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    erfolgreich, Nachhaltigkeit

    Kaufst du noch oder teilst du schon?

    Das Internet macht das Teilen von Produkten und Dienstleistungen massentauglich. Unternehmen steigen vermehrt in die sogenannte Shareconomy ein und bieten ihre Waren zur Mehrfachnutzung an. Damit schonen sie Ressourcen und erschließen sich neue Zielgruppen.

    Die Hüpfburg war für Andreas Fröschl nur ein Spaß zum Start seines BWL-Studiums in München. Doch dann überlegte er sich, wie er das Geld dafür wieder hereinbekommen könnte und fing an, seine Hüpfburg via Internet zu vermieten. Nach nur zehn Mal hatte der 25-Jährige die Anschaffungskosten wieder drin. 2014 machte er daraus ein Geschäftsmodell und gründete die Firma Miet Event. Inzwischen hat er sich zum Komplettausstatter von Spezial- und Fun-Modulen entwickelt. Zu seinen Kunden zählen Unternehmen in ganz Bayern, die für ihre Feiern die Spaßausrüstung  buchen – von Bubble-Soccer-Bällen über Rodeo-Bullen bis zu Formel-1-Simulatoren. „Mir war auch der Nachhaltigkeitsgedanke wichtig“, erklärt Fröschl. „Ich erlebte oft, dass etwa billige Pavillons gekauft und nach einmaliger Nutzung weggeworfen wurden. Das ist eine reine Verschwendung von Ressourcen!“, sagt er. Tatsächlich kaufen sowohl Privat- als auch Geschäftskunden häufig Produkte, die sie nur selten gebrauchen. Teilen heißt hier die kosten- und ressourcen­schonendere Lösung. Die sogenannte Shareconomy setzt sich aus den englischen Wörtern „sharing“ (teilen) und „economy“ (Wirtschaft) zusammen und steht für den Megatrend des Teilens und Mietens von Gegenständen und Ressourcen, aber auch von Wissen und Erfahrungen via Internet.

    In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Sharing-Plattformen entstanden, über die nahezu alles geteilt und getauscht werden kann. Andreas Fröschl nutzt wie rund 2.500 andere Unternehmen die Plattform mietmeile.de, um eine größere Reichweite und damit eine bessere Auslastung für seine Spaßausrüstung zu erhalten. Mit rund 20.000 Mietartikeln in mehr als 600 Kategorien – von Hüpfburgen über Werkzeuge bis hin zu Baggern – zählt sie zu den größten deutschen Mietportalen im Internet. „Der Trend geht vom Besitzen zum Benutzen und vom Kaufen zum Teilen, im globalen Dorf entsteht eine neue Allmende“, stellt Karin Frick fest. Die Leiterin Trend- und Zukunftsforschung am Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) ist Mitautorin der Studie „Sharity – Die Zukunft des Teilens“. Sie hat untersucht, wie groß die Bereitschaft für dieses Modell heute in der Schweiz und in Deutschland ist. Das Ergebnis: Die meisten der über 1.100 Befragten teilen, weil sie es gerne tun und weil es gut für die Gemeinschaft ist.

    Leben mit leichtem Gepäck

    Besitz gemeinsam nutzen und teilen an sich ist nichts Neues: Flohmärkte, Second-Hand-Läden, Genossenschaften, landwirtschaftliche Kooperativen oder gemeinnützige Vereine gibt es schon lange. Doch erst mit dem Internet, der Cloud sowie der rasanten Verbreitung von Smartphones und Apps ist das Teilen noch einfacher geworden – und wird immer beliebter, wie auch die repräsentative Umfrage „Share Economy 2017“ unter 1.000 Deutschen im Auftrag der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC belegt: 46 Prozent haben in den letzten beiden Jahren mindestens ein solches Angebot genutzt. Darunter nicht-kommerzielle und kommerzielle Plattformen gleichermaßen, etwa Kleiderbörsen wie Kilenda, Portale für die Buchung und Vermietung von Unterkünften wie Airbnb oder Carsharingdienste wie Drivy oder Car2Go, wobei die Kategorien „Medien und Unterhaltung“ (28 Prozent), „Hotels und Unterkünfte“ (20 Prozent), „Mobilität“ sowie „Einzelhandel und Konsumgüter“ (je 19 Prozent) nach PwC-Angaben am häufigsten geteilt werden.

    Treiber des Trends sind die Digital Natives der Generationen Y und Z. „Für viele von ihnen scheint zu viel Eigentum eher schweres Gepäck zu sein, das sie als Statussymbol weniger reizt, als dies bei der vorherigen Generation der Fall war. Zudem hoffen die unter 30-Jährigen, via Shareconomy einen Beitrag zu Ressourcenschonung und Umweltschutz zu leisten, ohne auf Konsum verzichten zu müssen“, erklärt Nikolas Beutin, Customer Practice Leader bei PwC Europe. Doch das Teilen und Tauschen ist nicht nur gut für die Umwelt. Die Mehrfachnutzung von ein und demselben Produkt eröffnet Unternehmen auch neue Umsatzchancen. Nikolas Beutin geht allein für Deutschland in diesem Jahr von einem Umsatzplus von mehr als fünf Prozent auf 24,1 Milliarden Euro aus.

    Teilen und testen

    Davon wollen auch etablierte Unternehmen profitieren und reagieren mit entsprechenden Angeboten. Etwa Otto Now, das 2016 gegründete Miet-Startup von Otto. „Viele Kunden wollen ein bestimmtes Produkt gern nutzen, aber nicht unbedingt kaufen. Etwa die Kamera, die man nur für einen Urlaub braucht, oder das E-Bike, das man nur einmal ausprobieren möchte“, erklärt David Rahnaward, Mitgründer von Otto Now. Eine Kannibalisierung des Kaufgeschäfts durch das Mietmodell sieht Rahnaward nicht: „Wenn ein Kunde ein Produkt langfristig nutzen möchte, wird ein Kauf sinnvoller sein – dafür gibt es Otto. Für zeitlich begrenzte Bedürfnisse ist die Miete die bessere Option“, erklärt er. Im vergangenen Jahr hat Otto Now viel mit unterschiedlichen Preisen und Mindestmietdauern experimentiert. „Für uns kristallisiert sich klar heraus, dass langfristige Mieten bei Kunden besonders beliebt sind. Mehr als die Hälfte unserer neuen Verträge umfassen Mindestmietdauern von zwölf oder 24 Monaten“, sagt Rahnaward.

    Auch für die rechtliche Grundlage ist bei den geschäftlichen Sharing-Modellen gesorgt: Zusätzlich zum Mietvertrag gibt es etwa bei Otto Now ausdrückliche Hinweise auf Schadensregulierungen. „Wenn ein gemietetes Produkt bei sachgemäßer Nutzung plötzlich defekt ist, übernehmen wir die Reparatur oder den Austausch. Hat der Nutzer den Schaden verursacht, haftet er“, erklärt der Mitgründer. Für Nutzer der Shareconomy empfiehlt sich also eine Haftpflichtversicherung.

    Seit September letzten Jahres testet auch Mediamarkt-Saturn die Akzeptanz für Mietprodukte am Point-of-Sale in fünf Mediamärkten im Großraum Berlin. Das Feedback der Kunden, Smartphones, Fernseher und Co. auf Zeit zu besitzen, fiel so positiv aus, dass das Pilotprojekt verlängert wird. Saturn teilt online über eine Kooperation mit dem Berliner Fintech Grover. Die Kunden wünschen sich maximale Flexibilität, argumentiert Mediamarkt-Saturn Deutschland. Deshalb bieten die Elektronikfachmärkte nun auch die Option der Miete an. „Wir schaffen damit eine zusätzliche Möglichkeit, Technik zu erleben“, sagt ein Sprecher. Die Chancen, neue Zielgruppen zu erschließen und damit zusätzliches Umsatz- und Erlöspotenzial zu heben, liegen auf der Hand.

    Auch bei Neuentwicklungen ist das Modell des Teilens eine gute Methode, die Akzeptanz bei den Kunden zu erhöhen. Das nutzt beispielsweise Linde Material Handling in Aschaffenburg für die Einführung ihrer neuen Lithium-Ionen-Batterietechnik für Gabelstapler: „Obwohl sie technische und finanzielle Vorteile bietet, sind viele Kunden bei Investitionen in neue Geräte noch zögerlich“, erklärt Jürgen Kupka, Financial Services Sales Support bei Linde Material Handling. „Bei dem Mietkonzept sorgen feste monatliche Raten für eine sichere Kalkulation, und die Kunden bleiben flexibel“, sagt Kupka. Ändern sich die Rahmenbedingungen, lässt sich der Vertrag anpassen und die Batterie austauschen. Auch um Wartung und Service sowie die Rücknahme und Verwertung am Ende der Mietlaufzeit kümmert sich der Linde-Netzwerkpartner. Das sorgt auf Seiten der Nutzer für größtmögliche Investitionssicherheit.

    Aus Retail wird Rentail

    „Hohes Sharing-Potenzial haben Güter, die nur sporadisch genutzt werden und bei denen die Last des Unterhalts größer ist als die Lust des Besitzes“, erklärt die Trendforscherin Frick. „Entsprechend sollten sich auch Hersteller darauf einstellen, auf einem B2B-Markt anzubieten, da ihre Abnehmer nicht Konsumenten, sondern eher Sharing-Services sein werden. Aus Retail wird Rentail“, sagt sie. In der Sharing Economy überleben also nur hochwertige Produkte, die man weitergeben und mehrfach nutzen kann. Billige Wegwerfprodukte kann man nicht teilen, sie sind daher für die neue Generation der „Nutzer-statt-Besitzer“ uninteressant.

    So sieht es auch der Outdoorausrüster Vaude aus Tettnang, der bereits 2015 als „Deutschlands nachhaltigste Marke“ prämiert wurde. „Wir entwickeln nicht nur nachhaltige Produkte, sondern machen uns auch Gedanken über nachhaltige neue Geschäftsmodelle“, erklärt Lisa Fiedler von der Unternehmensentwicklung und Corporate Social Responsibility bei Vaude. „Deshalb bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, Ausrüstungsgegenstände kostengünstig zu mieten, ihre Funktionalität zu genießen und sie danach wieder abzugeben.“ Das Produkt wird online reserviert und kann einen Tag vor Mietbeginn beim Ausrüster abgeholt und einen Tag nach Mietende zurückgebracht werden. Nach der Rückgabe wird es im unternehmenseigenen Reparaturservice professionell gewartet und gereinigt und dem nächsten Nutzer anschließend sauber und voll funktionsfähig zur Verfügung gestellt.

    „Der Trend zum Teilen ist mehr als eine Modeerscheinung und hat sich etabliert“, erklärt Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom. „Diese rasante Entwicklung wird auch auf Arbeitsmodelle der Zukunft Auswirkungen haben.“ Die Arbeitswelt hat sich bereits durch das sogenannte Coworking verändert. Mit dem Betahaus in Berlin eröffnete 2009 der erste Coworking-Space in Deutschland, in dem sich Schreibtische zeitweise mieten lassen. Die Gründer hatten aus der Not eine Tugend gemacht und ihr zu großes und zu teures Büro, das sie damals als kleine Agentur mit wechselnder Besetzung belegten, mit anderen geteilt.

    Geteilter Raum, geteilte Kosten

    Heute gehören Coworking-Spaces von zahlreichen Anbietern mit der Möglichkeit, ganze Büroräume zu mieten, zum normalen Angebot jeder größeren Stadt. Und im Juli 2015 startete mit ShareDnC die erste Plattform für die Untervermietung freier Arbeitsplätze und Büros auch in kleineren Städten. Der Name steht für Share Desk and Coffee. Über die Plattform können Unternehmen, die aktuell zu viel Platz haben, Arbeitsflächen vermieten. Freelancer oder Startups wiederum finden so flexible Arbeitsplätze je nach verfügbarem Budget in Top-Lagen oder in günstigeren Stadteilen mit einfacherer Ausstattung.

    „Anders als bei Wohnungen, gibt es bei der Untervermietung von Büros keine generellen rechtlichen Aspekte zu beachten“, erklärt Mitgründer Philipp Hartje. „In den meisten Mietverträgen ist das Thema Untervermietung geregelt.“ Rabea Knippscheer und Stefanie Gärtner, Gründerinnen der Online-Plattform Limmaland, die sich auf Wand- und Möbelfolien für Kinder spezialisiert hat, nutzen das Angebot von ShareDnC in den Räumen einer Designagentur in der Kölner Innenstadt. „Wir mögen den fachlichen Austausch mit anderen Startups und das Netzwerken in den gemeinsamen Räumen“, erklärt Gärtner. „Außerdem ist es sehr praktisch, dass wir uns um allgemeine Services, wie die Reinigung der Büroräume, nicht kümmern müssen.“

    Erfolgreich teilen. So kann’s gehen

    Unternehmen erschließen sich durch Miet-Modelle neue Zielgruppen.
    Fünf Anbieter und Plattformen im Überblick:

    Mietmeile

    Angebot: Onlineportal für An- und Vermietung von Artikeln und Dienstleistungen.
    Mietdauer: Angebote laufen über Inserate für Laufzeiten von 1, 3, 6 und 12 Monaten.
    Kosten: ab einem Inserat: 4,90 Euro/Monat, ab 12 Monaten: 3,10 Euro/Monat
    mietmeile.de

    ShareDnC

    Angebot: Flexible Bürolösungen und Coworking-Spaces an rund 1.000 Standorten in Deutschland.
    Mietdauer: keine oder eine Mindest­laufzeit von 3 bis 6 Monaten.
    Kosten: Die Nutzung der Plattform ist für Mieter kostenlos. Für Vermieter: entweder einmalig eine Pauschal-Monatsmiete oder monatlich 12 Prozent der Pauschalmiete für ein Jahr. Preise für Mieter je nach Ausstattung und Lage, Beispiel Köln: Büroraum 650 Euro/Monat inklusive aller Nebenkosten, Reinigung und Internet; Schreibtischplätze: 133 bis 300 Euro/Monat
    sharednc.com

    Spacebase

    Angebot: Konferenz- und Tagungsräume nach dem Airbnb-Prinzip, vor allem in Deutschland sowie in neun weiteren Ländern.
    Mietdauer: flexibel
    Kosten: je nach Raumgröße und Ausstattung. Kleine Locations gibt es schon ab 10 Euro/Stunde, größere Räume sind entsprechend teurer. Auf Wunsch und gegen Aufpreis stellt Spacebase in den Räumen auch Flipcharts, Catering und Co. bereit
    spacebase.com

    Craftspace

    Angebot: Die ebenfalls von Spacebase betriebene Plattform vermittelt Räume für Künstler, Köche, Handwerker und Co. etwa in Tischlereien und anderen Werkstätten, Ton- und Filmstudios oder Profiküchen.
    Mietdauer: flexibel
    Kosten: je nach Ausstattung. Ein einfaches Atelier kostet ab 8 Euro/ Stunde, ein voll ausgestatteter Schnittplatz ab 30 Euro/Stunde.
    craftspace.com

    Linde Material Handling

    Angebot: Energiesparende Lithium-Ionen-Batterien für Gabelstapler.
    Mietdauer: flexibel
    Kosten: Der Mietpreis richtet sich nach der Nutzung sowie der benötigten Batteriekapazität; ein Partner kümmert sich um Wartung und Service sowie um die Rücknahme am Ende der Mietlaufzeit.
    linde-mh.de


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