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Vernetzung ist Gold wert

Digitale Ideen für Unternehmen gibt es reichlich – und die meisten sind gar nicht so schwer umzusetzen. Trotzdem brauchen viele Betriebe jemanden, der ihnen etwas unter die Arme greift. So wie die Mittelstand-4.0.-Kompetenzzentren des BMWi.

Die Tischlerei Berg ist der Inbegriff von Tradition: Mehr als 250 Jahre gibt es das Familienunternehmen aus dem Bergischen Land schon. Damit das so bleibt, geht der klassische Handwerksbetrieb nun erste Schritte in Richtung Digitalisierung. Auf Facebook, Twitter und Instagram stellt der Betrieb aktuelle Arbeiten und neue Produkte vor oder sucht Mitarbeiter und Azubis. Schon seit 2014 können Kunden sogar via App Kontakt zur Tischlerei aufnehmen. Und für die Zeiterfassung der Mitarbeiter hat das Unternehmen einen Scannercode eingeführt.

Mit diesen, wenn auch kleinen, Anfängen macht die Tischlerei bereits einiges richtig. „Inzwischen erwarten viele Kunden, dass auch kleine Unternehmen digitalisiert sind“, sagt Ulrich Goedecke, Projektleiter beim Schaufenster Ost des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk in Dresden. Minimum sei deshalb ein solider Internetauftritt und eine Kundendatenbank. Doch nicht alle Betriebe sind so entschlossen wie die Tischlerei Berg. „Manche sind entflammt, andere schrecken noch vor der Digitalisierung zurück“, sagt Alexander Albers. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Entwurfstechnik Mechatronik in Paderborn. Das Institut kooperiert mit einem der bisher 20 Mittelstand-4.0-Kompetenzzentren des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Diese Zentren haben das Ziel, mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe bei der Digitalisierung und Vernetzung sowie der Anwendung von Industrie 4.0 zu unterstützen. Ihre Aufgabe: Aktuelles und praxisrelevantes Wissen zur Digitalisierung und Vernetzung betrieblicher Prozesse zusammenzuführen, weiterzuentwickeln und in die Sprache des Mittelstands zu übersetzen.

“Viele Betriebe haben noch Schwierigkeiten, eine eigene Digitalisierungsstrategie zu entwickeln und einen Überblick über passende Angebote zu gewinnen.“
Ulrich Goedecke, Kompetenzzentrum Digitales Handwerk

Denn noch stehen viele dem Thema eher skeptisch gegenüber, wie eine Studie der Innovation Alliance, einem Verbund von IT-Unternehmen, zeigt. Ein Drittel der 500 befragten Entscheider aus mittelständischen Unternehmen empfindet Angst und fast 90 Prozent sehen in der Digitalisierung vor allem eine Herausforderung. Etwa zwei Drittel assoziieren den Begriff mit Risikofreude.

Gleichwohl ist das Interesse am Thema Digitalisierung groß. Einfachstes Beispiel: In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Suche nach dem Wort „Digitalisierung“ bei Google vervielfacht. Doch woran hakt es bei der Umsetzung? „Viele Betriebe haben noch Schwierigkeiten, eine eigene Digitalisierungsstrategie zu entwickeln und einen Überblick über passende Angebote zu gewinnen“, sagt Goedecke. Deshalb können sie digitale Veränderungen häufig nicht alleine stemmen. Sogenannte Innovation Labs – ausgelagerte Abteilungen, die tagein, tagaus an Innovationen für das Unternehmen tüfteln – kann sich ein kleiner Betrieb nicht leisten. Oft übernimmt der Entscheider selbst diesen Job, doch das kann schnell überfordern.
„Viele Unternehmen sind von der Digitalisierung aufgescheucht und haben das Gefühl, von jetzt auf nachher alles umkrempeln zu müssen“, sagt Alexander Albers. „Dabei reicht es oft, in kleinen Schritten vorzugehen.“ Zuerst solle man sich informieren. „Es birgt kaum Aufwand, einfach mal zu einem Vortrag über Innovationsförderung zu gehen.“ Auf Kaminabenden könne man sich dann mit anderen Unternehmen austauschen, um Anregungen zu bekommen. Die Kompetenzzentren bieten solche Veranstaltungen kostenlos an, ebenso wie Schulungen für Mitarbeiter und Entscheider.

Tradition trifft Startup

Wem das zu langsam geht, der kann sich im ersten Schritt auch selber testen. Im Quick-Check der Bundesinitiative „Digital in NRW“ beantworten die Unternehmen 15 Fragen zu ihrem individuellen Digitalisierungsstatus. Das Tool wertet anschließend den digitalen „Reifegrad“ des Unternehmens aus. Manch einem ist dieser Weg jedoch zu anonym. Deshalb bieten die Kompetenzzentren auch Vor-Ort-Termine an. „Wir wollen die Unternehmen dabei unterstützen, Prozesse zu digitalisieren und neue Services anzubieten, um sich zukunftsorientiert aufzustellen“, sagt Goedecke. Mitarbeiter des Kompetenzzentrums informierten sich bei den Unternehmen vor Ort über Ziele und Ideen. Häufig reiche schon eine kostenlose Aufklärung. Bei anderen werde es auch schon ganz konkret: Dann bringt das Kompetenzzentrum den Handwerker zum Beispiel mit einem IT-Dienstleister zusammen, der ihm einen Onlineshop baut.

Einen neuen Ansatz erprobt das BMWi seit 2017: die Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups. Die Betriebe profitieren vom technischen Know-how der Gründerszene, die Startups können ihre Ideen an den Mann bringen und finden in den Unternehmern mögliche Mentoren. In zwölf deutschen Städten sind dafür sogenannte Digital Hubs, digitale Knotenpunkte, entstanden. Ihr Konzept ähnelt dem der Kompetenzzentren: Ein Unternehmen meldet sich, die Mitarbeiter der Initiative verschaffen sich einen Überblick im Betrieb und geben ein Feedback. Wenn sich eine Zusammenarbeit mit einem Startup anbietet, suchen sie einen geeigneten Partner. Das Projekt ist bis 2019 angesetzt, 100 Matchings muss ein Hub bis dahin eingefädelt haben. In Köln etwa schmieden bisher rund 15 Unternehmen gemeinsame Pläne mit Startups. Das BMWi gibt bis zu 500.000 Euro an Fördergeldern – aber nur, wenn der Hub die Hälfte davon aus Eigenmitteln aufbringt. Deswegen sind die Organisatoren ständig auf der Suche nach Sponsoren.

Oft hätten die Betriebe einen falschen Eindruck von der Gründerszene, sagt André Panné, Geschäftsführer des Kölner Digital Hub: „Die Chefs von Startups sind nicht unbedingt die jungen Hipster aus Berlin. Viele sind zwischen 35 und 50 Jahren und ticken gar nicht so anders als die Unternehmer selbst.“

Wären erste Zweifel erst einmal überwunden, könne sich letztendlich jeder Betrieb digitalisieren. „Natürlich will ein Handwerker seine Arbeit auch weiterhin manuell tun. Aber er könnte zum Beispiel die Zulieferung seiner Teile digitalisieren oder auch in der Kundenbetreuung digitale Unterstützungssysteme nutzen.“ Man könne Produkte weiterentwickeln, bei Bewerbungsprozessen das Auswahlverfahren standardisieren und intern die Arbeitsdauer digital erfassen. Ob auch die Tischlerei Berg Teil der digitalen Knoten in Deutschland wird? „Wir wollen weniger Papierverbrauch und können uns vorstellen, dafür von Erfahrungswerten anderer Unternehmen zu profitieren“, sagt Alexandra Wagener, Assistentin der Geschäftsführung. Allerdings dürfe das nicht allzu viel Zeit kosten. André Panné kennt diese Angst – und rät, sie zu überwinden: „Trotz Zeitmangel und mitunter wenig digitaler Erfahrung ist mein dringendster Appell an die Unternehmen: Bleibt offen!“

Hilfreiche Wegweiser

Unter diesen Adressen finden Unternehmen finanzielle und fachliche Unterstützung für ihre Digitalisierungs­projekte:

de-hub.de
Alle Informationen rund um die bundesweite Digital Hub Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

ptj.de/innovationsgutschein-digitalisierung
Das Programm „Mittelstand Innovativ!“ vergibt Innovationsgutscheine in Höhe von 10.000 bis 15.000 Euro.

bit.ly/2AGjWCa
Im Quick-Check der Bundesinitiative „Digital in NRW“ beantworten Unternehmen 15 Fragen zu ihrem individuellen Digitalisierungsstatus, um den Reifegrad ihrer Organisation zu ermitteln.

mittelstand-digital.de
Die Kompetenzzentren bieten Vor-Ort-Beratung und kostenlose Veranstaltungen zu Digitalisierungsstrategien an.

handwerkdigital.de
Digitalisierung im Handwerk: Studien, Umsetzungsbei-
spiele und Erfolgsgeschichten zeigen, wie die Transformation gelingt, ohne die Tradition zu verdrängen.


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