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Umstöpseln!

Bis Ende 2018 will die Telekom die Umstellung von ISDN auf IP-Telefonie abschließen. Unternehmen sollten aber nicht bis zur Zwangskündigung warten. Denn ein vorzeitiger Wechsel lohnt sich. 

Anfang Januar war bei der Rieker Druckveredelung GmbH die rund 30 Jahre alte ISDN-Technologie Geschichte. Der Betrieb in Leinfelden bei Stuttgart telefoniert jetzt über die schnellere DSL-Leitung – und hat seine Kommunikation damit rechtzeitig umgestellt, bevor die Telekom Ende 2018 auch den letzten ISDN-Anschluss abschaltet.

Ende 2016 flatterte bei Rieker der Bescheid ins Haus, dass ISDN bald nicht mehr verfügbar sei. Da stand es also schwarz und magenta auf weiß: Es musste eine neue Telefontechnik her. Bei einem Seminar der Industrie- und Handelskammer informierte sich der Mittelständler über die Umstellung – und heuerte gleich den Referenten Kai Brodbeck an, der sich auf die Beratung kleiner und mittlerer Unternehmen in Telekommunikationsfragen spezialisiert hat.

Alles unter einen Hut bringen

Denn Rieker wollte nicht irgendeine neue Telefonanlage. „Wir haben mit unserer alten Anlage Lehrgeld bezahlt“, sagt Ralph C. Rieker, geschäftsführender Gesellschafter der Druckerei. „Wir haben unsere Wünsche für die Kommunikation jetzt deutlich genauer definiert.“ Die Mitarbeiter der Druckerei sind viel im Außendienst unterwegs – und im Betrieb bewegen sie sich durch große Hallen. Egal, wo sie sich gerade aufhalten, die Kommunikation sollte nahtlos funktionieren. Auch vernetzte Maschinen sowie die Brandschutz- und Alarmanlagen hängen am Anschluss. Die Umstellung war die Chance, alle Kommunikationsbedürfnisse unter einen Hut zu bringen.

» ISDN ist inzwischen 30 Jahre alt. Fahren
Sie ein 30 Jahre altes Auto? « Kai Brodbeck, Brodbeck Technik und Dienste

Die IP-Technik bietet das Potenzial dazu, verschiedene Dienste zu vereinen. Während Sprache und Daten früher über unterschiedliche Leitungen übertragen wurden, soll es künftig für Telefonie, Internet und TV nur noch ein Netz geben. Ob Sprache, Bilder, Videos oder andere Informationen – alles wird in Form von Datenpaketen über eine Leitung übertragen. Das Telefonieren im IP-Netz heißt „Voice over IP“, kurz VoIP; das vereinte Netz – das „Netz der Zukunft“, wie es die Telekom nennt – heißt folglich All-IP.

Dass Telekom, Vodafone und Co. jetzt allesamt zeitnah die existierenden ISDN-­Verträge kündigen, ist vor allem eine Kostenfrage. Die Wartung von ISDN-Anschlüs­sen wird immer teurer, weil Ersatzteile oft gar nicht mehr verfügbar sind. All-IP ist hingegen zukunftssicher. „Wir sagen Kunden schon seit 2014, dass sie sich für ihre Telefonanlage etwas Neues überlegen sollten“, sagt Technikdienstleister Kai Brodbeck. „ISDN ist inzwischen 30 Jahre alt. Um den Kunden das klarzumachen, frage ich sie: Fahren Sie ein 30 Jahre altes Auto?“

Nicht zu lange warten

Während die Telekom bis Ende 2018 den letzten ISDN-Anschluss abschalten will, haben Kunden von Vodafone noch etwas länger Zeit. Firmenkunden müssen dort bis spätestens 2022 umstellen. Doch früher oder später müssen sich alle Kunden von ihrem ISDN-Anschluss verabschieden. Die Telekom stellt nach eigenen Aussagen derzeit jede Woche rund 80.000 neue IP-Anschlüsse bereit. Entsprechend stark ausgelastet sind auch die unterstützenden Dienstleister. Unternehmen können daher nur gewinnen, wenn sie den Wechsel so bald wie möglich angehen – egal, wann der Provider die Umstellung erzwingt.

Gerade jetzt, da ISDN allmählich ausläuft, sind Berater wie Kai Brodbeck hochbeschäftigt. „Wir haben richtig viel zu tun“, sagt er. „Derzeit geht keine Woche vorbei, ohne dass ein Kunde bei uns anruft und sagt, dass die Telekom ihm den Telefonvertrag gekündigt hat.“

Denn für Unternehmen ist die Umstellung komplexer als für Privathaushalte. „Bei uns hängen neben Telefon und Internet auch Maschinen, Alarmanlagen und der Brandschutz an der Telekommunikationsleitung“, sagt Druckerei-Chef Rieker. „Es ist ziemlich viel Handarbeit nötig, um diese Anlage komplett neu zu konfigurieren.“ Jeder Betrieb muss je nach der Komplexität seiner Pläne und den eigenen Kenntnissen entscheiden, welche Unterstützung er für die Umstellung braucht. Die Netzbetreiber bieten Informationen an: „Inzwischen haben wir mehr als 50.000 Workshops durchgeführt, um gemeinsam mit unseren Geschäftskunden die jeweils besten Lösungen zu finden“, sagt ein Sprecher der Telekom. Vodafone berate und begleite seine Kunden dabei, die Umstellung „gut geplant, technisch sicher und wirtschaftlich zu gestalten“, heißt es aus dem Unternehmen. Brodbeck hält das Informationsangebot der Provider aber nicht immer für ausreichend. „Damit ist der durchschnittliche Handwerker oder Anwalt überfordert“, sagt er.

Bessere Qualität, mehr Flexibilität

Rieker hat sich entschieden, einen unabhängigen Dienstleister einzustellen. Die Devise für die neue Anlage war: bessere Qualität, mehr Flexibilität und Schutz gegen Pannen. Kai Brodbeck hat bei Rieker zusätzlich zur ersten DSL-­Leitung noch eine zweite eingerichtet – über die eine läuft ausschließlich die Telefonie, über die zweite der restliche Datenverkehr. So will sich das Unternehmen höchste Sprachqualität beim Telefonieren sichern, dem erhöhten Datenaufkommen begegnen und sich zumindest teilweise gegen Probleme und Ausfälle absichern.

Die Endgeräte hat das Unternehmen komplett erneuert. Mitarbeiter wurden mit einfachen Smartphones ausgestattet, sodass sie im Außendienst und im Home­office gut erreichbar sind. Und innerhalb der großen Druckereihallen soll eine WLAN-­Lösung dafür sorgen, dass nirgends ein Gespräch abbricht. Die Vorbereitungen dafür brauchten Zeit. Hätte die Druckerei die Umstellung von ISDN auf All-IP bis zur letzten Minute aufgeschoben, wäre diese maßgeschneiderte Lösung nicht möglich gewesen. „Eine geplante Umstellung bietet ganz andere Potenziale“, sagt Brodbeck. Geschäftsführer Rieker hofft nach den anfänglichen Investitionen in die Umstellung sogar auf eine Ersparnis. „Wir rechnen damit, dass die laufenden Kosten fallen“, sagt er.

Pro und Contra

Alles in allem verspricht der Wechsel zu VoIP etliche Vorteile – zumal es zur Umstellung keine wirkliche Alternative gibt. Allerdings sollten sich Unternehmen bewusst machen, dass sie auch sich selbst umstellen und einige Gewohnheiten aufgeben müssen.

Vorteile:

– Ein IP-Telefonanschluss lässt sich überall nutzen, wo eine Breitband-Internetverbindung besteht, auch unterwegs am Smartphone.
– Nutzer können auch unterwegs über ihre Festnetznummer erreichbar sein.
– Einstellungen wie Rufweiterleitung, Mailbox und Anrufersperre lassen sich einfach über einen PC oder eine App konfigurieren.
– Über All-IP sind Gespräche in HD-Qualität möglich.
– Das All-IP-Netz ist eine gute Basis für künftige Dienste, etwa Videokon­ferenzen und Multimedia-Kommunikation.

Nachteile:

– Die bisherige ISDN-Hardware muss unter Umständen ersetzt werden, was mit Kosten verbunden ist.
– VoIP ist generell anfälliger für System- und Netzstörungen. Gibt es gerade kein Internet, ist der Router kaputt oder das Netz nicht verfügbar, kann man auch nicht telefonieren.
– Hausnotrufsysteme, Alarmanlagen, EC-Terminals und andere Geräte sind möglicherweise nicht mehr kompatibel.
– Kompatible Systeme und Geräte funktionieren bei Stromausfall genau wie das Telefon nicht mehr.
– Bei einer schlechten Internetverbindung leidet die Gesprächsqualität.


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