© Max Grönert© Max Grönert

erfolgreich

Aus der Eifel zum Schloss Bellevue

Ob Papstbesuch, Filmpremiere oder Gipfeltreffen – der rote Läufer darf nicht fehlen. Die 1929 gegründete Kokosweberei August Schär fertigt die Rollware nach traditioneller Art. Mit Liebe zum Detail und alter Handwerkskunst sucht sich der Familienbetrieb seine Nischen. 

Ein gewaltiges Krachen treibt Georg Fritzsche aus seinem Kontor. Im Laufschritt eilt er auf die Straße, eine Staubwolke vernebelt kurz den Blick. Wo eben noch ein Haus stand, direkt gegenüber Fritzsches Fabrik, liegt nun ein wilder Haufen Holz und Bruchstein. „Macht bloß keinen Fehler, heute ist die Presse da“, ruft er den Abbrucharbeitern zu. Wieder eine marode Immobilie weniger in 54533 Eisenschmitt, diesem 330-Seelen-Dorf in der Südeifel. Fritzsche ist doppelt interessiert: Als Bürgermeister ordnete er den Abriss an, als Geschäftsführer der Mechanischen Kokosweberei Schär hatte er Grund, ein wenig nervös zu sein. „Beim Abriss eines anderen Nachbarhauses ist uns der Giebel in den Betrieb gekippt“, erklärt Unternehmer Fritzsche.

Eisenschmitt, im Mittelalter eine Hochburg der Erzverhüttung, bietet heute vor allem gute Luft. Ein „Erholungsort“, staatlich anerkannt. „Kein Bäcker mehr, kein Metzger, keine Kneipe – unser Ort schrumpft“, sagt Bürgermeister Fritzsche, der seit fast 30 Jahren das Ehrenamt innehat. Und doch kommt man an Eisenschmitt nur schwer vorbei, wenn man einen speziellen Wunsch hat: den nach einem roten Teppich. Genauer: einem Läufer aus gewebtem Kokosgarn. Fritzsches Zielgruppe reicht bis zum Bundespräsidenten: „Schloss Bellevue einmal rot die Treppe hoch, und hinten zum Garten wieder runter – das sind wir.“

Als letzte verbliebene mechanische Kokosweberei Deutschlands produziert die August Schär KG jenen Fußbodenbelag, über den alle Reichen, Schönen und Mächtigen gerne würdevoll schreiten, wenn die Kameras laufen. Ob Filmfestspiele, militärische Paraden oder Staatsempfänge: Der rote Läufer, laut Protokollordnung exakt zwei Meter breit, darf nicht fehlen. Auch als Donald Trump 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg aus seiner Air Force One stieg, erwartete ihn ein roter Teppich aus Eisenschmitt.

Erfolgreicher Lückenbüßer

„Einer muss ja der Letzte sein“, sagt Fritzsche leicht lakonisch, als er auf die Alleinstellung angesprochen wird. In den 60er-Jahren gab es noch mehr als 30 Kokoswebereien hierzulande, mit eigenem Fachverband. Alle Wettbewerber haben aufgegeben. „Wenn mich nicht alles täuscht, sind wir die Letzten dieser Art in Europa.“ Dennoch macht sich der 65-Jährige keine Illusionen: Ein Monopolist sei er nicht. „Die Produktion von Kokosteppichen hat sich nur komplett nach Asien verlagert – und speziell die Inder besitzen zwei Riesenvorteile: Sie sind der größte Rohstofflieferant und haben ein extrem niedriges Lohnniveau.“ Um dagegenzuhalten, bleiben ihm in Deutschland immerhin zwei Trümpfe: „Wir können auf die Nachfrage in europäischen Märkten schneller reagieren als Übersee-Webereien und wir liefern verlässliche Qualität.“ Er produziere das, was andere nicht abdeckten. „Lückenbüßer“ nennt er das. Diese Rolle reicht seit Jahren für ein einträgliches Geschäft. 18 Angestellten gibt der Familienbetrieb Arbeit.

Ein rhythmisches Klacken hallt durch Eisenschmitt. Das Hin- und Herschießen der Schiffchen in den bis zu elf Webstühlen ist selbst bei geschlossenen Fabrikfenstern zu vernehmen. In der Haupthalle des Betriebs verstärkt sich der Lärm. Es ist eine fast museale Szenerie. Per Lochkarten werden die Webmuster noch in die historischen Maschinen eingespeist. Gebaut werde so etwas schon lange nicht mehr. Mit Folgen für Wartung und Reparatur: Gehen die sorgfältig gehorteten Ersatzteile zur Neige, hilft inzwischen ein befreundeter Maschinenbauingenieur bei der Rekonstruktion. Erfahrene Ex-Kollegen, die noch im Ort wohnen, springen bei Bedarf mit alter Expertise ein.

» Schloss Bellevue einmal rot die Treppe hoch, und hinten zum Garten wieder runter – das sind wir. « Georg Fritzsche, August Schär KG

Einer von ihnen ist Günter Klein. Jeden Dienstag schaut der 77-jährige Rentner im Werk vorbei. Heute hilft er bei der Wartung einer Schermaschine, mit der struppige Türmatten in Form gebracht werden. Verkaufsfertig gestutzt liegen sie später beim Versand Manufaktum, in bunter Ausführung für 37 Euro das Stück. Auch das Färben der Fasern geschieht ganz natürlich. In gemauerten Becken quellen die Kokosfasern bei 100 Grad auf und saugen den zugesetzten Farbstoff über 24 Stunden ein. Man produziere ganz bewusst mit althergebrachten Verfahren und in überschaubarer Menge, sagt Georg Fritzsche. Nicht ohne Stolz nennt er seinen Betrieb eine Manufaktur: „Wir wollen uns auf die Gewerke der Weber einlassen und damit auf die Logik der Mechanik. Unsere Anlagen haben sich über Jahrzehnte bewährt“, sagt er. „Was kaputtgeht, lasse ich nachbauen. Gegen industrielle Massenfertigung treten wir gar nicht erst an.“

Weil es den einfachen Weber als Ausbildungsberuf nicht mehr gibt, lernt die Kokosweberei ihre Leute selbst an. Nach einem halben Jahr kann jeder die Maschinen selbstständig bedienen. „Es ist schwer genug, junge Leute für diesen Job zu begeistern“, sagt Fritzsche, der selbst in einer Trierer Gardinenweberei das Handwerk erlernte, bevor er 1973 in den elterlichen Betrieb eintrat und 1981 seinen Vater Karl als Chef ablöste. „Ich habe mir hier schon als Schulkind die ersten Groschen verdient.“ Seine Mutter starb als er zwölf war. „Wir Kinder wurden in der Firma betreut.“

Die Wurzeln der August Schär KG reichen zurück bis ins Jahr 1929. Fritzsches Großvater August Schär hatte den Betrieb in Bochum gegründet. Ein goldgerahmtes Ölgemälde zeigt den Gründer mit prüfendem Blick. Runde Brille, grauer Anzug, dunkler Bart. „Mein Großvater hatte mit 19 Jahren bei der Marine ein Bein verloren, aber die ihm zustehende staatliche Hilfe lehnte er ab.“ Schär wurde lieber Unternehmer. Erst handelte er mit Haushaltsgegenständen, später ließ er in Gefängnissen in Köln und Wittlich Fußmatten oder Pflanzkörbe produzieren. Als ihm 1938 in Eisenschmitt eine insolvente, heruntergekommene Tuchweberei angeboten wurde, griff er zu. „Deshalb sind wir hier“, sagt Fritzsche. Noch immer. Denn die abseitige Mittelgebirgslage ist beileibe kein Standortvorteil. Jahrelang kämpfte der Unternehmer und Bürgermeister Fritzsche etwa mit der Telekom, damit sie in Eisenschmitt Internet und Mobilfunk ans Laufen bringt. „Erst seit einem halben Jahr sind wir vernünftig angeschlossen.“ Und nicht nur die Kommunikation wird regelmäßig zur Gedulds­probe. Auch die Logistik. Zwei bis dreimal im Monat quält sich ein Lkw mit einem 20-Fuß-Con­tainer durch die Serpentinen der Vulkaneifel: Nachschub, meist aus Indien, aber auch aus Sri Lanka. Das gesponnene Garn ist zu 150-Kilo-Ballen gepresst. Wie ein geölter Blitz springt Fritzsche dann gerne selbst auf den Gabelstapler und rangiert in schwungvollen Kurven einige Paletten.

Manufaktur heißt Hand anlegen – auch für den Chef

Fritzsches Büro hat zwei Türen, durch eine stürmt er stets raus, um irgendwo nach dem Rechten zu sehen. Manufaktur heißt eben: Hand anlegen. Beim Färben, Zentrifugieren, Trocknen, Wickeln oder Weben. Die Kunden danken es. Nicht nur das Edelkaufhaus Manufaktum listet Produkte aus Eisenschmitt. „Wir sind mit unserer Auslegeware sehr beliebt in Charlottenburger Altbauten“, weiß der Chef. „Früher galt der Kokosläufer als Arme-Leute-Auslegeware, heute ist er fast Luxus.“ Mit 35 bis 40 Euro pro Quadratmeter könne man rechnen.

Wer die Kokosweberei betritt, wähnt sich in einer Zeitkapsel. Doch Fritzsche ist sich sicher: Seine Handwerkskunst hat Zukunft. Von seinen fünf Kindern arbeitet der 34-jährige Alexander als diplomierter Kaufmann bereits mit. Auch die älteste Tochter Michaela, die Modedesign studiert hat, unterstützt. Die vierte Genera­tion steht bereit, so scheint es. Und abseits der roten Läufer findet Fritzsche seine Nachfrage in anderen Nischen, produziert Autoteppiche für Oldtimer-Klubs oder speziell verstärkte Gewebe, die zu Hetzärmeln für Hundetrainer verarbeitet werden.

An ein Jahr denkt er aber mit besonderen Gefühlen zurück: 2006 glühten in Eisenschmitt die Webstühle. Zur Fußball-WM in Deutschland steuerte die Kokosweberei einen rekordverdächtigen roten Läufer bei. Dreieinhalb Kilometer lang wurde er quer durch Dortmund vom Rathaus bis zum Westfalenstadion verlegt. Im selben Jahr schwebte Papst Benedikt in München ein. Empfang mit militärischen Ehren am Flughafen. „Da gehörte es sich doch, einen frischen roten Kokos hinzulegen. Wir lieferten 3.500 Quadratmeter“, sagt Fritzsche. Die Queen bekam für einen Staatsbesuch 200 Quadratmeter. Und dann meldete sich Karstadt, damals geführt von Thomas Middelhoff. „Sie brauchten 8.000 Quadratmeter, weil sie 125 Jahre alt wurden und in jeder Filiale das Entree rot auslegen wollten. Geordert wurde ganz kurzfristig.“ Fritzsche hatte einen Tag Bedenkzeit. Er trommelte die Belegschaft zusammen, alle nickten. Die Tagesleistung wurde auf 600 bis 800 Quadratmeter geschraubt – ein Mehrfaches des Normalen. „Da war alles alarmiert, was ging“, sagt der Chef. Und es ging: „Die letzte Rolle Rot schickten wir frühmorgens per Kurier – in die Karstadt-Filiale nach Singen am Bodensee. Da wartete schon der Bürgermeister.“

— — — — — —

Vom Baum des Himmels

Kokosfaser hat Tradition als Teppichgarn und viele Vorteile: Sie dämmt, ist schwer entflammbar und bindet Feuchtigkeit.
Wer im Supermarkt eine Kokosnuss kauft, ist mit einer harten Schale konfrontiert. Doch diesen Fruchtkern umgibt beim Ernten noch ein fünf bis acht Zentimeter dickes Faserpolster. Aus dieser natürlichen Verpackung werden in Indien und Sri Lanka die Hartfasern gewonnen. Sie eignen sich bestens für die Verarbeitung zu strapazierfähigem Garn. Eine zehn Jahre alte Palme liefert 50 bis 60 Nüsse jährlich, für eine Tonne Kokosfasern sind 13.000 Früchte nötig. Ein Großteil des Rohstoffs wird im südindischen Bundesstaat Kerala produziert. Bodenbeläge aus Kokos haben zig Vorteile: Sie binden Raumfeuchte, dämpfen Schall und dämmen Wärme, sind fäulnisbeständig und schwer entflammbar und immun gegen Insektenfraß. Ein indisches Sprichwort lautet: „Wer eine Kokospalme ­besitzt, hat alles, was er zum Leben braucht.“ Georg Fritzsche ­zitiert es gerne. Schließlich hängt auch sein ­Geschäft am „Baum des Himmels“, so der indische Name der Kokospalme.


Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

CAPTCHA-Bild

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>