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    entspannt, Leben

    Test Audi A6: Herr über 38 Assistenten

    Der Audi A6 ist neu, doch er belegt eine alte These: Premiumhersteller verdienen vor allem an der Sonderausstattung. Der Basispreis des Testwagens liegt bei 60.000 Euro, seine Extras kosten 44.000 Euro zusätzlich. Die Frage: Ist der Wagen damit seine 104.000 Euro wert?

    Die erste Besonderheit offenbart die neue Audi A6 Limousine direkt noch im Stand auf dem Parkplatz. Der typische Geschäftsführer-Dienstwagen ist 20 Zentimeter länger als ein Passat Variant und ziemlich unübersichtlich. Über die weiße Begrenzungslinie in der Parkbox ragt der fast fünf Meter lange Wagen so weit hinaus, dass alle anderen einen kleinen Bogen um ihn herum fahren müssen.

    Weitere auffällige Eigenheit des Modells: Es heißt 50 TDI, doch niemand weiß, wofür die 50 steht. An Bord ist jedenfalls keine Fünfliter-, sondern eine Dreiliter-Maschine. Ein Diesel, der diesmal wirklich sauber sein soll.

    Dabei hilft ihm eine serienmäßige 12-kWh-Batterie in der Reserveradmulde. Sie macht den V6-Motor zum Mild-Hybrid mit 48-Volt-Teilbordnetz. In der Praxis bedeutet das, der A6 beherrscht das „Segeln“ zwischen 55 und 160 Stundenkilometern, das heißt: Der Motor wird zeitweise vom Antriebsstrang entkoppelt, um Energie zu sparen.

    Auch das Start-Stopp-System greift nicht erst im Stand, sondern schon zwischen sieben und 22 Stundenkilometern ein – was im Alltag gewöhnungsbedürftig ist, weil der Motor oft schon zehn Meter vor der roten Ampel abschaltet.

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    Kaum noch Knöpfe

    Im Innenraum, der auf allen Plätzen mit einem großzügigen Raumangebot und individuell perfekt einstellbarem Sitzkomfort verwöhnt, kann man Opfer der eigenen Erwartungshaltung werden: Audi gilt als Haptikweltmeister, doch die teuren Echtholzintarsien wirken wie Kunststoff, sogar beim Anfassen. Und die wenigen noch verbliebenen Knöpfe und Schalter in Lenkradnähe zeigen, dass bald ein Ende dieser Entwicklung erreicht sein wird.

    Dominiert wird das Cockpit stattdessen von drei großen Touchscreen-Displays. Hinzu kommt für den Fahrer noch ein Head-up-Display in der Windschutzscheibe, dessen Funktionen und Darstellungen sich vorbildlich individuell anpassen lassen.

    Es ist nur eines von bis zu 38 elektronischen Helferlein, mit denen der A6 ausgerüstet werden kann. Manche davon sind nötig, wie etwa der Einparkassistent. Andere sind hilfreich, wie etwa Allradlenkung oder HD-Matrix-LED-Scheinwerfer: Sie blenden selbst bei 160 km/h auf der nächtlichen Autobahn mehrere entgegenkommende Autos sicher aus und leuchten die Straße um die wenigen Autos auf der eigenen Spur herum sehr gut aus.

    Wieder andere Features bieten Technikspielerei auf hohem Niveau, wie etwa Wärmebildkamera, digitaler TV-Empfang inklusive Pay-TV, Bordsteinsensor – oder der sogenannte Engstellenassistent, der dem Kapitän des stattlichen Business-Flaggschiffs helfen soll, entspannter durch Baustellen zu kommen.

    Aufdringliche Assistenten

    Wie bei BMW findet sich in der Audi-Mittelkonsole nun auch ein („Pre Sense“ genannter) Knopf, mit dem alle Sicherheitsfeatures auf einmal auf ein voreingestelltes Niveau eingeschaltet werden. Mein Eindruck nach 14 Tagen mit dieser aufgeregt alarmierenden, um Lack und Leben bemühten Assistentenmeute: Die Technik zwingt mich immer wieder, irgendetwas zu tun, zu beachten oder abzuschalten, wenn ich einfach nur Autofahren möchte.

    Merkwürdig reagiert etwa der Gurtassistent. Mal schlägt er Alarm, wenn Personen hinten den falschen Gurtverschluss gewählt haben oder nur eine Tasche auf der Rückbank steht. Und mal schweigt er, obwohl zwei von vier Personen nicht angeschnallt sind.

    Auch schlagen die Sensoren beim Ausparken und Rückwärtsfahren sehr früh Alarm, obwohl noch viel Platz zum Rangieren wäre. Und der Abstands- und Bremsassistent greift ein, weil er ein entgegen der Fahrtrichtung parkendes Auto als Gegenverkehr interpretiert, etwas, das leider häufiger passierte.

    Generell ist die City nicht unbedingt die Stärke des A6 – was auch an der Kraftentfaltung und der Getriebeabstimmung der Achtgang-Automatik liegen mag: Erst nicht schnell genug, dann zu schnell. Der bis zu 620 Newtonmeter starke Motor braucht erstaunlich viel Gas, um überhaupt anzufahren, und nimmt sich dabei stets zwei, drei Wimpernschläge zu viel Zeit. Dann prescht er laut und vehement nach vorn, als hätte er die eben verlorene Zeit aufzuholen.

    Die verschiedenen Fahrmodi verbessern dieses Verhalten nicht. Der Fahrer muss sich anpassen. Dazu kommt eine bei niedrigen Geschwindigkeiten extrem leichtgängige Lenkung, die eine Agilität vortäuscht, die das mindestens 1.900 Kilo schwere Gefährt nicht besitzt.

    Aber auf Strecke, da ist der A6 endlich in seinem Revier: Fast geräuschlos luftgefedertes Schweben mit 180 km/h, das kann er. Auf Wunsch sprintet die Limousine auch aus dem Stand in nur 5,5 Sekunden auf Tempo 100 und macht bis 250 Stundenkilometer kräftig weiter.

    Zum Komfort tragen ein langer Radstand von 2,92 Meter, eine ruckfreie Achtgang-Tiptronic und souveräner Quattro-Antrieb ebenso bei wie Akustikverglasung, acht Massageprogramme in den Vordersitzen sowie eine 1.800 Watt starke Beschallung aus 19 Bang & Olufsen-Lautsprechern inklusive Subwoofer.

    Wie A8 und A7 beherrscht der A6 beim teilautonomen Fahren außerdem inzwischen Level 3 (von 5). Das heißt, der Fahrer kann die Hände vom Lenkrad nehmen und sich der Technik anvertrauen. Die Verantwortung und Haftung behält er allerdings bis auf Weiteres.

    Mein Fazit: Viele Kreuzchen auf der Zubehörliste stehen wirklich nur für Zubehör statt für notwendige Extras. Aber das ist nicht einmal der größte Kritikpunkt am neuen A6. Ich persönlich bräuchte einen Assistenten, der auf die Assistenten aufpasst.

    Außerdem macht mir der Wagen im Stadtverkehr keinen Spaß. Zu breit, zu lang, zu unübersichtlich, zu träge und gleichzeitig zu vehement. Weniger von all dem wäre für mich mehr. Aber dafür gibt es ja A3 und A4. Und Geschäftsführer bin ich schließlich auch nicht.

     

    Technische Daten:

    Audi A6 Limousine
    Antrieb: V6-Turbodiesel-Mild-Hybrid, Allrad, 8-Gang-Automatik
    Leistung: 210 kW/286 PS
    Beschleunigung: 0 –100 km/h: 5,5 Sek., max. 250 km/h
    CO2-Ausstoß: 146 g/km, Abgasnorm: Euro 6d-Temp (WLTP)
    Verbrauch: 5,5 Liter/100 km (laut Hersteller)
    Preis: ab 60.350 Euro (A6 50 TDI Quattro Tiptronic),
    Testwagenpreis etwa 104.865 Euro
    Heides Testurteil: „In der Vollausstattung ist der Audi A6 gut zwei Drittel teurer als die Basisversion. Viele Extras und Assistenten sind dabei eher Luxus und Spielerei. Seine Stärken als Reiselimousine würde der Wagen auch ohne sie ausspielen.“


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