Seitenblick

Wie Mails, SMS, Facebook & Co. auf unser Gehirn wirken

Moderne Medien machen die Arbeit einfacher und schneller, doch sie fressen Zeit, viel Zeit – allzu oft auch viel unserer Freizeit. Doch Abschalten fällt schwer, für viele Menschen ist es geradezu eine Sucht geworden, ständig die neuesten Nachrichten und Status-Updates abzurufen. Doch woher kommt diese “Bereitschaft zu ständiger Informiertheit”, wie Psychologen sie nennen – wenn wir insgeheim doch wissen, dass sie uns und unseren Nerven nicht gerade gut tut?

Die Antwort lautet: Belohnungsstreben. “Durch die Forderung nach Aktualität wird der Moment, wenn alle Medien abgerufen und alle neuen Informationen aufgenommen sind, zum Zielzustand”, erklärt mir Aurelia Drocur von der Maas Beratungsgesellschaft. Wird dieses Ziel erreicht, stellt sich Zufriedenheit ein.

Sucht nach Belohnung?

Der Haken: Da sich ständig Neues ereignen könnte, ist dieses Gefühl der Zufriedenheit nur von kurzer Dauer. Ständig wollen sämtliche Medien erneut überprüft werden, um das Ziel “Belohnung” wieder zu erreichen. Oft werden die Inhalte dann nur in Kürze wahrgenommen und nicht richtig verarbeitet.

Ist das schlecht? Nicht unbedingt: Durch die modernen Hilfsmittel ist Verarbeiten und Speichern im Hirn oft gar nicht mehr nötig: Viele Informationen, für die früher Gedächtnisleistung nötig war, werden heute auf Festplatten oder in der Cloud abgelegt und lassen sich dort jederzeit abrufen. “Dieses Abladen von Informationen macht unser Gehirn frei für neue Informationen, etwa für das Bearbeiten komplexer Sachverhalte oder Kreativität”, deutet Diplompsychologin Drocur diese Entwicklung positiv. Ich persönlich habe da meine Zweifel, Stichwort “Digitale Demenz”.

Sieben Reize maximal?

Fest steht der Psychologin zufolge jedoch eines: Unsere Aufmerksamkeitsspanne kann gleichzeitig nur maximal sieben Reize verarbeiten. Werden es mehr, sinkt unsere Leistung deutlich. “Grund hierfür ist, dass bei mehr als sieben Reizen das Gehirn nicht mehr ganz präzise filtert, was gerade relevant ist und was nicht”, so Drocur. Hinzu kommt, dass etwa ein E-Mail-Ton die Aufmerksamkeit weg von der Aufgabe lenken kann, die eigentlich gerade im Fokus steht.

Studien haben ergeben, dass es nach einer Unterbrechung oder Ablenkung durchschnittlich sechs bis neun Minuten dauert, bis die Aufgabe fortgeführt wird. Zusätzlich vergehen noch in etwa vier bis sechs Minuten, bis man sich wieder völlig in das Thema hineingedacht hat. Hierin liegt also viel Potenzial, um Zeit zu sparen, Stichwort: Zeitmanagement.

Was ich aus meinem eigenen Arbeitsalltag bestätigen kann: Fest eingeplante Zeiten, in denen EMails bearbeitet werden, lassen sich effektiver nutzen und führen – in Psychologensprache – zu höherem Befriedigungsniveau als einzelne Nachrichten, die zwischen angegangen werden. “Durch die vielen Möglichkeiten und Signale nimmt auch die Bedeutung einer richtigen Priorisierung zu”, heißt es bei der Maas Beratungsgesellschaft: Oft würden noch vor den eigentlich wichtigen Aufgaben die dringlichen erledigt, weil die Forderung nach Aktualität dies suggeriere. Meist sind aber die vermeintlich dringlichen Aufgaben unwichtig und ließen sich eigentlich auch delegieren oder verschieben.

“Hilfreich ist hier, sich zu fragen, welche Aufgabe Sie erledigen würden, wenn Sie nur noch Zeit für eine einzige Aufgabe hätten”, rät Psychologin Drocur. Im Beispiel der E-Mail müsste entschieden werden, ob in diesem Moment die E-Mail wirklich wichtiger ist als die andere Aufgabe. Durch diese einfache Methode kann es gelingen, wichtige von weniger wichtigen Aufgaben zu unterscheiden – ein großer Fortschritt für unser Zeitmanagement. Probieren wir es …

 


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Kommentare

  1. Scheint so, als hätten sich die großen Internetunternehmen ganz genau darüber informiert, was den Menschen passt und was sie dazu verleitet online zu bleiben. Es funktioniert einfach!

    Danke für den tollen Artikel. Ich lese gerne über die menschliche Psyche und wie sie beeinflusst werden kann ;-)

    Antworten

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