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    erfolgreich, Personal

    Sie kann, weil sie will, was sie muss

    Eigentlich war ihr Berufsweg von Geburt an vorgezeichnet. Das älteste Kind, egal ob Sohn oder Tochter, übernimmt den elterlichen Hof. So ist es in Franken üblich. Ingrid Hofmann war die Erstgeborene in dem Ackerbau- und Milchwirtschaftsbetrieb, gelegen in Hiltpoltstein in der Fränkischen Schweiz. Doch es stellte sich früh heraus, dass sie das landwirtschaftliche Erbe nicht antreten wird. Ein angeborenes Hüftleiden verhindert, dass sie dauerhaft schwer hebt. Bäuerin wird man da besser nicht.

    Deshalb also Bürostuhl statt Schemel. Statt Traktor fährt Ingrid Hofmann gerne rassige Sportwagen. Ihr Markenzeichen ist das rote Haar mit Pagenschnitt. Die 63-Jährige ist alleinige Eigentümerin und Chefin von I. K. Hofmann in Nürnberg, dem fünftgrößten Personaldienstleister in Deutschland. Vielfach ausgezeichnet mit Unternehmerpreisen und dem Bundesverdienstkreuz, gilt Hofmanns Einsatz nicht nur dem fortwährenden Gedeihen des eigenen Betriebs. Sie will die Zeitarbeitsbranche von ihrem zweifelhaften Ruf befreien. Als Firmenlenkerin, aber auch als Mitglied des Verwaltungsrats der Bundesagentur für Arbeit und des Vorstands des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister. Ein anspruchsvolles Unterfangen. Hartnäckig hält sich die Skepsis im Gewerkschaftslager gegen das „Verleihen“ von Mitarbeitern. Und die Linkspartei würde das Geschäftsmodell am liebsten ganz verbieten.

    Den Ruf der Branche verbessern

    Lange wirken Praktiken der heute insolventen Drogeriekette Schlecker nach, die kurzerhand Festangestellte feuerte und sie als Zeitarbeitnehmer billiger wieder einstellte. Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler bezeichnet die Zeitarbeitsfirmen als Mitschuldige an der zunehmenden Altersarmut – dem vermeintlichen Nährboden der AfD. Und als Angela Merkel 2016 Vertreter des Netzwerks „Wir zusammen“ nach Berlin lud, um für die Integration von Flüchtlingen zu werben, blieben die Zeitarbeitsfirmen mit ihren etwa eine Million Beschäftigten außen vor.

    „Ich war schon sauer“, sagt Hofmann und wählte dennoch eine elegante Form des Protests: In einem Brief an die Kanzlerin listete sie die fast 300 Flüchtlinge auf, die ihr Unternehmen in einem Job untergebracht hatte. Eine Antwort aus dem Kanzleramt indes blieb aus. Entmutigen lässt sich Hofmann davon nicht. Im Gegenteil. Sie lacht, als sie die Geschichte erzählt. 500 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren, lautet nun ihr Ziel.

    Und ihre Ziele verfolgt sie beharrlich: Hofmanns erster Job nach der Schule: eine Lehre zur Außenhandelskauffrau bei einem Nürnberger Blumenimporteur. Der unterhielt Orchideen-Plantagen in Südafrika. Das war es, was für Hofmann zählte. „Ich habe eine Annonce geschaltet: Suche Ausbildungsplatz, der es mir ermöglicht, nach Südafrika zu gehen“, erinnert sie sich. 49 Unternehmen aus ganz Deutschland hätten sich gemeldet. Die Heimatnähe habe den Ausschlag für den fränkischen Importeur gegeben – zudem liebe sie Blumen und im Kühlhaus durfte sie sich Sträuße binden.

    Der eigentliche Plan aber lautete: Nach Ende der Ausbildung nach Südafrika reisen und dort leben. Ein indischer Junge in Johannesburg war ihr Brieffreund. „Wir haben uns im 14-Tages-Rhythmus per Luftpost geschrieben, das war unser Facebook. Ich wollte unbedingt hin, doch dafür hatte ich nicht die finanzielle Ausstattung.“ Der Plan scheiterte an den Unruhen, die im Land der Apartheid Mitte der 1970er-Jahre ausbrachen, gerade als die Lehre abgeschlossen war. Zu gefährlich war es nun, in Südafrika zu arbeiten. Ihr Brieffreund: während der Aufstände verschollen. Hofmann hat nie mehr von ihm gehört.

    Die junge Sekretärin blieb im Importgeschäft und begann zu reisen, allerdings innerhalb der deutschen Grenzen. Ob Hamburg, Dortmund oder Augsburg – wenn in einer Niederlassung eine Kollegin ausfiel und vertreten werden musste, übernahm Hofmann das. In ihrem mit Mohnblumen verzierten Käfer ratterte sie durch die Republik. So sammelte sie – ganz unbewusst – Erfahrungen für das Zeitarbeitsgeschäft: „Ich weiß genau, was es bedeutet, sich immer wieder auf unterschiedlichen Arbeitsplätzen einzuarbeiten.“ Hofmann und ihre gut 500 internen Mitarbeiter in der Verwaltung und Disposition wissen, wie wichtig es ist, die Zeitarbeitnehmer zu unterstützen und fair zu handeln. Es gehe eben nicht um Arbeitnehmer zweiter Klasse, von denen Gewerkschaftsvertreter häufig sprechen.

    Hofmann wechselte Ende der 1970er-Jahre in die Nürnberger Niederlassung eines Schweizer Personaldienstleisters. Und fand dort ihre Lebensaufgabe: „Ich will mit Menschen arbeiten. Und ich will so viele von ihnen wie möglich in Arbeit bringen.“ Woher kommt so ein Wunsch? Sie muss nicht lange nachdenken. Auf ihrem Wandkalender steht ein Spruch, den sie Jahr für Jahr per Hand auf das neue Exemplar überträgt. „Ich kann, weil ich will, was ich muss.“ Immanuel Kant, der Meister des Imperativs, hat diese Weisheit erdacht. Es ist ein zentrales Motto für das Handeln der Managerin. „Nicht alles, was ich will, funktioniert“, sagt sie. „Und auch nicht alles, was ich vermeintlich kann. Aber wenn man eine Berufung spürt, dann ist dagegen nichts zu machen. Dann ist es eine verdammte Pflicht.“

    Ein enormer Vorteil bei einer Pflicht dieser Größenordnung: Hofmann braucht kaum Schlaf. Wenn sie um sechs Uhr morgens einen Flieger zu einem Geschäftstermin nehmen muss, steht sie um vier Uhr auf – geht aber nicht vor Mitternacht ins Bett. Der bevorzugtere Rhythmus: arbeiten bis zwei und aufstehen um sechs. Als Säugling sei sie von den besorgten Eltern zum Arzt geschleppt worden, weil sie den Großteil der Nacht wach war und spielen wollte. „Wenn ich nachts nicht bespaßt wurde, habe ich geschrien.“ In der Schulzeit lag sie mit der Taschenlampe unter der Bettdecke und las stundenlang, statt zu schlafen.

    Zwischen Nachwuchs und Firma

    Als 1988 ihre Tochter Sonja zur Welt kam, hoffte Ingrid Hofmann auf das gleiche Verhalten. Tagsüber im Homeoffice arbeiten, wenn das Kind schläft. Nachts zusammen spielen und noch etwas schlafen – das hätte zu ihrem Rhythmus gepasst. Drei Jahre zuvor hatte Hofmann ihre Firma gegründet, die gerade ans Laufen kam. Aber: „Sonja schlief ganz normal nachts und wollte tagsüber Aufmerksamkeit – ich kam mit meinen Terminen nicht mehr hinterher, hatte das Gefühl, in meiner Wohnung eingesperrt zu sein und war völlig gestresst.“ Gerade einmal vier Wochen hielt Hofmann das aus, dann ging es zurück in die Firma. Unterstützt von einer Bürokraft, die Kinderkrankenschwester gelernt hatte, meisterte sie Mutterschaft und Firmenleitung parallel.

    Drei Jahrzehnte später darf sich Hofmann zur Spitze ihrer Branche zählen. Eine ausgefüllte Zeit, sagt sie rückblickend. „Nicht jeder hat das Glück, einen Job zu finden, der über 30 Jahre hinweg Spaß macht.“ Sie kennt es aus der täglichen Praxis. Für viele Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, sind Zeitarbeitsfirmen die erste Anlaufstelle, um schnell wieder Geld zu verdienen. „Viele Leute wissen, dass sie über uns in eine Position kommen können, die sonst nicht erreichbar ist. Oft wird ihre Bewerbung ignoriert. Und viele finden über die Zeitarbeit eine feste Stelle.“ Fast zwei Drittel der Hofmann-Beschäftigten hatten zuvor keine Anstellung, neun Prozent waren langzeitarbeitslos.

    Das Geschäftsmodell ist simpel. Die Zeitarbeiter sind bei I. K. Hofmann fest angestellt und werden gegen Gebühr an Unternehmen vermittelt, die Bedarf haben – vom Hilfsarbeiter in der Logistik bis zum IT-Experten. Die Zeitarbeitsfirma bekommt die Differenz zum tatsächlichen Gehalt – und trägt das Risiko etwa bei Krankheit oder Nicht-Einsatz eines Beschäftigten. Mit vielen großen Firmen etwa aus der Automobil- und Elektrobranche hat Hofmann Rahmenverträge abgeschlossen.

    Kritiker sagen: Tarifverträge regeln zwar, dass Zeitarbeiter das Gleiche verdienen müssen wie Festangestellte. Aber sie bekommen nur kundenabhängig Sonderzahlungen, Zulagen und sonstige Gratifikationen. Und besonders: Wenn es schlecht läuft, sind sie die ersten, die gehen müssen. So etwa während der Finanzkrise 2008: Ein Drittel der 300.000 Zeitarbeiter in Deutschland verloren ihren Job. Auch Hofmann musste anfangs entlassen, bis die Branche eine Gesetzeserweiterung durchsetzte, sodass man gemeinsam mit den Kunden in die Kurzarbeit gehen durfte.

    Die Jahre vor dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers – es war die goldene Ära der Zeitarbeit. Fünf Millionen Menschen waren in Deutschland ohne Job, die Agenda-2010-Reform hatte den Arbeitsmarkt liberalisiert. „Wir waren die Wunderwaffe gegen Arbeitslosigkeit“, erinnert sich Hofmann. Auch das stimme nicht – ebenso wenig wie der vielfach geäußerte Vorwurf der modernen Sklaverei. „Wir waren nur ein Instrument von vielen.“ Und heute trage sie ebenfalls dazu bei, die Flexibilität zu schaffen, die gerade jüngere Arbeitnehmer oft suchen. Hofmann verweist auf junge Akademiker, die in einzelne Branchen hineinschnuppern wollen. „Viele Leute wollen gar keine dauerhafte Beschäftigung, sondern in Projekten arbeiten. Wir organisieren die Individualität der Menschen und die Flexibilität der Unternehmen.“

    Neue Gesetze fordern die Branche

    Als Gängelei empfindet Hofmann die im vergangenen Oktober verabschiedeten neuen gesetzlichen Regeln für ihre Branche. „Man hat uns ein Bürokratiemonster auf den Hals gehetzt“, klagt Hofmann. Unter anderem dürfen Zeitarbeiter nun nicht länger als 18 Monate in einem Betrieb bleiben. Zudem müssen Zeitarbeitsfirmen nun nach neun Monaten in einem Betrieb für ihre Beschäftigten den sogenannten Vergleichslohn ermitteln, der auch Zulagen berücksichtigt – sonst drohen hohe Strafen. „Der Aufwand dafür ist unverhältnismäßig hoch“, sagt Hofmann. Auch die ständig wachsenden Dokumentationspflichten würden die Arbeit erschweren.

    Ausgleich zum stressigen Alltag findet Ingrid Hofmann auf dem Land. „Früher habe ich das Landleben nicht als meine Welt empfunden. Aber heute bin ich sehr verwurzelt.“ Seit dem Tod ihres Vaters kümmert sie sich um das Gehöft: Äcker und Wiesen sind verpachtet. Nur die Wälder nicht, um die kümmern sich Forstarbeiter. Hofmann kauft indes weitere Baumflächen hinzu, bringt sie auf Vordermann. „Mein Vater war bekannt für seine schönen Wälder“, sagt sie. Sie tut halt, was sie muss.

    Der Überblick

    1985 gründet die gelernte Außenhandelskauffrau Ingrid Hofmann in Nürnberg den Personaldienstleister I. K. Hofmann, dessen alleinige Eigentümerin und Chefin sie ist.

    Das Unternehmen wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Ludwig-Erhard-Preis. Heute unterhält I. K. Hofmann in Deutschland über 90 Standorte und ist in Tschechien, Österreich und der Schweiz sowie in den USA und Großbritannien tätig. Von 2013 bis 2016 legte der Umsatz von 613 auf 836 Millionen Euro zu, die Zahl der Beschäftigten stieg von 20.100 auf 23.800 Personen. Neben ihrer Tätigkeit im Branchenverband BAP und bei der Bundesagentur für Arbeit engagiert sich Hofmann in der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und hat einen Sitz im Board of Directors der German American Chamber of Commerce of the Southern United States inne. Sie ist zudem ehrenamtliche Handelsrichterin und Honorarkonsulin für Dänemark.


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