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    solvent

    Der Kreditmarkt läuft rund!

    Der Bestand an Darlehen wächst so stark wie zuletzt im Jahr 2000. Unternehmen und Selbstständige greifen beherzt zu, bei nach wie vor günstigen Konditionen. Sie sind das Ergebnis eines starken Wettbewerbs unter den Banken sowie der voraussichtlich noch bis Herbst 2019 anhaltenden Niedrigzinspolitik der EZB. Das erwarten die Chefvolkswirte deutscher Banken und Bankenverbände: 

    Jörg Zeuner,
    Chefökonom der KfW Bankengruppe

    Die Rahmenbedingungen zur Kreditfinanzierung von Investitionen sind für KMU hierzulande weiterhin äußerst günstig, die Konditionen sind insgesamt komfortabel. Auch der Kreditzugang ist offen und mehr Kreditverhandlungen als in den Vorjahren sind für KMU erfolgreich verlaufen. Zuletzt hat sich die Dynamik im Unternehmenskreditgeschäft insgesamt noch mal markant erhöht. Weil sich dieser Nachfrageschub aber auf das kurzfristige Segment konzentrierte, dürfte dies weniger durch Investitionsmotive, sondern durch die Schaffung finanzieller Polster aufgrund der konjunkturellen Abkühlung verursacht worden sein.

    Ralph Solveen,
    Chefökonom der Commerzbank

    Die Finanzierungslage für Mittelständler ist aktuell sehr kundenfreundlich. Bei Unternehmensfinanzierungen ist offenbar eine Trendwende eingekehrt, denn wir beobachten eine spürbar steigende Nachfrage. Nachdem viele Unternehmen anstehende Neu- oder Ersatzinvestitionen aus Eigenmitteln durchführen konnten, sichern sie sich nun im Mittel- und Langfristbereich die – noch – niedrigen Zinsen, da sie mittelfristig höhere Zinsen befürchten. Auch eine mögliche gewachsene Vorsicht angesichts der konjunkturellen Unsicherheiten spielt eine Rolle.

    Stefan Schneider,
    Chefökonom der Deutschen Bank

    Das Kreditwachstum in Deutschland ist momentan mit einer Jahreswachstumsrate von fünf Prozent auf dem höchsten Stand seit der New-Economy-Blase im Jahr 2000. Dabei gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen großen und kleinen Unternehmen. Gleichzeitig hält der intensive Wettbewerb unter den Banken an und drückt die Margen weiter. Aber auch das Rating verändert sich. Dabei spielt zunehmend die Frage eine Rolle, wie gut Firmenkunden auf sich abzeichnende Marktveränderungen durch vollkommen neue Produkte, verändertes Kundenverhalten oder neue Vertriebsmöglichkeiten angesichts der Digitalisierung vorbereitet sind und diese zu nutzen wissen.

    Stefan Ortolf,
    Bereichsleiter Firmenkundengeschäft bei der DZ Bank

    Nicht zuletzt profitiert die Finanzlage deutscher Unternehmen auch von der guten Konjunktur der vergangenen Jahre. Während Unternehmen zwischen 2001 und 2010 noch eine Eigenkapitalquote von durchschnittlich 14 Prozent aufwiesen, liegt diese heute bei 27,7 Prozent. Auf dieser soliden Basis findet sich bei Bedarf auch einfacher eine Kreditfinanzierung. Entsprechend geben lediglich neun Prozent der Unternehmen unseren Umfragen zufolge „Finanzierungsbedingungen“ als aktuelle Herausforderung an.

    Dominik Lamminger,
    Mitglied der Geschäftsleitung des Bundesverbands Öffentlicher Banken

    Die EZB sorgt mit niedrigen Zinsen und umfangreicher Liquidität für günstige Bedingungen, allerdings auch mit unerwünschten Nebeneffekten. Perspektivisch wird die Bankenregulierung unter dem Schlagwort „Basel IV“ die Kapitalanforderungen an Banken in Europa und Deutschland erhöhen. Bestimmte Kredite müssen dann bei den Banken mit zusätzlichem Eigenkapital unterlegt werden. Banken könnten dann gezwungen sein, ihre Finanzierungskapazitäten neu zu sortieren. Die Details werden sich frühestens Ende 2019 oder 2020 abzeichnen, wenn die Europäische Union die Umsetzung der Beschlüsse des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht angehen wird.

    Pia Jankowski,
    Direktorin Volkswirtschaft, Finanzmärkte und Wirtschaftspolitik beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband

    Die Inflation erreicht inzwischen das Zielniveau der EZB. Diese dürfte deshalb eine geldpolitische Normalisierung einleiten. Ab Herbst könnte es erste Leitzinsschritte und dann ein Ende der Negativzinsen geben. Doch die Folgen bleiben überschaubar. In einer Umfrage haben wir ermittelt, ob sich Änderungen im Finanzierungsverhalten der Unternehmen abzeichnen, von denen im Falle eines Zinsanstiegs Risiken ausgehen könnten. Die Ergebnisse zeichnen ein beruhigendes Bild: Die Firmen sind sehr solide finanziert, ihre Kredite sind zu mehr als 80 Prozent fest verzinst und haben lange Laufzeiten. Eine Zinswende würde sich also nur sehr langsam in den Bilanzen niederschlagen. Im ersten Jahr wäre nur ein Viertel des Kreditbestands betroffen, in den zwei Folgejahren jeweils ein Sechstel der Kredite.

    Volker Stolberg, Mittelstandsexperte beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken

    Der deutsche Mittelstand weist eine gewachsene Krisenfestigkeit auf. Dennoch macht sich bei den Unternehmen das Niedrigzinsniveau auch negativ bemerkbar. Zwar ist die Aufnahme von Fremdkapital günstig, aber die niedrigen Zinsen sind mit Belastungen für Unternehmen und Unternehmer verbunden: Den Jahr für Jahr steigenden Rückstellungen für die betriebliche und private Altersvorsorge.

    Das kommt auf KMU und den Kapitalmarkt zu:

    Basel IV
    Bereits im Dezember 2017 hat der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht ein weiteres Paket zur Reform des regulatorischen Rahmens für Banken beschlossen, das kurz als „Basel IV“ bezeichnet wird und ab Ende 2019 umgesetzt werden soll. Das Ziel der Reform ist es unter anderem, den Kapitalrahmen des Bankensystems zu stärken und die Eigenmittelanforderungen zu erhöhen. Experten erwarten durchaus Nachteile für den Mittelstand. Zwar sei es richtig, strenge Regeln für risikoreiche Kredite einzuführen, heißt es. Aber wenn risikoarmes Geschäft mit denselben strengen Regularien überzogen würde, könnte die Folge eine Verteuerung der Kredite oder auch eine Einschränkung der Kreditvergabe sein.

    Zinswende
    Ende 2018 gab die EZB bekannt, dass sie die Schlüsselzinsen noch bis mindestens über den Sommer 2019 hinaus auf dem aktuellen Niveau belassen werde. Der Leitzins liegt seit März 2016 bei 0,0 Prozent. Ob es im Herbst 2019 eine Zinserhöhung geben wird, ist allerdings unklar – auch weil die Amtszeit von EZB-Chef Mario Draghi am 31. Oktober 2019 endet. Anders agiert die US-Notenbank Fed, die den Leitzins bereits mehrfach angehoben hat und laut Experten auch 2019 weiter anheben wird.


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