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    Finanzierung, solvent

    Alles auf einer Karte

    Den steigenden Bedarf nach universeller Mobilität mit verschiedenen Verkehrsmitteln kann klassisches Fahrzeugleasing (noch) nicht bedienen. Auch darauf, dass Mitarbeiter immer häufiger und schneller ihren Job und Wohnort wechseln, ist das Geschäftsmodell nicht ausgerichtet. Eine Lösung könnten Mobilitätsbudgets sein.

    Ein beliebiger Montagmorgen: 150 Kilometer Stau rund um die Kölner Ringe. Keine Ausnahme, sondern Normalzustand auf vielen Straßen rund um deutsche Stadtregionen. Kein Wunder, dass sich immer mehr Pendler vom Auto verabschieden wollen. Für Arbeitgeber stellt sich dann die Frage, welche Angebote sie Mitarbeitern alternativ machen können. Denn Mobilität an sich ist immer noch gefragt – nur eben seltener mit dem eigenen Dienstwagen. Philip Kneissler, Geschäftsführer der Belmoto GmbH in Hamburg, glaubt, einen möglichen Weg aus dem Dilemma zu kennen. Seit Sommer dieses Jahres bietet sein Unternehmen, das sich selbst als Makler für Mobilität bezeichnet, die Belmoto Mobility Card an.

    Diese sogenannte Mobilitätskarte funktioniert ähnlich einer EC- oder Kreditkarte: Der Mitarbeiter eines Unternehmens hat darauf ein bestimmtes Guthaben, das er mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln wie Leih- oder Leasingfahrzeugen, öffentlichen Nahverkehrsangeboten, aber auch E-Bikes aufbrauchen kann. „Unternehmen können so individuell auf jeden Mitarbeiter ein bestimmtes Mobilitätsbudget zuschneiden – und zwar auf jeder Hierarchiestufe im Unternehmen“, erklärt der Geschäftsführer des Startups. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Mitarbeitermotivation und hat sich vom Fuhrparkspezialisten zum Anbieter für Neue Mobilität entwickelt. „Insbesondere junge Leute sind heute nicht mehr so stark an einem Incentive-Car interessiert. Das Fahrzeug als Statussymbol hat für sie an Wichtigkeit verloren“, weiß Kneissler. Ein Dienstwagen sei für die Millennials, also die nach der Jahrtausendwende Geborenen, eher lästig als wichtig. Sie sind in der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, fahren weitere Strecken mit der Bahn – und benötigen einen Pkw eben nur ab und zu.

    Tatsächlich prognostizieren viele Zukunftsforscher einen Wandel zur sogenannten Mobility on Demand. Das bedeutet, dass Menschen statt eines eigenen Autos, das viel zu viel in der Garage steht, auf Mobilitätsangebote ausweichen, die sie nur bei Bedarf nutzen. Der Pkw, als der heute wichtigste Verkehrsträger – allein in Deutschland sind nach Angaben des Bundeskraftverkehrsamts im Jahr 2018 rund 63,7 Millionen Autos zugelassen –, wird von diesem veränderten Mobilitätsverhalten besonders betroffen sein.

    Deutschland mit Nachholbedarf

    Wie sehr Deutschland in Sachen Mobilitätsmanagement noch aufzuholen hat, zeigt eine internationale Studie des französischen Marktforschungsinstituts CSA, das regelmäßig Daten über aktuelle und zukünftige Mobilitätsentwicklungen bei Unternehmen in zwölf europäischen Ländern abfragt. Quintessenz der Befragung: Insgesamt 45 Prozent der europäischen Firmen nutzen bereits alternative Mobilitätsmodelle wie Carsharing oder Mitfahrgelegenheiten oder planen, sie in den kommenden drei Jahren zu nutzen. In Deutschland hingegen erklären diese Absicht nur 26 Prozent der Befragten.

    An nutzbaren Angeboten mangelt es dabei nicht. Auch beim Autovermieter Sixt hat man sich bereits erste Gedanken zum Thema gemacht und verschiedene neue Modelle entwickelt. Sie gehen noch nicht so weit wie die Mobility Card von Belmoto, aber auch Sixt stellt sich auf die veränderten Mobilitätsansprüche ein. Unter anderem mit dem Angebot „MaaS“. Die Abkürzung steht für „Mobility as a Service“. Vinzenz Pflanz, Senior Vice President Group Sales bei Sixt, erklärt dazu: „Insbesondere jüngere Mitarbeiter wünschen sich eine flexible und bedarfsgerechte Mobilität ohne weitere Verpflichtungen – etwa den Mietwagen für eine weite Reise, den Transfer-Service für die Fahrt zu einer Veranstaltung und das Carsharing zum Einkaufen.“ Für Pflanz ist die Kombination dieser Angebote ein ideales Incentive für Unternehmen im Kampf um gute Mitarbeiter.

    Das Modell funktioniert in der Praxis so: Unternehmen können für entsprechende Hierarchiestufen individuell festlegen, was welcher Mitarbeiter bekommt, und ein Budget auf Monats-, Quartals- oder Jahresbasis zur Verfügung stellen. Die Mitarbeiter wiederum können mit dem Budget frei zwischen den Mietwagen von Sixt, dem Transfer-Service My-Driver oder Carsharing wählen. Die Buchung erfolgt online und per App. In der Regel ist es so, dass nur die tatsächlich in Anspruch genommene Mobilität pauschal versteuert werden kann.

    Flexibilität ist oberstes Gebot

    Mit MaaS ist Sixt schon seit Dezember 2016 am Markt – in der Pilotphase mit einem Kunden. Diese Phase ging nun fließend in den offiziellen Start über. „Das Angebot stößt grundsätzlich auf großes Interesse“, sagt Pflanz – sowohl bei etablierten Mitarbeitern als auch bei jungen Einsteigern.

    Eines der Unternehmen, die MaaS bereits aktiv nutzen, ist die Beratungsgesellschaft A. T. Kearney. „Die Resonanz ist ausgezeichnet“, sagt Mirja Telzerow, Director Human Resources and Operations bei A. T. Kearney und stellt fest: „Um heutzutage Top-Talente einzustellen, ist das auch ein Differenzierungsfaktor für unser Recruiting.“ Dabei geht es gar nicht darum, den Dienstwagen komplett abzuschaffen, sondern vielmehr um eine zusätzliche Wahlmöglichkeit – und ein optimales Angebot für jede persönliche Lebenssituation. Bei A. T. Kearney etwa können Mitarbeiter innerhalb eines Monats zwischen Mobilitätsbudget und Dienstwagen wechseln. Schließlich kann auch ein Berufseinsteiger nach einigen Jahren mit seiner Familie in einen Vorort ziehen – und sich dann doch nach einem persönlichen Fahrzeug sehnen.

    Richtig versteuern!
    Anders als mit der Ein-Prozent-Regel für Dienstwagen gibt es für Mobilitätsbudgets noch keine pauschal gültigen Steuerregelungen. Wird das Budget etwa mit dem Gehalt ausgezahlt, muss es mit dem jeweiligen Einkommensteuersatz des Mitarbeiters versteuert werden. Wichtig ist deshalb, dass es zweckgebunden für Mobilität eingesetzt wird. Dann stufen es die Finanzbehörden als sogenannten Sachbezug ein, für den eine geringere Versteuerung gilt.


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