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    erfolgreich, Strategie

    Arbeiten, wann es mir gefällt

    Flexible Arbeitszeiten stehen auf der Wunschliste von Arbeitnehmern weit oben, gleich nach dem Wunschgehalt und noch vor mehr Urlaub. Doch an der Umsetzung scheiden sich die Geister: Während Studien besagen, dass Vertrauen im Unternehmen die Mitarbeiterzufriedenheit erhöht und Vertrauensarbeitszeit zu besseren Ergebnissen führen kann, befürchten Kritiker mehr Überstunden. Ein Pro und Contra.

    Pro: Magdalena Rogl, 33, Head of Digital Channels bei Microsoft Deutschland, schätzt die Freiheiten der Vertrauensarbeitszeit.

    Vereinbarkeit ist sehr wichtig für mich: Als Patchworkmutter kümmere ich mich um vier Kinder, zwei davon sind meine leiblichen, sie sind acht und 13 Jahre alt. Die Vertrauensarbeit ermöglicht es mir, spontan an Schulveranstaltungen teilzunehmen – und das, obwohl ich Vollzeit arbeite. Kürzlich hatte ich zum Beispiel eine Veranstaltung mit Datenjournalisten, denen ich erklärt habe, was wir in dem Bereich alles anbieten. Das ging von 19 Uhr bis fast um Mitternacht. Da bin ich dann in der Woche drauf um 14 Uhr raus und mit den Kindern ein Eis essen. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich das kann, ohne jemanden fragen zu müssen.

    Flexibilität ist wichtig

    Als Head of Digital Channels bei Microsoft Deutschland bin ich Teil der Unternehmenskommunikation und verantworte die digitalen Kanäle – soziale Medien, unseren Newsroom und den Unternehmensblog. Bei mir ist kein Arbeitstag wie der andere. Wenn zum Beispiel ein neues Geschäftsjahr beginnt, habe ich mehrere Tage lang pausenlos Strategiemeetings, in denen es darum geht, Vorgehen und Ziele für das neue Jahr festzulegen. Oder es stehen Abendveranstaltungen und Geschäftsreisen an. Dann arbeite ich mehr als 40 Stunden in der Woche. Aber es gibt auch Phasen, in denen es ruhiger ist, die Ferienzeit zum Beispiel, da kann ich dann Dinge abarbeiten und auch mal früher gehen. Für mich ist es wichtig, wählen zu können, wann ich arbeite, und niemandem Rechenschaft dafür zu schulden, wo ich gerade bin: im Büro, im Homeoffice – oder im Supermarkt einkaufen, wenn alle anderen arbeiten und es gerade so schön leer ist, dass ich viel schneller fertig bin als andere Berufstätige, die oft abends oder am Wochenende einkaufen müssen. Ich kann für mich sagen, dass ich nicht mehr arbeite als in meinem vorherigen Job – Gleitzeit mit einer Kernarbeitszeit. Ich bin aber wesentlich zufriedener mit diesem Arbeitszeitmodell. Ich kann mich noch gut daran er­innern, wie es mich gestresst hat, wenn etwa die Kita anrief mit der Bitte, ein Kind abzuholen, das krank geworden ist. Damit kann ich jetzt gelassener umgehen.

    Produktiver arbeiten

    Wenn alle Mitarbeiter von Vertrauensarbeitszeit profitieren, halte ich Gruppenzwänge für weniger wahrscheinlich. Deshalb sollten Vereinbarkeitsfragen nicht nur auf Familien mit Kindern reduziert werden. Was ist zum Beispiel, wenn sich jemand um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmert oder ein Hobby hat, das ihm wichtig ist und das er nur zu bestimmten Zeiten ausüben kann? Neben Vereinbarkeit gibt es für mich noch einen weiteren Grund, warum ich Vertrauensarbeitszeit so schätze: Ich bin oft abends am produktivsten – vor allem, wenn es darum geht, kreativ zu sein und etwa ein Konzept zu entwickeln. Was bringt es, wenn ich morgens vor dem Bildschirm sitze und mir einfach gerade keine Idee kommt? Statt meine Zeit abzusitzen, mache ich lieber etwas anderes und entscheide selbst, wann für mich der richtige Zeitpunkt ist, meine Aufgaben zu erledigen.

    Klar, ich schreibe mir meine Stunden auch hin und wieder auf, aber unregelmäßig und nur in Phasen, in denen sehr viel zu tun ist. Dann mache ich mir Notizen, um den Überblick zu behalten. Trotz aller Vorzüge habe ich übrigens eine Weile gebraucht, um mich an die Vertrauensarbeitszeit zu gewöhnen. Gut war, dass ich eine Vorgesetzte hatte, die mir immer wieder klargemacht hat, dass ich mich nicht an- und abmelden muss.
    Contra: Johanna Lange- Hegermann, 35, PR­Verant wortliche bei Sipgate, ist überzeugt: Nur Stempeln schafft klare Verhältnisse.

    Ich erfasse meine Arbeitszeit, kann sie aber frei und selbstbestimmt einteilen. Vertrauensarbeitszeit ist weit verbreitet – hat aber auch ihre Kehrseiten. Sie kann zum Beispiel zu Ausbeutung durch den Arbeitgeber führen, oder dazu, dass sich jemand selbst total überlastet. In den meisten Branchen baut man nun mal keine hundert Teile zusammen, ist danach fertig und kann nach Hause gehen. Es gibt immer mehr zu tun, als man an einem Arbeitstag erledigen kann. Meine Erfahrungen mit Vertrauensarbeitszeit sind: Man arbeitet oft mehr, als einem guttut. Darunter kann auch die Produktivität leiden – schließlich braucht jeder mal eine Auszeit, um sich zu erholen und danach wieder einen guten Job zu machen.

    Kontrolle ist wichtig

    Ich verantworte Teile des Bereichs Presse- und Kommunikation beim Internettelefonieanbieter Sipgate. Mein Tag beginnt meist mit dem Lesen des Pressespiegels und dem Checken meiner E-Mails – gefolgt vom täglichen Standup-Meeting mit meinen Teamkollegen. Die Aufgaben, die danach kommen, sind ganz unterschiedlich und hängen oft davon ab, was bei uns im Unternehmen gerade passiert. Wenn ich längere Texte wie Pressemitteilungen schreibe, arbeite ich gerne von zu Hause, um mich besser konzentrieren zu können. Unterwegs bin ich dienstlich auch ab und an. Das alles ist selbstverständlich Arbeitszeit und wird von mir auch als solche erfasst. Seit fünf Jahren pendle ich – mittlerweile mit meinem Hund – von Köln in den Düsseldorfer Medienhafen. Daher starte ich meinen Tag eher später, um dem Berufsverkehr zu entgehen. Vorher habe ich in verschiedenen Agenturen und beim Rundfunk gearbeitet, wo wir Vertrauensarbeitszeit hatten. Das Stempeln bei Sipgate war für mich neu, hat mich aber sofort begeistert – denn so behalte ich meine Arbeitszeit im Blick. Eine gute Form der Selbstkontrolle.

    Überstunden ausgleichen

    Wenn ich Überstunden mache, kann ich sie in jedem Fall auch wieder ausgleichen. Überlegt man sich mal, wie viel sich ansammelt, wenn man jeden Tag nur eine Viertelstunde dranhängt, ist das erschreckend. Das sind pro Woche 75 Minuten. Wertvolle Zeit, die man mit seinen Kindern verbringen oder auch in eine Yogastunde investieren könnte. Ich würde mich sehr wundern, wenn jemand, der mit Vertrauensarbeitszeit arbeitet, sich das zurückholt – die meisten würden sich wohl kleinlich vorkommen. Auch kommen unter den tollsten Kollegen schon mal Gedanken auf wie: Die Sandra kommt immer so spät, die macht doch im Leben keine 40 Stunden. So etwas belastet das Betriebsklima. Auch können leichter Gruppenzwänge entstehen, die zu ständiger Erreichbarkeit und regelmäßigem Bis-spät-in-die-Nacht-Arbeiten führen.

    Entspannter arbeiten

    Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich nie zu Hause meine E-Mails checke. Wenn ich aber abends noch an einem Briefing feile oder andere berufliche Dinge mache, die Zeit in Anspruch nehmen, dann schreibe ich das auf. Allerdings hält sich das sehr in Grenzen – wir brauchen alle Zeit zum Regenerieren, um gute Arbeit zu leisten. Zum Glück sieht das mein Arbeitgeber genauso. Ich versuche, mein Stundenkonto in Balance zu halten. Im Sommer laufe ich meist mit ein paar Stunden ins Minus. Ich weiß ja, dass die nächste Gelegenheit, sinnvoll mehr zu arbeiten, kommt.


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