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    erfolgreich, Personal

    Besondere Begabung

    Grau in Grau war gestern. Dass Unternehmen mit einer vielfältigen Belegschaft erfolgreicher sind, gilt als anerkannt. Eben weil nicht alle gleich alt, gleich erfahren, gleich sozialisiert sind, entstehen Reibung und dadurch ungewöhnlichere Ideen. Und einige Unternehmen suchen inzwischen ganz gezielt Mitarbeiter, die sprichwörtlich anders denken – Autisten. 

    Ein Lunch mit den Kollegen kann viel Stress bedeuten. Das mussten einige Mitarbeiter von SAP erst lernen. Statt zum wöchentlichen Team-Lunch zu gehen, bat ein neuer Kollege darum, alleine essen zu dürfen. Unhöflich gemeint war das aber keineswegs. Der Mann ist Autist. Auf Geräusche reagiert er sensibler als die breite Masse. Deshalb ist Kantinenlärm für ihn ein enormer Stressfaktor. Autisten sehen Dinge eben anders. Wenn man ein paar Punkte beachtet, kann man diese besondere Sichtweise positiv nutzen.

    146 Mitarbeiter sind über das Programm Autism at Work bei SAP beschäftigt, 36 davon in Deutschland. Bis zum Jahr 2020 sollen es weltweit 650 sein – ein Prozent der Gesamtbelegschaft. Autism at Work ist ein hauseigenes Integrationsprogramm des Software-Riesen, das 2013 eingeführt wurde. Dabei geht es dem Konzern nicht um soziales Engagement. Vielmehr hat SAP das Potenzial von Autisten erkannt: Sie haben häufig ein intensives, leidenschaftliches Interesse an bestimmten Themen und zeigen ein höchst fokussiertes Denken, wenn sie sich mit ihrem Interessengebiet beschäftigen. Autisten, die oft ein Händchen für Zahlen und Technik haben, eignen sich deshalb hervorragend als Mitarbeiter für IT-Firmen und Softwarekonzerne wie SAP.

    Autismus ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung, die sich im Mutterleib entwickelt. „Experten schätzen, dass derzeit mindestens eines von 160 Kindern von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen ist. Konkrete Zahlen für Deutschland liegen aber nicht vor“, sagt Friedrich Nolte, Fachreferent von Autismus Deutschland, dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus. Häufig werden Autismus-Spektrum-Störungen auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung bezeichnet, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltens auswirken. Betroffene können soziale und emotionale Signale schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Autisten gelten als schwerbehindert. Für Arbeitgeber, die schwerbehinderte Menschen einstellen, gibt es Förderleistungen (siehe Kasten). „Dabei kann es sich zum Beispiel um spezielle Ausstattungen für den Arbeitsplatz oder auch um einen Beschäftigungssicherungszuschuss, also einen Lohnkostenzuschuss, handeln“, sagt Christine Reichel vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.

    Viele Unternehmen sind skeptisch

    „Die Idee zu Autism at Work entstand aus einem Projekt in Indien“, erzählt Marco Fien, Programmleiter von Autism at Work bei SAP Deutschland. Man habe versucht, autistischen Kindern mit Hilfe von iPads bei der Kommunikation zu helfen und sie zu unterstützen. Daraus sei die Idee entstanden, in diesem Bereich mehr zu tun. SAP startete ein Pilotprojekt, ebenfalls in Indien, und stellte gezielt Menschen aus dem Autismus-Spektrum ein. Dabei fielen dem Unternehmen die analytischen Fähigkeiten und das hohe Konzentrationsvermögen der Projektteilnehmer auf. Dieses Potenzial wollte der Konzern nicht ungenutzt lassen und entschied sich dafür, Menschen mit Autismus nachhaltig und weltweit einzustellen – in Bereichen wie Qualitätsmanagement und Softwareentwicklung.

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    Längst haben auch andere Unternehmen das Potenzial von Autisten erkannt. Darunter Konzerne wie Microsoft, Siemens und Henkel, aber auch Mittelständler das Braunschweiger Unternehmen für IT-Komplettlösungen HUP AG. Doch obwohl zahlreiche Studien den Zusammenhang von Vielfalt und Erfolg belegen, hält sich die Bereitschaft vieler Unternehmen, Diversity Management tatsächlich umzusetzen, nach wie vor in Grenzen. Das zeigt eine im Jahr 2016 durchgeführte Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY in Zusammenarbeit mit der Initiative Charta der Vielfalt. Befragt wurden 349 Unternehmen und Institutionen, die die Charta der Vielfalt unterzeichnet haben, sowie 250 Unternehmen und Organisationen, die diese Selbstverpflichtung noch nicht unterzeichnet haben. Das Ergebnis: 65 Prozent der Befragten haben ein Bewusstsein für Diversity und finden das Konzept grundsätzlich gut. Nichtsdestotrotz fühlen sich zwei von drei Unternehmen noch nicht bereit zu einer Veränderung in diese Richtung.

    Arbeitslos trotz guter Ausbildung

    Dirk Müller-Remus wäre ein guter Ratgeber für sie. Als bei seinem Sohn Autismus diagnostiziert wurde, fing Müller-Remus an, sich intensiv damit zu befassen. Er besuchte eine Selbsthilfegruppe zum Thema „Autismus und Arbeit“, in der 20 Asperger-Autisten zwischen 25 und 50 Jahren ihren beruflichen Werdegang vorstellten. Ein Großteil gab an, arbeitslos zu sein. Der Rest räumte auf Minijob-Basis Discounter-Regale ein oder fuhr Pizza aus. Müller-Remus verstand nicht, wie das sein konnte. 20 Menschen mit guter Ausbildung und trotzdem ohne oder nur mit geringfügiger Beschäftigung. Das frustrierte ihn so sehr, dass er 2011 die Auticon GmbH gründete. Das Berliner Startup ist das erste und einzige in Deutschland, das ausschließlich Menschen im Autismus-Spektrum als IT-Berater beschäftigt. „Unsere Mitarbeiter haben alle einen ganz normalen Anstellungsvertrag und gehen als Berater raus zum Kunden“, sagt der heutige Geschäftsführer Kurt Schöffer. Auticon nimmt ganz bewusst keine Vermittlerposition ein. „Wir wollen den Kollegen langfristig die Chance geben, sich im IT-Bereich zu etablieren, statt sie nur zu vermitteln. Sie haben bei uns die Möglichkeit, sich vom Junior zum Experten zu entwickeln, wie es in einer klassischen Beraterlaufbahn üblich ist.“ Anfangs sei die Idee gewesen, möglichst viele Jobs für Autisten zu kreieren. „Inzwischen ist unser Anliegen, möglichst viele Karrierechancen für die Kollegen zu schaffen.“ Auticon agiert längst international und beschäftigt in Deutschland, Frankreich, England, den USA und der Schweiz insgesamt rund 200 Mitarbeiter mit Autismus.

    » Es gibt eine Menge Gründe dafür, Autisten einzustellen, und kaum einen dagegen. «
    Kurt Schöffer, Auticon

    Einen Autisten einzustellen und einfach zu hoffen, dass die Zusammenarbeit klappt, reicht allerdings nicht aus. Darin sind sich Marco Fien und Kurt Schöffer einig. „Unternehmen müssen ihre Standardprozesse anpassen. Sonst kann das gar nicht funktionieren“, so der Auticon-CEO. Ein solcher Standardprozess ist das Vorstellungsgespräch. Für viele Autisten ist dieses Prozedere eine Stresssituation, mit der sie schwer umgehen können. „Um den Druck zu reduzieren, schicken wir dem Bewerber vorab den Ablauf des Gesprächs“, sagt Marco Fien. Im Vorstellungsgespräch ginge es darum, herauszufinden, wo die Stärken und Interessen des Bewerbers liegen, was ihm Spaß macht und was seine Motivation für die Bewerbung ist. Anhand dieser Stärken und Fähigkeiten wird anschließend geschaut, für welche Tätigkeit im Unternehmen sich der Bewerber besonders eignet. Inzwischen hat es sich rumgesprochen, dass SAP Menschen mit Autismus einstellt. „Wir kriegen sehr viele Bewerbungen“, so Fien. Immerhin sei der Bedarf an Arbeitsverhältnissen für autistische Menschen sehr hoch.

    Zur Umsetzung des Programms in Deutschland hat SAP das KVJS-Integrationsamt und den örtlichen Integrationsfachdienst (IFD) in Heidelberg ins Boot geholt. Hierbei ist extra eine Mitarbeiterin des IFD für das Programm bei SAP eingestellt. Um Trittbrettfahrer zu vermeiden, die auf Einstellung hoffen und sich dafür als Autisten ausgeben, muss jeder Bewerber eine eindeutige Diagnose beispielsweise durch den Integrationsfachdienst Heidelberg-Mosbach vorweisen. „So können wir faire Auswahlprozesse gewährleisten.“ Vor zwei Jahren veranstaltete SAP erstmals einen autismusfreundlichen Bewerbertag. Ein weiterer findet diesen Monat statt.

    Wer Autisten in den Betrieb integriert, muss sie auch in ihrem Berufsalltag unterstützen. Auticon stellt seinen Mitarbeitern sogenannte Job-Coaches zur Seite. Sie fungieren als Bindeglied zwischen Kunden und Beratern. „Zu ihren Aufgaben gehört, den Kunden darüber aufzuklären, was mögliche Stressfaktoren sein könnten und wie sie sich vermeiden lassen“, erklärt Schöffer. Es lässt sich nicht pauschal sagen, wie Autisten auf bestimmte Situationen reagieren. Sicher ist nur, dass sich für Autisten mehr Barrieren in der Arbeitswelt ergeben als für ihre „neurotypischen“ Kollegen.

    „Es ist unterschiedlich, wie stark der eine oder andere von den einzelnen Barrieren im Arbeitsleben betroffen ist“, sagt Friedrich Nolte von Autismus Deutschland. Einige seien für Tätigkeiten in einem Großraumbüro ungeeignet, anderen falle es schwer, ihre Arbeit zu priorisieren. Anweisungen müssen klar formuliert sein, weil Autisten keine Mehrdeutigkeiten, beispielweise Ironie, verstehen. Wenn man diese Dinge bespriche und beachte, weiß Auticon-CEO Schöffer, stehe einer guten Zusammenarbeit nichts im Wege. „Es kam oft vor, dass Unternehmen unsere Kollegen nach Projektabschluss gar nicht mehr gehen lassen wollten.“ Auch SAP stellt den Autisten im Unternehmen einen Helfer, einen sogenannten „Buddy“ aus dem Team zur Seite, der ihnen sowohl bei der Arbeit als auch beim täglichen Umgang mit Kollegen behilflich ist. Zusätzlich erhält jeder Mitarbeiter einen Mentor, der kein direkter Teamkollege ist und beispielsweise bei Fragen wie Karriereplanung, Wohnungssuche oder anderen beruflichen oder privaten Themen unterstützen kann.

    Unternehmen profitieren von Autisten

    „Es gibt eine Menge Gründe dafür, Autisten einzustellen, und kaum einen dagegen“, ist sich Kurt Schöffer sicher. Mitarbeiter aus dem Autismus-Spektrum können eine Bereicherung für Unternehmen sein. Zwar sind ihre Stärken sehr individuell, umfassen aber häufig ein ausgeprägtes logisches Denkvermögen, ein gutes Auge für Details und ein besonderes Qualitätsbewusstsein. Ein sozialer Effekt, der häufig auftritt, sei der, dass die Kommunikation in den Unternehmen besser wird. Autisten sind gnadenlos ehrlich. Schwachstellen sprechen sie ohne Umschweife an. „Das mag zunächst gewöhnungsbedürftig wirken, fördert aber den Austausch im Unternehmen ungemein.“

    Bei SAP werden Kollegen mit Autismus aus denselben Gründen eingestellt wie Kollegen ohne Autismus-Diagnose. Auch bei Stellenausschreibungen macht das Unternehmen keine Unterschiede. „Wir möchten die besten Talente gewinnen, ganz gleich ob die Bewerber Autisten sind oder nicht“, betont Marco Fien. Grundsätzlich sind Autisten in allen Berufen einsetzbar. Die IT-Branche ist jedoch die, in der sie derzeit am häufigsten eine Arbeit bekommen. Viele Menschen aus dem Autismus-Spektrum schätzen die IT aufgrund ihrer Struktur und ihrer Eindeutigkeit. „Das muss aber nicht heißen, dass sich jeder Autist für diesen speziellen Bereich interessiert.“

    Um anderen Unternehmen die Hemmungen vor dem Thema zu nehmen, plant SAP, im kommenden Jahr ein Autism at Work-Unternehmensforum zu veranstalten. „Wir wollen unsere langjährige Erfahrung mit anderen teilen und zeigen, wie auch sie ein solches Programm auf die Beine stellen können“, so Programmleiter Fien. Mit Blick auf die Zukunft sagt Kurt Schöffer: „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“ Dass es eine Entwicklung in die richtige Richtung gibt, lasse sich nicht bestreiten. Trotzdem sind nach wie vor über 80 Prozent der Autisten in Deutschland nicht in den ersten Arbeitsmarkt integriert. „Erst wenn der Wert auf 50 Prozent gesunken ist, können wir von Fortschritt sprechen.“

    Förderleistungen für Arbeitgeber

    Die Integrationsämter fördern und sichern die Beschäftigung schwer­behinderter Menschen. Sie unterstützen nicht nur die Beschäftigten, sondern auch ihre Arbeitgeber – finanziell wie auch durch persönliche Beratung. Zwei Beispiele für Leistungen an Arbeitgeber:

    1. Eingliederungszuschuss als Zuschuss zum Arbeitsentgelt
    (inklusive des Arbeitgeberanteils am Gesamtsozialversicherungsbeitrag).

    Wann?
    ✪ Wenn die Vermittlung behinderter und schwerbehinderter Menschen aus persönlichen Gründen erschwert ist.

    Wie viel?
    ✪ Bis zu 70 Prozent des zu berücksichtigenden Arbeitsentgelts.
    Wie lange?
    ✪ Im Regelfall bis zu 24 Monate.

    2. Behinderungsgerechte Einrichtung von Arbeitsplätzen
    als Zuschuss und/oder Darlehen.

    Wann?
    ✪ Wenn Arbeitsstätten behinderungsgerecht gestaltet und unterhalten werden.
    ✪ Wenn Arbeitsplätze mit notwendigen technischen Arbeitshilfen ausgestattet werden.
    ✪ Wenn für schwerbehinderte Menschen Teilzeitarbeitsplätze eingerichtet werden.
    ✪ Wie viel? Bis zur vollen Höhe der Kosten.

    Wofür?
    ✪ Erst- und Ersatzbeschaffung einer behinderungsgerechten Arbeitsplatzausstattung
    ✪ Wartung, Instandhaltung
    ✪ Anpassung an technische Weiterentwicklung
    ✪ Ausbildung im Gebrauch der geförderten Gegenstände

    Weitere Informationen zu Förderleistungen: integrationsaemter.de


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