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Industrie 4.0 ist in vielen Werkshallen angekommen – aber nicht in allen Köpfen

In Deutschland gibt es nur noch wenige Industriebetriebe, die sich nicht mit der digitalen Transformation befassen. Lediglich 8 Prozent verweigern sich komplett, wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Staufen zeigt. Damit ist deren Zahl in Jahresfrist noch einmal um die Hälfte gesunken. Sind wir also mittlerweile zur Industrie 4.0-Nation geworden? Nicht ganz, denn die Transformation hat zwar die Unternehmen erfasst, weit weniger aber die Köpfe.

Die Zahlen lesen sich auf den ersten Blick vielversprechend. Der Industrie 4.0-Index, den wir jährlich erheben, ist 2017 noch einmal kräftig gestiegen. Zugegeben, der Anteil von Unternehmen, die sich in allen Bereichen voll und ganz Industrie 4.0 verschrieben haben, liegt erst bei 7 Prozent. Angesichts der gewaltigen Herausforderung, wirklich den kompletten Betrieb umzustellen, und der langen Investitionszyklen in der Produktionstechnik ist das aber schon eine ordentliche Leistung. Und weitere 41 Prozent haben sind die digitale Transformation immerhin in Teilbereichen praktisch angegangen. Auch die Übrigen legen nicht die Hände in den Schoß, sondern analysieren, planen, testen.

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Alle Segel auf Industrie 4.0 also? Könnte man fast meinen. Neue Technik und vernetzte Organisationsformen kommen täglich in deutsche Fabrikhallen. Und man wird es schwer haben, eine Messe der Produktionstechnik zu finden, die nicht mit digitalen Themen die Werbetrommel rührt. Doch industrielle Revolutionen werden nicht zuletzt von Menschen getrieben – und die tun sich vielfach noch schwer mit dem neuen cyber-physischen Zeitalter. Viele scheinen bei dem Thema Industrie 4.0 mitzuziehen, ohne wirklich von der Idee überzeugt zu sein. Rund 40 Prozent sprechen von einem Hype, von einem schnittigen Begriff, den man der kontinuierlichen Automatisierungsentwicklung übergestülpt hat.

Lähmende Skepsis

Nun, es stimmt schon, Industrie 4.0 ist mittlerweile etwas überstrapaziert – und Hand aufs Herz, manchmal hat es schon ein wenig etwas von den vollmundigen Werbeankündigungen der Konsumgüterindustrien: Fast erwartet man schon den Aufkleber „Industrie 4.0 ready“. Doch darf diese Skepsis nicht die Begeisterung für den digitalen Paradigmenwechsel bremsen, will die deutsche Industrie weiter an der Spitze mitspielen. Sicher, Industrie 4.0 ist vielleicht ein nicht optimal gewählter, weil wenig konkreter Begriff. Da hat es der englischsprachige Raum mit seinem Internet of Things schon etwas besser getroffen. Doch die Umwälzungen werden so gewaltig sein, dass es in der Natur der Sache liegt, wenn die Schublade nicht perfekt passt. Fazit: Man darf gerade im Einkauf gegenüber so manchem Slogan durchaus kritisch sein, eine grundlegende Verweigerungshaltung kann sich aber kein Industrieunternehmen leisten.

Vor zehn Jahren war Myspace

Womöglich fühlen sich die Menschen aber auch schlicht überrollt von der Geschwindigkeit des Wandels und entwickeln daher eine gewisse Abwehrhaltung. Gerade die zukunftsbezogenen Fragen unserer Studie zeigen, wie sehr noch in alten Zeiträumen gedacht wird. Disruptive Angriffe auf das eigene Unternehmen im Digitalisierungsumfeld? Für die kommenden zwei Jahre erst mal kein Thema – nur 16 Prozent sehen hier ein Risiko. Ausgedehnt auf fünf Jahre glauben rund 40 Prozent daran, selbst für das kommende Jahrzehnt liegt der Wert nur etwas über der Hälfte. Da muss man schon die Frage stellen: Ernsthaft? Zehn Jahre, das ist technologisch gesehen heute ein Zeitraum, der überhaupt nicht mehr zu überblicken ist. Ein beispielhafter Blick auf das Jahr 2007: Da wuchs in der Digitalbranche gerade kräftig ein kleinerer Konkurrent von Myspace heran, Facebook hieß das Angebot. Aber das sind doch ganz andere Welten, mag man einwenden. Investitionsgüter funktionieren schließlich ganz anders! Nun, mit Blick auf eine andere Branche mit hohen und langfristigen Investitionen: Hätte man der Hotelbranche vor zehn Jahren gesagt, dass man ihr den Rang ablaufen könnte, ohne auch nur ein ganzes Gebäude zu bauen, kaufen oder mieten…

Trends werden unterschätzt

Nun ist Disruption ein höchst abstraktes Feld, dass sich ja gerade durch seine Unvorhersehbarkeit auszeichnet. Doch auch bei höchst konkreten Entwicklungen der Produktionstechnik hinkt das Vorstellungsvermögen noch kräftig hinterher: 2017 ist das Jahr der industriellen Internetplattformen, entsprechende Angebot schießen quasi wie Pilze aus dem Boden. Spielt für unsere Branche in den kommenden zwei Jahren keine große Rolle, glauben sage und schreibe 81 Prozent der Befragten. Auch für den Fünfjahreszeitraum sind es noch rund die Hälfte.

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Aber zurück zum Anfang. Schwarzmalerei in Sachen Industrie 4.0 ist derzeit sicher nicht angebracht. Die Mehrheit der Unternehmen erkennt die Zeichen der Zeit und handelt entsprechend. Wichtig ist aber jetzt möglichst bald die Erkenntnis, tatsächlich in revolutionären Zeiten zu leben – für Entscheider wie für Beschäftige. Wer noch in den gewohnten Zeiträumen der 2000er denkt, wird bald überholt werden.

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