© Akindo/iStock© Akindo/iStock

    informiert, Politik

    Offene Beziehung

    Der Kunde und seine Bank – das war lange Zeit eine geschützte Zweierbeziehung. Eine neue EU-Richtlinie macht es möglich, dass künftig auch andere Finanzdienstleister Kundenkonten einsehen können. Das verändert viele Geschäftsprozesse – zum Beispiel in der Leasingwirtschaft. Eine Veranstaltung von Creditreform hat die Folgen ausgeleuchtet.

    Das Tempo ist noch nicht sonderlich hoch, aber immerhin: der Zug fährt. Wohin, das lässt sich derzeit noch nicht absehen. Aber es könnte für alle Finanzdienstleister zum Problem werden, nicht frühzeitig an Bord gegangen zu sein. Die Rede ist von der „Payment Service Directive 2“- Richtlinie der EU, kurz „PSD 2“. Mit diesem Regelwerk will Brüssel den Wettbewerb im europäischen Zahlungsverkehr fördern. Das lukrative Monopol der Banken beim Zugriff auf die Kontodaten wird aufgelöst; künftig müssen Geldhäuser auch Dritt­anbietern wie Finanz-Startups (Fintechs) den Zugriff auf Konten und Daten ihrer Kunden erlauben. Selbstverständlich nur, wenn diese dem vorher ausdrücklich zugestimmt haben. Mit PSD 2 wird das Verhältnis zwischen Bank und Kunden neu definiert. Aus einer Zweier- wird eine offene Beziehung.

    „Die EU-Richtlinie hat das Potenzial, die Marktmechanismen und Prozesse nicht nur im B2C, sondern auch im B2B-Geschäft zu verändern, zum Beispiel in der Leasingwirtschaft“, sagt Alexander Nielsen, Branchenmanager Finanzdienstleistungen beim Verband der Vereine Creditreform. So sei es denkbar, dass Leasingunternehmen in bestimmten Grenzfällen ihre Kundenbeziehungen künftig zusätzlich absicherten, indem sie sich Einblick in das Konto von Leasingnehmern verschafften – neben den klassischen Auskünften, die sie bereits heute einholten, etwa zur Bonität oder Bilanzqualität. „Allerdings sollte kein Leasinggeber dem Trugschluss erliegen, dass allein der Blick auf die Kontobewegungen ausreicht, um die Kapitaldienstfähigkeit eines Leasingnehmers zu beurteilen“, meint Nielsen.

    Die Aktualität und die Brisanz von PSD2 hatten Creditreform bewogen, die EU-Richtlinie Anfang September zum Thema ihres ersten bundesweiten Leasing-Round Table in Frankfurt zu machen. Die Leasingwirtschaft weiß, dass sie digitaler werden muss. Sie wickelt viele Prozesse noch manuell ab. Das wird keinen Bestand haben, dafür sorgen schon die Kunden. Denn sie wünschen sich den hohen Komfort- und Sicherheitsstandard, den sie bei privaten Onlinegeschäften erleben, auch im B2B. Dazu gehört neben der Erreichbarkeit an sieben Tagen in der Woche über 24 Stunden auch die Option, Produkte und Vertragsdetails in Echtzeit über das Smartphone abrufen zu können. „Das bedeutet unter anderem, im Vertrieb neue Wege zu gehen – in Richtung einer digitalen Vertragsabwicklung“, heißt es beim Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL). Ein Vertrag wird sich jedoch nur dann zügig digital abwickeln lassen, wenn der Leasinggeber zeitnah und zuverlässig einschätzen kann, wie es um die Fähigkeit eines Kunden bestellt ist, die Leasingraten jederzeit pünktlich zu zahlen. Hier kommt in bestimmten Konstellationen die Option ins Spiel, das Bankkonto eines potenziellen Leasingnehmers einsehen zu können. Denn die dabei gewonnenen Informationen erweitern den Datenkranz des Leasingunternehmens und können unter Umständen seine Entscheidungen absichern.

    Aufklärungsarbeit ist notwendig

    Aber was sollte den Kunden bewegen, sein Konto für die Augen Dritter zu öffnen? „Sie müssen dafür einen Mehrwert erhalten, etwa ein Mehr an Bequemlichkeit und Schnelligkeit in der Entscheidung“, betont Nielsen. Vor allem aber sind die Leasinganbieter seiner Meinung nach gefordert, Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie müssten ihren Kunden die Furcht vor Missbrauch nehmen und ihnen die Vorzüge von PSD2 aufzeigen. „Irgendwann“, so sagt der Creditreform-Manager, „könnte die Erlaubnis für den Blick aufs Konto bei Leasinggeschäften so selbstverständlich sein wie heute die Verbraucher Auskunft bei Abschluss eines Handyvertrags.“

    Bis dahin sind noch viele Fragen zu klären. Zum Beispiel, für welchen Zeitraum Banken künftig die Konten ihrer Kunden für andere Finanzdienstleister öffnen: lediglich für die zurückliegenden 90 Tage (was nicht sonderlich aufschlussreich ist) oder gleich für die vergangenen ein oder zwei Jahre? Und werden die Geldhäuser sich das möglicherweise entlohnen lassen? Oder wie lässt sich vermeiden, dass Unternehmen möglicherweise zweierlei Konten führen – ein „schönes“, das sie für Dritte öffnen, und eines, auf dem unerfreuliche Geschäftsvorfälle wie etwa eine mangels Deckung zurückgegebene Lastschrift aufgeführt sind?

    Aus Sicht von Creditreform als Wirtschaftsauskunftei ist wichtig, welchen Stellenwert die Kontoinformationen im Datenkranz des Leasingunternehmens einnehmen können. Alexander Nielsen sieht es so: „Die Kontoinformationen sind unter Umständen eine nutzenstiftende Ergänzung und Abrundung der klassischen Auskunftsdaten, können sie aber ganz sicher nicht ersetzen. Im Übrigen haben Kontodaten alleine keinen besonderen Wert. Entscheidend ist, sie richtig zu interpretieren. Dafür besitzt Creditreform das notwendige Know-how.“

    Mit dem Leasing Round Table hat die Creditreform Gruppe einmal mehr gezeigt, dass sie sich Zukunftsthemen widmet und weit mehr kann als Auskunft und Inkasso. „Mit diesem Veranstaltungsformat möchten wir auch künftig belegen, dass wir Trends aufgreifen und daran arbeiten, unsere Kunden zukunftsfähig zu machen. Im Frühjahr 2019 gibt es eine neue Auflage des Round Table“, so Alexander Nielsen.

    Leasing – mehr als eine Finanzierungsalternative

    Von Gebäuden und ganzen Produktionsanlagen über den kompletten Fuhrpark, Computer, Telekommunikationsanlagen, Fahrzeuge, Schiffe, Photovoltaikanlagen: Es gibt kaum etwas, das Unternehmen nicht leasen können. Das gilt auch für immaterielle Wirtschaftsgüter wie Software, Marken und Patente. „Die Leasing-Klassiker sind allerdings alle Güter, die Räder haben“, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Horst Fittler. Inzwischen ist mehr als jedes dritte neu zugelassene Kraftfahrzeug geleast (40 Prozent). Bei gewerblichen Kunden, die den Löwenanteil der Leasingkunden ausmachen, sind Pkw und Nutzfahrzeuge, Maschinen sowie IT- und Kommunikationsprodukte besonders gefragt. Privatpersonen leasen nahezu ausschließlich Autos.

    Nach einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens TNS Infratest schätzen Leasingkunden vor allem die genaue Kalkulierbarkeit der Kosten und die Schonung der Liquidität. Längst ist Leasing jedoch mehr als nur eine Finanzierungsalternative. Ergänzende Dienstleistungen wie Reparaturen, Schadensmanagement, Inspektion oder Wartung, die Leasingunternehmen auch anbieten, erleichtern die Nutzung der geleasten Produkte über den kompletten Lebenszyklus und verschaffen den Kunden Freiräume für ihr Kerngeschäft. Aktuell sind in Deutschland Wirtschaftsgüter im Wert von mehr als 200 Milliarden Euro verleast. Nach den Rekordjahren 2016 und 2017 ist der Leasingmarkt im ersten Halbjahr 2018 weiter um fünf Prozent gewachsen.


    Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
    Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

    Kommentar absenden

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

    CAPTCHA-Bild

    *

    Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

    Lesen Sie weiter


    Mittelstandsbotschafter

    Cognitive Banking: Kundenwünsche individuell adressieren

    Mithilfe von Cognitive Computing werden intelligente IT-Systeme geschaffen, die menschliche Lern- und Denkprozesse nachahmen. Für den Finanzbereich könnte das ein entscheidender Faktor sein, um zukunftsfähig zu bleiben. Selbstlernende Software wird bereits in Großbanken eingesetzt – etwa im Kundendialog oder als Assistenz für die Berater.