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Erdogan: ‘Wir könnten uns auch neue Freunde suchen’

Die Türkei ist nach der Anhebung von Zöllen durch die USA um eine Verhandlungslösung bemüht, droht aber auch, sich ‘neue Freunde’ zu suchen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die USA vor einem Ende der Partnerschaft mit seinem Land gewarnt. Die Regierung in Washington müsse damit beginnen, die Souveränität der Türkei zu respektieren, schrieb Erdogan am Freitag in einem Beitrag für die ‘New York Times’. Sollte der Trend des Alleingangs und der Respektlosigkeit nicht umgekehrt werden, werde es für die Türkei nötig, sich ‘nach neuen Freunden und Verbündeten umzuschauen.’ Die Türkei habe Alternativen.

Erdogan gab zudem am Freitag bekannt, in einem Telefongespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über Wirtschaftsbeziehungen gesprochen zu haben. Zwar wurde nicht klar, ob es sich dabei um einen diplomatischen Gegenangriff handeln sollte. Der Schritt legte jedoch nahe, dass die Türkei sich weiter von ihren Nato-Verbündeten ab- und einer Kooperation mit Russland zuwenden könnte.

Momentan bemüht sich die Türkei nach der Anhebung von Zöllen durch die USA intensiv um eine Verhandlungslösung. ‘Wiederholte Bemühungen, der US-Regierung klarzumachen, dass keines der für die Zollerhöhungen genannten Kriterien auf die Türkei zutrifft, blieben fruchtlos’, erklärte Handelsministerin Ruhsar Pekcan am späten Freitag. ‘Trotzdem, wir flehen Präsident Trump an, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.’ Der Streit könne und solle durch Dialog und Zusammenarbeit beigelegt werden.

Das Außenministerium erklärte, die Türkei werde mit Gegenmaßnahmen reagieren. Zugleich wurde betont, solche Probleme sollten durch Diplomatie und Dialog und guten Willen beigelegt werden. Die Ankündigung der Zollerhöhung hat die Talfahrt der türkischen Währung noch beschleunigt und den Druck auf die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan erhöht.

Erdogan orientiert sich schon seit längerem nach Moskau, obwohl die Türkei Nato-Mitglied ist. In dem Gastbeitrag warf Erdogan der Regierung von US-Präsident Donald Trump vor, den türkischen Prediger Fethullah Gülen nicht auszuliefern. Erdogan macht Gülen für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich. Erdogan schrieb nun, der Putschversuch ähnele dem, ‘was das amerikanische Volk zweifellos nach Pearl Harbor und den Angriffen vom 11. September erlebt haben’.

Trump hatte zuvor im Streit um den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson eine Verdoppelung der Sonderzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei angekündigt. Die Lira brach zeitweise um etwa ein Fünftel ein.

Erdogan rief seine Landleute zur Einheit auf: ‘Wer denkt, er wird uns durch Wirtschaftsmanipulationen in die Knie zwingen können, kennt uns nicht.’ Er forderte die Bevölkerung auf, Euro, Dollar und Gold in die Landeswährung zu tauschen. ‘Wir werden den Wirtschaftskrieg gewinnen’, sagte er.

Türkei-Experte Timothy Ash schrieb auf Twitter über den Absturz der Lira: ‘Wahnsinn. Wo ist die Zentralbank? Glaubwürdigkeit jetzt total zerstört. Sie müssen das in den Griff kriegen oder Platz machen für ein neues Team, das den Job beherrscht.’

Der Türkei-Repräsentant der deutschen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI), Necip Bagoglu, verweist vor allem auf ein ‘Glaubwürdigkeitsproblem’ bei Investoren. Neue Projekte in der Türkei würden schon seit einiger Zeit ‘auf die lange Bank’ geschoben’, sagte ein westlicher Diplomat. Andere gehen. Am Mittwoch hatte der deutsche Energieversorger EWE bestätigt, dass er sein Unternehmen in der Türkei verkaufen wolle. Sobald ein Interessent ‘einen akzeptablen Preis’ biete, werde EWE sich vom türkischen Geschäft trennen.

Türkische Firmen sind besonders betroffen. Fachleute warnen, dass viele türkische Kreditnehmer auf Euro oder Dollar laufende Kredite nicht mehr bedienen könnten. GTAI-Vertreter Bagoglu sagte, er habe mit dem Chef einer türkischen Firma telefoniert, die Kugellager für die Industrie importiere und ihre Geschäfte nun ausgesetzt habe.

Man wolle nun abwarten und beobachten, wo die Sache hingehe. Die Firma habe wegen der massiven Kursschwankungen keine ‘gesunde Kalkulationsgrundlage für Preise mehr gesehen’, sagte Bagoglu.

Bemerkungen wie die von Staatspräsident Erdogan werden das Vertrauen nicht vergrößern. Bei einer Ansprache in der Schwarzmeerstadt Rize beschwor er in der Nacht zu Freitag Gott. ‘Vergesst nicht: Wenn sie (die USA) Dollar haben, dann haben wir unseren Gott.’Version:0.9 StartHTML:00000293 EndHTML:00000788 StartFragment:00000327 EndFragment:00000752 SourceURL:https://hugo.handelsblatt.media/vhb_hugo_p/articleMac/app/articleInfo/dsp_articleInfoAgency.cfm?CFID=339228&CFTOKEN=62398637&auswahlListe=&articlePublishId=6862536&random=1533968279678

Erdogan

gab später bekannt, in einem Telefongespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über Wirtschaftsbeziehungen gesprochen zu haben. Zwar wurde nicht klar, ob es sich dabei um einen diplomatischen Gegenangriff handeln sollte. Der Schritt legte jedoch nahe, dass die Türkei sich weiter von ihren Nato-Verbündeten ab- und einer Kooperation mit Russland zuwenden könnte.1p1p


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