Kolumne, Mittelstandsbotschafter, Nachhaltigkeit, Personal, Strategie

Das Problem mit der Arroganz

Wer bei google den Suchbegriff „VW und Abgasskandal“ eingibt, bekommt fünf google Anzeigen von Rechtsanwälten angezeigt, die Geschädigten versprechen, ihr Recht gegenüber dem VW-Konzern zu vertreten. Sensationsurteile werden versprochen. Direkt gefolgt werden die Anzeigen von einem Wikipedia Eintrag mit dem Titel „VW-Abgasskandal“. Die Auswirkungen des sogenannten Abgasskandals, mit dem der 2015 aufgedeckte Vorgang bezeichnet wird, bei dem die Volkswagen AG eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendete, um Abgasnormen zu umgehen, sind weitreichend und fressen sich seitdem immer weiter durch die Marken des Automobilkonzerns. Aber es wurde noch schlimmer. Die eingesetzte Konzernvorständin für Recht und Integrität, betraut mit der Aufklärung des Skandals und der Einhaltung von Recht und Gesetz im Konzernhandeln, beendete schnell ihre Arbeit und verließ den Konzern mit der unglaublichen Abfindung von mehr als 12 Millionen Euro.

Das renommierte Forbes Magazin schrieb im September 2015, dass die Corporate Social Responsibility (CSR) Abteilung des Konzerns, also die Abteilung, die sich ausschließlich mit der gesellschaftlichen Verantwortung und dem gesellschaftlich verantwortungsvollen Handeln des Konzerns beschäftigt, entweder von allem gewusst haben oder innerhalb des Konzerns vollkommen bedeutungslos sein muss. Der Skandal sei eine vollkommene Bankrotterklärung für diese Abteilung und die darin tätigen Mitarbeiter. Und in der Tat, der Konzern mischte praktisch bei allen bedeutenden Initiative mit. VW ist Unterzeichner der Charta der Vielfalt, berichtete nach dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex und ist engagiert in der Global Compact Initiative der Vereinten Nationen, in dem sich Unternehmen unter anderem dazu verpflichten, die „Entwicklung und Verbreitung umweltfreundlicher Technologien zu beschleunigen“ und „gegen alle Arten der Korruption einzutreten, einschließlich Erpressung und Bestechung“. Ein bemerkenswerter Widerspruch.

Auf allen bedeutenden Konferenzen und Meetings zur CSR war der VW Konzern vertreten. Ich selbst habe oft VW Mitarbeiter getroffen. Auf einer Konferenz sagte einmal eine VW Mitarbeiterin mit einer Mischung aus entwaffnender Naivität und überheblicher Arroganz zu mir: „Wissen Sie, VW ist der Konzern, in dem die Sonne niemals untergeht.“ Ich vermute, sie hatte nicht den blassesten Schimmer, woher der Satz stammt. Möglicherweise hat sie nur wiederholt, was ihr konzernintern vorgebetet wurde. Das Reich in dem die Sonne nie unterging, war das spanische Weltreich Karls des V. im 16ten Jahrhundert. Die extreme Ausdehnung des Herrschaftsgebietes und der weltweite Machtanspruch über mehrere Kontinente – zudem noch von höherer Stelle legitimiert – ließ die Zeitgenossen von einem solchen Reich sprechen. Eine gehörige Portion Größenwahn schwang darin mit. Und auch mit diesem Weltreich geschah das, was mit allen Weltreichen passiert oder passieren wird: es ging unter und wurde abgelöst. Es wurde abgelöst, weil man Strukturen nicht reformierte und technologische Entwicklungen verschlief. Während die Engländer schnelle, wendige Schiffe mit Kanonen bauten, deren Schusskraft groß und Schussgeschwindigkeit schnell war, schipperten die Spanier mit Galeeren durch das Mittelmeer. Bei genauerer Betrachtung ist dies eine interessante Analogie zur momentanen Situation der Automobilkonzerne, die Entwicklungen pomadig verschlafen und nun von Unternehmen wie Tesla oder von der Deutschen Post DHL mit ihrem grandiosen Streetscooter überholt werden.

Aber all dies ist nicht der Kern des VW Abgasskandals. Der Kern ist, dass sich anscheinend Mitarbeiter mit dem Durchschreiten von Werktoren in einer anderen rechtlichen Welt zu fühlen scheinen. Gesetze oder auch nur das, was man gemeinhin unter moralischen und ethischen Grenzen versteht scheint sich in den größenwahnsinnigen Atmosphären einiger Unternehmen in Luft aufzulösen. Dass es Managern gleichgültig ist, wie im Rahmen der weltweiten Wertschöpfung die Arbeitsbedingungen außerhalb Deutschlands sind, solange die Kosten möglichst niedrig gehalten werden, daran hat man sich gewöhnt. Dass aber systematisch Gesetze gebrochen und damit mir nichts dir nichts Straftaten begangen werden, gemäß dem Motto „ich arbeite ja in dem Konzern, in dem die Sonne nie untergeht“ ist neu.

Aber die Argumentation des Forbes Magazins ist nur in Teilen richtig: ja, die CSR Abteilung scheint keinerlei Einfluss auf diese Vorgänge gehabt zu haben, aber nein, die Verantwortung für diese Entwicklung liegt nicht bei dieser Abteilung, sondern sie liegt zu allererst bei den beteiligten Mitarbeitern, die allem Anschien nach nur allzu leicht Gesetzestreue und ethische Vorstellung oder auch nur Bedenken für Karriere, Boni oder falsch verstandene Loyalität über Bord werfen. Das ist die eigentliche Erkenntnis dieser Vorgänge.

Aber dennoch gibt es in jedem Unternehmen eine Abteilung, die für Personalrekrutierung, -management, -führung und -fortbildung verantwortlich ist, und diese Abteilung ist gefragt, Personal auszuwählen, das nicht anfällig zu sein scheint, bei solchen Machenschaften mitzumachen und vor allem auch verhindert, dass Biotope des Größenwahns in Unternehmen entstehen. Manager, die glauben, in einem Unternehmen zu arbeiten, das dem Reich eines Karls des V. gleicht, sollten in ihrer Position nicht nur hinterfragt sondern auch mit Konsequenzen sanktioniert werden. Vielleicht ist auch dies eine der ohnehin schon zahlreichen und großen Herausforderungen für die Personalabteilungen der Zukunft.

 
Personalkongress „Mitarbeiter finden, Fachkräfte binden“ von Creditreform LIVE. Montag, 13. November 2017, 10.15 Uhr bis 16.30 Uhr in Wolfsburg, Hotel The Ritz-Carlton.


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