© dimatlt633/iStock© dimatlt633/iStock

    erfolgreich, Strategie

    Spielt keine Rolle mehr?

    Die Bedrohung für den deutschen Mittelständler Beumer kommt aus den USA und hat nur vier Buchstaben: DUFL. Vor drei Jahren startete die US-Firma und tritt seitdem großspurig auf. DUFL will nicht weniger als die Regeln des internationalen Gepäck­transports ändern. Wer mit dem Flugzeug reist, soll sich nicht mehr um den Transport seiner Fracht kümmern müssen, so der Anspruch von DUFL. Die Firma holt den Koffer zu Hause ab und bringt ihn zum Zielort. Kein mühsames Tragen, kein Warten am Gepäckband mehr.

    Beumer stellt Gepäckbänder für Flughäfen her. Seit 17 Jahren. Das Familienunternehmen mit Sitz in Beckum, 20 Kilometer südöstlich von Münster gelegen, ist eine von drei sogenannten Intralogistik-Firmen, die den Markt der Gepäckabfertigung an Flughäfen weltweit beherrschen. München, Frankfurt am Main, Charles de Gaulle in Paris oder Manchester: viele Flughäfen vertrauen der Technik von Beumer.

    Bislang hat DUFL nach eigenen Angaben 10.000 registrierte Kunden, transportiert bislang allerdings nur einige Hundert Gepäckstücke pro Monat, vor allem in den USA, zunehmend weltweit. Für Johannes Stemmer sind die Zahlen dennoch Grund genug, den Angreifer und andere dieser Art zu beobachten. Stemmer trägt bei Beumer den Titel „Director Digital Transformation“. Der 32-Jährige ist ein Eigengewächs des 83 Jahre alten Unternehmens mit seinen 4.200 Mitarbeitern. Stemmer hat bei Beumer gelernt, seine Diplomarbeit geschrieben, hat für den Mittelständler einige Zeit in Shanghai gearbeitet.

    Nur allzu gut weiß Stemmer, wie es ist, wenn digitale Emporkömmlinge Beumers Geschäftsmodelle bedrohen. Zum Beispiel Spotify. Anders als die Nutzer des Streamingdienstes, haben Stemmer und seine Firma die Auswirkungen von dessen Marktmacht hautnah zu spüren bekommen. Zwar hat Beumer keine Musik im Programm, aber Sortieranlagen made in Beckum waren unter anderem in der Musikindustrie für die CD-Verteilung und -Sortierung im Einsatz. Im Zuge des Aufstiegs von Spotify & Co. und sinkender Verkaufszahlen von CDs – und damit auch der Produktion der kleinen Scheiben – war das Ende von Beumers Sortiertechnik besiegelt. „Das war zwar nur eine kleine Nische, aber das Schicksal kann uns auch in anderen Branchen treffen“, sagt Stemmer. „Wir beobachten in zunehmendem Maße, dass IT-Firmen Teile des Logistikmarktes disruptieren.“

    Wie das Kaninchen vor der Schlange?

    Disruption und Digitalisierung. Diese zwei Begriffe scheinen die Zauberwörter für Erfolg und Misserfolg zu sein, je nach Perspektive. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist sicher. Kein aktuelles Geschäftsmodell kann in Zukunft überleben – so scheint es. Die gute Nachricht lautet: Bisher sind die Negativbeispiele überschaubar. Das Schicksal der Fotofilm-Firma Kodak wird oft genannt. Sie hatte die Digitalisierung der Fotografie verschlafen und ging tatsächlich pleite. Aber danach wird es schon schwieriger. „Eine disruptive Technologie (engl. disrupt – unterbrechen, zerreißen) ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung vollständig verdrängt“, verrät Wikipedia – selbst eine Technologie, die traditionelle Lexika verdrängt hat. Aber ob E-Books den Buchdruck komplett ablösen, ob Uber die Taxibranche zerstören und Airbnb Hotels obsolet machen werden – das ist noch nicht absehbar.

    Panik ist fehl am Platz, gefragt ist Reflexion. Wie gut können deutsche Mittelständler tatsächlich mithalten? Wie entwickeln Unternehmen ein neues Geschäftsmodell oder passen ein bestehendes an? Wie aufmerksam müssen sie den Markt und die Konkurrenz um sich herum beobachten? Oder ist das Erfolgsrezept des deutschen Mittelstands mit seinen Produkten und Services, die für Verlässlichkeit und Haltbarkeit stehen, in einer Welt, die sich immer schneller wandelt, zum Scheitern verurteilt?

    Experten wie die Wissenschaftler vom Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) schlagen Alarm. Eine Studie, die im Auftrag der Stadtsparkasse Düsseldorf Unternehmen in der Region befragt hat, ergab: Sowohl Chancen als auch Risiken von Entwicklungen mit disruptivem Potenzial werden eher selten erkannt. Zwar beobachten und verfolgen immerhin rund zwei Drittel der Unternehmen neu aufkommende Technologien und Geschäftsmodelle. Deren Bedeutung für die eigene Branche wird insgesamt überwiegend als gering eingeschätzt. Als noch geringer wird die Bedeutung für das eigene Unternehmen und dessen Geschäftsmodell eingestuft.

    Kein gutes Bild zeichnet die Studie zudem, was den konkreten Umgang mit neuen Technologien und Geschäftsmodellen angeht. Nur eine Minderheit verfolgt eine Strategie, die über die Beobachtung der Branchenentwicklung sowie das Sondieren von Kundenbedürfnissen hinausgeht. Etwa ein Drittel der Unternehmen setzt zum Beispiel eigene Pilotprojekte auf, investiert in eigene Forschung und Entwicklung oder kooperiert mit Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen. „Insgesamt verharrt die Mehrheit der Unternehmen zu sehr im Bewährten und vernachlässigt proaktive strategische Maßnahmen, um die neuen Technologien und Geschäftsmodelle gewinnbringend zu nutzen“, bemängeln die Studienautoren.

    Perfektion allein reicht nicht mehr aus

    Ähnliche Erkenntnisse hat Niklas Volland gewonnen. Er ist Mitgründer und CEO der Digitalagentur bytabo, die Beratungsleistungen im Zuge der digitalen Transformation erbringt. „Viele Mittelständler arbeiten gründlich, zuverlässig und perfektionistisch, das macht die Qualität von

    Made in Germany aus“, sagt Volland. „Diese Firmen denken aber oftmals traditionsbedingt stark vom Produkt aus.“ Nur wenn man aber die Perspektive wechselt und seine Produkte aus der Sicht der Kunden heraus entwickelt, könne man die Marktbedürfnisse, die sich im digitalen Zeitalter immer schneller wandeln, nachhaltig treffen.

    Für Volland sei inhaltlich der wichtigste Faktor die Weiterbildung. „Wenn die Welt sich verändert, müssen die Mitarbeiter das nötige Wissen haben, um darauf zu reagieren.“ Erst gerade hat er wieder ein Unternehmen aus der Versicherungsbranche beraten, das „in Sachen Digitalisierung einfach nicht am Puls der Zeit war“. Zunächst fragte Volland einzelne Mitarbeiter, was sie machen würden, wenn sie sich beim Thema Digitalisierung hausintern weiterbilden möchten. „Das Ergebnis: Es war nicht nur schwierig, das Weiterbildungsangebot im Intranet zu finden, es war auch noch begrenzt.“

    Eine aktuelle Untersuchung des RKW Kompetenzzentrums unterstreicht das. Zwar seien sich insgesamt die befragten Betriebe bewusst, dass ihre Digitalisierung Konsequenzen für das Personal habe, so die Studienautoren. „Zudem setzen sich die Unternehmen in ihrer Personalarbeit mitunter sehr aktiv mit den neuen Herausforderungen auseinander.“ Die meisten bauen auf Weiterbildung. „In nur wenigen Fällen aber werden Anforderungs- und Tätigkeitsprofile angepasst. Dies überrascht, da viele Unternehmen mit deutlichen Veränderungen in Anforderungsprofilen oder auch mit ganz neuen Jobs rechnen“, so die Studie. Vermutlich würden die meisten der Unternehmen „auf Sicht“ fahren, eine strategische Planung sei nur vereinzelt erkennbar.

    Um die Ecke denken lohnt sich

    Die Experten kennen aber auch Beispiele aus dem Mittelstand, die Hoffnung versprühen. Beispiel: Automatentechnik Baumann. Der bayerische Hersteller von Parkautomaten sah spätestens im Jahr 2015 sein Geschäft durch Ticket-Apps für Smartphones bedroht. Damals übernahm der Volkswagen-Konzern mit Sunhill Technologies einen der europaweit größten Anbieter von Parkticketlösungen für das Smartphone. Baumann reagierte und brachte ebenfalls Parkautomaten auf den Markt, bei denen man kein Kleingeld mehr braucht. Bei Abbuchung der Parkgebühr über das Handy erhalten die Kunden eine SMS und die angezeigte Summe wird mit der Handyrechnung vom Konto abgebucht.

    Oder Edding aus Ahrensburg bei Hamburg. Der Stifte-Produzent stellt seit 2015 auch Nagellack her. Eine entsprechende Produktreihe ist aufgebaut worden, weil das Unternehmen davon ausgeht, dass über kurz oder lang durch den Trend zu digitalen Geräten weniger Filzstifte und Textmarker gebraucht werden. Oder Jungheinrich. Der Gabelstaplerhersteller produziert auch Software, etwa für das Lagermanagement – und kommt damit möglichen IT-Firmen zuvor. Aber längst nicht nur Produktionsbetriebe setzen sich mit der Digitalisierung auseinander. Auch Dienstleister wie die Messe Essen stellen sich der Digitalisierung – und ihrer disruptiven Gefahr.

    Weil Besucher es in Zeiten der Digitalisierung gewohnt sind, Informationen möglichst individuell, schnell und kompakt zu erhalten, geht der Trend bei Messen zur Spezialisierung. Oliver Kuhrt, Geschäftsführer der Messe Essen, sagt: „Die sogenannten 360-Grad-Messen, die ein Thema von allen Seiten beleuchten, verlieren in ihrer bisherigen Form an Bedeutung.“ Im Gegensatz zu hochspezialisierten Fachmessen. So habe die Messe Essen beispielsweise das Konzept der im September stattfindenden Security Essen zukunftsfähig ausgerichtet. Die Weltmesse für zivile Sicherheit zeigt zwar das komplette Spektrum von mechatronischen Schließsystemen bis hin zu Cyber Security, präsentiert die Innovationen aber erstmals in klar definierten und erlebnisorientierten Themenwelten.

    Das Management muss die Mitarbeiter mitreißen

    Grundsätzlich sieht Kuhrt den Marktplatz Messe auch in Zeiten der Digitalisierung als wichtig an. Der persönliche Kontakt sei gefragt, wo vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen entstehen sollen. Doch dank der Digitalisierung stehen Ausstellern und Besuchern neben obligatorischen Apps viele zusätzliche Services zu Verfügung, mit denen sie ihre Messeteilnahme komfortabel vorbereiten, viel Zeit sparen und Kontakte auch außerhalb der Messelaufzeit pflegen können. Digitalexperte Volland weiß auch ein positives Beispiel aus der Branche der Kunststoffproduzenten zu nennen.

    Beim Unternehmen Maincor aus Schweinfurt sind viele der 350 Mitarbeiter an Projektgruppen zum Thema „Innovation“ beteiligt. 68 Innovationsideen innerhalb von wenigen Monaten haben die einzelnen Gruppen zusammen hervorgebracht, die jetzt schnellstmöglich umgesetzt werden sollen. „Das Beachtliche ist, dass es dem Unternehmen derzeit sehr gut geht, die Unternehmensführung aber trotzdem die entscheidende Bedeutung von proaktiver Innovation erkannt hat und sich in keiner Weise auf den derzeitigen Erfolgen ausruht“, sagt Volland. Zwingend erforderlich ist es Volland zufolge, dass es eine Person im Unternehmen gibt, möglichst auf Ebene der Geschäftsführung, die für Digitalisierung, und damit verbunden auch Innovationen, zuständig ist. „Der- oder diejenige muss die nötigen Befugnisse haben, belastbar, extrovertiert und mitreißend sein.“

    So jemand wie Johannes Stemmer bei Beumer. Das Unternehmen ist mittlerweile zum Gegenangriff übergegangen – mit der Gründung eigener Start­ups: „Wir haben zwei Ausgründungen, die wir zusätzlich zu unserer bestehenden Innovationsabteilung gestartet haben“, sagt Stemmer. „Sie entwickeln sogenannte Minimum Viable Products, also minimal ausgestattete Prototypen, deren Marktpotenzial wir bis zur Marktreife prüfen.“ Zudem hat Beumer zwei neue Unternehmens­einheiten geschaffen, in denen Mitarbeiter digitale Projekte in Ideen-Pools sammeln, initiieren und weiterentwickeln. „Das soll eine Freidenkergarage sein, um neue Ideen und Technologien direkt am Kundenproblem zu validieren.“ Selbst als klassischer Anlagenbauer müsse man so etwas wie „ein Gefühl oder ein Radar dafür entwickeln, dass wir im Wettbewerb mit digitalen Unternehmen stehen“.

    Entscheidungen beschleunigen

    Ähnlich ist Max Viessmann vorgegangen. Er will das familieneigene, mehr als 100 Jahre alte Heizungsunternehmen digitalisieren. Die auffälligste Maßnahme: Er hat einen Company Builder und zwei Venture-Capital-Unternehmen aufgesetzt. Beim Company Building ist der Investor an der Entstehung des jeweiligen Unternehmens beteiligt. Viessmann weist darauf hin, dass viele etablierte Unternehmen ­hierarchisch geführt seien. „Das regt Mitarbeiter nicht dazu an, neue Grenzen auszuloten. Es ist weniger die Angst vor Fehlern als die starren Strukturen, die man sich über Jahrzehnte geschaffen hat, die Mitarbeiter davon abhalten, freier zu denken.“ Viessmann bricht dies unter anderem mit Kommunikation auf. Kürzere Kommunikationszyklen, so die Erkenntnis, beschleunigen Entscheidungen. Aus diesem Grund kommunizieren seine Mitarbeiter auch mit Messengern wie Slack und Asana. Dokumente liegen in der Cloud und können von den Teams simultan bearbeitet werden. Und in einem Videostream tauschen sich Viessmann-Mitarbeiter aus mehr als 70 internationalen Märkten alle vier Wochen aus.

    Beim Förderanlagenhersteller Beumer ist Digitalexperte Stemmer unterdessen noch mit der Prüfung des DUFL-Geschäftskonzepts beschäftigt. „Wir müssen erst mal verstehen, womit diese Firma wirklich Geld verdient“, sagt Stemmer. Er weiß davon, dass Firmen wie DUFL dem Reisenden beim zweiten und bei weiteren Aufträgen möglichst passende Kleidungsstücke dazulegen, mit einem Preisschild versehen. Wem das Angebot nicht gefalle, lasse das Outfit einfach im Hotelzimmer zurück. „Mit dem Wissen über den Kunden verdienen sie Geld“, mutmaßt er. Sorgen macht ihm das noch nicht. Er weist darauf hin, dass nur 30 von 100 jungen Unternehmen am Markt überleben. Dabei wird er sie einstweilen genau beobachten.

    ———

    Auf die Watchlist

    Von IoT bis KI. Welchen digitalen Schlüsseltechnologien deutsche Unternehmen eine große Bedeutung für ihre Wettbewerbsfähigkeit beimessen.

     

    • Internet of Things: 76 Prozent
    • Big Data: 74 Prozent
    • Robotik:  66 Prozent
    • 3D-Druck: 56 Prozent
    • Blockchain: 53 Prozent
    • Künstliche Intelligenz: 51 Prozent

     

    Quelle: Bitkom

    In der Praxis spielen viele dieser Technologien allerdings noch keine große Rolle. Eine Studie des Digitalverbands Bitkom ergab: Das größte Interesse besteht derzeit an Big Data. Sechs von zehn Unternehmen setzen die Analyse großer Datenmengen bereits bei sich ein. Etwas mehr als ein Drittel der Unternehmen beschäftigt sich mit 3D-Druck, Internet of Things und Robotik. Großen Nachholbedarf hingegen gibt es in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Blockchain.

     

     

     


    Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
    Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

    Kommentar absenden

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

    CAPTCHA-Bild

    *

    Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

    Lesen Sie weiter


    erfolgreich, Marketing & Vertrieb

    IoT: Wenn Dinge funken lernen

    Im Internet of Things ist alles mit allem verbunden. Ampeln, Drohnen, Maschinen, sogar Kühlschränke und Altpapiercontainer. Unternehmen, die Geräte clever vernetzen, können ihre Kosten senken, Prozesse optimieren und ganz neue Geschäftsmodelle erschließen. Noch sind viele zögerlich. Dabei müssen sie das Rad gar nicht neu erfinden.