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Anleger strafen die Strategie von Infineon-Chef Reinhard Ploss ab

Ploss liefert ein ums andere Mal gute Zahlen – den Aktionären geht die Entwicklung nicht schnell genug. Ein Problem, mit dem die ganze Branche kämpft.

Es sind nur positive Nachrichten, die Reinhard Ploss an diesem Montagnachmittag zu verkünden hat. Umsatz und Gewinn seien im abgelaufenen Geschäftsjahr stark gestiegen, erklärt der Infineon-Chef auf der Mitarbeiterversammlung am Stammsitz in Neubiberg. Und für die nächsten Monate seien die Auftragsbücher prall gefüllt.

Es muss also niemand um seinen Job fürchten, ganz im Gegenteil, allein in Deutschland sollen in nächster Zeit 1000 neue Arbeitsplätze entstehen. Trotzdem ist so manchem unter den Ingenieuren und Entwicklern auf dem weitläufigen Campus im Süden von München nicht wohl zumute. Obwohl ihr Vorstandsvorsitzender glänzende Quartals- und Jahreszahlen präsentiert, bricht der Aktienkurs um acht Prozent ein. Gerade so, als steuere Deutschlands größter Chiphersteller ungebremst auf den Abgrund zu.

Selten einmal ist der Chef eines Dax-Konzerns nach so guten Ergebnissen und einem extrem positiven Ausblick von den Aktionären dermaßen abgestraft worden wie Reinhard Ploss am vergangenen Montag. Alles sieht danach aus, als hätten die Investoren den Glauben an die Wachstumsstrategie verloren und das Vertrauen in das Management noch dazu.

‘Wir sind pumperlgesund’, ärgert sich ein Insider, ‘aber die Anleger suchen nach den kleinsten Schwächen.’ Für Ploss eine ungewohnte Situation. Seit der Ingenieur im Herbst 2012 an die Spitze der ehemaligen Siemens-Sparte rückte, ging es an der Börse immer nur bergauf. Im Frühjahr stand der Kurs bei 25 Euro, das Fünffache dessen, was die Anleger bei seinem Amtsantritt zu zahlen bereit waren. Inzwischen notieren die Papiere nur noch bei gut 17 Euro, fast ein Drittel weniger.

In Investorenkreisen heißt es, dass vor allem die kurzfristig orientierten Anleger fliehen, also genau jene, die mit dem auf langfristiges Wachstum angelegten Kurs von Ploss nichts anfangen können.

Skeptiker wie der Amerikaner Fred Hickey prophezeien schon seit Monaten den großen Crash. ‘Typischerweise führen Halbleiteraktien den Markt an’, sagte der Verfasser des Anleger-Newsletters ‘High-Tech Strategist’ dem Finanzinformationsdienst Bloomberg. Das sei der Grund, warum die Chipindustrie viel stärker unter Druck stehe als andere Branchen.

Während der letzten großen Wirtschaftskrisen Anfang des Jahrtausends sowie 2008 sind die Kurse der Chipfirmen schnell eingebrochen – allerdings anschließend wieder schnell gestiegen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Chips als Grundbestandteil in vielerlei Produkte eingebaut werden, von Computern und Handys über Autos bis zu Waschmaschinen. Die Hersteller spüren also unmittelbar, wenn es wirtschaftlich bergab oder bergauf geht.

Ob sich die Geschichte dieses Jahr wiederholt? Den Pessimisten gefällt es jedenfalls nicht, dass Ploss ausgerechnet jetzt so viel Geld in die Hand nimmt. Bis zu 1,7 Milliarden Euro möchte er im gerade begonnenen Geschäftsjahr in Fabriken, neue Maschinen und moderne Software investieren. Das sind 20 Prozent vom prognostizierten Umsatz und damit mehr als viele Marktbeobachter erwartet hatten.

‘In unserem Kerngeschäft mit Leistungshalbleitern übersteigt der Bedarf der Kunden weiterhin unsere Liefermöglichkeiten’, so die Begründung des Managers. Er rechnet damit, dass es über Jahre hinweg so weitergeht mit dem Aufschwung. Das überzeugt die Finanzprofis nicht. Angesichts hoher Investitionen könnten die Margen mit den starken Umsätzen nicht Schritt halten, kritisiert Barclays-Analyst Andrew Gardiner.

Erst vergangenen Samstag hat Ploss in Villach den Startschuss für den Bau eines neuen Werkes gegeben. Alleine in den Standort in Kärnten sollen in den nächsten Jahren 1,6 Milliarden Euro fließen. Am Montag kündigte er dann an, die kleine Dresdner Firma Siltectra für 124 Millionen Euro zu schlucken. Viel Geld für eine Firma mit einem Dutzend Mitarbeitern, das praktisch keinen Umsatz erzielt.

Doch Ploss schwärmt von den Chancen, die Siltectra bietet, und kündigt an, deren Technik zur Bearbeitung von Halbleiterscheiben binnen fünf Jahren in die Massenfertigung zu überführen. Das sorge für ‘einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil’. Nur will das der Kapitalmarkt nicht hören: ‘Fünf Jahre, das ist für viele Investoren momentan eine lange, wahrscheinlich zu lange Zeit’, stöhnt ein Branchenbeobachter, der nicht genannt werden möchte.

Aufsichtsrat stützt Ploss

Der Aufsichtsrat stützt diesen Kurs. Die Position von Ploss sei ungefährdet, heißt es im Umfeld des Gremiums. Der Vertrag des 62-Jährigen läuft noch bis in den Herbst 2020. Kurz danach wird der Ingenieur 65, eigentlich der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören. Langjährige Weggefährten halten es freilich für möglich, dass der Franke noch ein paar Jahre dranhängt – wenn er denn darf.

An seinem Leistungsausweis lässt sich bislang wenig aussetzen. Gerade hat Infineon mit gut zwei Milliarden Euro den höchsten Quartalsumsatz aller Zeiten in der derzeitigen Aufstellung erzielt. Zudem ist der Konzern profitabel wie seit vielen Jahren nicht mehr. So soll es auch weitergehen. Ploss verspricht fürs laufende Geschäftsjahr ein Umsatzplus von elf Prozent. ‘Das wäre dann das sechste Jahr in Folge mit einem deutlichen Umsatzwachstum’, betont der Manager. Die Marge soll ebenfalls klettern.

Auch der restliche Vorstand sitzt fest im Sattel. Die Verträge von Vertriebschef Helmut Gassel und Produktionsvorstand Jochen Hanebeck hat der Aufsichtsrat im Sommer bis 2024 verlängert, den von Finanzchef Dominik Asam im Frühjahr bis Ende 2023.

Noch etwas dürfte den Druck von Ploss nehmen. Die Kurse der anderen Chiphersteller sind ebenfalls im Sinkflug. Der in der Branche viel beachtete Philadelphia Stock Exchange Semiconductor Index stürzte im Oktober um zwölf Prozent ab. Dies war der größte Fall seit 2010.

Den wichtigsten Wettbewerbern ging es in den vergangenen Wochen und Monaten nicht viel besser als Infineon. Der Kurs von NXP, Europas größtem Chipproduzenten, ist seit dem Frühjahr um rund ein Drittel eingebrochen. Die Anleger seien verängstigt, obwohl es dafür keinen Grund gebe, sagte Kurt Sievers, Präsident von NXP, dem Handelsblatt. Der Manager ist die Nummer zwei in dem Konzern und für das gesamte operative Geschäft zuständig.

Die Branche bewege sich im Einklang mit der Weltwirtschaft, unterstrich Sievers. ‘Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Industrie erst dann Probleme bekommt, wenn das weltweite Wirtschaftswachstum unter zweieinhalb Prozent fällt.’ Danach sehe es aber überhaupt nicht aus. Derzeit sagt der Internationale Währungsfonds ein Plus von 3,7 Prozent für dieses und nächstes Jahr voraus. Der Markt für elektronische Bauelemente wird nach Einschätzung des Branchenverbands ZVEI sogar um 14 Prozent wachsen.

Leerverkäufer am Werk

Die Crash-Propheten wird das vermutlich kaum beruhigen. ‘Die Leute glauben einfach, dass etwas passiert’, sagte Jean-Marc Chery, Vorstandschef des Infineon-Rivalen ST Microelectronics, im Gespräch mit dem Handelsblatt. ‘In den letzten vier, fünf Monaten haben wir 40 Prozent an Wert verloren, obwohl sich an den Analystenempfehlungen überhaupt nichts geändert hat’, ärgert sich der Manager. Dabei sei ST neun Quartale hintereinander zweistellig gewachsen. Aber es gebe kurzfristig orientierte Investoren, die eine harte Landung der Weltwirtschaft fürchteten – und danach handelten.

Bei Infineon kommt hinzu, dass in jüngster Zeit verstärkt Leerverkäufer an fallenden Kursen verdienen wollen. Der Hedgefonds AQR Capital Management hat im Oktober und Anfang November eine Position von rund einem Prozent aller Aktien aufgebaut. Auch der Fonds Third Point spekuliert auf Kursverluste.

Was also tun? Eine Lösung könnte sein, besser zu kommunizieren und aufzuzeigen, wie widerstandsfähig Konzerne wie Infineon oder ST inzwischen gegenüber Konjunkturschwankungen seien, meint Konzernherr Chery. Genau wie Infineon-Chef Ploss glaubt auch Chery daran, dass der Trend hin zu Elektroautos den Chipherstellern einen massiven Umsatzschub geben wird, unabhängig von allen weltwirtschaftlichen Verwerfungen.

Die Rechnung ist einfach: Ein batteriebetriebenes Fahrzeug enthält Halbleiter für 750 Dollar, doppelt so viel wie in Wagen mit Verbrennungsmotor. Selbst wenn die Verkaufszahlen für Autos sänken, würden die Chipfirmen mehr verdienen, weil die Zahl der Stromer stark steige, argumentiert Chery.

Analysten halten die Papiere von Infineon daher für ausgesprochen attraktiv. 32 Kaufempfehlungen der Banker steht nur ein Verkaufshinweis gegenüber. Infineon bleibe ein langfristiger Wachstumswert, meint Analyst Achal Sultania von der Credit Suisse. Dass er sein Kursziel zurückgenommen habe, liege nur an der geringeren Bewertung der Halbleiterbranche insgesamt.

Umfassender zu kommunizieren und das Geschäft besser zu erklären, das hat sich auch Infineon-Chef Ploss vorgenommen. Und so sitzt er einen Tag nach dem Kursdebakel auf der Halbleitermesse Electronica in München in einer Diskussionsrunde. 100 hochrangige Industrievertreter im Publikum hören gespannt zu. Er sehe keinen Grund, von seinem Weg abzuweichen, betont Ploss anschließend im kleinen Kreis.

Am Abend noch hebt sein Flugzeug nach Barcelona ab. Auf einer Tech-Konferenz der Investmentbank Morgan Stanley am Mittwoch erläutert der Manager seine Wachstumspläne. Nie waren solche Termine für ihn so wichtig wie heute.1p1p


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