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    solvent, Vorsorge

    Bloß nicht zurücklehnen

    Die konjunkturellen Vorzeichen drehen sich: Die Zinsen steigen wieder, ebenso die Inflationsrate, getrieben unter anderem durch den Ölpreis. Wie sich Unternehmer auf stürmische Zeiten vorbereiten können.

    Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – und nach der Krise ist vor der Krise: „Wir profitieren schon seit vielen Jahren von der guten Konjunktur. Da diese Schwankungen unterliegt, verfolge ich wöchentlich unsere Zahlen, ob sich eine Änderung der Situation abzeichnet“, sagt Lars Thullesen. „Momentan ist das noch nicht der Fall, aber sicher wird es nicht ewig so weitergehen.“ Der vierfache Handwerksmeister führt einen Baubetrieb in Neumünster. „Meinen 25 Mitarbeitern sage ich immer: Wir sind sehr gut aufgestellt. Wir bewegen uns auf sehr dickem Eis. Selbst wenn es zu schmelzen beginnt, bleibt es kräftig genug, um uns zu tragen“, so Thullesen.

    Der Erfolg des Betriebs kommt nicht von ungefähr. „In der Hochkonjunktur haben wir bewusst daran gearbeitet, noch mehr Eigenkapital aufzubauen. Wir arbeiten mit einer Quote von weit mehr als 60 Prozent. Das bedeutet für mich persönlich, dass ich mich trotz bester Gewinne in Konsumverzicht übe“, erklärt Thullesen.

    Der Unternehmer hat so stetig in den vergangenen Jahren sein Rating verbessert. Inzwischen ist er auf der Skala ganz oben angekommen. Das hohe Niveau will er halten. „Wenn sich ein Problem im Betrieb abzeichnet – egal, worum es sich handelt –, hat die Lösung für mich erste Priorität. Je nachdem, wie groß es ist und wie schwierig es sich gestaltet, verzichte ich so lange auf Urlaub oder andere Freizeitaktivitäten, bis alles wieder im Lot ist“, beschreibt Thullesen seine Strategie.

    Szenarien ändern sich

    Viele Unternehmen sind ähnlich gut aufgestellt wie der Bauunternehmer. Mittelständler arbeiten nahe an ihrer Kapazitätsgrenze. „Die deutschen Firmen haben in den vergangenen Jahren mit Preisvorteilen von 20 bis 30 Prozent vom niedrigen Stand des Euro profitiert, was den Export angeregt hat“, sagt Volker Riedel, Equity Partner der Gesellschaft Dr. Wieselhuber und Partner in München, der die Competence Center Finance und Insolvenz verantwortet. „Außerdem zeigt sich die Konjunktur seit langem im Aufwind. Das alles trägt dazu bei, dass Unternehmen eine mögliche Verschlechterung ihrer Situation oder gar ein Krisenszenario momentan nicht im Blickfeld haben.“

    Gegenwind in Sicht

    Das kann ein fataler Fehler sein. Allmählich ziehen Wolken am Himmel auf. „Der Rückenwind für die Wirtschaft flaut ab“, sagen die Forscher des Münchner Ifo-Instituts. Der steigende Ölpreis, die sich abzeichnende Zinswende, der schwelende US-Handelsstreit sind allesamt Auslöser einer möglichen Schwächephase. „Wir beschäftigen uns bereits seit einigen Monaten wieder verstärkt mit Restrukturierungen und Sanierungen“, sagt auch Andreas Bachmeier, Unternehmensberater der Ecovis-Gruppe in Dingolfing, der zahlreiche mittelständische Betriebe betreut. Firmenchefs sollten also reagieren, etwa indem sie die Finanzen des Unternehmens so aufstellen, dass sie eine konjunkturelle Delle oder sogar einen Abschwung ohne Reibungsverluste überstehen können. Die wichtigsten präventiven Maßnahmen im Überblick:

    Kontokorrentrahmen erhöhen

    Liquidität kommt bekanntlich vor Ertrag. „Wenn der Umsatz infolge einer negativen Entwicklung sinkt, führt dies automatisch zu einem steigenden Finanzierungsbedarf“, sagt Carl-Dietrich Sander, Unternehmerberater in Neuss. Der Zusammenhang: Es fehlt der Umsatz, viele Kunden zahlen später, die Kosten laufen weiter. „Personal- und Sachaufwendungen sind zu etwa 80 Prozent Fixkosten, sie fallen an, auch wenn der Umsatz sinkt“, erklärt Sander.

    Der Liquiditätsbedarf also erhöht sich in schlechten Zeiten. Das führt schnell zu kritischen Situationen. „Wir sprechen von einer steifen Kreditinanspruchnahme, wenn Firmen sich entlang ihrer Kontokorrentkreditlinie bewegen und ihr Limit kontinuierlich ausschöpfen. Die Folge sind empfindliche Abstriche beim Rating. Darum darf das nicht passieren“, warnt Sander. Unternehmer gehen daher präventiv zur Bank, um über einen ausreichenden und damit höheren Kontokorrentrahmen für den kurzfristigen Bedarf zu verhandeln. Sie sichern sich Luft nach oben – selbst wenn dies mit Bereitstellungsprovisionen und Bereitstellungskosten verbunden sein kann. „Das ist in diesem Fall das kleinere Übel“, sagt Sander.

    Die Bedingungen für den Dispo sind mit der Bank überdies immer verhandelbar. „Nur müssen sie den Jahresabschluss 2017 dazu vorliegen haben, sonst hat der Unternehmer gleich schlechte Karten. Sie sollten mit ihrem Steuerberater einen Fertigstellungstermin im ersten Halbjahr vereinbaren“, rät Sander.

    Finanzieren im Team

    Der Jahresabschluss sollte nicht nur für die Bank aufgestellt, sondern vom Unternehmer selbst analysiert werden. Ein Blick auf die Passivseite tut gut. „Größere wachstumsorientierte Mittelständler haben ihren Kapitalbedarf in den vergangenen Jahren häufiger situationsbezogen mit Unterstützung diverser Kapitalgeber gedeckt. Entstanden ist eine Cocktailfinanzierung, die gefährlich werden kann“, warnt Volker Riedel. Er empfiehlt, bei einem Kapitalbedarf ab zehn Millionen Euro saubere Finanzierungsstrukturen zu schaffen, und rät etwa dazu, einen Multi-Banken-Kredit oder eine Konsortialfinanzierung anzustreben.

    Ein Flickenteppich auf der Passivseite der Bilanz bringe hingegen diverse Probleme mit sich: Zu viele unterschiedliche vertragliche Reporting-Pflichten, differierende Fälligkeiten und Laufzeiten, zahlreiche zu beachtende Klauseln in den einzelnen Verträgen. Nicht zuletzt sind Sicherheiten oft mehrfach gebunden. „Am Ende entstehen erhöhte Kosten für die Finanzierung“, sagt Riedel. Mit einem Konsortialkredit holen Unternehmen mehrere verlässliche Banken ins Boot. Die Finanzierung erfolgt in Absprache untereinander aus einem Guss, sie bietet dem Unternehmen größtmögliche Sicherheit.

    „Im ersten Schritt sollte aufgelistet werden, bei wem unter welchen Bedingungen momentan Kredite oder Beteiligungen laufen. Im nächsten Schritt eruiert die Führungsspitze, wie eine Vereinheitlichung aussehen könnte“, erklärt Riedel. Das Ziel ist es, einen geordneten Kreditrahmen aufzubauen. „Noch bieten die Banken äußerst gute Konditionen. Es macht Sinn, jetzt seinen Finanzierungsbedarf perspektivisch für die nächsten fünf Jahre auszuschreiben und sich die günstigen Bedingungen noch für einige Zeit zu sichern“, sagt Riedel.

    Liquide Mittel freisetzen

    Die besten Chancen dafür haben jene Betriebe, die in den vergangenen Jahren ihre Eigenkapitalquote stetig erhöht haben. Bei der Finanzierung von Investitionen setzen viele Mittelständler momentan auf Cash und angesparte Rücklagen. Der Eigenanteil der Finanzierungen ist stark angestiegen. Der Fremdmittelanteil gesunken. „Dadurch ist aber das liquide zur Verfügung stehende Vermögen geringer. Das Geld ist gebunden“, erklärt Riedel.

    Firmenchefs sollten sich fragen, wie sie liquide Mittel heben können. Inwieweit beispielsweise ist das Anlagevermögen ausfinanziert? Besteht die Möglichkeit, Leasingfinanzierungen – Mobilien- oder Immobilienleasing – auszuweiten? Können Forderungen verkauft werden, um gleich nach Rechnungsstellung den Zahlungseingang zu sichern? Ist es möglich, Vorräte abzubauen? „Wenn die Kundenzufriedenheit nicht leidet, können Unternehmer schon damit, dass sie ihre Lieferungen minimal hinausziehen, in der Regel enorm viel Kapital freisetzen“, sagt Riedel.

    Die Guten ins Töpfchen

    Der Experte bringt ein weiteres Stichwort ins Spiel: Ring Fencing. Vermögenswerte werden von einem Bereich in einen anderen transferiert. Mögliche Verlustbringer sollen vom Kerngeschäft separiert werden. Das kann über eine Holding passieren, die Schwester- oder Tochtergesellschaften unter einem Dach vereinigt. So entstehen getrennte Geschäftsbereiche und Sparten unterschiedlicher Risikoklassen.

    Der Vorteil: In Krisensituationen lassen sich einzelne verlustbringende Bereiche verkaufen. „Eine solche Unternehmensstruktur ist in guten Zeiten deutlich einfacher und besser aufzubauen, weil dann das Geld dafür da ist“, sagt Riedel. Bei der Gründung der Gesellschaften sind diverse rechtliche Fallstricke zu beachten, insbesondere haftungsrechtliche. „Das sollte nicht ohne die Expertise eines kundigen Beraters passieren“, so Riedel.

    Kalkulation anpassen

    In guten Zeiten können Firmen auch großzügiger kalkulieren. „Wir wissen, dass Mittelständler während der Jahre des Aufschwungs hier Chancen verpasst haben, weil sie nichts verändert haben. Spätestens jetzt sollten sie aktiv werden und ihre Spannen erhöhen“, rät Experte Bachmeier. So erzielen sie heute Erträge. Damit bauen sie sich ein Polster für schlechte Zeiten auf.

    Schlechte Zeiten durchspielen

    Was aber passiert, falls der Umsatz kurzfristig um zehn oder sogar um 20 Prozent geringer ausfällt als geplant. Sollte dadurch ein Verlust entstehen, muss dieser durch ausreichend Eigenkapital gedeckt sein. „Gesellschaften mit beschränkter Haftung können hier schnell an ihre Grenzen kommen, wenn das Stammkapital dadurch aufgezehrt wird. Falls die Berechnung so ein Ergebnis zeigt, besteht kurzfristig Handlungsbedarf“, sagt Sander.

    Also checken Unternehmer, wie viel Risikopuffer ihre Bilanz hergibt. Dann ist man schnell dabei, die eigenen Prozesse zu überdenken und zu optimieren. „Das reicht von der Auftragsabwicklung bis zum Forderungsmanagement“, rät Sander. Er empfiehlt, zur Optimierung Termine und Grenzwerte zu setzen. Rechnungen werden innerhalb von zwei Tagen verschickt, nachdem der Auftrag abgeschlossen ist. Mahnungen gehen zwei Tage nach Fälligkeit in die Post. Sobald der Kontokorrentkredit über drei Monate zu 70 Prozent ausgelastet ist, sollten Unternehmer ein Gespräch mit der Bank suchen, um die Situation zu diskutieren.

    Wenn „Nein“ die beste Antwort ist

    Unternehmer Lars Thullesen checkt beispielsweise jeden Donnerstag die offenen Rechnungen: „Wir entscheiden dann im Einzelfall, wie wir mit den Kunden umgehen, falls sie in Verzug sind.“ Bei jedem gewerblichen Neukunden holt er grundsätzlich zuerst eine Bonitätsauskunft bei Creditreform ein. „Wir leisten es uns im Zweifel, Aufträge konsequent abzulehnen“, sagt der Firmenchef.

    So hat er es geschafft, fast keine Forderungen abschreiben zu müssen. „Falls es Probleme gibt, arbeiten wir mit Ratenzahlungen. Dann läuft es in der Regel“, sagt der Bauunternehmer. Mit dieser Strategie fährt seine Firma bestens. „Wir kommen nie an die Grenze unseres Kontokorrentlimits“, sagt Thullesen. Auf eine prophylaktische Erhöhung des Kreditrahmens will und kann er auch in schlechteren Zeiten verzichten.

    Solide aufgestellt

    Krisenprävention beginnt in den rosigen Zeiten. Worauf Unternehmer achten können, um sich ein Polster anzulegen.

    Anzahlungen verlangen: Wer aufgrund einer guten Auftragslage auf einen Kunden auch einmal verzichten kann, ist in einer perfekten Verhandlungsposition. Anzahlungen haben sich seit der letzten großen Wirtschaftskrise in vielen Branchen durchgesetzt. Sie tragen wesentlich zur Liquiditätssicherung bei.

    Bonität checken: Unternehmer sollten bei jedem Neukunden vorab die Bonität prüfen. Erfahrungsgemäß besteht bei Auftraggebern mit einem schlechten Leumund tatsächlich erhöhte Gefahr eines Zahlungsverzugs. Deshalb setzt man sich eine Untergrenze für den Bonitätsindex, bis zu welchem ein Kunde noch angenommen wird.

    Portale testen: Der Markt für Finanzierungen im Netz entwickelt sich dynamisch. Selbst wenn die Kreditzinsen hier in der Regel höher sind als bei der Bank. Sie können eine Alternative zu klassischen Kapitalgebern sein. Unternehmer sollten die Portale in guten Zeiten testen, wenn sie nicht unbedingt auf diese angewiesen sind – um ihre Chancen und Risiken für angespannte Phasen auszuloten.


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    Kommentare

    1. Wieder einmal mehr bestätigt der Artikel “Bloß nicht zurücklehnen” die Praxisnähe der Autorinnen und Autoren des Creditreform-Unternehmermagazins zu gewerblichen Finanzthemen.

      Die hierin beschriebenen Empfehlungen decken sich mit meinen Erfahrungen, die ich in fast vier Jahrzehnten Finanzdienstleistungen für Unternehmen und Selbstständige sowie Freiberufler sammeln durfte. Insbesondere die Schlagworte: #Liquidität, #Kalkulation, #Multi-Banken-Kredit sind hierbei wesentliche Faktoren. Hierbei sind auch FinTechs wie bspw. Crowdfinanzierungs-Plattformen mit einzubeziehen.

      Weitere Informationen finden Sie hier:
      https://www.hf-unternehmensfinanzierung.de/leistungen.htm
      https://www.hf-kreditsanierung.de/leistungen.htm

      Herzlich, Ihr Holger Feick
      Geschäftsführer HF Finanzconsulting GmbH

      http://www.hf-finanzconsulting.de

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