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Überschuldung erreicht die Mittelschicht

Unbezahlte Rechnungen, Überschuldung, Privatinsolvenz: Das sind keinesfalls nur Probleme sozial benachteiligter Gruppen. Wie der SchuldnerAtlas der Creditreform Wirtschaftsforschung belegt, geraten immer häufiger auch gut situierte Personen in schwierige ökonomische Situationen. 

Der Tag der Zäsur war ein sonniger Mittwoch. Am 21. Juni 2017 erklärte Christine Derret am High Court of Justice in London Boris Becker für pleite. Seitdem befindet sich Deutschlands berühmtester Tennisspieler in einem Insolvenzverfahren. Noch ist unklar, ob der Wahl-Londoner tatsächlich zahlungsunfähig ist – ob geschätzte 150 Millionen Euro Vermögen weg sind, darunter 25 Millionen Euro Preisgeld aus einer bemerkenswerten Karriere. Becker bestreitet das.

Aber mit dem Richterspruch an diesem Junitag wurde wieder einmal deutlich, dass Überschuldung nicht allein ein Problem von unteren gesellschaftlichen Schichten oder sozial benachteiligten Personengruppen ist, sondern vielmehr in allen Teilen der Gesellschaft auftritt. Aus dem aktuellen SchuldnerAtlas, den Creditreform Wirtschaftsforschung, Microm und Creditreform Boniversum in jedem Herbst erstellen, geht sogar hervor, dass immer häufiger Verbraucher aus der Mitte der Gesellschaft trotz guter ökonomischer Rahmenbedingungen in eine Überschuldungsspirale geraten. Und zugleich weisen auch Personen aus gehobenen Schichten Überschuldung und nachhaltige Zahlungsstörungen auf.

Zum vierten Mal in Folge gestiegen

In diesem Jahr waren neue Überschuldungsfälle aus der Mittelschicht sogar maßgeblich daran beteiligt, dass die Zahl der überschuldeten Verbraucher zum vierten Mal in Folge gestiegen ist – um 65.000 Personen (plus 0,9 Prozent). Damit waren zum Stichtag 1. Oktober 2017 bundesweit gut 6,9 Millionen Bürger über 18 Jahre überschuldet. Die Überschuldungsquote, also der Anteil der überschuldeten Personen an der Gesamtbevölkerung, ist dagegen zuletzt leicht gesunken. Der Grund: Die Bevölkerungszahl ist seit Oktober 2016 infolge von Zuwanderung nochmals stärker gestiegen als in den Vorjahren.

Wie kann das sein, in einer Zeit, in der die Konjunktur brummt wie selten zuvor? In der die Einkommenssituation der Verbraucher auch dank der vergleichsweise hohen Tarifabschlüsse des vergangenen und auch des laufenden Jahres günstig ist? Und in der die Arbeitslosenquote nahezu kontinuierlich sinkt, auf nur noch 5,4 Prozent im Oktober 2017? Bilden nicht Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit einen guten Schutzschild gegen das Risiko einer Überschuldung? Offensichtlich wurde dieses günstige Umfeld zuletzt durch andere Faktoren überlagert. Nach Einschätzung der Autoren des SchuldnerAtlas haben sich in den vergangenen Monaten „viele Indikatoren zur Einordnung des Überschuldungsrisikos nicht verbessert, sondern zum Teil verschlechtert“. So habe beispielsweise die Zahl der atypisch Beschäftigten trotz insgesamt steigender Erwerbstätigkeit weiter zugenommen: Es gebe mehr befristete Beschäftigungsverhältnisse und auch die Quote der Teilzeitbeschäftigten im Alter zwischen 20 und 64 Jahren bewege sich auf historisch hohem Niveau. Einkommensschwache Haushalte würden zudem durch steigende Energiekosten belastet. „Im Kontext deutlich höherer Mietkosten und Immobilienpreise müssen viele Menschen so viel Geld für ihre Miete bezahlen, dass sie an den Rand der Armutsgrenze gelangen“, heißt es im SchuldnerAtlas.

Mieten belasten die Haushaltskasse

Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass etwa 40 Prozent aller Haushalte in Deutschlands Großstädten mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens ausgeben müssen, um die Bruttokaltmiete zu bezahlen. Das entspricht rund 5,6 Millionen Haushalten, in denen etwa 8,6 Millionen Menschen leben. Für etwa 1,3 Millionen Haushalte in deutschen Großstädten liegt das Realeinkommen nach Abzug der Miete sogar unterhalb der Hartz-IV-Regelsätze. Auffällig ist, dass Mietschuldner erst an neunter Stelle der häufigsten Schuldnerarten stehen. Nach Einschätzung des Statistischen Bundesamts liegt das daran, dass die Mieter aus Sorge, ihre Wohnung zu verlieren und keine adäquate Bleibe zu finden, alles daransetzen, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Der aktuelle Anstieg der Überschuldungsfälle weist eine Besonderheit auf: Er beruht auf einer Zunahme der Fälle von hoher Überschuldungsintensität (der meist juristische Sachverhalte oder unstrittige Inkassofälle zugrunde liegen) und mehr Fällen geringer Überschuldungsintensität (nachhaltige Zahlungsstörungen). Eine vergleichbare Entwicklung hatte es zuletzt 2011/2012 gegeben. Seitdem waren die „harten“ Überschuldungsfälle kontinuierlich gestiegen, die „weichen“ Überschuldungsfälle dagegen durchgehend gesunken. Die Autoren des SchuldnerAtlas begründen den neuen Trend damit, dass ökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder eine gescheiterte Selbstständigkeit zuletzt seltener der Hauptauslöser für eine Überschuldung waren. Dagegen haben häufiger eine unwirtschaftliche Haushaltsführung sowie Erkrankungen, Sucht oder Unfälle dazu beigetragen, dass Privatpersonen in ökonomische Schwierigkeiten gerieten.

 Überschuldung im Alter

Immer häufiger sind es ältere Menschen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können. Laut SchulderAtlas waren vier von fünf der 2017 neu überschuldeten Personen älter als 50 Jahre. Die Zahl überschuldeter über 70-Jähriger hat mit einem Plus von zwölf Prozent überdurchschnittlich stark zugenommen – wenngleich auf niedrigem Niveau. Etwa 194.000 Menschen über 70 Jahre gelten derzeit als überschuldet. In der nächstjüngeren Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen listet der SchuldnerAtlas 522.000 Überschuldungsfälle (plus vier Prozent) auf. Vertiefende Analysen zeigen, dass viele Ältere oft mit kleinen Jobs versuchen, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, da die Zahlungen der Rentenversicherung nicht ausreichen. Das durchschnittliche Schuldenvolumen liegt bei den 60- bis 69-Jährigen mit 46.400 Euro deutlich über dem Niveau der unter 25-Jährigen (7.500 Euro). Altersarmut und Altersüberschuldung dürften in den nächsten Jahren aus zwei Gründen weiter zunehmen: infolge unsteter Erwerbsbiografien jüngerer Geburtsjahrgänge und mangelnder Altersvorsorge. So geht aus dem „Vermögensbarometer 2017“ des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands hervor, dass knapp ein Viertel der deutschen Verbraucher „keine Maßnahmen zur Altersvorsorge“ ergriffen hat – und dies auch nicht beabsichtigt.

Boris Becker dagegen besitzt nach eigenem Bekunden trotz seiner aktuell schwierigen Situation auch mit 50 Jahren noch viele Optionen, finanziell vorzusorgen: durch zahlreiche neue Werbeverträge, die ihm vorlägen.


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