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Wirklich glücklich macht Happy Engineering nicht

Happy Engineering, ein Traum für Ingenieure und Entwickler? Wenn Geld in der F&E-Abteilung keine Rolle zu spielen scheint und jeder frei nach seinen Neigungen loslegt, muss das doch ein Paradies der Innovation sein. Zumindest, wenn man daran glaubt, dass kreatives Chaos den Weg in die Ingenieursglückseligkeit ebnet. Die Realität sieht allerdings anders aus, selbst bei den Weltmarktführern: Über ein Drittel ihrer F&E-Projekte bleibt am Markt erfolglos. Darüber dürften die wenigsten Entwickler glücklich sein.

Ebenso kritisch sind die langen Entwicklungszeiten, die auch führende Unternehmen plagen. Rund 60 Prozent beklagen die Zeit, die ihre Innovationen bis zur Marktreife benötigen. Irgendetwas scheint also grundlegend falsch zu laufen, selbst in vielen erfolgreichen Entwicklungsabteilungen. An mangelnder finanzieller Ausstattung liegt es bei den Weltmarktführern selten, das wissen die Unternehmen selbst. Der eigentliche Knackpunkt: Fast die die Hälfte bewertet den eigenen Innovationsprozess als wenig professionell.

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Das Argument, dass man ja dennoch erfolgreich sei, tröstet nur wenig. Wer möchte sich schließlich damit zufriedengeben, derart unter seinem Potenzial zu bleiben? Und wie lange die Sache noch gutgeht, ist durchaus fraglich. Gerade jetzt tobt ein heftiger Innovationswettbewerb auf den Weltmärkten. Die digitale Transformation mischt die Karten neu. Wer nun seine Technologieführerschaft nicht verteidigen kann, gehört sehr wahrscheinlich dauerhaft zu den Verlierern der neuen industriellen Revolution.


Überlastung hat strukturelle Ursachen

Vordergründig ist es vor allem die Arbeitslast, von der sich die Forscher und Entwickler ausgebremst fühlen. 45 Prozent stecken fest in zu vielen parallelen Projekten.

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Doch diese Überforderung ist in der Regel der Ausdruck eines tieferen Problems. Zur Erinnerung: Ein Drittel dieser Arbeiten macht ja eigentlich keinen Sinn, da sie am Markt scheitern werden. Muss man das als Schicksal hinnehmen, das eben zu diesem Metier gehört? Wohl kaum. Man stelle sich vor, ein Drittel der Produktionsleistung würde ausfallen. Kein Unternehmen würde so etwas einfach in Kauf nehmen, sondern fieberhaft nach der Ursache suchen. „Aber das lässt sich doch nicht vergleichen“, wird man nun vielleicht einwenden. Doch, es lässt sich, und genau hier steckt die Lösung.

Während erfolgreiche Unternehmen in der Produktion Prozessstabilität und eine störungsarme Organisation vorantreiben, also nach Lean-Prinzipien arbeiten, gilt das in vielen F&E-Abteilungen nicht. Häufig mangelt es in der Innovationskultur an klaren, schlanken Abläufen und eindeutigen Zuständigkeiten. Dahinter steckt das Selbstverständnis kreativer Köpfe: Ihre Arbeit dürfe man nicht in starre Bahnen lenken. Und das beginnt schon, wenn ein Projekt starten soll. Während in anderen Unternehmensbereichen nach den Regeln des Frontloadings erst einmal umfangreich Risiken und Chancen auf den Prüfstand kommen, wird in vielen F&E-Abteilungen – ja, man möchte fast sagen – munter drauf los entwickelt. Sicher, erfahrene Ingenieure haben ebenfalls ein Gespür für erfolgreiche Neuerungen, vielfach gelingt ihnen schließlich die marktreife Innovation. Doch oft genug steht am Ende auch ein Produkt, das niemand so recht begeistert. Bis dahin sind Unmengen an Geld, Kapazität und Zeit verschwendet worden, von der Frustration der Beteiligten ganz zu schweigen. Und selbst erfolgreiche Projekte verzehren unnötig viele Ressourcen, bis sie schließlich die Werkstore verlassen.


Keine Scheu vor klaren Strukturen

Solchen Ärger können F&E-Abteilungen vermeiden, wenn sie ihre Abneigung gegen Prozesse und Strukturen ablegen. Beim Lean Development geht es nicht darum, die Kreativität zu ersticken, ganz im Gegenteil. Indem man die Routine in klare Abläufe kanalisiert, gewinnt man die Freiheit, sich mit geringstmöglicher Störung auf das Wichtige zu konzentrieren – und übrigens: Nur ca. 10 bis 15 Prozent der Arbeiten in der Entwicklung sind die sogenannten Kreativleistungen. Häufig sabotieren sich Entwicklungsabteilungen nämlich selbst. Arbeiten werden mehrfach durchgeführt, da die Kommunikation unklar verläuft. Es fehlt an klaren Zuständigkeiten, so dass selbst Routineschritte immer wieder neu koordiniert werden müssen. Priorisierungen werden falsch gesetzt, oder es gibt überhaupt kein System, um das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Das führt nicht nur zur Ressourcenverschwendung, sondern demotiviert auch langfristig.

Um es nicht zu verschweigen, ganz ohne Schmerzen wird der Wandel zu Lean Development nicht ablaufen: Wenn Projekte vor Beginn und im Verlauf kritisch geprüft werden, bedeutet das auch, dass so manches Wunschkind einzelner Ingenieure nicht das Licht der Welt erblicken wird. Doch ist das wirklich frustrierender, als viel Herzblut, Zeit und Energie in eine Arbeit zu stecken, die spätestens am Markt scheitern wird?

 

Save The Date – BestPractice Day 2018

Die Spielregeln haben sich geändert. Wer in Führung bleiben oder gehen will, muss sich bewegen! Der BestPractice Day vom 03. bis 04. Juli 2018 in Darmstadt steht daher in diesem Jahr unter dem Leitmotto “Lernen. Führen. Wandel gestalten.” Erleben Sie Vorträge von Führungspersönlichkeiten, die die Zukunft ihrer Unternehmen aktiv und entschlossen gestalten. Mit jährlich mehr als 350 Teilnehmern hat sich der BestPractice Day als Treffpunkt für Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Wissenschaft etabliert.

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie unter:
http://www.best-practice-day.com

 

Weiterführende Informationen:


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