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Aufbruch in eine neue Datendimension

Mithilfe von Künstlicher Intelligenz können Unternehmen mehr als automatisierte Aufgaben an Maschinen auslagern. Richtig eingesetzt, lassen sich neue Geschäftsfelder erschließen und das Wachstum beschleunigen. 

Selbst die Fachleute staunten: Ein Computer hatte den amtierenden Weltmeister des fernöstlichen Brettspiels Go geschlagen. Doch es war nicht die Tatsache an sich, sondern vielmehr die Art und Weise, wie das Programm Alpha Go von Googles Entwicklerfirma Deep Mind seine Spielzüge legte, die die Fachwelt beeindruckte. „Das Programm bevorzugte Züge, die Go-Meistern bisher unbekannt waren“, sagt Andreas Dengel, Wissenschaftlicher Direktor und Standortleiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern. Die Erklärung: Alpha Go hatte aus seinen eigenen Zügen gelernt und sich selbst ständig verbessert. Das spielerische Beispiel gibt einen Eindruck davon, was mit Künstlicher Intelligenz (KI) inzwischen möglich ist. Nicht nur bei komplizierte Spielen und deren Zügen, auch bei juristischen Schriftsätzen wird KI in den USA schon eingesetzt. Ärzte nutzen sie für Diagnosen und Behandlungspläne, Technologieunternehmen schicken ihre selbstfahrenden Autos auf die Straßen. Aber auch hierzulande ist KI längst im Einsatz: Sei es unmerklich als Fahrerassistenzsystem in den Autos oder in den digitalen Assistenten wie Alexa, Siri & Co, die uns hilfreich zur Seite stehen.

Vor großen Veränderungen

Doch was genau bedeutet KI überhaupt? Fragt man den Pionier Wolfgang Wahlster nach einer einfach zu verstehenden Erklärung, sagt er: „KI ist die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, die Fähigkeiten des Menschen, sich intelligent zu verhalten, auf Computern nachzuahmen.“ Seit rund 30 Jahren forscht Wahlster am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, der weltweit größten Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet. „KI wird nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Wirtschaft künftig immens erleichtern“, ist der Experte überzeugt.

» KI ist die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, die Fähigkeiten des Menschen, sich intelligent zu verhalten, auf Computern nachzuahmen. «
Wolfgang Wahlster, DFKI

Wie sehr KI die Leistung der deutschen Wirtschaft verändern kann, haben Berater von McKinsey ausgerechnet. Deren Fazit: KI ist der Wachstumsmotor für die deutsche Industrie schlechthin. Nach ihrer Prognose könnte durch den frühen und konsequenten Einsatz von intelligenten Robotern und selbstlernenden Computern das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands bis 2030 um bis zu vier Prozent oder umgerechnet 160 Milliarden Euro höher liegen als ohne deren Einsatz. „Auch aus Sicht der Unternehmen verspricht KI viele Vorteile“, sagt Harald Bauer, Seniorpartner im Frankfurter Büro von McKinsey. „KI wird komplett neue Geschäftsfelder schaffen“, erklärt er. Beispiel computergestützte Bilderkennung: Lag die Fehlerrate im Jahr 2010 noch bei 28 Prozent, waren es 2016 weniger als fünf Prozent. Selbstlernende Algorithmen sorgen dafür, dass Computer Bilder immer besser erkennen und einordnen können. Das machen sich Startups wie Terra Loupe zunutze, die mit KI aus gewöhnlichen Luftbildern die digitalen Informationen von Objekten herausarbeiten. Die Algorithmen erkennen etwa Straßenkurven und Ampeln. Das könnte sogar die Grundlage für selbstfahrende Autos hierzulande bilden.

Anwendungen allerorten

Einsatzmöglichkeiten von KI finden sich quer durch alle Branchen und in allen Unternehmensbereichen. Der Sportartikelhersteller Adidas konnte mit ihrer Hilfe und 3D-Drucktechnologie sogar Arbeitsplätze von Asien zurück nach Deutschland holen. In seiner „Speedfactory“ in Ansbach werden Sportschuhe innerhalb weniger Tage nach Kundenwunsch gestaltet, gefertigt und geliefert. Der Hersteller kann so flexibler auf Trends und Kundenbedürfnisse reagieren und sich deutlich vom Wettbewerb abheben.
Im Einkauf lassen sich Prozesse wie Serviceanfragen mithilfe von Sprachsteuerung und digitalen Assistenten automatisieren. In der Buchhaltung erledigen Service-Bots wie Pegg von Sage oder Scoper von Scopevisio viele Aufgaben der Controller quasi auf Zuruf. Wenn der Controller fragt: „Scoper, wie war der Umsatz letzte Woche?“, antwortet der digitale Assistent auf seinem Smartphone prompt und schickt auch noch eine Zusammenfassung der relevanten Aktivitäten. Währenddessen verarbeitet die Software automatisiert sämtliche am Vortag eingegangenen Rechnungen und übergibt sie an den Steuerberater. Nur bei Abweichungen gibt die kluge Anwendung eine Meldung ab, die der Controller überprüft.

» Auch aus Sicht der Unternehmen verspricht KI viele Vorteile und wird komplett neue Geschäftsfelder schaffen. «
Harald Bauer, McKinsey

Nach der Studie „Potenzialanalyse Künstliche Intelligenz 2017“ von Sopra Steria Consulting, für die rund 200 Unternehmer befragt wurden, setzen Unternehmen heute KI vor allem ein, um die wachsende Datenflut zu beherrschen, denn sie haben heute Zugriff auf mehr Daten als je zuvor. Optimal genutzt, bieten diese Daten ihnen einen beispiellosen Einblick in Geschäftsprozesse und Kundenbeziehungen. Die KI-basierte Lösung von Squirro beispielsweise ermöglicht es, riesige Datenmengen aus beliebigen Quellen – E-Mails, Gesprächsnotizen, Social-Media-Posts oder Verträge – zu analysieren und zusammenzuführen. Durch eine gezielte Auswertung werden Muster und Zusammenhänge sichtbar, etwa wann und warum Kunden mit den Produkten oder Services des Unternehmens nicht zufrieden waren. Auch die öffentlich zugänglichen Marktaktivitäten des Wettbewerbs lassen sich damit analysieren. Das E-Commerce-Unternehmen Otto nutzt für die intelligente Verknüpfung großer Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen eine KI-Lösung von Blue Yonder: Damit kann der Online-Händler nicht nur schnell auf die Herausforderungen des dynamischen Marktes reagieren, sondern mit den gewonnenen Erkenntnissen seine Retouren reduzieren.
Weitere wichtige Gründe für den Einsatz von KI waren nach der Studie von Sopra Steria Consulting, die Prozesse zu beschleunigen und die Entlastung der Mitarbeiter von Routinetätigkeiten. Der RWE-Konzern kann mit der KI-Plattform des Anbieters ITyX 80 Prozent der eingehenden Serviceanfragen automatisiert bearbeiten. Die Plattform erkennt Muster in unstrukturierten Textpassagen wie E-Mails oder Briefen. Das Anliegen wird analysiert, einfache Anfragen werden automatisiert beantwortet oder an den zuständigen Experten zur Weiterverarbeitung weitergeleitet.

Computer sucht Kollegen

Auch im Personalbereich hat KI längst Einzug gehalten: Im Recruiting-Prozess durchforsten intelligente Anwendungen Jobbörsen, Soziale Netzwerke und Business-Plattformen nach bestimmten Parametern und gleichen das gesuchte Profil mit den gefundenen Fähigkeiten ab. Hub:raum beispielsweise, der Startup-Inkubator der Deutschen Telekom, setzt den digitalen Assistenten Hub:bot ein. Er beantwortet eigenständig Fragen von potenziellen Kandidaten zu ausgeschriebenen Stellen.

Die Programme sind inzwischen so schlau, dass sie sogar rechtzeitig darauf hin­weisen können, wenn Fach- und Führungskräfte Kündigungsabsichten haben. Die Anwendung des auf Enterprise­-Cloud-Anwendungen für das Finanz- und Personalwesen spezialisierten Anbieters Workday etwa berechnet das Kündigungsrisiko basierend auf ähnlich gelagerten Fällen. Doch damit nicht genug: Die Künstliche Intelligenz schlägt in akuten Fällen auch geeignete Maßnahmen vor, wie die menschliche Intelligenz in Form von Wissensträgern im Unternehmen gehalten werden kann. Sie denkt gewissermaßen voraus und kalkuliert die nächsten Schritte. Ganz ähnlich wie Alpha Go.
Sieben KI-Startups, die Mittelständler kennen sollten
Gründer in Sachen Künstliche Intelligenz konzentrieren sich auf den B2B-Bereich.

Aiso-lab
Die Kölner KI-Beratungsagentur bietet Unternehmen eine Artificial-Intelligence­Plattform für KI-Einführungsschulungen, technische Workshops und individuelle Produktimplementierungen an. Die Plattform besteht aus einem Hochleistungscomputer mit mehr als 13.000 Prozessorkernen, einem Deep-Learning-Framework und einem integrierten Workflow.
www.aiso-lab.com

Datalovers
Das Startup, an dem auch Creditreform beteiligt ist, hat sich auf Big-Data-Lösungen und Künstliche Intelligenz im B2B-Bereich spezialisiert und die Business-Suchmaschine bearch entwickelt. Ähnlich wie persönliche Empfehlungen im Online-Shop oder der personalisierte Newsfeed in sozialen Netz­werken nutzt bearch die Lernfähigkeit von Algorithmen und kann damit potenzielle Kunden, Themen und Geschäftspartner schneller und genauer identifizieren.
www.datalovers.com

5Analytics
Das Startup entwickelt Software für Unternehmen, die Künstliche Intelligenz in ihren Prozessen nutzen wollen. Dafür stellen sie ihre Daten zur Verfügung, die auf einer Plattform analysiert werden. Aus den gewonnenen Erkenntnissen kann die KI bestimmte Entscheidungen eigenständig treffen. In produzierenden Betrieben lassen sich damit zum Beispiel die Ausfallzeiten von Maschinen verringern.
www.5analytics.com

Inspirient
Inspirient vereint das analytische Fachwissen eines Management-Beraters in Form eines Expertensystems mit der Geschwindigkeit und Skalierbarkeit eines Rechenzentrums. Die Software, die das Startup als eine Analytics-as-a-Service-Lösung im B2B-Markt für Businessintelligence anbietet, leitet binnen Minuten Erkenntnisse aus Unter­nehmensdaten ab, die diese für schnelle Entscheidungen nutzen können.
www.inspirient.com

Parlamind
Parlamind versteht eingehende Nachrichten von Kunden auf semantischer Ebene und ermittelt so deren Anliegen und die Stimmung des Kunden sowie viele weitere Informationen in der Nachricht. Autonom kann die KI wiederkehrende Kundenanfragen beantworten und ihren menschlichen Kollegen assistieren.
www.parlamind.com

Squirro
Mit der KI-basierten Lösung Cognitive Insights können Unternehmen automatisch riesige Mengen an Daten analysieren. ­Kundendaten aus beliebigen Quellen wie Dokumenten, E-Mails, Gesprächsnotizen, Social-Media-Posts oder Verträgen lassen sich ­etwa in einer 360-Grad-Sicht zusammenführen und auswerten. KI­basierte Ana­lysen geben zum Beispiel Hinweise auf ­bislang ­unerkannte Kundenbedürfnisse.
www. squirro.com

Terra Loupe
Mithilfe von Deep Learning und neuronalen Netzen arbeitet die Software aus gewöhn­lichen Luftbildern die digitalen Informationen von Objekten bis auf wenige Zentimeter exakt heraus. Die Software kann etwa Ampeln von Straßenschildern unterscheiden. Interessant ist das nicht nur für Automobilhersteller, sondern auch für viele andere Branchen wie Kartenanbieter oder die Bau­branche.
www.terraloupe.com


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