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    erfolgreich, Strategie

    Außenseitersieg mit 32 Teilen

    Die Bundesliga steht vor einem spektakulären Ausrüsterwechsel: Mit Derbystar löst ein Mittelständler aus Goch den Weltkonzern Adidas nach acht Jahren als Balllieferant ab. Das Management setzt auf handgenähte Qualität bei fairen Arbeitsbedingungen – und verspricht eine ehrliche Flugbahn. 

    Joachim Böhmer und Andreas Filipović wollten die Korken knallen lassen. Selbst wenn es schiefgegangen wäre. „Wir hatten es einfach verdient zu feiern, die ganze Belegschaft, so wie sie sich reingehängt hat“, sagt Böhmer. Doch natürlich hofften alle auf den großen Coup. Mit jeder Stunde wuchs die Nervosität. „Den ganzen Tag war es so, als ob etwas in der Luft liegt.“ Das Gefühl täuschte nicht.

    Aus Goch gegen die Global Player

    Noch heute leuchten die Augen der beiden Derbystar-Geschäftsleiter, wenn sie von diesem besonderen Tag im April 2017 erzählen. 14.30 Uhr, der Sekt in Böhmers Kofferraum ist längst warm geworden. Das heimlich im Lager aufgebaute Buffet wartet. Und noch immer hat das Handy nicht geklingelt. Zehn Minuten später kommt der erlösende Anruf von der DFL. „Sie teilten uns mit: Derbystar stellt den neuen Ligaball“, erzählt Filipović. Ab der Saison 2018/19 werden alle Tore in der Bundesliga und der 2. Bundesliga mit dem offiziellen Spielball von Derbystar geschossen. „Wir haben geschrien. Es war wie bei einem Formel-1-Sieg. Wir haben unsere Mitarbeiter mit Sekt bespritzt. Das kann man sich kaum vorstellen.“

    Ein Mittelständler aus Goch am Niederrhein verdrängt als Ballausrüster den Weltkonzern Adidas aus Herzogenaurach, der dieses Privileg seit 2010 innehatte. Sechs Monate zuvor hatte das Duo Böhmer und Filipović die Chance gewittert, den kleinen Sportartikler mit 50 Mitarbeitern durch eine einzige Kooperation ins größtmögliche Flutlicht des deutschen Fußballs zu rücken: „Normalerweise kann das nicht passieren, dass Derbystar Adidas ablöst. Wir machen 14 Millionen Umsatz im Jahr, Adidas 21 Milliarden“, sagt der 56-jährige Böhmer, der dem Unternehmen seit 33 Jahren angehört. Aber es passierte eben doch. Im Geheimen hatten Böhmer und Filipović zig Gespräche geführt, 25 Konzepte geschrieben und die eigenen Gesellschafter davon überzeugt, dass man nun reif sei, den Hut in den Ring zu werfen. „Über das gesamte Sortiment können wir es mit den Großen nicht aufnehmen. Aber mit unseren Bällen sind wir die Gallier aus Goch“, sagt Filipović. Bei der zurückliegenden Ausschreibung habe man zwölf Kriterien erfüllen müssen – von den Verhältnissen in der Produktionsstätte bis zur Kompetenz für den Ball. „Klar: Bei den Finanzen stand die Ampel bei uns auf Dunkelrot. Wir haben deshalb sichergestellt, alle anderen Kriterien umso besser zu erfüllen“, sagt der 45-jährige Filipović.

    Vor allem in puncto Flugeigenschaften sehen sich die Gallier an der Spitze. „Bälle macht nachweislich keiner besser als wir“, sagt Böhmer selbstbewusst. „Es ist verdammt mutig von der DFL, die Rolle zurück zu machen und die Qualität des Balls wieder in den Vordergrund zu rücken.“ Das sei durchaus als Signal an die Fans zu werten – in einer Zeit, in der Kommerzialisierung des Fußballs zunehmend in der Kritik steht. Das Geheimnis von Derbystar liegt in der Zahl 32 – und einem Mann aus Dänemark.

    Wie das Runde wirklich rund wird

    Eigil Nielsen hatte 1948 mit der dänischen Nationalmannschaft Bronze bei Olympia in London geholt. Der Torhüter, der in der Schuh- und Lederindustrie gearbeitet hatte, war ein Ballfanatiker – und gründete die dänische Marke Select. „Wenn er als Zuschauer ins Stadion ging, hatte er nur Augen für die Flugeigenschaften des Balls“, sagt Böhmer. Nielsen entwarf, testete und änderte immer wieder, bis er im Jahr 1962 eine Struktur entdeckte, die den Fußball revolutionierte: den Aufbau aus 32 Teilen. In Goch fand Nielsen einen Geistesverwandten: Josef Moll-Thissen, der eine kleine Lederfabrik für den Reitsport betrieb. Aus dieser Verbindung entstand 1968 die Marke Derbystar, an der Select heute noch 51 Prozent der Anteile hält. 49 Prozent gehören dem Produzenten Anwar Khawaja Industries im pakistanischen Ort Sialkot, der Hochburg der globalen Fußballproduktion.

    In Sialkot arbeiten rund 7.500 Näherinnen und Näher für Derbystar und Select. „Unsere Fabrik produziert exklusiv für uns, was unsere Standards sicherstellt“, sagt Böhmer. Pro Tag entstehen an dem Fairtrade-zertifizierten Produktionsstandort rund 11.500 Bälle in unterschiedlichen Verfahren. Das aufwendigste freilich kommt dem Premiumprodukt zugute: Um ein Modell „Bundesliga Brillant APS“ von Hand zu nähen, braucht es zwei bis drei Stunden. 18 Meter Faden und 720 Doppelstiche halten 20 Sechsecke und zwölf Fünfecke aus Polyurethan zusammen. „Unsere speziell entwickelte Blase produzieren wir selbst, schließlich flößt sie einem Ball das Leben ein“, sagt Böhmer. Das Innenleben aus Naturlatex wird nicht mit dem Obermaterial verklebt wie bei manchem Konkurrenten, sondern hängt frei. Das ist besser für das Flugverhalten des Balls.

    Was Eigil Nielsen durch Versuch und Irrtum herausfand, wurde später sogar wissenschaftlich bestätigt: 32 Teile formen eine Kugel am besten. Zwei amerikanische und ein englischer Chemiker gewannen 1996 den Nobelpreis mit der Erkenntnis, dass sich Karbonmoleküle unter spezieller Bestrahlung als perfekt runder Ball anordnen – so wie der 32-teilige Fußball. Das C60-Molekül wird unter Chemikern deshalb auch als das „Fußball-Molekül“ bezeichnet.

    Mehr als ein Kreisligaball

    Bei aller Wissenschaft zählt für Derbystar, dass ein Ball „ehrlich“ ist. Dieses Attribut fällt im Gespräch immer wieder, wenn die beiden Hobbytrainer Filipović und Böhmer sich über Flatterbälle oder „tote Bälle“ ohne Sprungkraft ereifern. „Stürmer freuen sich natürlich über Zufallstore, aber wir nicht – wir stehen da eher aufseiten der Torhüter, die bei unberechenbarer Flugkurve immer blöd aussehen“, sagt Filipović. Der neue Bundesliga-Ball bekommt nun sogar eine golfballähnliche Oberfläche, die angeblich für noch mehr Ruhe in der Luft sorgt. Zuletzt sei im Profifußball auf Flugeigenschaften kaum Wert gelegt worden – der Ball sei zu einem Marketinginstrument verkommen. „In den Fifa-Regularien werden die Flugeigenschaften nicht einmal getestet, eigentlich nicht vorstellbar“, sagt Böhmer, der als Trainer der ersten Herrenmannschaft der SV Nütterden vom Aufstieg in die Kreisliga A träumt.

    Und Filipović ergänzt: „Ja, wir riechen manchmal nach Asche und Kunstrasen und da sind wir auch zu Hause. Aber wir profitieren von dieser Erfahrung und können uns so stets verbessern. Wir müssen draußen nur zuhören, was der Zeugwart oder die Spieler uns sagen.“ Dennoch: Ohne Präsenz in den Top­Ligen des deutschen Fußballs hätte es nicht lange gedauert, bis Derbystar von manchen als „Kreisligaball“ verschmäht worden wäre – ganz egal wie viel High-Tech in jedem einzelnen Ball steckt. Der neue offizielle Spielball für 139,99 Euro etwa verspreche „extrem weichen Ballkontakt“ und eine „nachhaltige Rundheit“.

    In den letzten Jahren kickten schon Erstligaprofis unter anderem in der niederländischen Eredivisie mit Derby­star. Und auch in Nachwuchszentren, etwa bei Borussia Mönchengladbach und dem VfL Bochum, kommen die Bälle zum Einsatz. Nach acht Jahren Abstinenz – so lange stellte Adidas den offiziellen Spielball – beginnen nun auch die Bundesligisten wieder, mit Derbystar-Bällen zu trainieren. Spätestens zum Bundesligastart am 24. August wird das Gocher Unternehmen dann jeden Tag medial präsent sein. Ein wenig Aufregung schwingt auch bei Böhmer und Filipović mit. „Jeder Ball wird beobachtet werden.“ Aber damit können sie umgehen.

    Guck mal! Bundesliga!

    Derbystar will über die größere Bekanntheit freilich auch die Absatzzahlen nach oben treiben. Den Profi-Klubs stellt man insgesamt 10.800 Bälle zur Verfügung – pro Verein 300 Exemplare. „Wir hatten uns im Vorfeld überlegt, wie viele Bälle wir verkaufen müssen, damit wir mit der Ball-Partnerschaft nicht ins Minus rutschen“, sagt Filipović. Die Händler orderten kräftig. „Schon im Februar hatten wir diese Stückzahl erreicht. Wenn der Ball erst einmal rollt, wird die Nachfrage hoffentlich noch weiter steigen.“ Mit dem Rückenwind des DFL-Deals streben die Manager ein Umsatzplus von vier Millionen Euro an. Außerdem soll die Ball-Partnerschaft Zukunft haben. Laut Böhmer profitiert von den Imageeffekten die gesamte Region.

    Mit einem Schmunzeln erzählt Böhmer vom Tag eins nach der DFL-Entscheidung: „Da fuhren zwei Jungs mit ihren Fahrrädern an der Firma vorbei. Der eine zeigte auf unser Firmenlogo und sagte: ‚Ah, guck mal! Bundesliga!‘ Das war toll und motivierend.“ Stolz macht ihn auch die Reaktion von Bayern-Trainer Jupp Heynckes, der einen Glückwunsch übermittelte: „Derbystar stand schon zu meiner Zeit für hervorragende Qualität, und meine großen Erfolge in Gladbach haben wir mit Derbystar-Bällen gefeiert.“ Für kein Geld der Welt hätte man solch warme Worte des zurückhaltenden Mönchengladbacher Altmeisters kaufen können.

    Derbystar: Know-how mit Historie

    Derbystar blickt auf 50 Jahre Unternehmensgeschichte zurück. Entstanden ist der Ballspezialist 1968 aus einer kleinen Lederfabrik für Reitsättel und Gamaschen. Enge Verbindungen unterhielt Gründer Josef Moll-Thissen von Beginn an zum dänischen Unternehmer und Nationaltorwart Eigil Nielsen, der 1947 den Ballproduzenten Select gegründet hatte. Select ist heute mit 51 Prozent an Derby­star beteiligt, 49 Prozent gehören dem pakistanischen Fabrikanten Anwar Khawaja Industries. Derbystar mit fertigt mit 50 Mitarbeitern in Deutschland und 7.500 Mitarbeitern in Pakistan rund eine Million Bälle im Jahr. Die Umsatzerwartung liegt für 2018 bei 18 Millionen Euro – nach 14 Millionen im Vorjahr. Als Rendite erwarten die Geschäftsleiter Joachim Böhmer und Andreas Filipović circa sechs Prozent.

    Derbystar – Die Ball-Chronik

    1968 beginnt die Fertigung handgenähter Sportbälle in Goch.

    Ab der Saison 1970/71 kooperiert Derbystar mit ersten Bundesligisten.

    1974 nutzt man erstmals Kunstleder.

    In der Spielzeit 1979/80 wird auf allen Bundesliga-Plätzen mit Bällen aus dem Hause Derbystar gespielt. Karl-Heinz ­Rummenigge wird Torschützenkönig mit 26 Treffern.

    Seit 2006 stellt Derbystar den Spielball der zwei höchsten Ligen in Holland.

    Seit 2014 werden auch Select-Handbälle in Deutschland von Derbystar vertrieben.

    Seit 2016 spielen Europas Handballer die Top-Turniere mit Select-Handbällen.

    Ab der Saison 2018/19 bis 2021/22 beliefert Derbystar die Bundesliga und 2. Bundesliga mit dem offiziellen Spielball.


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