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Die Illusion vom kreativen Chaos

Wenn kreative Köpfe etwas von Abläufen und Strukturen hören, geht schnell die Angst um. Man wird doch nicht dem Pegasus die Flügel stutzen wollen? Kreativität und Regeln, das geht nicht zusammen. Nur frei kann der Geist sich entfalten. Dabei reicht der Blick auf jeden erfolgreichen Schriftsteller, Komponisten, Maler oder Designer, um zu sehen: Mit einem Glas Rotwein in der Hand auf die Muse warten ist nicht das Erfolgskonzept. Auch kreative Arbeit ist eben Arbeit, nicht selten harte, und die profitiert nun mal von Klarheit und Transparenz.

Mehr als die Hälfte deutscher Unternehmen gibt kreativen Prozessen in Forschung und Entwicklung keine echte Struktur, zeigt die Studie „Erfolg im Wandel“, für die von der Unternehmensberatung Staufen mehr als 650 Führungskräfte deutscher Unternehmen befragt wurden. Die Folgen bekommen genügend von ihnen zu spüren. Lange Entwicklungszeiten, zahlreiche Projekte, die irgendwann versanden, kurz vor dem Markteintritt werden schwerwiegende Fehler entdeckt, die nur mit erheblichem Aufwand und hohen Kosten zu beheben sind. So ist es eben, wenn man auf Partner Zufall setzt. Die Idee vom kreativen Chaos ist einfach ein Hirngespinst. Warum sollten alle übrigen Mitarbeiter von guten, stabilen Prozessen profitieren – was kaum jemand bestreiten würde – und nur diejenigen in Forschung und Entwicklung nicht?

Keine Produktion würde auf Chaos setzen

Vielleicht liegt diese eigenartige Vorstellung an einer gewissen Fremdheit mit der Materie. In der Produktion, zunehmend auch in Verwaltung und anderen indirekten Unternehmensbereichen, beschäftigt man sich teils seit Jahrzehnten mit Lean Management. Entsprechend weiß man dort, das „Chaos“ kein guter Begleiter im Arbeitsalltag sein kann. Um ein ganz banales Beispiel herauszugreifen: Möchte auch nur ein Produktionsmitarbeiter ernsthaft lieber in der Werkzeugkiste wühlen, nur um nach zehn Minuten festzustellen, dass irgendwer den gesuchten Drehmomentschlüssel nicht zurückgelegt hat, statt einfach zum Shadowboard zu greifen?

Nicht Kreativität wird beseitigt, sondern deren Bremser

Klare Strukturen und verlässliche, schlanke Prozesse, die Lean Development und Lean Innovation verfolgen, haben nichts mit einem „engen Korsett“ zu tun. Sie würgen keine Kreativität ab, denn streng genommen haben sie diese Qualität überhaupt nicht im Fokus. Ganz im Gegenteil, es soll den lästigen Routineaufgaben an den Kragen gehen, den nervigen Zeitfressern, die niemand wirklich gerne erledigt – gerade zugunsten der wirklich kreativen Aufgaben.

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Sicher, so manchem geliebten Projekt droht unter Umständen auch das frühe Aus, wenn es sich bei strukturierter Betrachtung als nicht zielführend herausstellt. Aber ist das wirklich schlechter, als Entwicklungen mit viel Zeit und Geld bis zum Ende durchzuziehen, um dann kurz vor Auslieferung festzustellen, dass man wieder zurück muss zum Zeichenbrett? Ist es für einen Entwickler und sein Ansehen nicht sehr viel schmerzhafter, wenn er nach einem langen Marathon auf der Zielgeraden scheitert, statt sich früh einzugestehen, auch einmal aufs falsche Pferd gesetzt zu haben?

Verquere Eigensicht

Vielen Unternehmen fehlt indes noch die Selbsterkenntnis. 61 Prozent behaupten, Innovationen würden systematisch und routiniert vorangetrieben. Wie das ohne klare Prozesse wirklich funktionieren soll, bleibt schleierhaft. Und interne Verbesserungen sind kaum zu erzielen, wenn man nicht einmal transparent machen kann, wo Fehler geschehen. Hier wäre der kritische Blick nach Innen angebracht. Zumal die Innovationszyklen rasant an Fahrt gewinnen. Niemand kann sich mehr leisten, kreative Köpfe in verschwenderischen Routinen zu verstricken und dabei viel Zeit zu verlieren. Viele Industrie 4.0-Konzepte in F&E setzen zudem auf klare Prozesse in der physischen Welt: Wer also von der virtuellen Fabrik und ähnlichem profitieren will, sollte jetzt die dringend die Hausaufgaben erledigen.

 

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