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    vernetzt

    Luftunterstützung

    Die Drohnen kommen: Sie begutachten Schäden an schwer zugänglichen Stellen, zeigen Bilder aus atem- beraubenden Perspektiven, liefern Pakete aus, verfolgen Kriminelle und bringen medizinische Hilfe in abgelegene Orte. Die fliegenden Helfer bieten Unternehmen zahlreiche neue Einsatzmöglichkeiten.

    Es war wohl ihr spektakulärster Einsatz: Als im März 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzte und es um die erste Schadensbeurteilung ging, kam die Drohne des bundesweit tätigen Sanierungsunternehmens Sprint zum Einsatz. „An schwer zugänglichen Stellen oder wenn es für die Menschen einfach zu gefährlich ist, leisten die Drohnen sehr gute Dienste“, erklärt Julia Kaeßmann von Sprint. Die Drohnen des Kölner Unternehmens fliegen aber auch weniger dramatische Einsätze, etwa wenn das Wetter wieder einmal Kapriolen schlägt und schwere Hagelschauer niedergehen. Ferngesteuert und mit Kameras ausgerüstet, steigen sie auf und liefern dank der hochauflösenden Zehn-Megapixel-Fotokameras an Bord gestochen scharfe Bilder von den Schäden. „Das ist viel günstiger für die Versicherungsunternehmen, da die Schadenbegutachtung schneller und unkomplizierter geht, ohne extra Gerüste aufzubauen“, sagt Kaeßmann.

    Wachsende Einsatzmöglichkeiten

    Drohnen, auch UAV (Unmanned Aereal Vehicle, unbemanntes Luftfahrzeug) oder UAS (Unmanned Aircraft System, unbemanntes Luftfahrsystem) genannt, werden zunehmend von Unternehmen eingesetzt: Sei es für die Schadenserfassung, für Vermessungsaufgaben, für Film- und Fernsehaufnahmen, zur Felderkontrolle in der Landwirtschaft, bei Rettungseinsätzen, bei der Überwachung von Großbaustellen und der Inspektion von Brücken, Raffinerien und Windrädern. Alles Aufgaben, die bisher nur sehr aufwendig zu Fuß oder kostenintensiv mit Hubschraubern samt Pilot erledigt werden konnten. Ständig kommen neue Einsatzbereiche hinzu, etwa in der Logistik oder für den Transport von Waren in entlegene Gebiete. Die Cebit widmete den aufstrebenden Fluggeräten sogar einen eigenen Bereich. Dort präsentierten Hersteller wie Parrot, Microdrones, Globe UAV, Ascending Technologies, Intel, Yuneec oder Spectair ihre Modelle samt den Einsatzmöglichkeiten. „Drohnen haben ein unglaublich großes Business-­Potenzial“, stellt Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG, fest. Die Analysten von Pricewaterhouse-Coopers schätzen, dass der globale Markt für kommerzielle Drohnen bis 2020 einen Wert von rund 100 Milliarden Euro erreichen wird. Und die Marktforscher von Gartner gehen davon aus, dass in diesem Jahr weltweit rund drei Millionen Drohnen hergestellt werden, das wären dann über ein Drittel mehr als noch 2016.

    » Drohnen haben ein unglaublich großes Business-­Potenzial. « Oliver Frese, Deutsche Messe AG

    Und das hat seinen guten Grund, denn die Einsatzbereiche der unbemannten Flugobjekte werden nicht nur immer vielfältiger, sondern auch beliebter. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 1.005 Bundesbürgern ab 14 Jahren ergab: Die große Mehrheit befürwortet den Einsatz etwa bei Katastrophen, zur Versorgung entlegener Gebiete und zur Brandbekämpfung. Auch zu Polizei-Drohnen und Drohnen in der Landwirtschaft, etwa um Tiere vor Mäharbeiten im hohen Gras aufzuspüren und zu retten, äußert sich die Mehrheit der Deutschen positiv. Den Einsatz ziviler Fluggeräte zum Transport von eiligen Gütern wie Medikamenten, zur Vermessung von Grundstücken und zur Überwachung von Staatsgrenzen können sich die meisten ebenfalls vorstellen. Skeptisch sind sie dagegen gegenüber Paketdrohnen: Nur knapp jeder Dritte kann sich die Zustellung aus der Luft vorstellen.

    Höhenflug in die Alpen

    Dennoch wagte DHL dieses Experiment bereits vor vier Jahren. „Wir sind davon überzeugt, dass wir mit dem Paketkopter einen konkreten Mehrwert in der Logistik schaffen können“, erklärt Jürgen Gerdes, Konzernvorstand Post – E-Commerce – Parcel der Deutsche Post DHL Group. Nach dem Jungfernflug der ersten DHL-Drohne in Bonn folgte 2014 ein Einsatz zwischen dem Festland und der Nordseeinsel Juist zum Transport von eiligen Gütern. Und 2016 flog der Paketkopter zu Forschungszwecken die Strecke vom bayerischen Skiort Reit im Winkl zum Bergplateau der Winklmoosalm. Dort hatte DHL eigens einen Skyport mit aktueller Packstations-Technologie installiert, sodass das Be- und Entladen der Drohne an ihrem Ziel vollautomatisch erfolgen konnte.

    „Drohnen könnten schon bald ein alltäglicher Anblick am Himmel über Deutschland sein“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Rohleder und ergänzt: „Die Technologie verspricht nicht nur wirtschaftlichen Nutzen, sondern bietet auch große Chancen – dieses Potenzial muss weiter gefördert werden.“ Damit Unternehmen von dem großen Potenzial der Drohnen profitieren können, hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) eine neue Drohnenverordnung verabschiedet. Die Neuregelung soll „der Zukunftstechnologie Drohne Chancen eröffnen und gleichzeitig die Sicherheit im Luftraum deutlich erhöhen“, erklärt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt.

    Die Verordnung legt beispielsweise fest, dass Drohnen ab einem Gewicht von 250 Gramm ab dem 1. Oktober 2017 mit einer Plakette mit Namen und Adresse des Eigentümers gekennzeichnet sein müssen, an den man sich im Schadensfall wenden kann. Für den Betrieb von unbemannten Luftfahrtsystemen unterhalb von fünf Kilogramm ist mit Inkrafttreten der neuen Verordnung keine Erlaubnis der Landesluftfahrtbehörden mehr erforderlich. Zudem wurde mit der Neuregelung das bestehende generelle Betriebsverbot außerhalb der Sichtweite aufgehoben.

    Ernteüberwachung aus der Luft

    Letzteres ist vor allem bei weitläufigen landwirtschaftlichen Flächen von Vorteil. Dort versorgen Drohnen den Acker punktgenau und machen Luftbilder der Pflanzenbestände. Doch erst vier Prozent der Bauern nutzen diese Möglichkeiten, wie eine repräsentative Bitkom-Befragung unter 521 Landwirten ergab. Immerhin plant jeder Sechste ihren Einsatz. „Ausgestattet mit Sensoren, Kameras und GPS-Empfängern, helfen Drohnen, die Landwirtschaft noch effizienter und umweltschonender zu gestalten. Pflanzenschutzmittel können so etwa präziser ausgebracht werden. Dadurch werden nicht nur Umwelt, Ackerboden und Pflanze geschont, sondern auch Kosten für die teuren Pflanzenschutzmittel eingespart“, erklärt Bitkom-Geschäftsführer Rohleder. Knapp jeder zweite Landwirt erwartet den Durchbruch für die fliegenden Agrarhelfer bis zum Jahr 2030. Bis dahin könnten Drohnen zum Beispiel auch lernen, Rinder und Schafherden zu überwachen und zu hüten.

    Drohnen bei der Wasserrettung

    Apropos behüten: Nicht nur Rehkitze im hohen Gras, auch Menschen im tiefen Wasser können mithilfe von Drohnen gerettet werden. Der Strand von Scharbeutz, der bundesweit größte DLRG-Stützpunkt an der Ostsee, wird von der ersten DLRG-Rettungsdrohne überwacht, dem Multirotor G4. „Es ist schwierig, wenn eine Person im Wasser an unklarer Position vermisst wird. Bislang mussten wir Suchketten mit vielen Booten und einer großen Anzahl von Einsatzkräften bilden“, erklärt Christoph Niemann vom DLRG-Stützpunkt. Dank des kleinen Fluggeräts geht das nun leichter. „Die Luftbilder sind für die Personensuche wegen ihres hohen Blickwinkels interessant und bieten zusätzlich die Möglichkeit, von oben ohne Reflexionen in das Wasser hineinzuschauen.“ Gefährdete Schwimmer sind so leichter zu erkennen. Von oben sieht man eben besser.

    Die neue Drohnenverordnung

    Im April 2017 wurde die neue Verordnung für den Betrieb von Drohnen im Bundesgesetzblatt verkündet. Die wichtigsten Details:

    Kennzeichnungspflicht. Ab einem Gewicht von 250 Gramm müssen sie ab dem 1. Oktober 2017 mit einer Plakette mit Namen und Adresse des Eigentümers gekennzeichnet sein.
    Kenntnisnachweis. Für Drohnen ab zwei Kilogramm benötigt der Betreiber ab dem 1. Oktober 2017 eine Pilotenlizenz oder eine Bescheinigung nach Prüfung durch eine vom Luftfahrt-Bundesamt anerkannte Stelle.

    Erlaubnispflicht und -freiheit. Ab fünf Kilogramm ist eine Erlaubnis von den Landesluftfahrtbehörden einzuholen. Der Betrieb durch Behörden oder Organisationen mit Sicherheitsaufgaben ist generell erlaubnisfrei.

    Betrieb und Betriebsverbot. Das bisher bestehende generelle Betriebsverbot für Drohnen unter fünf Kilogramm außerhalb der Sichtweite wird aufgehoben. Ein Betriebsverbot gilt jedoch außerhalb der Sichtweite für Geräte unter fünf Kilogramm, die sich über sensiblen Bereichen befinden, also zum Beispiel über Einsatzorten von Polizei und Rettungskräften, Krankenhäusern oder auch Menschenansammlungen. Tabu sind auch die Kontrollzonen von Flugplätzen sowie Flughöhen über 100 Meter – es sei denn, der Betrieb findet auf einem Gelände statt, für das eine allgemeine Erlaubnis zum Aufstieg von Flugmodellen erteilt und für die eine Aufsichtsperson bestellt worden ist. Über Wohngrundstücken gilt das Betriebsverbot ohne besondere Erlaubnis bereits für Drohnen ab 250 Gramm Gewicht oder dann, wenn sie in der Lage sind, Signale zu empfangen, zu übertragen oder aufzuzeichnen.

    Ausweichpflicht. Drohnen müssen generell bemannten Luftfahrzeugen und unbemannten Freiballons ausweichen.

    Vielseitig einsetzbar

    In diesen zehn Bereichen verrichten Drohnen ihre Dienste:

    1. Film- und Fotoaufnahmen. Luftfotos und -aufnahmen bieten Werbung, Film und Fernsehen ungewöhnliche Perspektiven.

    2. Dokumentation. Immobilienmakler setzen ihre Objekte mit Luftaufnahmen in Szene; Baustellenfortschritte lassen sich visuell dokumentieren.

    3. Katastrophenschutz. Drohnen dienen als Vorhut zur Lagesondierung. Spezialsensoren an Bord messen beispielsweise bei Bränden die Schadstoffbelastung in der Rauchwolke.

    4. Inspektionsaufgaben. Schwer zugängliche Stellen wie Dächer, Brücken, Raffinerien, Windräder oder Leitungen können mithilfe der Drohnen inspiziert werden. Hierfür werden sie zum Beispiel mit Wärmebildkameras ausgestattet.

    5. Landwirtschaft. Reifegrad und Schädlingsbefall von Ackerland lassen sich mit Drohnen überprüfen, Äcker und Weinberge mit Schädlingsbekämpfungsmittel besprühen.

    6. Vermessungen. Drohnen mit kalibrierten Kameras überfliegen Bodenmarkierungen – das Kartieren im Überflug geht einfacher und schneller als beispielsweise zu Fuß mit GPS-Gerät.

    7. Warentransport. Drohnen können kleine Pakete oder dringend benötigte Medikamente in abgelegene Regionen oder auf Inseln befördern.

    8. Logistik. Inventarisierung oder kleine Transporte in Lagerhallen können effizient durchgeführt werden. Die Objektstandorte werden nicht mehr über eindeutige Standplätze definiert, sondern über GPS-Koordinaten festgelegt.

    9. Such- und Rettungsdienste. Drohnen spüren in unwegsamem Gelände, in Erdbebengebieten oder unter Lawinen mit Wärmebildkameras Verschüttete auf. Die Defi-Drohne bringt im Notfall den Defibrillator.

    10. Überwachung. Drohnen beobachten Großveranstaltungen aus der Luft. Ordnungskräfte setzen sie dank Nachtsichtfunktion auch im Dunkeln ein, ob­servieren und verfolgen Kriminelle. Mithilfe von Wärmebildkameras lassen sich Graffiti-Sprayer oder Metalldiebe nachts aufspüren.


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