritt er einen neuen Weg und schuf ganz nebenbei einen Hingucker: Sein Flachlautsprecher kann sogar als Blickfang in einer Wohnung platziert werden – oder aber mit einem Bilderrahmen eingerahmt werden, auf den man das eigene Lieblingsgemälde setzt. Seine neueste Schöpfung ist der Concrete Audio F1, der halb so groß wie ein Flipchart ist und sich mit seinen 32 Millimetern Dicke bequem dahinter verstecken ließe. Die 41 elektrodynamischen Miniaturlaut­sprecher, aus denen der F1 besteht, wirken wie eine einzige, große Membran. Mit dem verwendeten Spezialbeton wird die Bildung von störenden Gehäuse-Resonanzen verhindert. Zustande­gekommen ist das Produkt durch eine Forschungskooperation mit dem Ilmenauer Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT). „Es dauerte zwei Jahre“, sagt Nebel, „bis das Produkt serienreif war.“

    Individuelle Möbel

    Trends wie Digitalisierung und der Wunsch nach individuell gefertigten Produkten machen auch vor der Möbelindustrie nicht halt. Aber wie kann man Kunden, die an Preise und Verfügbarkeit von Ikea-Möbeln gewöhnt sind, für sich gewinnen? Alessandro Quaranta und seine Kollegen vom Form.bar haben eine Antwort gefunden: „Wir haben mit Form.bar die weltweit erste Software für frei form­bare Möbel nach Maß entwickelt.“ Am 3-D-Modell können Kunden übers Internet Maße, Form, Farbe und Material konfigurieren, ein Algorithmus prüft die Konstruktion. Die Software erzeugt automatisiert die Fertigungsdaten, die an einen Schreiner in Kundennähe gehen, wo das Möbelunikat mit CNC-­Maschinen gefertigt wird. Den Grundstein für Form.bar bildete ein Projekt an einer Hochschule. Die Teilnehmer waren begeistert, die wichtigste Erkenntnis: „Wir haben entdeckt, welches ungenutzte Potenzial in CNC-Maschinen steckt“, so Quaranta. Von den ersten Forschungsergebnissen bis zur fertigen 3-D-Möbeldesign-Software dauerte es zwei Jahre, etwa eine Million Euro kostete das Projekt. Bei der Anschubfinanzierung half ein Gründerstipendium, zur marktgerechten Implementierung und Wachstumsfinanzierung hat Form.bar anschließend zwei Investoren gewonnen.

    Starke Teilchen

    Es klingt nach Star Trek: Dort ist Plasma Grund­lage des geheimnisvollen Warp-Antriebs vom Raumschiff Enterprise. Ganz erdnah will Terraplasma Medical unter Führung von Julia Zimmermann und Jens Kirsch Plasma für die Wundheilung nutzen. Plasma ist kein Stoff an sich, sondern beschreibt einen physikalischen Zustand wie flüssig oder fest – ein Teilchengemisch, dessen Bestandteile teilweise geladene Komponenten sind. Revolutionär daran: Bei der Wundheilung tötet es Bakterien, selbst multiresistente Keime, innerhalb weniger Sekunden. Ohne den Einsatz von Antibiotika. „Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten wurden vor über zehn Jahren am Max-Planck-Institut für extraterres­trische Physik durchgeführt“, sagt Kirsch. „Anfang letzten Jahres haben wir die konkrete Entwicklung hin zu einem Medizinprodukt begonnen.“ Ende 2018 will Terraplasma die Zulassung erreichen und die Serienproduktion starten. Dafür wurde von einer Investorengruppe ein hoher einstelliger Millionenbetrag investiert. Das war die größte Hürde, meint Kirsch: eine passende Finanzierung in einem sehr frühen Entwicklungsstadium zu erhalten. „Bis zur Marktzulassung und breiten Vermarktung ist ein weiterer mittlerer Millionenbetrag notwendig“, sagt er. Aber die Aussichten sind gut, das Plasma hat sich in einer Studie schon an 300 Patienten als hoch wirksam erwiesen.

    Flexible Displays

    Die Zukunft ist biegbar – zumindest wenn es um Displays geht. Und die entwickelt Plastic Logic in Dresden: glasfreie und flexible elektrophoretische Displays (EPDs). „Wir haben zehn Jahre gebraucht, um das aktuelle Produktionslevel zu erreichen“, sagt Tim Burne, CEO von Plastic Logic. Zwei Entwicklungen fließen dafür zusammen – E-Ink, eine Art elektronisches Papier, mit dem sich Bilder und Texte lesefreundlich und energiesparend darstellen lassen, sowie kunststoffbasierte Elektronik. Die Displays können etwa bei digitalen Visitenkarten und bei Wearables zum Einsatz kommen. Ein Schmuckhersteller hat bereits ein Armband entwickelt, dessen Design vom Smartphone aus gesteuert werden kann. Die Technologie, in der Dutzende Patente stecken, ist recht anspruchsvoll, so der CEO: „Die größte Hürde war, passende Produktionsgeräte herzustellen, die zu unseren patentierten Prozessen passen.“ Aber dafür könnten sie jetzt binnen eines halben Jahres maßgeschneiderte, kundenspezifische Displays entwickeln und in Serie produzieren.

    Intelligente Brillen

    Techniker bei komplizierten Reparaturen unterstützen, überall auf der Welt – egal, wo sie sich gerade befinden – das ist das Ziel des mittelständischen Unternehmens Essert. Dessen Anwendung funktioniert mithilfe einen Datenbrille: Was die Techniker durch die Brille sehen, sieht gleichzeitig auch ein Experte im Firmensitz im baden-württembergischen Ubstadt-­Weiher. Der Fachmann kann sich über eine Standleitung per Kopfhörer einbringen und bei Fragen weiterhelfen. Essert programmiert Fer­tigungsroboter auf der ganzen Welt. In dem Zusammenhang entstand auch die Idee zum Fern-Support per Brille: „Wenn der Kunde ein Problem hatte, waren Fehlersuche und Diagnose sehr langwierig“, sagt Geschäftsführer Christopher Essert. Er fahndete nach einer Möglichkeit, komplizierte Reparaturen vorzu­nehmen, ohne selbst vor Ort zu sein, und kam so auf Datenbrille und Augmented Reality. Eine Million Euro investierte das Unternehmen und musste komplett neue Strukturen aus dem Boden stampfen, sagt Essert. Das alles kostete Zeit: Bis zur Marktreife brauchten Essert und sein Team zwei Jahre.

    Senkrecht starten

    VTOL ist die Abkürzung, die den meisten Anhängern des fliegenden Autos Kopfschmerzen bereitet. Sie steht für „Vertical Take-off and Landing“ und sorgt dafür, dass Vehikel auf kleinstem Raum starten und sich in der Luft schnell fortbewegen können. Die komplexe Technik, die bislang beim Militär zum Einsatz kommt, will Daniel Wiegand dem Durchschnitts­bürger zugänglich machen. Der CEO des Münchner Unternehmens Lilum sah den Senkrechtstarter während eines USA-Aufenthalts. Ihm war klar, dass sich die großen amerikanischen Distanzen damit schnell überwinden lassen müssten. Offiziell startete die Entwicklung im Februar 2015, und schon vor einigen Monaten ist ein Prototyp – noch ohne Passagier – tatsächlich abgehoben. „Wir sehen viele Herausforderungen: das Konzept an sich, die Batterien, die Zulassungen, Infrastruktur aufbauen“, sagt Wiegand. Aber schließlich ist das Konzept auch extrem ehrgeizig: Der Lilium-Flieger ist elektrisch betrieben, fliegt 300 Stundenkilometer schnell und ist leiser als ein Motorrad. Eine Idee, die das Zeug hat, das Thema Verkehr vollkommen umzukrempeln.


    Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
    Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

    Kommentar absenden

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

    CAPTCHA-Bild

    *

    Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>