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    erfolgreich, Personal

    Hauptsache lebendig

    Büroräume sollten Mitarbeiter einladen, sich zum konzentrierten Arbeiten zurückzuziehen oder gemeinsam mit Kollegen an Lösungen zu tüfteln. Biophilic Design heißt das Stichwort für ein ganzheitliches Konzept, bei dem Pflanzen eine ganz besondere Rolle zukommt. 

    Lichtdurchflutete Zimmer im modernen Design mit Blick auf Spree und Oberbaumbrücke. Fürs konzentrierte Arbeiten im Einzelbüro sowie für kollektive Ideenentwicklung mit Kollegen in Meetingräumen finden die rund 80 Mitarbeiter der Marketingagentur Berliner Diffferent GmbH in jeder Etage Plätze mit attraktivem Ambiente und Ausblicken. Der eigentliche Clou ist jedoch die Dachterrasse: Auf rund 120 Quadratmetern sprießen Pfefferminz, Salbei, Salat, Bohnen und weiteres Gemüse. „Jeder Mitarbeiter darf aus diesem Grün Essen zubereiten“, sagt Johanna Brücker, Kommunikationsmanagerin der Agentur. „Regelmäßig laden wir auch Kunden zu Essen mit Produkten von der Dachterrasse ein.“ Auch für ein kreatives Brainstorming ist die Terrasse geeignet. An sonnigen Tagen ziehen sich hier Kollegen für Meetings oder Einzelarbeiten zurück.

    Biophilic Design werden Konzepte genannt, die in städtischen Umgebungen die „Liebe zum Lebendigen“ integrieren und die zunehmend auch für die Gestaltung von Arbeitsplätzen herangezogen werden. Öffentlichkeitswirksamster Vorreiter fürs Biophilic Design im Job: Amazon. Der Onlinehandelsriese hat zu Beginn des Jahres drei gigantische Glaskugeln – die „Amazon Spheres“ – in Seattle als neue Firmenzentrale eröffnet. Neben Besprechungsräumen und Rückzugsorten für Mitarbeiter mit an Bord: 40.000 Pflanzen aus fünf Kontinenten.

    Arbeitsräume zum Wohlfühlen

    Auch Diffferent nimmt Biophilic Design ernst. Anspruch der Agentur: Büros und andere Arbeitsräume sollen so gestaltet werden, dass die Mitarbeiter sich zu jeder Zeit und während jeder Tätigkeit wohlfühlen. Pflanzen sind ein wichtiger Bestandteil solcher Lösungen. Wenn Angestellte in einer grünen Umgebung ihrem Beruf nachgehen, fördert dies nachweislich ihre Kreativität und Motivation. Aber mit Pflanzen allein ist es natürlich nicht getan. Wichtig sind Innenräume mit viel Tageslicht, welche mit Bildern, Möbelstücken, Wandgestaltungen, Bodenbelägen und anderen Elementen ein Wohlfühlklima herstellen. „Jeder Arbeitnehmer muss eine Atmosphäre vorfinden, welche für Kreativität, Konzentration, Offenheit und Dialog sorgt“, erläutert Timo Brehme, Geschäftsführer von der CSMM GmbH in München. Das bayerische Unternehmen hat sich auf die Gestaltung von Gewerbeimmobilien spezialisiert und für Konzerne, Behörden und Startups Arbeitsräume eingerichtet.

    Für Brehme und seine rund 50 Mitarbeiter ist das Konzept des Biophilic Design eine Selbstverständlichkeit. „Ein Arbeitgeber, der in seinen Büros für ein menschliches Umfeld sorgt, stellt nicht nur ein inspirierendes Arbeitsklima her, sondern bindet auch Mitarbeiter“, versichert der Architekt. Umfragen belegen, dass vor allem jüngere Angestellte auf ein attraktives Ambiente ihres Arbeitsplatzes großen Wert legen. Einer Studie des Büro­Design-Spezialisten Mindspace zufolge haben 14 Prozent der Arbeitnehmer eine Stelle abgelehnt, weil ihnen die Gestaltung des Büros nicht gefallen hat. Über sechs Prozent der Befragten haben aus diesem Grund sogar eine Stelle gekündigt.

    Grundsätzlich überzeugt Biophilic Design nur als ganzheitliche Lösung, die möglichst alle Räume erfassen und jedem Mitarbeiterbedürfnis gerecht werden soll. „Wenn eine Bürowelt ihr Potenzial optimal entfalten soll, muss sie der instinktiven Nachfrage nach Rückzug und Perspektive Rechnung tragen“, erläutert Anne Salditt, Marketing-Managerin des Bodenbelagherstellers Interface in Berlin. Der Mindspace-Umfrage zufolge haben die Mitarbeiter sehr unterschiedliche Wünsche. Beinahe jeder Befragte plädiert für mehr Zusammenarbeit mit den Kollegen. Während jedoch jeder Vierte mehr Räume für informelle Meetings befürwortet, wünschen fast ebenso viele besondere Orte für den Rückzug. Gemeinschaft und Privatheit werden demnach abhängig von der Situation gewünscht.

    Wenn eine Arbeitsumgebung das garantieren will, muss sie durch ihre Raumkonzeption überzeugen. Vor dem Einzug in einen neuen Standort sollte der Arbeitsgeber grundsätzliche Entscheidungen treffen. Wünscht er Großraum- oder Zellenbüros? Oder zieht er eine Kombilösung vor? Wo will er Meetings abhalten? Plant er Sozialräume fürs gemeinsame Frühstücken und Kaffeetrinken? Kann er hierfür Terrassen und andere Außenräume nutzen? Oder möchte er gar die Mitarbeiter mit besonderen Benefits verwöhnen und Billardtische, Tischtennisplatten oder Fitnessge­räte aufstellen? Auch hierfür sind Räumlichkeiten einzuplanen. Jede Lösung muss für viele Jahre Bestand haben. „Die Geschäftsführung sollte dieses Thema mit Abteilungsleitern oder -sprechern anpacken und Workshops organisieren“, empfiehlt Brehme. „Auch der Betriebsrat sollte hinzugezogen werden.“

    Vorbei sind die Zeiten, als jede Unit sich auf einer Etage in mehreren benachbarten Zimmern zusammenfand. Heute kann es schon mal vorkommen, dass Mitarbeiter einer Abteilung im ganzen Haus verstreut arbeiten. Vor allem für Unternehmen, die Angestellte regelmäßig für Projekte freistellen müssen, macht eine solche Lösung Sinn. „Die Dauer der einzelnen Projekte muss ebenfalls berücksichtigt werden“, sagt Brehme. Das Spektrum reicht seiner Erfahrung nach von drei Tagen bis drei Jahren.

    Passend für jede Aufgabe

    Auch die Arbeitsinhalte sind für die Konzeption entscheidend. Müssen sich Mitarbeiter auf besonders komplexe Aufgaben konzentrieren oder ist eher der regelmäßige Austausch mit den Kollegen wichtig? Oder muss situationsbedingt beides gewährleistet sein? Arbeiten viele Mitarbeiter vorübergehend oder dauerhaft im Homeoffice? Dann brauchen sie vielleicht gar keinen persönlichen Arbeitsplatz im Betrieb. Oder gehen sie an ständig wechselnden Plätzen ihrer Tätigkeit nach und nehmen hierfür immer ihren Laptop mit?

    Um der Fülle dieser Anforderungen gerecht zu werden, muss der Arbeitgeber unterschiedliche Arbeitswelten schaffen. Ein viel beachtetes Beispiel ist das Konzept von Microsoft für die neue Deutschland-Zentrale im Münchner Stadtteil Schwabing. Der Konzern unterscheidet zwischen „Think Spaces“ für hochkonzentrierte Individualarbeiten, „Share & Discuss Spaces“ für spontane Meetings, „Converse Spaces“ für Projekttreffen und „Accomplish Spaces“ für klassische Bürotätigkeiten.

    Auf Basis solcher Konzepte kann der Arbeitgeber ein inspirierendes Biophilic Design realisieren. „Wichtig sind helles Licht und gute Akustik“, sagt Brehme. „Außerdem sollen die Mitarbeiter wenig Durchgangsverkehr erleben und von Besuchern abgeschirmt werden.“ Viel hängt vom Inventar ab. In den „Think Spaces“ von Microsoft etwa laden ausladende Sessel Mitarbeiter zum individuellen Brainstorming ein, in den „Share & Discuss Spaces“ sitzen sie auf komfortablen Stühlen und Hockern beieinander, in den „Converse Spaces“ stimmen sie sich auf Sitzgruppen und -bänken ab. In den „Accomplish Spaces“ wiederum finden Mitarbeiter klassische Bürostühle und -tische hinter Trennwänden vor.

    Mit Grün sowie mit sonstigen dekorativen Gegenständen geht der IT-Konzern sparsam um, was bei Brehme auf Beifall stößt. „Pflanzen gehören in die Innenhöfe und nicht ins Büro“, pflegt der CSMM-Chef zu sagen. Häufig schimmelt oder welkt das Bürogrün, weil sich kein Mitarbeiter für die Pflege zuständig fühlt. Und mancher Kollege klagt über Allergien, welche die Pflanzen angeblich verursachen.

    Klare Verantwortlichkeiten schaffen

    Allerdings sind Allergien meistens auf Staub zurückzuführen, der auf Blättern und Stängeln lagert. Experten drängen daher auf klare Verantwortlichkeiten und bringen auch externe Dienstleister ins Spiel. „Jedes Unternehmen sollte wenigstens einen Angestellten mit der Pflanzenpflege beauftragen“, sagt Lutz-Peter Kremkau, Geschäftsführer des gleichnamigen Raumbegrünungsunternehmens im niedersächsischen Holle. „Ab 50 Mitarbeitern sollte ein externer Dienstleister mit dieser Aufgabe beauftragt werden.“ Genau das hat Diffferent gemacht. Das Facility Management für die Büroräume der Berliner Agentur betreut auch die Terrasse. Jeden Tag schauen zwei Mitarbeiter des Dienstleisters, ob Kräuter und Gemüse gepflegt werden müssen, jede Woche kommt die Mitarbeiterin einer Gärtnerei und gibt Tipps für deren Pflege. Mit Erfolg: Bislang sind keine Kräuter, Salate und Gemüsesorten eingegangen.

     

    Fünf Tipps für die Planung und Einrichtung von Büros

    1. Rückzugs- und Begegnungsorte schaffen. Mit Großraumbüros wollen viele Unternehmen vor allem Kosten sparen. Ohne Rückzugs- und Begegnungsorte sind gute Einzel- und Teamarbeit jedoch nicht möglich.

    2. Mitarbeiter einbeziehen. Vor der Planung und Realisierung von Büros sollte jeder Arbeitgeber die Mitarbeiter hören. In Gesprächen und Workshops kann er ermitteln, wie diese in Zukunft tatsächlich arbeiten wollen.
    3. Mobilität fördern. Ein fester Arbeitsplatz ist nicht zwingend notwendig. Der Arbeitgeber sollte in mobile Geräte investieren, die an unterschiedlichen Orten einsetzbar sind. Auch Cloud-basierte Lösungen helfen weiter.
    4. Störungen minimieren. Jedes Unternehmen sollte auf Störquellen achten, welche die Arbeit behindern. Ganz wichtig ist eine geräuscharme Akustik. Aber auch eine falsche Raumplanung kann kontraproduktiv sein. So haben Sofas für Besprechungen nichts neben Büroarbeitsplätzen zu suchen.
    5. Pflanzen regelmäßig pflegen. Pflanzen im Büro machen nur Sinn, wenn ihre regelmäßige Pflege gewährleistet ist. Bessere Lösung: Grün auf Terrassen oder in Innenhöfen.


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