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Nachfolgeplanung. Jetzt!

Vielen Unternehmern fällt es schwer, die eigene Firma loszulassen und ihre Nachfolge zu planen. Wir zeigen, wie Sie das Thema endlich angehen – und was Sie dabei beachten sollten.

Ein bisschen was von Heinrich Lohse steckt wohl in jedem Unternehmer. Als der Einkaufsdirektor aus Loriots Komödie „Pappa ante Portas“ unfreiwillig in den Vorruhestand versetzt wird, treibt er seine Ehefrau in den Wahnsinn: Er kauft palettenweise Senf und schließt ein Abonnement für die vermeintlich kostengünstige, monatliche Lieferung von Badesalz und Wurzelbürsten ab – schließlich hat er den „Arbeitsbereich Einkauf“ im Haushalt übernommen. Um der emsigen einstigen Führungskraft zu entfliehen, sucht sich die Dame des Hauses schlussendlich völlig genervt selbst einen Job.
„Endlich Ruhestand“, heißt es auch bei vielen Senior-Unternehmern nicht. Mehr noch: Es fällt ihnen schwer, sich mit dem Ausstieg aus dem eigenen Unternehmen zu befassen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat in seinem Unternehmensreport 2016 die Erfahrungen aus mehr als 21.000 Gesprächen mit Alt-Eigentümern und Nachfolgeinteressenten zusammengetragen. Das Ergebnis: 37 Prozent der betagten Firmenchefs konnten emotional nicht loslassen. Nicht rechtzeitig vorbereitet waren sogar 43 Prozent.

Plädoyer für einen frühen Start

Dabei gilt eine frühe Planung als das A und O einer erfolgreichen Unternehmensnachfolge. „Eine Nachfolgeregelung benötigt einen angemessenen zeitlichen Vorlauf“, sagt Oliver Rogge, Leiter Corporate Finance bei der DZ Bank. Sein Rat: Etwa drei bis fünf Jahre sollten für die Vorbereitung einer Unternehmensnachfolge eingeplant werden. „Wer bereits ab Anfang 50 mit der Nachfolgeplanung beginnt, hat in der Regel ausreichend Erfahrung und genügend Zeit, verschiedene Optionen zu prüfen.“ Dies ist laut Rogge insbesondere dann wichtig, wenn Sohn oder Tochter nicht als Nachfolger zur Verfügung stehen, wenn sie beispielsweise zunächst die Übernahme zusagen, es sich dann aber nach einiger Zeit im Betrieb anders überlegen. Vielfach werde zudem ab 50 im jährlichen Bankgespräch nach möglichen Lösungen gefragt, das Thema nehme Einfluss auf die Rating-Entscheidung der Bank. „Nachfolgeplanung kann zu einem entscheidenden Faktor bei der Kreditvergabe werden“, so Rogge.

Offene Flanke

Ein weiterer Grund spricht für einen frühen Start: Eine ungeklärte Nachfolgefrage gerät mitunter zur offenen Flanke. „Wenn man mit Mitte 60, Anfang 70 noch keine Strategie hat, schwächt das die eigene Position“, sagt Birgit Felden, Professorin für Management KMU und Unternehmensnachfolge an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. „Wettbewerber werben unsichere Kunden ab, potenzielle Käufer drücken den Preis“, warnt Felden, die seit 20 Jahren Firmen bei der Stabübergabe berät.

Dass viele Jahre zwischen Entscheidung und Übergabe vergehen können, zeigt etwa der Fall von Frederic Goronzy. Der heute 40-Jährige hatte dem Vater und dessen Kraftmesstechnik-Betrieb Haehne in Erkrath bei Düsseldorf zunächst eine Absage erteilt. Während er seine Doktorarbeit schrieb, beobachtete er die Karrieren seiner früheren Kommilitonen: „Ich kam zu der Erkenntnis, dass ich mehr bewegen kann, wenn ich einen bereits bestehenden Betrieb übernehme.“ Goronzy entschied sich aufs Neue – dieses Mal für Haehne und die Nachfolge. Vater und Sohn ließen es langsam angehen: Sie einigten sich darauf, dass der Junior zunächst zwei Jahre Erfahrungen in einer Unternehmensberatung sammelte, bevor er bei Haehne einstieg. Dort sollte er nochmals zwei Jahre verbringen und seine Entscheidung auf Herz und Nieren prüfen. Erst dann fand eine Übergabe statt.

Kinder mit eigenem Kopf

Das Unternehmen an den Sohn oder die Tochter übergeben – ein Traum, der längst nicht für alle Alt-Eigentümer wahr wird. Deutlich mehr als die Hälfte (56 Prozent) des Mittelstands zieht laut einer Creditreform-Befragung grundsätzlich die Übergabe an ein Familienmitglied in Betracht. 29 Prozent votieren sogar ausschließlich für diese Nachfolgelösung. Doch der Wunsch steht vielfach im Gegensatz zu den Karriereplänen der Generation Y. Zum einen ist für sie Work-Life-Balance entscheidend: Bei der Wahl des Arbeitgebers etwa landete dieser Aspekt bei einer Studie der Managementberatung Kienbaum auf Platz zwei der wichtigsten Entscheidungskriterien. Außerdem tickt die aktuelle Nachfolgegeneration anders als die vorherige: „Sie sehen sich eher frei in ihrer Entscheidung, eine Nachfolge nicht anzutreten und anderen beruflichen Interessen nachzugehen“, sagt DZ-Bank-Experte Rogge.

„Ein Bäcker muss backen können“

Auch das Thema Eignung spielt eine große Rolle: Die Frage, ob Kinder nachfolgen wollen, ist mindestens genauso wichtig, wie die Frage, ob sie es überhaupt können. Birgit Felden empfiehlt, auch den eigenen Sohn oder die Tochter gründlich zu überprüfen. Ein geeigneter Nachfolger müsse drei Arten von Anforderungen gewachsen sein: berufsspezifischen – „ein Bäcker muss backen können“ –, kaufmännisch-vertrieblerischen und unternehmerisch-strategischen. Außerdem muss er die Kompetenzen eines Inhabers beziehungsweise Investors mitbringen: Risiko­freude und Finanzwissen etwa.

» Nachfolgeplanung kann zu einem entscheidenden Faktor bei der Kredit-vergabe werden. « Oliver Rogge, DZ Bank

Wird der Nachwuchs den Anforderungen nicht gerecht, empfiehlt Felden, bei der Suche nach einem Nachfolger „von innen nach außen“ vorzugehen: „Zunächst sollten Unternehmer innerhalb der Firma nach geeigneten Kandidaten suchen. Bestenfalls finden Sie jemanden, den die Belegschaft schätzt und der die betriebseigenen Besonderheiten gut kennt.“ Mike Giessler ist ein solcher Mitarbeiter. Der 27-jährige Schreinermeister hat zum 1. Januar 2017 die Schreinerei Fritz Gaus in Bad Wildbad übernommen. Obwohl Giessler bereits einige Jahre im Unternehmen gearbeitet hatte, ist auch diese Nachfolgelösung das Ergebnis langer Bemühungen. „Der damalige Eigentümer hat mich anderthalb Jahre vor der geplanten Übergabe gefragt und mir mehrere Monate Bedenkzeit gelassen“, sagt Giessler.

Hilfe für Unternehmer

Aber was tun, wenn sich im Kreis der Mitarbeiter niemand finden lässt? Dann hilft nur ein externer Verkauf. Expertin Felden rät, zunächst das eigene Netzwerk zu bemühen und Geschäftsfreunde zu fragen, ob sie einen Interessenten kennen. Auch bei Banken und bei Branchenverbänden könnten Unternehmer fündig werden. „Falls es kein absolutes No-Go ist, kann es sich lohnen, Konkurrenten anzusprechen“, so Felden. Das anonymisierte Einstellen eines Unternehmens-Exposés auf Online-Nachfolgebörsen kann ebenfalls helfen. Das gilt auch für auf Nachfolgefragen spezialisierte Unternehmensberater. Sie können auch dafür sorgen, dass ein Senior-Unternehmer beim Kaufpreis realistisch bleibt – ein großes Problem übrigens: Laut DIHK-­Nachfolgereport forderten ganze 44 Prozent der Alt-Inhaber einen gemessen am Marktumfeld zu hohen Kaufpreis.

Ein guter Berater hilft auch, eine Finanzierung auf den Weg zu bringen. Schreiner Giessler und Eigentümer Gaus etwa holten schon früh die Handwerkskammer Karlsruhe ins Boot. Sie half bei der Geschäfts- und Rentabilitätsplanung und brachte die beiden späteren Geldgeber, die L-Bank und die Baden-Württembergische Bürgschaftsbank, ins Spiel. Rückblickend sagt Giessler: „Der Berater von der Handwerkskammer Karlsruhe wusste genau, welche Informationen die Banken sehen wollten. Ich hab mich super betreut gefühlt.“

Der Senior: ein gefragter Experte

Eine weitere Frage, der sich Senior-Unternehmer stellen müssen: Wie lange sind sie noch bereit, im Unternehmen mitzuarbeiten? Im Falle eines Kaufs kann dies sogar ein entscheidender Faktor sein: „Meiner Erfahrung nach erwarten Käufer, dass der Alteigentümer noch für eine Überführungszeit von etwa drei Jahren zur Verfügung steht“, sagt DZ-Bank-Experte Rogge.

» Wenn man mit Mitte 60, Anfang 70 noch keine Strategie hat, schwächt das die eigene Position. « Birgit Felden, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin

Doch auch nach der Übergabe kann der Senior ein gefragter Experte sein. Bei Mike Giessler schaut der Alt-Eigentümer jeden zweiten Tag für ein Stündchen vorbei: „Ich habe mir von vornherein gewünscht, dass er mich weiter berät. Er hat viel Erfahrung – zum Beispiel bei Ausschreibungen für große Projekte. Da bin ich ihm für seinen Rat dankbar.“
Abgesehen davon, wie lange der angehende Ruheständler noch zur Verfügung stehen möchte: Die Abhängigkeit von ihm zu verringern, das steht ganz oben auf der To-do-Liste. „Es muss im Rahmen einer Nachfolgeregelung sichergestellt werden, dass das Unternehmen zukünftig auch ohne den Alt-Eigentümer erfolgreich sein kann“, sagt Rogge. Das könne etwa bedeuten, eine zweite Managementebene zu schaffen oder diese in ihren Befugnissen zu stärken.

Mitarbeiter informieren – so geht’s

Steht die Nachfolgelösung fest, sollten auch Mitarbeiter und Kunden informiert werden. Das könne im Rahmen einer Feier geschehen, sagt Felden, zum Beispiel, wenn ein Jubiläum anstehe. Zudem müssen Verantwortlichkeiten während der Übergabezeit klar kommuniziert werden und auch, wie lange diese dauern soll.

Doch wie können Firmeninhaber dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter auch wirklich den Neuen konsultieren, wenn sie ein Anliegen haben? „Wenn das Unternehmen an den Junior übertragen wird, der Senior aber noch im Chefbüro sitzt, gehen die Mitarbeiter ganz automatisch weiter zum Senior“, warnt Expertin Felden. Die Lösung sei ganz einfach: Bürotausch. Falls das nicht hilft, müssten auch die Firmenwagen getauscht werden – damit selbst der Letzte sieht: der Chef hat losgelassen.

 

Loslassen – mit diesen Fragen packen Sie die Nachfolge an

Eines lässt sich auch beim besten Willen nur schwer planen: die Emotionen. Die eigene Firma abzugeben, ist für die meisten Unternehmer undenkbar. Wir listen die richtigen Fragen auf, um das Thema anzugehen.

Was ist der Anlass für Sie, sich mit der Unternehmens-
nachfolge zu beschäftigen?

Welche Optionen und Alternativen haben Sie bisher angedacht?

Ist für Sie der Verkauf des Unternehmens ein Tabu?

Welchen Einfluss möchten Sie auch nach der Übergabe auf Ihr Unternehmen noch ausüben?

Welche Aktivitäten haben Sie immer wieder bis zum Ruhestand hinausgeschoben?

Welche Träume wollten Sie sich schon lange erfüllen?

Gibt es Ehrenämter, die Sie reizen?

In welchen Organisationen – etwa Berufsverbänden, politischen Parteien oder Vereinen – könnten Sie Ihr fachliches Know-how einbringen?

Könnten Sie in einem Spezialgebiet noch einmal als Selbstständiger tätig sein?

Quelle: Unternehmensnachfolge – die optimale Planung.
Die Info-Broschüre des Bundeswirtschaftsministeriums finden Sie hier (http://bit.ly/2yDJ87V) zum kostenlosen Download.

 

Hilfe aus dem Netz

Bei der Suche nach Unternehmensberatern und Nachfolgebörsen hilft eine Recherche auf folgenden Webseiten:

Beraterbörse.com ist eine von der Creditreform Gruppe betriebene Online-Plattform (www.beraterboerse.com). Sie ist für Unternehmer kostenlos und ermöglicht, mithilfe von Suchkriterien einen geeigneten Experten aus ihrer Region zu finden und zu kontaktieren.

Nexxt-change.org ist die größte deutsche Nachfolgebörse für Verkaufsangebote und Kaufgesuche (www.nexxt-change.org). Sie wird vom Bundeswirtschaftsministerium, der KfW Bankengruppe, Kammern und Banken betrieben.

Nachfolge-in-deutschland.de ist eine Website des Instituts für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Sie bietet eine Vielzahl an nützlichen Informationen – etwa eine Übersicht über weitere Börsen zu Unternehmensnachfolge und -verkauf sowie einen Nachfolge-Fahrplan.


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