© Maxim Schulz© Maxim Schulz

    erfolgreich, Nachhaltigkeit

    Meister der Harmonie

    Die Orgel-Manufaktur Klais baut klingende Meisterwerke aus Holz und Zinn. Philipp Klais, der Urenkel des Gründers, bewahrt die Familientradition – und stößt die Tür zu neuen Märkten auf.

    Wenn es Nacht wird im Saal, wenn Schritte und Stimmen verhallen, schlägt für Philipp Klais die schönste Stunde. Deutschlands renommiertester Orgelbauer schließt sich dann gerne ein. „Ich liebe es, in den Kirchen und schönsten Konzerthäusern der Welt allein zu sein“, sagt Klais. „Es ist ein unglaubliches Privileg.“ Er wandert umher von Ecke zu Ecke, er klatscht, pfeift und singt – um der unverwechselbaren Akustik nachzuspüren. Wenn Klais die „Seele des Raumes“ ergründet hat, ist er am besten imstande, eine Orgel zu konzipieren, die perfekt abgestimmt ist auf die Raumakustik.

    Es ist fast eine Ausnahme, den 51-Jährigen einmal in seinem Bonner Büro anzutreffen. An 180 Tagen im Jahr ist Klais in der Welt unterwegs. Er wischt über sein Tablet, zeigt eine Auswahl vollendeter Projekte und erzählt: vom Royal Opera House in Oman („es war Arbeiten wie im Märchen, dagegen wirkt Taj Mahal wie Bauhausstil“), vom gigantischen Nationaltheater Pekings, für das 6.500 Pfeifen geschreinert und gegossen wurden. Vom Konzerthaus im sibirischen Khanty-Mansiysk bis zum Kulturzentrum in Buenos Aires: In aller Welt ist Klais gefragt, wenn es gilt, individuelle Instrumente nach Maß anzufertigen. Keine Orgel gleicht der anderen, nicht optisch, nicht klanglich. „Sie muss zur Landschaft und Kultur des Ortes passen“, sagt der Orgelbauer.

    »Ich muss nicht anbieten, was der Kunde möchte. Ich muss anbieten, was er in zehn Jahren gehabt haben möchte. «

    Philipp Klais, Klais Orgelbau

    Philipp Klais führt den 1882 von seinem Urgroßvater gegründeten Handwerksbetrieb. Der vierfache Vater ist der wichtigste Repräsentant – mit viel Leidenschaft und Empathie, aber auch spürbarer Bescheidenheit. Wenn der Inhaber schmunzelnd von seiner „Hinterhofklitsche“ spricht, weiß er natürlich um die eklatante Abweichung von der Außenwahrnehmung. Geht es um die Auszeichnung eines Hidden Champions, eines Weltmarktführers aus der Nische, ist Klais mit seinen 64 Mitarbeitern zuverlässig dabei.

    Vier Großprojekte im Jahr stellt Klais fertig, und das seit Jahren mit großer Konstanz. Lieferzeit einer Orgel: zwischen 24 und 36 Monaten. Damit ist die Kapazität des Betriebs exakt erschöpft. Klais könnte noch viel planbarer arbeiten, wäre da nicht die Hürde der Ausschreibungen. 400 Orgelbauer allein in Deutschland konkurrieren: „Es ist gar nicht so leicht, das Vertrauen zu gewinnen“, sagt Klais. „Ich muss nicht anbieten, was der Kunde möchte. Ich muss anbieten, was er in zehn Jahren gehabt haben möchte.“ Denn die eigentliche Qualität einer Orgel, so seine Überzeugung, die zeige sich erst nach Jahrzehnten. Und fest steht auch: „Über die Preisschiene können wir nicht gewinnen.“

    Orgelbau ist Handarbeit

    Lagen vor 100 Jahren die Lohnkosten bei 25 Prozent und die Materialkosten bei 75 Prozent, so hat sich das Verhältnis heute umgekehrt. Orgelbau ist Handarbeit. Besonders der Aufbau vor Ort und die klangliche Einrichtung von Tausenden Pfeifen dauern mitunter sechs bis neun Monate. „Das sind Sachen, die man nicht ungestraft beschleunigen kann“, sagt Klais. Dem technischen Fortschritt verschließt er sich freilich nicht, etwa bei der Verbesserung der Prozesse setzt Klais an. Erst vor zwei Jahren wurde eine CNC-Fräse angeschafft, um einige Herstellungsschritte zu vereinfachen. Demnächst wird die Werkstatt so umgebaut, dass bestimmte Arbeiten ebenerdig erledigt werden können, wo bisher ein Kettenzug zum Einsatz kam.

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    Für den großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie haben die Bonner die rund zwei Millionen Euro teure und 25 Tonnen schwere Konzertorgel mit 4.765 Pfeifen entwickelt. Sie fügt sich perfekt in die spektakuläre Architektur ein. „Man kann die Pfeifen streicheln und in die Orgel reinschauen, sie thront nicht irgendwo, sondern ist mittendrin“, sagt Klais. „Die Raumakustik in Hamburg ist immens und direkt. Hustet jemand zwölf Meter entfernt, wendet man sich ab.“ In der Orgel, 2007 in Auftrag gegeben und 2016 fertiggestellt, stecken 25.000 Stunden Arbeit. Die kleinste Pfeife aus einer Zinnlegierung misst elf Millimeter, die größte aus Holz zehn Meter – ihr Ton ist für viele nur noch zu fühlen, als ein dumpfes Kribbeln.

    Der Orgelbauer empfindet das Projekt Elbphilharmonie als ein besonderes, nicht nur wegen der Dimension. „Es geht um Musik für alle. Hamburg hat den Mut bewiesen, ein kulturelles Wahrzeichen an die Spitze der Stadtentwicklung zu stellen. Das imponiert mir“, sagt der Mann, der Kunstgeschichte, Städtebau und christliche Archäologie studiert hat, bevor er 1995 mit 28 Jahren das Ruder im elterlichen Betrieb übernahm, wo er auch wohnt.

    Schon als Kind spielte Philipp Klais täglich in der Werkstatt. Nach dem Abitur hatte ihn der Vater mit einer einjährigen Reise nach Australien gelockt: In Brisbane half der 18-Jährige bei der Montage einer Orgel. „Ich habe immer viel Glück gehabt in meinem Leben“, sagt er. Die Leidenschaft für den Orgelbau wuchs, der Junior erlernte das Handwerk im Elsass – wie schon sein Urgroßvater. Das Studium gab Philipp Klais auf, als ihm sein Vater überraschend früh die Nachfolge anbot. „Vieles haben wir in der Übergangszeit beim gemeinsamen Frühstück geregelt und ausdiskutiert. Aus zwei Meinungen entstand am Tisch immer eine.“

    Ein schöner Brückenschlag innerhalb der Familie Klais gelang im Kölner Dom: Die Querhausorgel hatte Hans Klais im Jahr 1948 gebaut, sein Enkel Philipp baute 1998 die zweite Orgel im Langhaus – sie hängt als Schwalbennest mit 30 Tonnen Gewicht an nur vier Stahlstangen. Der Organist muss schwindelfrei sein, eine Wendeltreppe erklimmen und über einen Außengang ins Instrument hineinklettern, um es in 20 Metern Höhe schwebend zu spielen. Den Mann reizt das Besondere. Der Moment, wo die Idee eines Architekten, die geografische Prägung des Ortes, die historischen Gegebenheiten einer Spielstätte zusammenkommen – und als Herausforderung auf ihn warten. „Eine Orgel ist dann gut konzipiert, wenn man sich nichts anderes mehr vorstellen kann“, sagt er. „Lösungsorientiertes Denken – das ist es, was mich antreibt.“

    Logistischer Kraftakt

    Mitunter geht es auch um einen logistischen Kraftakt. So hatte 2007 ein Privatmann in Schottland eine Salonorgel bestellt. Er lebte aber so abgelegen, dass man feststellte: Der Landweg ist verbaut von 107 Schafsgittern, die einzeln hätten überbrückt werden müssen. „Da gibt es einen, der rettet Kühe mit dem Hubschrauber, den kannte jemand“, erinnert sich Klais. Am Ende wurden Elefantenkisten gezimmert, 14 Transportflüge in die Highlands mit jeweils einer Tonne Fracht waren nötig. Geschafft.
    Innovativ sein – dabei nutzt Klais die Kraft des Teams. Um Entwürfe für einen Pitch vorzubereiten, sitzt man stundenlang „bei Käse und Wein“ an seinem Entwicklertisch. Am Ende kann es immer noch passieren, dass ein Stararchitekt wie César Pelli kommt, mit einem dicken Filzer und viel Schwung auf dem Orgelentwurf herummalt und sagt: „Langweilig, Philipp. So muss das aussehen.“ Solch kreative Wendungen, geschehen in Madison, USA, begeistern ihn zutiefst. „Es geht immer um die Einheit von Optik und innerer Struktur.“ Klais plante um, am Ende sah die Orgel aus, wie von Pelli skizziert.

    »Eine Orgel liefert ein Klangbild wie sonst nur ein teures Symphonieorchester. «
    Philipp Klais, Klais Orgelbau

    Wer Philipp Klais sprechen hört, spürt die Begeisterung für Präzision und für das Werk, das über Jahrzehnte und Jahrhunderte Bestand haben wird. Genauso kann er sich aber abarbeiten an den kleinen Niederlagen. Am verlorenen Pitch oder auch am vernichtenden Gästebucheintrag in der Marburger Elisabethkirche, den er beim Blättern fand. „Welcher Idiot konnte denn diese Ikea-Orgel genehmigen?“, zitiert er. „Das trifft einen schon“, sagt er, lächelt aber dabei.

    Als Urenkel des Gründers schöpft Klais aus einem Erfahrungsschatz. Vieles ist noch wie im vorletzten Jahrhundert: Drei Hauptrohstoffe werden durch den Torbogen der Manufaktur gefahren. Holz in Stämmen sowie Blei und Zinn in Barren. „Wir lieben die natürlichen Werkstoffe“, sagt Klais. Holz, Leder, Filz. Der Grund ist simpel: „Wir wissen, dass sie Jahrhunderte überdauern können.“ Großvater Hans, der bis 1965 das Sagen hatte, war den neuen Werkstoffen viel zugewandter. „Er warb sogar mit Kunststoffen und Hightech-Klebern aus der Raumfahrt“, erzählt der Enkel. „Wir holen die jetzt bei Restaurierungen wieder heraus. Ich kenne wenige Kunststoffe, die 200 Jahre überdauern können.“ Den Leim rühren sie heute wieder aus Tierknochen an – wie ganz früher.

    Gesa Graumann ist eine der Stützen im Unternehmen. Seit 1994 ist die gelernte Orgelbauerin und Designerin dabei, sie weiß über jedes Detail im verwinkelten Betrieb Bescheid. Im Holzlager ruhen auf Hochregalen die Eichenbretter –„unser größtes Kapital“, wie Graumann sagt. Die Stämme sind südlich des Main geschlagen. Oft älter als 200 Jahre. Bevor die Stämme zu Brettern geschnitten werden, die später als Pfeifen zum Klingen gebracht werden, liegen sie überdacht im Hof. „Mindestens zwei Jahre Lagerzeit pro Zentimeter Brettstärke“, nennt Gesa Graumann die Faustregel. Was dann geschieht, ist Handwerk und Mechanik pur. Die Fachleute hobeln und leimen an Holzpfeifen, rundieren und löten an Metallpfeifen. Ein paar Stufen runter, und man steht in der Gießerei. In meterlangen glänzenden Bahnen werden die verschmolzenen Zinn- und Bleibarren ausgegossen, dann von Hand abgezogen, auf den Zehntelmillimeter genau, bis die Materialstärke erreicht ist. „Je härter die Legierung, desto heller der Klang“, weiß Graumann. Der Intonateur schnitzt von Hand die entscheidenden Details ins weiche Metall. Bei der Restauration älterer Orgeln geht man detektivisch vor: Über die Bestimmung der Legierung nähert man sich dem Ursprung des Instruments – und kann behutsam erneuern.

    „Eine Orgel liefert ein Klangbild wie sonst nur ein teures Symphonieorchester“, sagt Philipp Klais. Doch welche Zukunft hat die Orgel, wenn sich die Kirchen leeren und Jugendliche unter dicken Kopfhörern abtauchen? Philipp Klais will sich nicht abfinden – er hat einen „Traum“: „Ich möchte Zehn-Minuten-Orgelkonzerte in Kirchen etablieren – etwa jeden Mittwoch 21 Uhr, verlässlich. Ohne Liturgie und ohne Schwellenangst und ohne Babysitter-Stress.“ Man könne einfach so hingehen – und für zehn Minuten genießen, wie ein Raum Teil der Musik wird. Philipp Klais weiß, wofür er täglich antritt: „Erleben in Gemeinschaft.“

     

    Vier Generationen im Zeichen des Klangs

    Die Wurzeln der Orgelmanufaktur legte Johannes Klais. 1882 gründete er in Bonn die Werkstatt. Ab 1925 führte sein Sohn Hans Klais das Unternehmen und setzte verstärkt auf moderne Techniken. Dessen Sohn Hans Gerd Klais, der ab 1965 die Geschäfte führte, leitete eine Rückbesinnung ein und konzentrierte sich wieder auf die alte Technik der mechanischen Schleifladen. Für Philipp Klais war die Werkstatt zugleich das Elternhaus. 1995 übernahm der vierfache Vater die Leitung – und kümmert sich intensiv um die Internationalisierung. Der Betrieb erzielt mit konstant gut 60 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von „sechs bis zehn Millionen Euro“. Den Gewinn nennt Klais „sehr moderat“. Ein Prinzip beherzigten alle vier Klais’ über die Generationen: Die Väter nutzten stets intensiv die Ideen ihrer Söhne – und teilten mit großem Zutrauen früh die Verantwortung.


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