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Mehr Mut zur Selbstständigkeit!

Die Zahl der Existenzgründungen sinkt seit einigen Jahren stetig. Vor allem in strukturschwächeren Regionen gibt es immer weniger Jungunternehmer. Creditreform Mecklenburg-Vorpommern möchte dazu beitragen, das zu ändern – und sponsert einen Gründerwettbewerb.

Stabil, geräumig und gut zu stapeln: Überseecontainer erlauben ein einfaches und schnelles Verladen, Befördern, Lagern und Entladen von Gütern. Aber warum die stählernen Kolosse nicht einmal anders verwenden, zum Beispiel als stylischen Schlafplatz? Oder besser noch: Die Großraumbehälter übereinanderstapeln und ein ganzes Hotel daraus bauen. Diese Idee hatten vor sieben Jahren Christin Mählitz, 30, und Christoph Krause, 35. Einen möglichen Standort für ihr kühnes Projekt hatten sie auch schnell ausgemacht. Am Hafenkai der Warnemünder Werft sollte Deutschlands erstes Hotel aus upgecycelten Überseecontainern entstehen. Im Handumdrehen ging das nicht. Die deutsche Baugesetzgebung ist streng, und so mussten die Jungunternehmer viel Zeit und Mühe investieren, bis ihr Dock Inn Hostel im Frühjahr 2017 eröffnete. Eine schicke Herberge in einzigartigem Design, das zum Küstenstandort passt. „Ein überzeugendes Konzept mit professioneller Vermarktung“, lobte die Jury des Deutschen Tourismuspreises 2017 und vergab den ersten Preis an die Jungunternehmer aus Warnemünde.

„Es zeugt von großem unternehmerischen Mut, wenn junge Leute ein Vorhaben trotz vieler Skeptiker verwirklichen – gerade in einer Region, wo die Existenzgründer-Kultur nicht sonderlich stark ausgeprägt ist.“ Benedikt von der Decken, Creditreform Mecklenburg-Vorpommern

Für Benedikt von der Decken, Geschäftsführender Gesellschafter der Creditreform Mecklenburg-Vorpommern von der Decken KG, ist das Dock Inn aus einem weiteren Grund ein Leuchtturmprojekt: „Es zeugt von großem unternehmerischen Mut, wenn junge Leute ein solches Vorhaben trotz vieler Skeptiker verwirklichen – gerade in einer Region, wo die Existenzgründer-Kultur nicht sonderlich stark ausgeprägt ist.“ Nach Zahlen des KfW-Gründungsmonitors belegt Mecklenburg-Vorpommern mit jahresdurchschnittlich 125 Gründern je 10.000 Einwohner im Ranking aller Bundesländer einen hinteren Platz. Nur im Saarland, in Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt brachten zuletzt noch weniger Menschen den Mut zur Selbstständigkeit auf. Zum Vergleich: In den Gründerhauptstädten Hamburg und Berlin kamen zuletzt auf 10.000 Einwohner 253 (Hamburg) beziehungsweise 236 (Berlin) Neuselbstständige.

Gründergeist fördern

Von der Decken möchte die Lust am Unternehmertum in seiner Heimatregion fördern. Deshalb unterstützt er seit vielen Jahren einen von der „Ostsee-Zeitung“ durchgeführten, viel beachteten Gründerwettbewerb mit einem Sonderpreis. Die Auszeichnung („Mut zur Selbstständigkeit“) ist mit 2.000 Euro dotiert und wird an Jungunternehmer vergeben, die mit einer ungewöhnlichen Idee und gegen vielerlei Widerstände den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt haben. 2017 erhielt das Dock Inn den Sonderpreis. Klaas Küther, Verkaufsleiter Creditreform Mecklenburg-Vorpommern, lobte insbesondere das „innovative Design im altehrwürdigen Seebad Warnemünde“ sowie den „anhaltenden Mut zur Selbstständigkeit trotz vieler Skeptiker und Unwägbarkeiten.“
Die Zahl der Existenzgründer geht seit langem in ganz Deutschland zurück. 2016 notierte die KfW nur noch 672.000 Personen, die eine „neue selbstständige Tätigkeit begonnen haben“. Zwei Jahre zuvor waren es noch 915.000 gewesen. Ursächlich dafür ist nach Einschätzung von Experten vor allem die gute Konjunktur. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften haben Erwerbstätige in Boom-Zeiten die Qual der Wahl – zwischen attraktiven Jobalternativen als Angestellter und einer Selbstständigkeit. „Die Entscheidung fällt immer häufiger gegen die Selbstständigkeit aus, weil bessere Jobchancen die teilweise erheblichen Risiken einer Gründung überwiegen“, analysiert die KfW in einer Studie.

In Mecklenburg-Vorpommern bremsen zusätzlich landestypische Besonderheiten das Gründungsgeschehen. Das Bundesland ist wenig verdichtet und vergleichsweise strukturschwach. Wichtigste Branchen sind der Tourismus und die Nahrungsmittelindustrie. „Hinzu kommt, dass die Universitäten in Rostock und Greifswald sowie die Fachhochschulen in Wismar und Stralsund sehr viel weniger Firmenausgründungen aufweisen als andere Hochschulen“, beobachtet von der Decken. Möglicherweise sei das eine Folge der geringeren Tradition sowie der schwächeren Finanzkraft im nordöstlichen Bundesland.

Auch gibt es an der Küste kein solches Umfeld, wie es etwa die Universität Jena aufzuweisen hat: eine enge Nachbarschaft zu renommierten, international erfolgreichen Konzernen wie Zeiss, Jenoptik und Schott. Deshalb ist es kein Zufall, dass es in keiner anderen deutschen Region mehr Hightech-Unternehmen (in Relation zu sämtlichen Newcomern) gegründet werden als in der zweitgrößten Stadt Thüringens. Eine Analyse von Creditreform Wirtschaftsforschung und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt: Agglomerationen von Unternehmen derselben Branche, von Dienstleistern, Forschungsinstitutionen und Experten beleben das Gründungsgeschehen. In Mecklenburg-Vorpommern ist das wenig gegeben.

Attraktive Alternative

Nach Einschätzung von von der Decken fehlt es vielen Menschen in seiner Region aber auch schlicht an einem „Gründer-Gen“: „Sie realisieren viel zu selten, dass eine Selbstständigkeit eine attraktive Erwerbsalternative sein kann.“ Es müsse ja nicht gleich ein großer Betrieb mit vielen Beschäftigten sein, sagt der Creditreform-Geschäftsführer. Unternehmertum gebe es auch im Kleinen, zum Beispiel im Handwerk. Viele Handwerksbetriebe suchten vergeblich nach einem Nachfolger. Warum nicht eine eingeführte Firma übernehmen und damit auch das Risiko des Scheiterns minimieren? Übernahmekandidaten gibt es genug. Firmenbörsen wie die Deutsche Unternehmerbörse (DUB) oder next-change, eine unter anderem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie initiierte Plattform, verzeichnen regelmäßig mehr Verkaufs- als Kaufgesuche.

Der Angebotsüberhang wird noch größer werden. Wenn sich die geburtenstarke Babyboomer-Generation im Laufe der nächsten zehn bis 15 Jahre aus dem Berufsleben zurückzieht, wird sie auch auf den Chefsesseln im Mittelstand eine große Lücke hinterlassen. Denn die nachfolgenden Generationen sind deutlich kleiner. Nach einer Analyse der KfW planen jährlich etwa 200.000 Unternehmer, ihre Firma (die meisten in einer Umsatzgröße zwischen 500.000 und einer Million Euro Jahresumsatz) an einen Nachfolger zu übergeben oder zu verkaufen – Tendenz steigend. Sicher besitzt nicht jeder abzugebende Betrieb eine exzellente Fortführungsperspektive. Aber wer ernsthaft interessiert ist und geduldig sucht, kann über den Kauf eines Unternehmens den Sprung in die Selbstständigkeit schaffen. Vorausgesetzt, er ist mutig genug, darin eine Alternative zum Angestelltendasein zu sehen. „Ich hoffe, dass unser Preis dazu beiträgt, mehr Menschen die Idee einer selbstständigen Existenz näherzubringen“, meint von der Decken. Mählitz und Krause, die beiden Gründer des Dock Inn Hostels in Warnemünde, haben ihren Entschluss nicht bereut. Ihre stylische Herberge war gleich in der ersten Saison sehr gut ausgelastet.


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