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    Was die Chefvolkswirte deutscher Banken erwarten

    Jedes Jahr befragt das Creditreform Magazin die Chefvolkswirte deutscher Banken und Bankenverbände. Für 2019 erwarten sie zwar insgesamt ein moderates Wirtschaftswachstum. Zwischen den Zeilen lassen sie allerdings durchblicken: Eine valide Vorhersage ist aktuell so schwierig wie schon lange nicht mehr.

    Carsten Brzeski beginnt seine Prognose betont vorsichtig „Die deutsche Volkswirtschaft wird 2019 zwischen Hoffen und Bangen schwanken“, sagt der Chefvolkswirt der ING Deutschland. Die Bank, die vor allem als Direktbank für Privatkunden bekannt ist, hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, innerhalb der kommenden Jahre in die Top 5 der deutschen Firmenkundenbanken vorzustoßen. Ihr steht – wie der gesamten deutschen Wirtschaft – kein einfaches Jahr bevor. Denn auch Brzeskis Kollegen verwenden in ihren Vorhersagen allesamt bewusst den Konjunktiv: „Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft wird 2019 voraussichtlich anhalten. Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt Deutschlands dürfte um 1,7 Prozent steigen“, sagt zwar Andreas Bley, Chefvolkswirt des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Doch das klingt – im Gegensatz zum Vorjahr – nach Wachstum mit angezogener Handbremse. In der Creditreform-Magazin-Bankenumfrage 2018 stützten die Experten ihre Aussagen selbstbewusst auf eine „rund laufende Konjunktur“, „eine boomende Wirtschaft“ und „einen kräftigen Aufschwung“.

    Warum sie für 2019 deutlich zurückhaltender sind – viele erwarten lediglich zwischen 1,3 und 1,7 Prozent Wachstum – bringt Dominik Lamminger, Mitglied der Geschäftsleitung des Bundesverbands Öffentlicher Banken (VÖB) auf den Punkt: „Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft besteht das größte Risiko in einer Eskalation der internationalen Handelskonflikte.“ Den US-Protektionismus, eine nachlassende Konjunktur in China und den noch immer ungeklärten Brexit haben alle Experten stets im Hinterkopf.

    Viele Unbekannte

    Besonders das erste Halbjahr 2019 wird aus volkswirtschaftlicher Sicht spannend werden. Die italienische Regierung will das hoch verschuldete Land mit noch mehr Schulden belasten und streitet sich deshalb seit Monaten mit den anderen Ländern der Europäischen Union. Der Brexit ist für Ende März terminiert, doch die Details sind weiterhin ungeklärt. Und welche Handelsstreitigkeiten Donald Trump im kommenden Jahr anzetteln wird, entzieht sich ohnehin jeder Analysemöglichkeit. Doch auch in Deutschland drohen Unwägbarkeiten: Die Automobilhersteller stecken durch den Dieselskandal in schwierigen Zeiten – und mit ihnen Hunderte Zulieferbetriebe, die an ihnen hängen. Zu viele Unbekannte also, um in Jubelstimmung zu verfallen.

    Zehntes Wachstumsjahr in Folge

    Doch die gute Nachricht lautet: Trotz abnehmender Dynamik wird das Jahr 2019 das zehnte Wachstumsjahr in Folge. Auch deshalb sehen die Volkswirte Wirtschaft und Unternehmen in Deutschland so solide aufgestellt, dass sie mögliche Verwerfungen verkraften. „Gute Arbeitsmarktlage, steigende Einkommen, gesunde Vermögenspositionen bei Haushalten, Unternehmen und Staat“, zählt Pia Jankowski, Direktorin Volkswirtschaft beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband auf. „Die inländischen Faktoren für Wachstum sind also weiterhin robust.“ Auch die Finanzierungsbedingungen sind noch immer gut, während Inflation und Eurokurs moderat bleiben. KfW-Chefökonom Jörg Zeuner erwartet lediglich, dass die Inflationstreiber wechseln. „Der Einfluss der Energiepreise dürfte ab- und der von Dienstleistungs- und Industriegüterpreisen angesichts der erwarteten anhaltend hohen Auslastung der Produktionskapazitäten zunehmen“, sagt er. Das bestätigt auch die aktuelle Analyse zur Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand der Creditreform Wirtschaftsforschung. Demnach planen viele Unternehmen, ihre Kapazitäten zu erweitern. Dienstleister, indem sie Stellen aufbauen – 28,3 Prozent der befragten Unternehmen möchten ihr Personal aufstocken. Insgesamt gab mit 53,1 Prozent mehr als die Hälfte der Befragten an, im kommenden Jahr in Erweiterungen, Rationalisierung oder Automatisierung investieren zu wollen. Carsten Brzeski sieht in Ausrüstungsinvestitionen und Investitionen in Digitalisierung gar einen Trend, der „das nächste große Ding für die deutsche Konjunktur“ werden könnte. Insgeheim tendiert er für 2019 schließlich doch mehr zum Hoffen als zum Bangen – trotz aller Vorsicht.


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