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Losgröße 1 – Realität statt Träumerei

Hätte man noch um die Jahrtausendwende davon gesprochen, individualisierte Produkte oder sogar Einzelstücke zu den Konditionen der Massenfertigung herzustellen, wäre man ohne Zweifel von den meisten für verrückt erklärt worden. Dabei lag der Gedanke gar nicht so fern, immerhin gab es zum Beispiel bereits in den 1980ern mit Rapid Prototyping den Urvater der additiven Fertigung. Und selbst in der Serienfertigung zeichnete sich längst der Trend zur Flexibilisierung ab.

Was fehlte, waren technische Infrastruktur und Rechenkapazitäten. 2017 stehen wir bereits voll im digitalisierten Zeitalter. Automatisierte Fertigungslinien mit minimalen Rüstzeiten, die unmittelbar nach Kundenkonfiguration arbeiten, sind keine Träumereien mehr. Ebenso entwickelt sich der 3D-Druck für zahlreiche Spezialfertigungen rasant zum Standard. Losgröße 1 wird damit Realität. Und das mit einer Geschwindigkeit, die viele überrascht hat: In der jährlichen Staufen-Studie „Deutscher Industrie 4.0 Index“ gab 2017 bereits ein Fünftel der deutschen Industrieunternehmen an, dass sie Losgröße 1 zu den Kosten einer Serienfertigung realisieren. Noch einmal 28 Prozent wollen in den kommenden fünf Jahren auf diesen Stand kommen.

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Ausgerechnet Automotive bleibt skeptisch

Vorreiter sind die Maschinen- und Anlagenbauer, was nicht erstaunt. Schließlich hat die Branche große Erfahrung damit, ihre Maschinen nach den Anforderungen von Kunden zu konfigurieren. Und im Anlagenbau ist naturgemäß jeder Auftrag ein komplett individuelles Projekt. Entsprechend bezweifelt im Maschinen- und Anlagenbau nur jeder zehnte Befragte, dass die Losgröße 1 Zukunft hat. Ganz ähnlich sieht es in der Elektroindustrie aus.

Deutlich anders dagegen bewertet die Automobilindustrie die Entwicklungen. Nur 40 Prozent halten Losgröße 1 für ein wichtiges strategisches Thema für das eigene Unternehmen. Ein Viertel bezweifelt, dass sie zu den Kosten der Massenfertigung zu realisieren ist. Mehr als ein Drittel sieht keine Relevanz für das eigene Haus. Das sind ausgesprochen überraschende Ergebnisse für eine Branche, die ihren Kunden zum Beispiel schon seit einigen Jahren Online-Konfigurationstools zur Produktindividualisierung an die Hand gibt. Und wer in den vergangenen Jahrzehnten einen Neuwagen beim Händler gekauft hat, dem ist das Spiel mit den Sonderausstattungen bestens vertraut.

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Modelle sind starke Verkaufsargumente

Warum sollte also gerade eine Branche, die man durchaus zu den Vorreitern individualisierter Produkte zählen kann, die Losgröße 1 derart kritisch betrachten? Es kann gemutmaßt werden: Vielleicht liegt es daran, wie Automobile an den Mann gebracht werden – nicht zuletzt über Emotionen und Marken. Der stolze Automobilist brüstet sich, gerade Modell XY sein Eigen zu nennen. Modelle und Marken stehen im Automobilbereich für Verlässlichkeit und Lebensgefühl. Der Halter identifiziert sich mit einem bestimmten Modell, ganz unabhängig davon, ob der Wagen mit seiner Sonderausstattung vielleicht schon viel näher an einem Produkt der Konkurrenz liegt als am Basismodell. Dann das optische Design, das in kaum einer Branche so sehr Gewicht hat wie bei den Automobilen und für Unverwechselbarkeit steht. Ganz gleich, was unter der Haube steckt, wichtig ist für den Verkauf, ein bestimmtes Image abzuliefern.

Dieses Prinzip ist mit einem komplett individualisierten Produktverständnis natürlich schwieriger zu verfolgen. Wenn jeder Kunde seinen kleinen Erlkönig im Computer zusammenstellt, dann wird der Wettbewerb womöglich ganz anders aussehen: weniger nach Modell und Marke, sondern viel mehr nach harten und vor allem vergleichbaren Fakten.

Das ist mitunter unbequem, sicher. Aber auf Dauer wird man sich der Losgröße 1 vermutlich nicht verweigern können. Je mehr Endkunden das persönliche Einzelstück als selbstverständlich empfinden, desto mehr wird auch die Automobilbranche diesem Trend folgen müssen. Es ist schlicht nicht zu vermitteln, dass der vergleichsweise günstige Turnschuh komplett individualisiert erhältlich ist, man für mehrere zehntausend Euro aber nur Massenware bekommen soll. In große Bedrängnis wird das die Branche sicher nicht stürzen. Sie hat schließlich die entsprechende Erfahrung, auch wenn sie die Nomenklatur offenbar (noch) ablehnt. Das wird sich aber vielleicht recht schnell ändern, wenn die ersten Kunden lieber stolz vom ganz persönlich zusammengestellten Wagen schwärmen als vom neuesten Modell XY. Oder man verfolgt eben Losgröße 1, nennt es aber nicht so. Wer dann auch immer die Kataloge der Sonderausstattungen betreuen muss, der kann einem ein wenig leidtun. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

 

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