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    vernetzt

    Das Büro denkt mit

    Dank Digitalisierung werden Bürogebäude intelligent: Smart Buildings bieten nicht nur Unternehmen Energiesparmöglichkeiten und hohe Sicherheitsstandards. Auch die Mitarbeiter können ihr Arbeitsumfeld individuell gestalten.

    Als der Mietvertrag im Firmengebäude im nordrhein-westfälischen Kaarst ausgelaufen war, machte die Priva Building Intelligence GmbH aus der Not eine Tugend: Das auf Gebäudeautomation spezialisierte Unternehmen kaufte im benachbarten Tönisvorst eine ältere Immobilie, sanierte sie komplett und brachte sie auf den neuesten Stand der Technik. 2016 war dann schließlich das neue, intelligente Bürogebäude bezugsfertig.

    Die Renovierung kann sich sehen lassen: Aus den kleinen Büros entstand ein freundliches, helles Open-Office-Konzept mit transparenten Glaswänden. Die Mitarbeiter profitieren von einer angenehmen und freundlichen Arbeitsatmosphäre. Die Steuerung der Beleuchtung sowie der Heiz- und Klimaanlagen übernehmen moderne Regelmodule aus der eigenen Produktion. „Ein Ziel der Umbaumaßnahmen war es, unsere eigenen Komponenten zu verbauen“, erklärt Holger Rudershausen, Projektleiter und verantwortlich für den Umbau. „So können wir auch unser gesamtes Technologie-Portfolio für Kunden sichtbar machen.“ Mitarbeiter können in ihren Büros die Raumtemperatur, Lichtverhältnisse und den Stand der Jalousien individuell und flexibel einstellen. „Das wirkt sich positiv auf ihre Stimmung und Motivation aus“, sagt Rudershausen.

    Das Projektteam von Priva implementierte an seinem neuen Standort zwei getrennte Systemkreisläufe: einen für die Technikräume und Büros der Mitarbeiter sowie einen weiteren für die Bereiche mit Kundenverkehr. Dazu zählen Schulungs- und Besprechungsräume sowie der Showroom, in dem das Unternehmen sein Produktangebot präsentiert.

    In den Bereichen mit Kundenverkehr wird die Beleuchtung über sogenannte Nachregeleinheiten automatisch gesteuert. Sobald jemand den Raum betritt, schaltet sich das Licht ein und ein Präsentationsmodus startet: Der Beamer wird aktiviert, die Jalousien fahren herunter. Dabei lassen sich verschiedene Szenarien programmieren; so kann etwa die Beleuchtung je nach Jahreszeit und Lichtverhältnissen flexibel eingestellt werden. Spezielle Module regeln passgenau die Klimatisierung im Schulungsraum. Dabei steuern sie nicht nur vollautomatisch die Zimmertemperatur, sondern auch die Belüftung – dank eines modernen Lüftungssystems, bei dem Mischgasfühler ständig den aktuellen CO2-Gehalt der Raumluft messen und bei einem erhöhten Wert die Luftzirkulation verstärken.

    In den Büros sind die Steuerungsprozesse intelligent vernetzt: Über ein modernes Schaltsystem kann jeder Mitarbeiter die Klimaanlage für seinen Arbeitsbereich und die Jalousien am Fenster je nach Sonneneinstrahlung individuell einstellen. Um Energie zu sparen, werden die Anlagen für Heizung und Klimatisierung abgeschaltet, sobald ein Fenster geöffnet wird. Damit kein falscher Alarm ausgelöst wird, deaktiviert sich dabei die Scharfstellung der Alarmanlage automatisch und aktiviert sich wieder, sobald das Fenster zu ist. Und zum Öffnen der Türen hat Priva ein Berechtigungskonzept eingeführt: Alle Mitarbeiter haben einen Ausweis mit einem speziell programmierten Chip, mit dem sie nur die Türen zu Räumen öffnen können, für die sie eine Zutrittsberechtigung haben.

    Der Nutzer im Mittelpunkt

    Das Beispiel zeigt: Dank Digitalisierung werden auch Büros smart. „Im Smart Building steht der Nutzer im Mittelpunkt“, erklärt Anke Hüneburg, Leiterin des Bereichs Energie im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). „Statt gleiche Bedingungen für alle zu schaffen, passt es sich den Bedürfnissen und Wünschen des Einzelnen an.“ Neben den Annehmlichkeiten für die Mitarbeiter kann das schlaue Gebäude zukünftig auch durch intelligente Datenanalyse den Bedarf an Verbrauchsgütern genau ermitteln und entsprechende Maßnahmen einleiten, etwa selbst das zur Neige gehende Kopierpapier oder den Kaffee ordern.

    Unternehmen der Gebäudeautomation wie Priva oder Elsner Elektronik nehmen hier eine Vorreiterrolle ein. Das Firmengebäude von Elsner Elektronik etwa wurde mit dem Smart Home Award 2016 ausgezeichnet. Sicherheitsrelevante Funktionen wie die Kameras im Außenbereich, die Überwachung des Heizkraftwerks sowie Brand- und Einbruchschutz sind dort miteinander vernetzt. Der Status aller Funktionen kann am PC vor Ort oder auch per geschütztem Fernzugriff überwacht und geändert werden. Neben einem hohen Energiespar- und Sicherheitslevel bietet es den Mitarbeitern ebenfalls weitreichende Mitbestimmungsmöglichkeiten: Über Touch-Displays können sie die gewünschte Temperatur und das passende Licht selbst einstellen.

    Das soll erst der Anfang sein, denn künftig werden Smart Buildings noch weit mehr leisten. Zukunftsszenarien des ZVEI sehen etwa so aus: Wenn die Mitarbeiter morgens zur Arbeit kommen, begrüßt sie das Gebäude mit ihrem jeweiligen, individuellen Farbszenario und den für sie relevantesten Informationen auf der großen Visio-Tapete am Eingang. Diese Informationen stehen ihnen auch auf ihren Endgeräten zur Verfügung. Feste Arbeitsplätze gibt es nicht mehr. Doch egal, wo die Mitarbeiter sich niederlassen, das Gebäude lernt mit der Zeit ihre Wohlfühlpräferenzen und stellt die Umgebung – Licht und Temperatur – automatisch darauf ein. Wenn sie das Gebäude verlassen, steht der Aufzug schon bereit, noch bevor sie dort sind. Besuchern wird ein digitaler Lotse zur Seite gestellt, der ihnen den Weg zum Ziel weist. In Tiefgaragen leiten Parkassistenten den Autofahrer zu einem freien Parkplatz.

    Auf alles gut vorbereitet

    Gebäudedienstleister können künftig effizienter arbeiten und ihren Kunden mehr Service bieten: Dank Vernetzung und ständiger Auswertung der Gebäudedaten haben sie einen Überblick über den Zustand der von ihnen betreuten Gebäude. So haben sie immer alle benötigten Ersatzteile und Verbrauchsmaterialien im Gepäck, wenn sie hinfahren. Läuft in der Klimaanlage ein Teil nicht rund, wissen sie das und tauschen es aus, noch bevor es kaputtgeht.

    Auch die Verbrauchsmaterialien können sparsamer eingesetzt werden: Es werden gezielt nur die Seifenspender aufgefüllt, die bis zum nächsten Besuch des Reinigungstrupps leer sein würden. Und die Caterer liefern immer genau die richtige Menge an Essen, Reste gibt es kaum mehr. Das alles wissen die Gebäudedienstleister aufgrund von gesammelten Daten und Künstliche-Intelligenz-Anwendungen, die im Bereich der Gebäudeautomation eine immer wichtigere Rolle spielen.

    Damit nicht genug. Gebäudemanager werden dank eines integrierten Sicherheitsmanagements alle Systeme im Haus jederzeit im Blick haben. Die Technik wird so schlau sein, dass die Verantwortlichen mit ihrer Hilfe Gefahrenlagen entschärfen können, bevor sie sich zur echten Krise entwickeln können. Wenn etwa ein defektes Kabel einen Schwelbrand verursacht, wird das dank eines Echtzeit-Gebäude-Wärmebilds zusammen mit den Sensoren zur Brandfrüherkennung in der Sicherheitszentrale gemeldet. Gleichzeitig schlagen die Luftqualitätssensoren Alarm; so wissen die Gebäudetechniker genau, wo das Problem liegt und können es beheben, bevor Schlimmeres passiert.

    Kontrolle am Eingang

    In öffentlichen Gebäuden und schlauen Büroimmobilien ist ein automatisierter sicherer Einlass bereits heute möglich. Zukunftsszenarien sehen eine Optimierung dieser Einlasskontrollen durch intelligente Identifikationstechnik wie smarte Kameras oder Pulsmesser vor. Die Mitarbeiter werden dann anhand ihres Aussehens, ihres Fingerabdrucks, ihrer Sprache oder ihres Herzschlages identifiziert werden können. Dieser gläserne Mensch mag nicht allen gefallen, doch Unternehmen können damit bekannte Sicherheitslücken von Metallschlüsseln wie deren einfache Kopierbarkeit aushebeln.

    Möglich wird diese schöne, neue Gebäudewelt durch die Erhebung und Auswertung großer Datenmengen aus Sensoren von vernetzten Objekten und durch Künstliche-Intelligenz-Anwendungen mit selbstlernenden Algorithmen. Die Marktforscher von IDC gehen bis 2020 von weltweit 32 Milliarden vernetzten Geräten aus.

    Mit zunehmender Anzahl von Sensor- und Informationstechnologie in Gebäuden wird allerdings auch der Umgang mit den gesammelten Daten zu einem brisanten Thema: Denn wer von den Vorteilen der Smart Buildings profitieren will, muss auch einen Teil seiner Anonymität aufgeben. „Datenschutz und IT-Sicherheit spielen hierbei eine herausragende Rolle“, betont Hüneburg vom ZVEI. Damit die Büros der Zukunft auch von den Menschen darin angenommen werden, müsse der Nutzer jederzeit die Hoheit über seine Daten haben und selbst entscheiden, welche er dem Gebäude zur Verfügung stellen möchte. Ausschlaggebend müsse immer sein, was für den Einzelnen tatsächlich einen Mehrwert darstellt – nicht das, was technisch möglich ist. „Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie den neuen Technologien ihr Vertrauen schenken“, sagt Hüneburg. Schließlich steht im Smart Building der Zukunft immer der Nutzer im Mittelpunkt.

    Die Zukunft ist smart

    Das könnten die intelligenten Bürogebäude in einigen Jahren bieten (Quelle: ZVEI):

    ✪ Sie passen sich an den Nutzer an.

    Arbeitsplätze können individuell temperiert, Lichtverhältnisse angepasst werden. Die integrierte Steuerung ermittelt, wie sich die Änderung eines Parameters auf die Gesamtheit der Nutzer auswirkt. Dank Lernalgorithmen wird sie immer besser darin, eine für alle Nutzer optimierte Arbeitssituation herzustellen.

    ✪ Sie handeln vorausschauend.

    Dank intelligenter Analyse aller Daten ist der Fahrstuhl schon da, bevor er per Knopfdruck angefordert wurde, und die Zahl an Mittagessen in der Kantine ist auf die im Gebäude befindliche Personenzahl abgestimmt. Verbrauchswaren werden rechtzeitig nachbestellt – so geht der Kaffee nie aus,

    ✪ Sie bieten individualisierte Navigationsmöglichkeiten. Jeder Einzelne wird digital an den richtigen Punkt im Gebäude geleitet und unterwegs auf Wunsch mit passenden Informationen versorgt.

    ✪ Sie verbessern die Sicherheit.

    Neben dem passiven Schutz reagiert das Smart Building aktiv auf sicherheitsrelevante Veränderungen wie einen erhöhten CO2-Wert, einen Temperaturanstieg oder eine nicht autorisierte Person.


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